Wie der "Her mit dem Zaster!"-Appell einer österreichischen Innenministerin auf britisch klingt - Von Timothy Garton Ash
Dringende Empfehlung an Vielhabende, in Krisenzeiten wie diesen "einfach das Richtige zu tun"
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Zwischen den Treppen der St.-Pauls-Kathedrale und dem nächsten Finanzgipfel richte ich diese Botschaft an Banker: Gebt etwas davon zurück!
Mit "Banker" meine ich jeden, der im letzten Vierteljahrhundert im Finanzsektor einen Haufen Geld gemacht hat. Mit "etwas" meine ich Geld, ganz so wie "es" die Hochglanzbeilage der Financial Times ironiefrei im Titel ihres Shopping-Führer anführt: "Wie man es ausgibt". Mit "zurück" meine ich: der Gesellschaft - im In- und Ausland - denen nämlich, die jetzt unter den Folgen einer Krise leiden, die diese Finanzinstitute mit ausgelöst haben, denen, die einige von diesen dann mit Bail-Out-Finanzspritzen retten mussten, weil sie zu groß waren für einen Bankrott: "too big to fail". Mit "gebt" meine ich: gebt. Weihnachten steht vor der Tür, also nehmt Eurer Scheckbuch in die Hand oder Euren Online-Bankacount, sucht Euch Wohlfahrtseinrichtungen aus, die wirklich den Armen und Schwachen und Leidgeprüften helfen, und spendet ihnen nur einen bescheidenen Anteil Eurer ... (das passende Adjektiv könnt ihr hier selber einsetzen) Einkünfte. Ein kleiner Schritt für euch, ein großer für die, die es dringend brauchen.
Es gibt steinreiche Menschen, die großzügig spenden und manchmal jede öffentliche Anerkennung dafür ablehnen. Das ehrt sie, jeden einzelnen. Aber im Allgemeinen scheint es, zumindest in England, als stünde die Spendenfreudigkeit in keinem proportionalen Verhältnis zum Ausmaß des Vermögens. Eine Untersuchung des National Council of Voluntary Organisations hat ergeben, dass Leute mit einem Jahreseinkommen unter 32.000 Pfund mehr als ein Prozent davon spenden, während die in der Kategorie über 52.000 Pfund nur 0,8 Prozent hergeben. Proportional zum jeweiligen Einkommen geben also diejenigen, die schlechter dastehen, mehr als die Besserverdiener.
Die Rechnung verkompliziert sich ohne Zweifel angesichts der Tatsache, dass die Reichen große Teile ihres Vermögens in Aktien und anderen nicht so leicht messbaren Kapital- und Beteiligungsformen angelegt haben. Aber zweifellos könnten viele von denen mehr hergeben, ohne Auswirkungen auf ihren Lifestyle in Kauf zu nehmen.
Aber warum versteife ich mich so auf Banker? Natürlich geht es nicht nur die an, der moralische Imperativ richtet sich an alle, die fein heraus sind. Er richtet sich mit Nachdruck an die überzahlten Topmanager der führenden Unternehmer. Und trotzdem kommt den Bankern hier eine Sonderstellung zu, zumal uns deren kollektives Fehlverhalten in diese missliche Lage gebracht hat.
Sie hatten leichteren Zugang zu Kapitalflüssen als Menschen, die in anderen Branchen arbeiten. Anders als in anderen Branchen haben sie einen Löwenanteil der Profite in die eigene Tasche gesteckt.
Und als der Zusammenbruch schließlich da war, zogen sie einfach ab, unbeschädigt bis auf einen angeschlagenen Ruf. Und dieses Jahr werden sie wieder mit einem fetten, ungerechtfertigten Bonus in der Tasche heimgehen - vorbei an den Demonstranten, die vor der St. Paulskathedrale ihr Camp aufgeschlagen haben. Und wenn ich ungerechtfertigt sage, meine ich ungerechtfertigt. Uns wird ständig gesagt, dass diese immensen Belohnungen ausgezahlt werden müssen, weil es nur so wenige Supermänner und Superfrauen gibt, die ohne Anreiz von Frankfurt, New York, Schanghai oder sonst wo abgeworben werden.
Es gibt nur wenige fantastische Geiger, Schriftsteller, Unternehmer, Tennisspieler. Die mögen satte Honorare einstreifen. Roger Federer, J. K.Rowling, Steve Jobs, Yehudi Menuhin - jeder ist meiner Meinung nach sein Geld, seine Million wert. Aber Banker?
Ich hatte einige Studienfreunde, die vor 30 Jahren den Berufsweg Banker einschlugen. Es waren sicher die hellsten und ehrgeizigsten von uns, die am härtesten arbeiteten - aber waren sie wirklich außergewöhnlich, einzigartig, unersetzbar? Nein. Außergewöhnlich war höchstens die Freigebigkeit, mit der man sie in diesem Job überschüttet hat.
Lassen Sie mich klar machen, was ich nicht meine. Ich meine nicht - anders als die Demonstranten vor St Paul's Cathedral -, dass wir eine Alternative zum Kapitalismus brauchen. Wir brauchen eher einen alternativen Kapitalismus, mehr von der Sorte Skandinavien und weniger von der eines Luxusdampfer-Casinos. Ich sage nicht in neuviktorianischer Manier, dass individuelle Charity die den Missständen zugrunde liegende Probleme lösen kann. Dafür brauchen wir strukturelle Änderungen: Schutzmauern oder besser noch eine rigide Trennung zwischen Spar- und Investmentbanken (so dass man zulassen kann, dass letztere Bankrott gehen), mehrjährige Rückforderungsverträge für Bonuszahlungen, die sich als ungerechtfertigt herausstellen, eine Transaktionssteuer usw. Ich sage auch nicht, dass Banker schlechte Menschen sind. Wie viele von uns hätten angesichts einer derartigen Verführung nicht zugegriffen?
Alles was ich sage ist, dass es etwas gibt, was eine spezielle Gruppe von Personen, die sehr schnell sehr reich geworden sind, auf Kosten von anderen, wie sich jetzt zeigt, tun können, um anderen gerade jetzt zu helfen. Nennt es Sühne, wenn ihr wollt. Nennt es: das Richtige tun. Nennt es, wie auch immer. Nur: Tut es. (Timothy Garton Ash, DER STANDARD, Printausgabe, 24./25.12.2011)
TIMOTHY GARTON ASH ist Schriftsteller, Historiker und Professor für europäische Studien an der Universität Oxford. Übersetzung: Elisabeth Loibl