Finanzsektor

Weihnachtsbotschaft an Banker

Kommentar der anderen | Timothy Garton Ash, 23. Dezember 2011, 19:43

Wie der "Her mit dem Zaster!"-Appell einer österreichischen Innenministerin auf britisch klingt - Von Timothy Garton Ash

Dringende Empfehlung an Vielhabende, in Krisenzeiten wie diesen "einfach das Richtige zu tun"

***

Zwischen den Treppen der St.-Pauls-Kathedrale und dem nächsten Finanzgipfel richte ich diese Botschaft an Banker: Gebt etwas davon zurück!

Mit "Banker" meine ich jeden, der im letzten Vierteljahrhundert im Finanzsektor einen Haufen Geld gemacht hat. Mit "etwas" meine ich Geld, ganz so wie "es" die Hochglanzbeilage der Financial Times ironiefrei im Titel ihres Shopping-Führer anführt: "Wie man es ausgibt". Mit "zurück" meine ich: der Gesellschaft - im In- und Ausland - denen nämlich, die jetzt unter den Folgen einer Krise leiden, die diese Finanzinstitute mit ausgelöst haben, denen, die einige von diesen dann mit Bail-Out-Finanzspritzen retten mussten, weil sie zu groß waren für einen Bankrott: "too big to fail". Mit "gebt" meine ich: gebt. Weihnachten steht vor der Tür, also nehmt Eurer Scheckbuch in die Hand oder Euren Online-Bankacount, sucht Euch Wohlfahrtseinrichtungen aus, die wirklich den Armen und Schwachen und Leidgeprüften helfen, und spendet ihnen nur einen bescheidenen Anteil Eurer ... (das passende Adjektiv könnt ihr hier selber einsetzen) Einkünfte. Ein kleiner Schritt für euch, ein großer für die, die es dringend brauchen.

Es gibt steinreiche Menschen, die großzügig spenden und manchmal jede öffentliche Anerkennung dafür ablehnen. Das ehrt sie, jeden einzelnen. Aber im Allgemeinen scheint es, zumindest in England, als stünde die Spendenfreudigkeit in keinem proportionalen Verhältnis zum Ausmaß des Vermögens. Eine Untersuchung des National Council of Voluntary Organisations hat ergeben, dass Leute mit einem Jahreseinkommen unter 32.000 Pfund mehr als ein Prozent davon spenden, während die in der Kategorie über 52.000 Pfund nur 0,8 Prozent hergeben. Proportional zum jeweiligen Einkommen geben also diejenigen, die schlechter dastehen, mehr als die Besserverdiener.

Die Rechnung verkompliziert sich ohne Zweifel angesichts der Tatsache, dass die Reichen große Teile ihres Vermögens in Aktien und anderen nicht so leicht messbaren Kapital- und Beteiligungsformen angelegt haben. Aber zweifellos könnten viele von denen mehr hergeben, ohne Auswirkungen auf ihren Lifestyle in Kauf zu nehmen.

Aber warum versteife ich mich so auf Banker? Natürlich geht es nicht nur die an, der moralische Imperativ richtet sich an alle, die fein heraus sind. Er richtet sich mit Nachdruck an die überzahlten Topmanager der führenden Unternehmer. Und trotzdem kommt den Bankern hier eine Sonderstellung zu, zumal uns deren kollektives Fehlverhalten in diese missliche Lage gebracht hat.

Sie hatten leichteren Zugang zu Kapitalflüssen als Menschen, die in anderen Branchen arbeiten. Anders als in anderen Branchen haben sie einen Löwenanteil der Profite in die eigene Tasche gesteckt.

Und als der Zusammenbruch schließlich da war, zogen sie einfach ab, unbeschädigt bis auf einen angeschlagenen Ruf. Und dieses Jahr werden sie wieder mit einem fetten, ungerechtfertigten Bonus in der Tasche heimgehen - vorbei an den Demonstranten, die vor der St. Paulskathedrale ihr Camp aufgeschlagen haben. Und wenn ich ungerechtfertigt sage, meine ich ungerechtfertigt. Uns wird ständig gesagt, dass diese immensen Belohnungen ausgezahlt werden müssen, weil es nur so wenige Supermänner und Superfrauen gibt, die ohne Anreiz von Frankfurt, New York, Schanghai oder sonst wo abgeworben werden.

Es gibt nur wenige fantastische Geiger, Schriftsteller, Unternehmer, Tennisspieler. Die mögen satte Honorare einstreifen. Roger Federer, J. K.Rowling, Steve Jobs, Yehudi Menuhin - jeder ist meiner Meinung nach sein Geld, seine Million wert. Aber Banker?

Ich hatte einige Studienfreunde, die vor 30 Jahren den Berufsweg Banker einschlugen. Es waren sicher die hellsten und ehrgeizigsten von uns, die am härtesten arbeiteten - aber waren sie wirklich außergewöhnlich, einzigartig, unersetzbar? Nein. Außergewöhnlich war höchstens die Freigebigkeit, mit der man sie in diesem Job überschüttet hat.

Lassen Sie mich klar machen, was ich nicht meine. Ich meine nicht - anders als die Demonstranten vor St Paul's Cathedral -, dass wir eine Alternative zum Kapitalismus brauchen. Wir brauchen eher einen alternativen Kapitalismus, mehr von der Sorte Skandinavien und weniger von der eines Luxusdampfer-Casinos. Ich sage nicht in neuviktorianischer Manier, dass individuelle Charity die den Missständen zugrunde liegende Probleme lösen kann. Dafür brauchen wir strukturelle Änderungen: Schutzmauern oder besser noch eine rigide Trennung zwischen Spar- und Investmentbanken (so dass man zulassen kann, dass letztere Bankrott gehen), mehrjährige Rückforderungsverträge für Bonuszahlungen, die sich als ungerechtfertigt herausstellen, eine Transaktionssteuer usw. Ich sage auch nicht, dass Banker schlechte Menschen sind. Wie viele von uns hätten angesichts einer derartigen Verführung nicht zugegriffen?

Alles was ich sage ist, dass es etwas gibt, was eine spezielle Gruppe von Personen, die sehr schnell sehr reich geworden sind, auf Kosten von anderen, wie sich jetzt zeigt, tun können, um anderen gerade jetzt zu helfen. Nennt es Sühne, wenn ihr wollt. Nennt es: das Richtige tun. Nennt es, wie auch immer. Nur: Tut es. (Timothy Garton Ash, DER STANDARD, Printausgabe, 24./25.12.2011)

TIMOTHY GARTON ASH ist Schriftsteller, Historiker und Professor für europäische Studien an der Universität Oxford. Übersetzung: Elisabeth Loibl

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Posting 1 bis 25 von 60
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R.A
00
26.12.2011, 12:53

Auch österreichische Banker leben gut, sie werden im Volksmund auch Bankster genannt. Das kommt nicht von ungefähr: Man erinnere sich an die saftigen Boni und Gehaltssteigerungen einer ersten Bank, die kurz zuvor noch mit Steuergeld gestützt werden mußte. Ich hörte nichts von namhaften Manager/Spenden, auch nicht von der Bank Austria, oder von Raiffeisen! aber vielleicht kommt das noch?

Carlos Clementin
31
26.12.2011, 09:57
Die Kapitalisten werden scheitern

die Kommunistischen Geier warten schon ... und die Lemminge hüpfen freudig in den Abgrund.
Der Mittelweg zwischen Extermsozialismus und Kapitalausbeutern ist den Menschnen fremd.
Als : Keinem mehr als 20m² Wohnraumeigentum, Einkommen max 1200nto, Verbot von lebensunnotwenigem Besitz (von Goldtalern bis zu Modelleisenbahn). Alles andere Enteignen oder Zwangsspenden... weltweit, sonst hats ja keinen Sinn... Wählt die Neidpartei! Zu extrem ? Na - ihr wisst wohl nicht was ihr wollt ...

Hossam Hassan
00
16.1.2012, 11:07
Der Kapitalismus scheitert nicht und er wird auch in Zukunft nicht scheitern

Es gibt wie Ash richtig sagt keine Alternative zum Kapitalismus, aber es gibt eine alternative Politik innerhalb kapitalistischer Verhältnisse.

Dass der Kapitalismus scheitern wird, das ist der feuchte Traum diverser Linker, die zu viel träumen und zu wenig wach sind, um die Realität wahr zu nehmen.

Lassen sie es mich so ausdrücken:

Das Motto lautet nicht "Eine andere Welt ist möglich!", sondern: "Nur diese Welt können wir verändern.".

paolo
01
25.12.2011, 23:04
auch wenn es um grosse summen geht,

spendierhosensozialismus ist letztendlich kontraproduktiv.
spenden bedeutet nichts anderes als die welt akzeptierern, doch es benötigt veränderung der geldflüsse, um neues zu bewirken

z1302a
00
25.12.2011, 21:22
was ist reich?

Jemand der in 2 jahren soviel verdient, wie ein Ministerialrat früher - nach altem Pensionsgesetz - in seinem Leben verdient hat.
Und derer gibt es eine erkleckliche Zahl.

(Da haben wir auch gleich die Beamtenphobie erledigt.)

Henry44
00
26.12.2011, 21:24
Wieviele Leute in Österreich gibt es,

die so viel verdienen? Haben Sie das ermittelt? Eine erkleckliche Anzahl kann alles heißen.

Die meisten Leute in Österreich , mich eingeschlossen, wären froh, würden sie das halbe Lebenseinkommen eines Ministerialrates haben.

z1302a
00
27.12.2011, 12:53
aber ein Ministerialrat ist nicht reich

er befindet sich am oberen ende der mittelschicht.

Henry44
00
27.12.2011, 17:14
Wirklich reich mag ein Ministerialrat nicht sein

allerdings mindestens wohlhabend.

Einen Bezug in dieser Höhe und mehr haben maximal 5% der Einkommensbezieher. Das ist wohl etwas mehr als obere Mittelschicht, eher untere Oberschicht.

z1302a
00
27.12.2011, 21:03
Allgem Verwaltung letzte Gehaltsstufe inkl Dienstalterszulage

inkl Funktionszulage 5800.- brutto = ca 3300 netto
http://www.uni-graz.at/betriebsr... 10GOED.pdf

Statistisch zur Mittelschicht zu gehören, bedeutet zwischen 70 und 150 Prozent des durchschnittlich angenommenen Einkommens - 2.300 Euro - zur Verfügung zu haben. (ORF Ö1 ORF04102001Mittelschicht_285410.htm)

Geben sie zu 2300 50% dazu = 3450 > 3300.
Also doch Mittelschicht.
Zugegeben es gibt auch Ministarialräte, die mehr verdienen, aber deren Zahl ist sehr klein.
(Die veridienen es auch nur in den letzten Jahren ihrer Berufslaufbahn. Die reichen Banker verdienen es ab einem Alter von 30 (oder darunter)!

danielle durands schatten
010
25.12.2011, 15:03
almosen vs. gerechtigkeit

wir wollen keine almosen! dadurch werden machtverhältnisse erst zementiert: der "gute" banker, gibt den armen hascherln ein paar brotkrumen, um die sie froh sein dürfen.

ganz anders ist es mit steuern: sie stehen der gesellschaft zu, sie dienen dazu du infrastruktur und den sozialen frieden zu finanzieren, von denen auch und besonders unternehmer profitieren. zumindest war das im industriellen zeitalter so, heute wird aus geld geld gemacht, kein wunder wenn sich dann die profiteure denken "was geht mich der rest der gesellschaft an?"

es ist doppelt pervers, zuerst sein geld über steueroasen am finanzamt vorbei zu schleusen, und dann für die gute nachred' ein paar charity-galas zu schmeißen.

linx
05
25.12.2011, 10:02
wie nett, der ....

... kapitalismus braucht nur ein wengerl .... ähh ... alternativ werden, also doch bitte ein wengerl .... ähh... moralischer, dann gehts eh schon wieder so halbwegs, nicht wahr.
mann oh mann, ich kann diese leier schon nimmer hören.

Hermine Berg
 
01
25.12.2011, 22:48
und trotzdem

ist das konkrete uebel hier der mangel an freier marktwirtschaft.

in der gehen bankrotte banken pleite und weren eben nicht von uns steuerzahlern aufgefangen.

klar versuchen die bankiers alles um geld zu raffen. der wahnsinn ist, dass die politiker ihnen alles mit handkuss zu fuessen legen.

Steinbock1959
06
25.12.2011, 06:38

Ein amerikanischer Psychiater, der seine Studien an kriminellen Psychopathen durchgeführt hat, hat einmal gemeint, dass er seine Psychopathen auch an jeder Börse finden würde ...

flying baba
00
25.12.2011, 02:23
Super

Dann lasset uns hoffen

QUANTUM
03
24.12.2011, 15:54

soviele reiche wollen mehr steuer zahlen, aber die politiker lassen sie einfach nicht. komisch. welche beweggründe haben also politiker den reichen ausgiebig steueroasen und -schlupflöcher zur verfügung zu stellen?

is es nur die korruption allein? oder noch etwas anderes?

Dagmar Rehak Wien
 
01
25.12.2011, 00:49

Na, weil Politiker von solchen Reichensteuergesetzen selbst betroffen wären.
Dass die vielen Reichen, die sagen, sie würde gerne mehr Steuern zahlen, das wirklich wollen, bezweifle ich heftigst, denn es hindert sie ja niemand, einfach dem Finanzamt die Wunschbeträge zu überweisen.

God bless you
00
24.12.2011, 22:42

Das doch ist nur, weil die Finanzministerin kein Geld mehr für einen Sozialstaat braucht, seit sie ihn abgeschafft haben.

kants richtschnur
12
24.12.2011, 14:47
weihnachtsbotschaft der banker

http://www.youtube.com/watch?v=_U2m2KyoZhc

die geldwechsler aus dem tempel und ihr krieg...

Dagmar Rehak Wien
 
06
24.12.2011, 13:18

Langer Rede kurzer Sinn:
Banker haben ihr Vermögen unrechtmäßig angesaugt und müssen es deshalb wieder hergeben.
Selbstverständlich gibt es bereits ein Sozialprogramm, wo die Ex-Banker was Anständiges lernen können, denn nichts ist gefährlicher und unberechenbarer als Ex-Banker, denen man ihre Saugwerkzeuge weggenommen hat.

Woodpecker
10
24.12.2011, 11:38
im Klartext:

- spendet noch mehr für treue Gefolgsleute, Parteien die Eurer Gesinnung wohlgesonnen sind, Rechtsabteilungen, Anwälte und Trivialpatente, denn Geld ist Macht und sollte zur Erhaltung derselben gut dosiert eingesetzt werden
- spendet und redet darüber: manchmal wird mehr für professionelles "darüber reden (lassen)" gespendet als die ursächliche Spende ausmacht, aber nichts geht über gute Publicity
- spendet leise wo es notwendig ist:
Schweigegelder, Boni, verdeckte Bestechungsgelder, Provisionen für Geld- und Imagewäscher - alle Wissenden wollen unauffällig, aber regelmäßig und angemessen bedacht werden

1116er
14
24.12.2011, 11:13
herr ash: lassen sie uns in ruhe mit ihrem angelsächsischen schaas!

es gibt bereits mehr als genug 'charity-events', wo das motto lautet "fressen gegen den hunger auf der welt".

sich ein gutes gewissen erkaufen durch almosen ist tiefstes moralisches mittelalter.

leisten SIE ihren beitrag indem sie bei ihrem nächsten vortrag vor erlesenem publikum sich verweigern, weil banker im saal sind.

solange es keine faktor-regelung bei den einkommen gibt, ist einzig eine gesellschaftliche reaktion das geeignete mittel, um die von ihnen skizzierten absahner ein bisschen zu bremsen.

Harry Y.
 
00
24.12.2011, 14:50

Na, er redet schon auch von einer Änderung des Systems.

Heefcleeve
32
24.12.2011, 10:20
Wo ist hier der Witz?

Martin Müller10
 
118
24.12.2011, 10:04
Ich widerspreche dem Autor zutiefst aus folgendem Grund:

Wir leben in einer gesetzlich hoch strukturierten Gesellschaft. Es ist unzumutbar, dass Menschen von Almosen leben müssen. Das ist institutionalisiertes Betteln. Es muss ein rechtlicher Rahmen geschaffen werden in dem ein Teil dieses Reichtums den Armen zukommt (Vermögenssteuern, progressive Einkommenssteuer,....). Das ist Aufgabe der Politik!

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