Der kleine Unterschied ist nicht der einzige, der in der Schule große Folgen hat - Er ist aber einer der wichtigsten - In der Lehrerausbildung hat er bis jetzt keine zentrale Rolle gespielt - Das muss sich ändern, fordern Experten
Wien - Buben sind besser in Mathematik als Mädchen. Ja? Sind sie das? Bloß weil sie in Österreich bei drei von drei Pisa-Studien bessere Leistungen zeigten? In Litauen waren die Mädchen 2009 besser. Und in 16 von 38 OECD-Ländern rechneten die Schülerinnen gleich gut wie die Schüler.
Mädchen lesen besser - in 38 von 38 Pisa-getesteten OECD-Ländern. Aber: Zwischen ein bisschen besserer Leseleistung und einer Geschlechterdifferenz von einer ganzen Kompetenzstufe ist doch ein ziemlich weites Land für Fragen rund um das Geschlechterverhältnis in der Schule.
Bestes Beispiel sind die Naturwissenschaften. Es ist jenes Bildungsfeld, auf dem seit vielen Jahren und in vielen Ländern mit genderbewussten Unterrichtsmethoden gearbeitet wird, um speziell Physik und Technik für Mädchen attraktiver zu machen. Auf internationaler Ebene sind in den Naturwissenschaften keine einheitlichen Vorteile für Mädchen oder Buben erkennbar. Es gibt Länder, da sind die Mädchen vorn, in anderen die Buben. Zufall? So viel Zufall ist kein Zufall.
Es zeigt, wie bewusster Unterricht, der die Kategorie Geschlecht ins Auge fasst, geschlechtsspezifische Unterschiede in den Leistungen als "gemachte" aufzeigen und auch abbauen kann. Das setzt aber flächendeckendes Bewusstsein in der Lehrerschaft voraus, und an dem mangle es in Österreich, kritisiert die Vorsitzende der Initiative BildungGrenzenlos, Heidi Schrodt. Es gebe viele Lehrerinnen und Lehrer, die in ihrer Ausbildung nie mit dem Thema "Gender" konfrontiert worden seien.
"Ich orte Nichtvorhandensein", sagt die langjährige Direktorin der AHS Rahlgasse in Wien, wo sie sich viele Jahre mit dem Thema Gender in der Schule befasst hat: "Man muss es immer hineinreklamieren, egal, ob es Lehrpläne sind oder die Neue Mittelschule."
Diversität und Individualität
Für die neue Lehrerbildung fordert sie daher, dass "jeder neue Lehrer, jede neue Lehrerin Gender und Diversität im Lehrplan haben muss". Diversität als logische Weiterentwicklung der zweigeschlechtlich gedachten Schule, die sich bewusst macht, dass nicht nur kleine Mädchen und Buben, die mit unterschiedlichen Rollenbildern aufwachsen und konfrontiert sind, in der Klasse sitzen.
Diversity ist nichts anderes als das, was als "Individualisierung" von Schule diskutiert wird: "Jedes Kind soll in den Fokus genommen werden", erklärt Schrodt: "Mädchen ist nicht gleich Mädchen. Türkin ist nicht gleich Türkin. Und das Gleiche gilt für Buben."
Individualisierter Unterricht mache es zudem "viel leichter, auch auf die einzelnen Kinder in ihrer Unterschiedlichkeit einzugehen". Der Umgang mit Gender und Diversität bedeute, dass Lehrer etwa wissen, wie sie methodisch den Unterricht gestalten sollen, "dass er dazu beiträgt, dass dadurch Stereotype aufgebrochen werden".
Aus der Rolle trauen
Dazu gehört auch herauszufinden, was gut funktioniert. In der AHS Rahlgasse wurde etwa in der "Lernwerkstatt", einem vorwissenschaftlichen Pflichtfach in der 3. und 4. Klasse, ursprünglich in gemischten Klassen gearbeitet. Man habe aber die Erfahrung gemacht, dass sich getrennter Unterricht in dem Fach "sehr bewährt". "Sie haben sich dann doch mehr getraut, aus ihrer Rolle herauszukommen." Buben hatten plötzlich keine Scheu, ihre Chemiekenntnisse in einer Hautcreme zu beweisen. Neben den Mädchen in der Klasse ging das nicht so gut.
Von gänzlich nach Geschlechtern getrenntem Unterricht sei man mittlerweile "abgekommen", sagt Schrodt. Die deutsche Erziehungwissenschafterin Hannelore Faulstich-Wieland spricht von "Dramatisierung des Geschlechts", indem die Differenzen zwischen Mädchen und Buben überhaupt erst inszeniert werden und traditionelle Muster sogar verstärken.
Wo vor 20 Jahren noch mit reinen Mädchenschulen wie der feministischen Virginia-Woolf-Schule in Wien experimentiert worden sei, wäre es heute "wohl eher was, wo man sagt: Wir machen eine koedukative Schule, die wirklich alles auf den Kopf stellt und die Frage stellt, wie man dann Schule besser machen kann", sagt Schrodt.
Näher als eine auf den Kopf gestellte Schule ist die neue Lehrerausbildung. Und für die gelte: "Gender- und Diversity-Kompetenz ist in allen Master-Paketen" drin, betont der Vorsitzende der Vorbereitungsgruppe zur PädagogInnenbildung neu, Andreas Schnider, im Standard-Gespräch.
"Diversity-Kompetenz" der Pädagogen bedeute, mit Heterogenität, mit Unterschiedlichkeit in der Klasse, in der Schule umzugehen, etwa indem Mehrsprachigkeit von Kindern mit Migrationshintergrund positiv reflektiert und in den Unterricht eingebracht wird. (Lisa Nimmervoll, DER STANDARD, Printausgabe, 27.12.2011)