Nachdem die terrestrischen Potenziale der drei Triple-A-Verteiler bzw. -Entzieher nahezu erschöpft sind, werden sich Moody's und Co langsam um neue Geschäftsfelder umsehen müssen
Nachdem die terrestrischen Potenziale der drei Triple-A-Verteiler bzw. -Entzieher nahezu erschöpft sind, werden sich Moody's und Co langsam um neue Geschäftsfelder umsehen müssen. Das Weltall ist groß ...
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Die amerikanischen Ratingagenturen geraten zunehmend in eine Sinnkrise: Sie wissen nicht mehr, wem sie noch die AAA-Note entziehen sollen. Die dafür infrage kommende Kundschaft wird immer rarer.
Standard & Poor's hat den Vereinigten Staaten bereits vor einiger Zeit die Bestnote gestrichen. Moody's hat die USA gewarnt, man werde, wenn es so weitergeht, von den drei A eines abziehen. Und auch Fitch hat eine solche Warnung ausgesprochen. Nachdem die Supermacht USA bereits derart abgegrast ist, wandte man sich notgedrungen den besseren Europäern zu. Frankreich ist schon länger im Visier der Agenturen. Österreich muss noch bis Jänner zittern. Und zuletzt hat es auch Deutschland in Form einer Warnung von Standard & Poor's erwischt: Euer drittes A wackelt!
Damit befinden sich die Ratingagenturen in einer ähnlichen Situation wie eine Polizeistation, die das Verbrechen in ihrem Zuständigkeitsbereich nahezu völlig ausgerottet hat. Es taucht die Sinnfrage auf: Was können wir überhaupt noch tun? Man sagt ja so leicht, eine Einrichtung ist dann besonders erfolgreich, wenn sie die Dinge so perfekt regelt, dass sie sich selbst überflüssig macht. Aber wer will das schon?
Die Ratingagenturen scheinen diese Gefahr übersehen zu haben: Sie haben kaum noch Pfeile im Köcher und Ziele, auf die sie schießen können. Südeuropa ist abgestraft. Die USA und Deutschland sind verwarnt. Werden die Verwarnungen wahrgemacht, wird also das dritte A gestrichen - was bleibt dann noch? Die Niederlande? Skandinavien? Davon können doch keine drei Agenturen leben. Auch die weitere Herabstufung bereits bestrafter Nationen ist eine vergleichsweise brotlose Kunst. Wer einmal sein drittes A verloren hat, lebt leicht mit weiteren Verlusten, er richtet sich notfalls sogar in der B-Klasse ein. Ist der Ruf erst ruiniert, lebt sich's herrlich ungeniert, da können die Agenturen noch so böse dreinschauen.
Die Agenturen befinden sich also an einem Abgrund. Sie müssen neue Geschäftsfelder suchen oder alte gründlicher beackern. Eine Möglichkeit ist, noch höher hinaus zu wollen als bisher schon. Die Agenturen könnten zum Beispiel die Erde in ihrer Gesamtheit abstrafen und ihr den einen oder anderen Buchstaben wegnehmen. Auch das Weltall ist in Erwägung zu ziehen. Hier wäre erst einmal der Status quo zu erforschen: Ist das Weltall Triple A oder verdient es allenfalls eine B-Note? Dann kann man weitersehen. Schließlich sind da noch die potenziellen außerirdischen Zivilisationen. Haben die Klingonen ein dreifaches A verdient, oder müssen auch sie mit einer Warnung zur Ordnung gerufen werden?
Aber den Weg dorthin zu betreten, wohin sich noch kein Mensch gewagt hat, wird auch für so grandiose Organisationen wie die Ratingagenturen kein leichter Schritt sein. Vielleicht entscheiden sie sich, doch wieder kleinere Brötchen zu backen, und konzentrieren sich darauf, die Kreditwürdigkeit von Firmen zu bewerten. Da gibt es einen unendlichen Vorrat, und Kleinvieh macht bekanntlich auch Mist. Allerdings ist es schwer, sich nach den Höhenflügen in die internationale Großpolitik wieder mit Kleinvieh zu befassen. Vielleicht sind als Nächste doch die Klingonen dran. (Rainer Bonhorst, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 27.12.2011)
RAINER BONHORST ist ehemaliger Chefredakteur der "Augsburger Allgemeinen" und bloggt im Onlineforum "Achse des Guten".