"Wir sind in einer komfortablen Situation"

Interview26. Dezember 2011, 17:41
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Airport-Chef Rainer Schwarz sieht der Eröffnung des neuen Berliner Flughafens gelassen entgegen. Die Finanzlage des Hauptkunden Air Berlin beunruhigt ihn nicht

Airport-Chef Rainer Schwarz sieht der Eröffnung des neuen Berliner Flughafens gelassen entgegen. Warum ihn die Finanzlage des Hauptkunden Air Berlin nicht beunruhigt und der Standort an Bedeutung gewinnt, sagte er Claudia Ruff.

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STANDARD: Im Juni 2012 eröffnet der neue Hauptstadt-Flughafen Berlin Brandenburg Willy Brandt. Wie kam es dazu?

Schwarz: Als Berlin noch eine geteilte und besetzte Stadt war, hatten wir vier Flughäfen: Den Franzosen gehörte Tegel (der jetzige Hauptflughafen), die USA hatten Tempelhof, die Briten Gatow und die Russen als Zivilflughafen Schönefeld. 1996 einigten sich die Länder Berlin, Brandenburg und der Bund darauf, einen neuen Single Airport zu errichten und die alten zu schließen. Das neue Flughafengelände grenzt an den alten Flughafen Schönefeld, von dem eine Landebahn weitergenutzt wird, alles andere wird neu gebaut. Damit ist der neue Flughafen nah an der Stadt, aber auch weit genug davon entfernt.

STANDARD: Von Schönefeld fliegt derzeit nur Easyjet ab, was passiert mit dem Flughafen?

Schwarz: Der bestehende Flughafen Schönefeld wird zum Regierungsflughafen. Der Protokollbereich der Bundesregierung zieht zunächst ins alte Schönefelder Flughafenterminal ein. Bis 2015 entsteht ein neues Terminal für den Regierungsverkehr. Hier kommen künftig die Staatsgäste an.

STANDARD: Was wurde aus den Flughäfen Tempelhof und Gatow? Was geschieht mit Tegel, wenn der neue Airport aufsperrt?

Schwarz: Gatow wurde gleich nach der Wiedervereinigung geschlossen. Tempelhof haben wir im Oktober 2008 dichtgemacht. Nach der Schließung von Tegel werden die Gebäude wahrscheinlich umgebaut, um sie für Gründer- und Industrieparks zu nutzen. Eventuell wird es zusätzliche Flächen für eine Universität geben. Tegel gehört derzeit je zur Hälfe dem Bund und dem Land Berlin. Der Bund wird aller Voraussicht nach seinen Anteil an Berlin verkaufen.

STANDARD: Wie hoch waren die Investitionskosten. Gab es Verzögerungen?

Schwarz: Mit allem Drum und Dran wurden insgesamt vier Milliarden Euro investiert. In der Bauphase gab es eine siebenmonatige Verzögerung, weil die EU Sicherheits-Anforderungen verändert hat.

STANDARD: Das neue Terminal Skylink in Wien soll zeitgleich mit dem Flughafen Berlin Brandenburg am 3. Juni 2012 eröffnet werden. Wurde der Termin abgesprochen?

Schwarz: Nein, das ist Zufall. Unser Überlegung war, die Eröffnung nicht im Winter zu machen und ein Zeitfenster zu finden, um nicht in den Hochbetrieb zu Sommerbeginn zu kommen.

STANDARD: Bereitet Ihnen die finanziell angespannte Lage von Ihrem Hauptkunden Air Berlin Sorgen?

Schwarz: Nein, wir hängen hier nicht von einem Carrier ab, wie etwa in Wien, wo die Lufthansa-Gruppe und die Star Alliance mit Abstand der größte Kunde ist. Air Berlin hat mit Oneworld einen Marktanteil von 33 Prozent, gefolgt von Lufthansa mit 25 Prozent. Easyjet kommt in Berlin auf eine Marktanteil von etwa 15 Prozent. Davon abgesehen profitieren wir eher von den Sparmaßnahmen, denn Air Berlin will sich mehr auf die Hauptstandorte (Berlin, Palma, Wien, Düsseldorf) konzentrieren. Im Übrigen sind wir in Berlin der einzige Flughafen weltweit, der Hub für zwei Allianzen, ist: Oneworld und Star Alliance.

STANDARD: Sie haben aber noch immer keine nennenswerten Langstreckenverbindungen ab Berlin.

Schwarz: Wir haben derzeit 13 Langstreckenverbindungen aus Berlin. Berlin ist für viele Carrier aus Oneworld und Star Alliance interessant, etwa Qantas, Cathy Pacific oder United.

STANDARD: Die Lufthansa hat erst vor wenigen Wochen angekündigt, anders als geplant den Standort Berlin auszubauen. Hat Sie das überrascht?

Schwarz: Nein, weil wir seit einem halben Jahr mit Lufthansa verhandelt haben. Mit dem Ergebnis, dass die Lufthansa statt knapp 750 wie derzeit in Tegel, am neuen Flughafen rund 1000 Starts- und Landungen pro Woche hat. Statt acht werden ab Juni nächsten Jahres 38 Ziele in Deutschland und Europa von Berlin aus angeflogen.

STANDARD: Emirates bekommt aus politischen Gründen vom Ver-kehrsministerium keine Lande- erlaubnis . Wie gestalten sich die Verbindungen in den Nahen Osten?

Schwarz: Air Berlin fliegt mittlerweile täglich von Berlin nach Dubai, Qatar Airways nach Doha. Wir sind gespannt, wer noch kommen wird.

STANDARD: Der Wiener Flughafen ist mit dem neuen Terminal für 30 Millionen Passagiere ausgerichtet, wie viel verträgt Berlin?

Schwarz: Mit dem neuen Flughafen verdoppeln wir unsere Kapazitäten auf 45 Millionen Passagiere. Wir sind in einer komfortablen Situation und können abwarten, wie sich die Passagierzahlen entwickeln. Nach den Erfahrungen des Flughafenneubaus in München entscheidet sich in den ersten ein bis zwei Jahren nach der Inbetriebnahme, wie sich der Verkehr weiterentwickelt und inwieweit es uns gelingen wird, neue Langstrecken in die deutsche Hauptstadt zu bringen. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 27.12.2011)

RAINER SCHWARZ (55) ist seit 2005 Sprecher der Geschäftsführung der Berliner Flughäfen. Der promovierte Betriebswirt ist seit 1988 in der Luftfahrtbranche tätig, unter anderem in München, Nürnberg und Düsseldorf.

  • Aus vier mach eins: Bleibt es beim Plan, soll der neue 
Hauptstadt-Flughafen Berlin (hier eine Aufnahme vom August) zeitgleich 
mit dem Skylink-Terminal in Wien Anfang Juni eröffnet werden.
    foto: wicker/berliner flughäfen

    Aus vier mach eins: Bleibt es beim Plan, soll der neue Hauptstadt-Flughafen Berlin (hier eine Aufnahme vom August) zeitgleich mit dem Skylink-Terminal in Wien Anfang Juni eröffnet werden.

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