Was das Frühjahr bringt: eine Vorschau auf neu erscheinende Sachbücher
Eigentlich kann die Frühjahrssachbuchsaison kaum zeitgemäßer einsetzen. Und
kaum eine bessere Handreichung für das Hauen und Stechen in Politik, Büro und
Zuhause bieten als Volker Reinhardts für Ende Jänner angekündigte Biografie
Machiavelli (Beck). Dazu noch Stephen Greenblatts Geburt der
Renaissance (Siedler) und Jon Ronsons Befund Die Psychopathen sind unter
uns (Tropen), und eine positiv gestimmte Antwort auf die Frage des Berliner
Politikordinarius Paul Nolte Was ist Demokratie? (Beck) dürfte sich
erledigt haben.
Und wie der Londoner Mark Stevenson dem - sowie Michael Pauens Ohne Ich
kein Wir. Warum wir Egoisten brauchen (Ullstein) - kontern will mit seiner
"optimistischen Reise in die Zukunft", dem der Piper-Verlag den stupend stupiden
Titel Morgen ist heute gestern mitgibt, wird sein Geheimnis bleiben.
Was braucht anno 2012, wie Rotraut Perner meint, Der erschöpfte Mensch
(Residenz)? Geschichte und Gefühl, entgegnet Jan Plamper und präsentiert nichts
Geringeres als die Grundlagen der Emotionsgeschichte (Siedler).
Freundschaft, meint dagegen Philipp Johner und braucht nur 256 Seiten für
das, was es für ein erfülltes Leben braucht (S. Fischer). Der Psychologe
David Brooks nimmt sich dagegen gleich den Menschen als Das soziale Tier
vor und beschreibt, wie unbewusste Entscheidungen unseren nicht immer ganz
humanen Lebensweg bestimmen (DVA). Der Illusionist Nicolai Friedrich verkündet
dazu nicht ganz unbescheiden: Ich weiß, was in dir steckt (S. Fischer).
Wieso ist es von dort zu Christoph Pragers Ratingagenturen. Funktionsweisen
eines neuen politischen Herrschaftsinstruments (Mandelbaum) nur ein Schritt?
Weil sich beides als Hokuspokus herausstellt?
Da hilft nur eins: fort! Ganz weit fort! Man kann sich Helge Timmerberg und
seiner African Queen (Rowohlt) anvertrauen. Mit Ragnar Kvam den
Abenteurer Thor Heyerdahl Auf dem Floß zum Weltruhm (Marebuch) begleiten.
Mit David Simon miterleben, wie sich in Baltimore around the Corner
(Kunstmann) die Leichen stapeln. Deren Spuren von der Tatortreinigerin
Antje Schendel beseitigt werden (Knaur).
Wem das noch nicht ungustiös genug ist, dem kaut Diane Schindel in
Kakerlake rot-weiß (Knaur) vor, "was Sie schon immer mal essen wollten,
sich aber nicht trauten". Dafür, pardon: dagegen warnen Rolf Rickelmann in
Tödliche Ernte (Econ) und Hans-Ulrich Grimm in Vom Verzehr wird
abgeraten (Klett-Cotta) davor, wie uns die Industrie mit Gesundheitsnahrung
krank macht.
Weitaus abgeschmeckter geht es bei Dieter Richters Goethe in Neapel
(Wagenbach) zu, Annette Seemann liefert dazu mit Weimar. Eine
Kulturgeschichte (Beck) den großen Rahmen. Richard Cohen entführt uns noch
weiter und erklärt ausgiebig Die Sonne (Arche) und Andrea Wulf Die
Jagd auf die Venus und die Vermessung des Sonnensystems (C. Bertelsmann).
Auf der anderen Seite kann, wer es etwas kleiner liebt, mit Elizabeth Tova
Bailey dem Geräusch einer Schnecke beim Essen (Nagel & Kimche)
lauschen. Oder, noch kleiner, mit Nathan Wolfes Virus. Die Wiederkehr der
Seuchen entdecken (Rowohlt). Da ist selbst das FBI hilflos, selbst wenn ein
Tim Weiner dessen Geschichte detailreich erzählt (S. Fischer). Wer davon den
Blues bekommt, der lernt über diesen, seine Ursprünge und Robert Johnson viel in
Elijah Walds Vom Mississippi zum Mainstream (Rogner & Bernhard).
Musikalisch bewegt fragt Gaby Aldor Wie tanzt nun ein Kamel?
(Mandelbaum) und erzählt mit der Geschichte der Familie Orenstein zugleich
die Geschichte des israelischen Tanztheaters.
Den vielfältigen Aspekten europäisch-jüdischer Geschichte wird ohnehin
verstärkt Augenmerk gewidmet. Die Wiener Historikerin Gabriele Anderl hat mit
Berthold Storfer, der 9096 Leben (Rotbuch) rettete, bevor er in Auschwitz
umkam, einen wenig bekannten Kämpfer wider die Bestialität entdeckt. Paul Mellers Papierbriefe an seine Kinder
(Klett-Cotta) werden erstmals veröffentlicht. Yehuda Bauer schildert den
Untergang des Schtetls (Jüdischer Verlag) und Moshe Idel in Alte
Welten, neue Bilder jüdische Mystik und die Gedankenwelt des 20.
Jahrhunderts (Jüdischer Verlag). Jan T. Gross erzählt in Angst vom
Antisemitismus nach Auschwitz in Polen (Suhrkamp), während Maximilian
Gottschlich Die große Abneigung diagnostiziert und fragt: Wie
antisemitisch ist Österreich? (Czernin). Moti Kfir und Ram Oren schildern in
Sylvia Rafael (Arche) das Leben einer Mossad-Agentin, Christoph Lind und
Georg Traska das von Hermann Leopoldi (Mandelbaum). Und Alaine Polcz'
erschütternder Bericht Frau an der Front (Suhrkamp) ist erstmals auf
Deutsch zu lesen.
Passend zur Fußball-EM im Sommer lüften Simon Kuper und Stefan Szymanski dann
ein Geheimnis, das keines ist. Denn Warum England immer verliert (Edition
Tiamat) ist ein so kurioses Phänomen auch wieder nicht. Und, ungelogen,
garantiert nicht in Wolf Schneiders Wahrheit über die Lüge (Rowohlt)
enthalten. Vielleicht dafür in der Autobiographie eines Lügners (Haffmans
& Tolkemitt) aus der Feder des Monty-Python-Mitglieds Graham Chapman. Always
look on the bright side of life, Mr. Rooney. (Alexander Kluy / DER STANDARD, Printausgabe, 24./25./26.12.2011)