Russische Machtprobe wirkt bis Puchkirchen

Analyse26. Dezember 2011, 17:17
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2009 passierte erstmals in der seit 1968 bestehenden Gasverbindung zwischen Russland und Westeuropa, dass nichts ankam. Grund: Streit zwischen Moskau und Kiew

2009 passierte erstmals in der seit 1968 bestehenden Gasverbindung zwischen Russland und Westeuropa, dass nichts ankam. Grund: Streit zwischen Moskau und Kiew. Im Wiederholungsfall dürften die Folgen jedoch überschaubar bleiben.

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Wien - Drei Wochen im Jänner 2009 haben die Beziehungen zwischen Gasimportländern Europas und dem Hauptlieferanten Russland grundlegend verändert. Seitdem Österreich 1968 als erstes westliches Land Lieferungen von russischem Erdgas fixiert hatte, hielt sich Moskau penibelst daran. Bis im Jänner 2009 zum allgemeinen Erstaunen das Gas doch für eine Weile ausblieb.

Österreich kam dank Eigenproduktion, gut gefüllter Speicher und nicht allzu frostiger Temperaturen ohne Gas-Zwangsverwaltung aus. In Ländern wie Ungarn, Rumänien oder Bulgarien hingegen mussten Menschen frieren. Krankenhäuser blieben ungeheizt, Schulen geschlossen. Auch in Fabriken ging kaum mehr was.

Nie zuvor war Europa so bewusst geworden, wie abhängig es von russischem Erdgas ist. Dabei lag die "Schuld" an der Lieferunterbrechung gar nicht bei Gasprom, dem milliardenschweren Unternehmen mit besten Kontakten in höchste Politkreise. Den Gasfluss unterbrochen hatte vielmehr die Ukraine; sie lag seit Jahren mit Russland im Clinch. Es ging um den Preis für das Gas, der den einen (Kiew) zu hoch und den anderen (Moskau) zu tief war.

Die Russen versuchten, Druck auszuüben auf die Ukrainer. Nachdem ein Ultimatum ohne Ergebnis verstrichen war, hielt Moskau am Neujahrstag 2009 das für das frühere Bruderland bestimmte Gas zurück. Was die Ukrainer ihrerseits veranlasste, die für die Weiterleitung nach Westen bestimmten Mengen abzufangen.

Als am 20. Jänner desselben Jahres die Zähler beim Übergabepunkt Baumgarten an der slowakisch-österreichischen Grenze wieder einen Gasfluss meldeten, war nichts mehr wie vorher.

Im oberösterreichischen Puchkirchen ebenso wie an anderen für Österreichs Gasversorgung zentralen Orten (siehe Grafik) wurde überlegt, wie eine mögliche erneute Lieferunterbrechung bestmöglich pariert werden könnte. Neben einem Ausbau der Speicherkapazitäten wurden von der EU-Kommission in Brüssel auch Investitionen in das Pipelinenetz urgiert. Wichtig dabei: Es sollten Vorkehrungen getroffen werden, die die Fließrichtung bei Bedarf auch umdrehen zu können.

Das ist inzwischen erfolgt oder ist zumindest in die Wege geleitet. Für den Fall, dass auf einer der Gastransitrouten aus welchem Grund immer erneut ein Engpass auftreten sollte, könnten die Länder Südosteuropas im Gegensatz zur letzten großen Krise auf Umwegen mit Gas versorgt werden.

Österreich hat bei Gas eine gewisse Sonderstellung. Kaum ein Land verfügt im Verhältnis zur Bevölkerung über so große Speicherkapazitäten. Und sie werden in nächster Zeit dank geplanter Erweiterungen noch zunehmen.

Zu nennen ist hier vor allem der Speicher Seven Fields, ein Zusammenschluss sieben unterirdischer Speicher im Grenzgebiet Oberösterreich/Salzburg. Seven Fields, ein Joint Venture der Rohölaufsuchungsgesellschaft RAG (50,025 Prozent EVN, 29,975 Prozent Eon Ruhrgas, je 10,0 Prozent Steirische Gas Wärme und Salzburg AG) mit Eon Gas Storage, hat derzeit gut eine Million Kubikmeter Speicherkapazität. In absehbarer Zeit sollen 700 bis 800 Mio. m3 noch dazukommen.

Damit wäre jeder zweite in Österreich im Lauf eines Jahres verbrauchte Kubikmeter Erdgas in einem Speicher gebunkert - theoretisch zumindest. Praktisch ist es so, dass der Speicher Haidach (RAG, Wingas, Gasprom) zwar in Österreich liegt, das Gas aber Kunden in Deutschland gehört.

Johann Grünberger, Chef der Oberösterreichischen Ferngas, ist dennoch überzeugt, dass sich Gaskunden in Österreich nicht Sorgen müssen. "Zwei bis drei Monate zu überbrücken im Fall eines Lieferstopps sind kein Problem. Diese Zeit sollte reichen, auch komplizierteste Konflikte zu lösen. Wenn nicht, haben wir es mit einem Wirtschaftskrieg zu tun."

Daran möchte man freilich lieber nicht denken. (Günther Strobl, ER STANDARD, Print-Ausgabe, 27.12.2011)

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