"Helden, Könige und Heilige": Das offizielle Ungarn setzt patriotisch auf Retro-Historienmalerei. Gleichzeitig sind staatliche Kulturinstitutionen mit einem drastischen Sparkurs konfrontiert
Mit dem 1. Jänner tritt Viktor Orbáns neue patriotische Verfassung in
Kraft. Tags darauf dürfen sich patriotische Kunstliebhaber in Ungarn auf
einen symbolträchtigen Event freuen, dem wahrscheinlich
Ministerpräsident Orbán selbst beiwohnen wird: In der Nationalgalerie in
Budapest eröffnet eine großangelegte Ausstellung mit dem Titel Helden,
Könige und Heilige - laut Vizedirektor György Szucs "aus Respekt für die
neue Verfassung". Im Zentrum der Aufmerksamkeit steht dabei aber eine
höchst umstrittene Gemäldeserie, die erstmals öffentlich ausgestellt
wird. "Herr Kerényi hat uns gebeten, seine 15 Historiengemälden von
zeitgenössischen Künstlern und weitere 30 Kinderzeichnungen bei uns zu
zeigen", erklärte Szucs.
Aber wer kann so einfach in einer der wichtigsten Kunstinstitutionen
Ungarns mitkuratieren? Die Rede ist vom Theaterregisseur Imre Kerényi,
der Orbán derzeit als einflussreicher PR-Beauftragter für die neue
Verfassung dient. In dieser Funktion hatte Kerényi bei weitgehend
unbekannten Künstlern Gemälde zu Schlüsselmomenten der neueren
Geschichte geordert. Ein vergleichbarer staatlicher Auftrag war übrigens
1896 erteilt worden - damals zum 1000-Jahr-Jubiläum der magyarischen
Landnahme.
Kerényis Künstler konzentrieren sich auf das zweite Jahrtausend, sie
malten etwa Sujets zur Ära des autoritären Staatschefs Miklós Horthy
(1920-1944) oder über die erneute Beisetzung von Imre Nagy (1989) - hier
kommt im Bild ganz klein auch der damalige Jungpolitiker Orbán vor. Aber
selbst die jüngste Zeit ließ Kerényi historisieren: Als Höhepunkt wird
der Beschluss der neuen Verfassung 2010 abgefeiert. Politisch höchst
umstritten ist hingegen ein Gemälde, dass die Linken diskreditieren
soll. Der vor allem als Restaurator tätige János Korényi verweist in
einer "Ikone" auf einen Polizeieinsatz im Jahr 2006: Damals war es bei
Straßenschlachten mit Rechtsextremen auch zu Polizeiübergriffen
gekommen, die man nun der sozialdemokratischen Regierung vorwirft.
Rechte Randalierer sind im Bild nicht zu sehen, dafür malte Korényi
einen bösen Reiterpolizisten, der als eine Art Heiliger Georg eine
unschuldige Maid mit seiner Lanze zu Tode bringt.
Die Ungarische Nationalgalerie schrieb zuletzt aber auch andere
Schlagzeilen: Mit dem 29. Februar 2012, so wurde im Oktober überraschend
bekannt, beendet sie ihre Existenz als eigenständige Institution. Sie
wird vom Museum der Schönen Künste geschluckt - dessen Direktor László
Baán wird ein guter Draht zu Orbán nachgesagt. Öffentliche Kritik an der
Fusion kommt bei den Mächtigen nicht gut an: "Kurz nachdem der Direktor
des Kunstgewerbemuseums Imre Takács diese Pläne kritisiert hatte, bekam
er einen Kommissär auf den Hals geschickt, der seitdem jede Rechnung
überprüft. Das war auch ein Zeichen für die anderen. Dabei gehört Takács
zu den Konservativen, er hat sogar Orbáns Partei kulturpolitisch
beraten", berichtet József Mélyi, der Vorsitzende der Ungarnsektion der
internationalen Kunstkritikervereinigung AICA und Initiator einer
Resolution gegen die Fusion.
Kunstkritiker Mélyi konstatiert aber, dass im Unterschied zu seiner
ersten Amtszeit (1998-2002) Kulturpolitik für Viktor Orbán wider
Erwarten nur noch eine nachrangige Rolle spielt. Das Kulturministerium
wurde von einem Staatssekretariat im Ministerium für nationale
Ressourcen abgelöst - im neuen Superministerium ressortieren nun neben
Kultur auch Bildung, Gesundheit, Sozialwesen und Sport. Gleichzeitig kam
es zu drastischen Budgetkürzungen: Selbst im Vergleich zu Krisenjahren
wie 2009, beklagt Mélyi, habe sich das Kulturbudget, das nunmehr vom
Ressourcen-Ministerium verwaltet wird, halbiert.
Zuletzt sahen sich staatliche Museen mit einer weiteren Kürzung von 20
Prozent konfrontiert - sie müssten effizienter arbeiten, hieß es von der
Regierung. Aber selbst die umstrittenen Aktivitäten von
Verfassungswerber Kerényi sieht Mélyi als Indiz für kulturpolitisches
Desinteresse: "Wenn man große Kulturpolitik machen wollte, würde man
richtige Künstler beauftragen, für viel Geld große Kunst zu schaffen."
Auszeichnung um sieben Euro
In der Kunst reagiert man indes mit Ironie auf die Entwicklungen.
"Stiftung für nationale Kunst" (NMA) sorgt schon allein mit ihrem
offiziösen Namen für Verwirrung, sie hat zuletzt in Ausstellungen so
ziemlich jedes aktuelle nationale Klischee auf die Schaufel genommen.
Für "Der tägliche NMA-Preis" wurde die Künstlergruppe kürzlich von der
Kunstinstitution tranzit selbst mit einem Preis bedacht. Im Projekt
konnte jeder, der meinte, Verdienste um Ungarn erworben zu haben, gegen
Bezahlung von sieben Euro selbst eine Auszeichnung bekommen.
Und Little Warsaw nahm in ihrer aktuellen Ausstellung Die Schlacht der
inneren Wahrheit ironisch die Schau aus der Nationalgalerie vorweg: Mit
Miniskulpturen, die Nationalhelden darstellen, inszenierte die
Künstlergruppe aus Budapest ein abstruses Schlachtfeld in der Galerie
Tráfo. Letztere wird übrigens womöglich bald selbst zum Ort einer
kulturpolitischen Auseinandersetzung: Es gibt Pläne, die renommierte
Mehrsparteninstitution Tráfo in ein Tanzzentrum zu verwandeln. Die
jetzige Galerie wäre dann nur noch ein Probenraum. (Herwig G. Höller aus Budapest / DER STANDARD, Printausgabe, 27.12.2011)