Buchsaison 2012

England verliert, Machiavelli siegt

23. Dezember 2011, 18:26

Was das Frühjahr bringt: eine Vorschau auf neu erscheinende Sachbücher

Eigentlich kann die Frühjahrssachbuchsaison kaum zeitgemäßer einsetzen. Und kaum eine bessere Handreichung für das Hauen und Stechen in Politik, Büro und Zuhause bieten als Volker Reinhardts für Ende Jänner angekündigte Biografie Machiavelli (Beck). Dazu noch Stephen Greenblatts Geburt der Renaissance (Siedler) und Jon Ronsons Befund Die Psychopathen sind unter uns (Tropen), und eine positiv gestimmte Antwort auf die Frage des Berliner Politikordinarius Paul Nolte Was ist Demokratie? (Beck) dürfte sich erledigt haben.

Und wie der Londoner Mark Stevenson dem - sowie Michael Pauens Ohne Ich kein Wir. Warum wir Egoisten brauchen (Ullstein) - kontern will mit seiner "optimistischen Reise in die Zukunft", dem der Piper-Verlag den stupend stupiden Titel Morgen ist heute gestern mitgibt, wird sein Geheimnis bleiben.

Was braucht anno 2012, wie Rotraut Perner meint, Der erschöpfte Mensch (Residenz)? Geschichte und Gefühl, entgegnet Jan Plamper und präsentiert nichts Geringeres als die Grundlagen der Emotionsgeschichte (Siedler). Freundschaft, meint dagegen Philipp Johner und braucht nur 256 Seiten für das, was es für ein erfülltes Leben braucht (S. Fischer). Der Psychologe David Brooks nimmt sich dagegen gleich den Menschen als Das soziale Tier vor und beschreibt, wie unbewusste Entscheidungen unseren nicht immer ganz humanen Lebensweg bestimmen (DVA). Der Illusionist Nicolai Friedrich verkündet dazu nicht ganz unbescheiden: Ich weiß, was in dir steckt (S. Fischer). Wieso ist es von dort zu Christoph Pragers Ratingagenturen. Funktionsweisen eines neuen politischen Herrschaftsinstruments (Mandelbaum) nur ein Schritt? Weil sich beides als Hokuspokus herausstellt?

Da hilft nur eins: fort! Ganz weit fort! Man kann sich Helge Timmerberg und seiner African Queen (Rowohlt) anvertrauen. Mit Ragnar Kvam den Abenteurer Thor Heyerdahl Auf dem Floß zum Weltruhm (Marebuch) begleiten. Mit David Simon miterleben, wie sich in Baltimore around the Corner (Kunstmann) die Leichen stapeln. Deren Spuren von der Tatortreinigerin Antje Schendel beseitigt werden (Knaur).

Wem das noch nicht ungustiös genug ist, dem kaut Diane Schindel in Kakerlake rot-weiß (Knaur) vor, "was Sie schon immer mal essen wollten, sich aber nicht trauten". Dafür, pardon: dagegen warnen Rolf Rickelmann in Tödliche Ernte (Econ) und Hans-Ulrich Grimm in Vom Verzehr wird abgeraten (Klett-Cotta) davor, wie uns die Industrie mit Gesundheitsnahrung krank macht.

Weitaus abgeschmeckter geht es bei Dieter Richters Goethe in Neapel (Wagenbach) zu, Annette Seemann liefert dazu mit Weimar. Eine Kulturgeschichte (Beck) den großen Rahmen. Richard Cohen entführt uns noch weiter und erklärt ausgiebig Die Sonne (Arche) und Andrea Wulf Die Jagd auf die Venus und die Vermessung des Sonnensystems (C. Bertelsmann).

Auf der anderen Seite kann, wer es etwas kleiner liebt, mit Elizabeth Tova Bailey dem Geräusch einer Schnecke beim Essen (Nagel & Kimche) lauschen. Oder, noch kleiner, mit Nathan Wolfes Virus. Die Wiederkehr der Seuchen entdecken (Rowohlt). Da ist selbst das FBI hilflos, selbst wenn ein Tim Weiner dessen Geschichte detailreich erzählt (S. Fischer). Wer davon den Blues bekommt, der lernt über diesen, seine Ursprünge und Robert Johnson viel in Elijah Walds Vom Mississippi zum Mainstream (Rogner & Bernhard).

Musikalisch bewegt fragt Gaby Aldor Wie tanzt nun ein Kamel? (Mandelbaum) und erzählt mit der Geschichte der Familie Orenstein zugleich die Geschichte des israelischen Tanztheaters.

Den vielfältigen Aspekten europäisch-jüdischer Geschichte wird ohnehin verstärkt Augenmerk gewidmet. Die Wiener Historikerin Gabriele Anderl hat mit Berthold Storfer, der 9096 Leben (Rotbuch) rettete, bevor er in Auschwitz umkam, einen wenig bekannten Kämpfer wider die Bestialität entdeckt. Paul Mellers Papierbriefe an seine Kinder (Klett-Cotta) werden erstmals veröffentlicht. Yehuda Bauer schildert den Untergang des Schtetls (Jüdischer Verlag) und Moshe Idel in Alte Welten, neue Bilder jüdische Mystik und die Gedankenwelt des 20. Jahrhunderts (Jüdischer Verlag). Jan T. Gross erzählt in Angst vom Antisemitismus nach Auschwitz in Polen (Suhrkamp), während Maximilian Gottschlich Die große Abneigung diagnostiziert und fragt: Wie antisemitisch ist Österreich? (Czernin). Moti Kfir und Ram Oren schildern in Sylvia Rafael (Arche) das Leben einer Mossad-Agentin, Christoph Lind und Georg Traska das von Hermann Leopoldi (Mandelbaum). Und Alaine Polcz' erschütternder Bericht Frau an der Front (Suhrkamp) ist erstmals auf Deutsch zu lesen.

Passend zur Fußball-EM im Sommer lüften Simon Kuper und Stefan Szymanski dann ein Geheimnis, das keines ist. Denn Warum England immer verliert (Edition Tiamat) ist ein so kurioses Phänomen auch wieder nicht. Und, ungelogen, garantiert nicht in Wolf Schneiders Wahrheit über die Lüge (Rowohlt) enthalten. Vielleicht dafür in der Autobiographie eines Lügners (Haffmans & Tolkemitt) aus der Feder des Monty-Python-Mitglieds Graham Chapman. Always look on the bright side of life, Mr. Rooney. (Alexander Kluy / DER STANDARD, Printausgabe, 24./25./26.12.2011)

Andi Arroganti
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23.12.2011, 19:41

Bitte was ist hier passiert? Eine Vorschau auf Sachbücher? Im Standard? Warum wird sowas dann nicht konsequent durchgezogen? Keine Rezensionen über historische Bücher etc. etc.

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