Kulturpolitische Schlachten um Ungarn

26. Dezember 2011, 18:49
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"Helden, Könige und Heilige": Das offizielle Ungarn setzt patriotisch auf Retro-Historienmalerei. Gleichzeitig sind staatliche Kulturinstitutionen mit einem drastischen Sparkurs konfrontiert

Mit dem 1. Jänner tritt Viktor Orbáns neue patriotische Verfassung in Kraft. Tags darauf dürfen sich patriotische Kunstliebhaber in Ungarn auf einen symbolträchtigen Event freuen, dem wahrscheinlich Ministerpräsident Orbán selbst beiwohnen wird: In der Nationalgalerie in Budapest eröffnet eine großangelegte Ausstellung mit dem Titel Helden, Könige und Heilige - laut Vizedirektor György Szucs "aus Respekt für die neue Verfassung". Im Zentrum der Aufmerksamkeit steht dabei aber eine höchst umstrittene Gemäldeserie, die erstmals öffentlich ausgestellt wird. "Herr Kerényi hat uns gebeten, seine 15 Historiengemälden von zeitgenössischen Künstlern und weitere 30 Kinderzeichnungen bei uns zu zeigen", erklärte Szucs.

Aber wer kann so einfach in einer der wichtigsten Kunstinstitutionen Ungarns mitkuratieren? Die Rede ist vom Theaterregisseur Imre Kerényi, der Orbán derzeit als einflussreicher PR-Beauftragter für die neue Verfassung dient. In dieser Funktion hatte Kerényi bei weitgehend unbekannten Künstlern Gemälde zu Schlüsselmomenten der neueren Geschichte geordert. Ein vergleichbarer staatlicher Auftrag war übrigens 1896 erteilt worden - damals zum 1000-Jahr-Jubiläum der magyarischen Landnahme.

Kerényis Künstler konzentrieren sich auf das zweite Jahrtausend, sie malten etwa Sujets zur Ära des autoritären Staatschefs Miklós Horthy (1920-1944) oder über die erneute Beisetzung von Imre Nagy (1989) - hier kommt im Bild ganz klein auch der damalige Jungpolitiker Orbán vor. Aber selbst die jüngste Zeit ließ Kerényi historisieren: Als Höhepunkt wird der Beschluss der neuen Verfassung 2010 abgefeiert. Politisch höchst umstritten ist hingegen ein Gemälde, dass die Linken diskreditieren soll. Der vor allem als Restaurator tätige János Korényi verweist in einer "Ikone" auf einen Polizeieinsatz im Jahr 2006: Damals war es bei Straßenschlachten mit Rechtsextremen auch zu Polizeiübergriffen gekommen, die man nun der sozialdemokratischen Regierung vorwirft. Rechte Randalierer sind im Bild nicht zu sehen, dafür malte Korényi einen bösen Reiterpolizisten, der als eine Art Heiliger Georg eine unschuldige Maid mit seiner Lanze zu Tode bringt.

Die Ungarische Nationalgalerie schrieb zuletzt aber auch andere Schlagzeilen: Mit dem 29. Februar 2012, so wurde im Oktober überraschend bekannt, beendet sie ihre Existenz als eigenständige Institution. Sie wird vom Museum der Schönen Künste geschluckt - dessen Direktor László Baán wird ein guter Draht zu Orbán nachgesagt. Öffentliche Kritik an der Fusion kommt bei den Mächtigen nicht gut an: "Kurz nachdem der Direktor des Kunstgewerbemuseums Imre Takács diese Pläne kritisiert hatte, bekam er einen Kommissär auf den Hals geschickt, der seitdem jede Rechnung überprüft. Das war auch ein Zeichen für die anderen. Dabei gehört Takács zu den Konservativen, er hat sogar Orbáns Partei kulturpolitisch beraten", berichtet József Mélyi, der Vorsitzende der Ungarnsektion der internationalen Kunstkritikervereinigung AICA und Initiator einer Resolution gegen die Fusion.

Kunstkritiker Mélyi konstatiert aber, dass im Unterschied zu seiner ersten Amtszeit (1998-2002) Kulturpolitik für Viktor Orbán wider Erwarten nur noch eine nachrangige Rolle spielt. Das Kulturministerium wurde von einem Staatssekretariat im Ministerium für nationale Ressourcen abgelöst - im neuen Superministerium ressortieren nun neben Kultur auch Bildung, Gesundheit, Sozialwesen und Sport. Gleichzeitig kam es zu drastischen Budgetkürzungen: Selbst im Vergleich zu Krisenjahren wie 2009, beklagt Mélyi, habe sich das Kulturbudget, das nunmehr vom Ressourcen-Ministerium verwaltet wird, halbiert.

Zuletzt sahen sich staatliche Museen mit einer weiteren Kürzung von 20 Prozent konfrontiert - sie müssten effizienter arbeiten, hieß es von der Regierung. Aber selbst die umstrittenen Aktivitäten von Verfassungswerber Kerényi sieht Mélyi als Indiz für kulturpolitisches Desinteresse: "Wenn man große Kulturpolitik machen wollte, würde man richtige Künstler beauftragen, für viel Geld große Kunst zu schaffen."

Auszeichnung um sieben Euro

In der Kunst reagiert man indes mit Ironie auf die Entwicklungen. "Stiftung für nationale Kunst" (NMA) sorgt schon allein mit ihrem offiziösen Namen für Verwirrung, sie hat zuletzt in Ausstellungen so ziemlich jedes aktuelle nationale Klischee auf die Schaufel genommen. Für "Der tägliche NMA-Preis" wurde die Künstlergruppe kürzlich von der Kunstinstitution tranzit selbst mit einem Preis bedacht. Im Projekt konnte jeder, der meinte, Verdienste um Ungarn erworben zu haben, gegen Bezahlung von sieben Euro selbst eine Auszeichnung bekommen.

Und Little Warsaw nahm in ihrer aktuellen Ausstellung Die Schlacht der inneren Wahrheit ironisch die Schau aus der Nationalgalerie vorweg: Mit Miniskulpturen, die Nationalhelden darstellen, inszenierte die Künstlergruppe aus Budapest ein abstruses Schlachtfeld in der Galerie Tráfo. Letztere wird übrigens womöglich bald selbst zum Ort einer kulturpolitischen Auseinandersetzung: Es gibt Pläne, die renommierte Mehrsparteninstitution Tráfo in ein Tanzzentrum zu verwandeln. Die jetzige Galerie wäre dann nur noch ein Probenraum.  (Herwig G. Höller aus Budapest  / DER STANDARD, Printausgabe, 27.12.2011)

  • Eine Installation der Künstlergruppe Little Warsaw in der Tráfo- Galerie macht sich über nationale Heldenfiguren lustig. Im Bild: ein Freiheitskämpfer und das Nationalsymbol, der Turul-Vogel.
    foto: höller

    Eine Installation der Künstlergruppe Little Warsaw in der Tráfo- Galerie macht sich über nationale Heldenfiguren lustig. Im Bild: ein Freiheitskämpfer und das Nationalsymbol, der Turul-Vogel.

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