Im Rausch eines Phänomens namens Mystik

25. Dezember 2011, 14:36
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Die Ausstellung "Mystik - Die Sehnsucht nach dem Absoluten" führt anhand von 40 Mystikern großer Religionsgemeinschaften die Vielfalt spiritueller Erfahrungen vor Augen. Repräsentativ will sie nicht sein

Exzessiver Alkoholkonsum, dafür steht Li Bai wie kein anderer Poet der chinesischen Kulturgeschichte. Sein überragendes Talent, so sagt man, sei mit der Höhe seines Alkoholpegels gewachsen. Dutzende seiner Gedichte besingen den Alkohol und den Zustand des Rausches. Ja sogar sein Tod wird mit dem Wein in Verbindung gebracht: Beim nächtlichen Heimweg von einem feuchtfröhlichen Fest soll er der Überlieferung nach von der Spiegelung des Vollmondes in einem See so fasziniert gewesen sein, dass er ins Wasser sprang, um den Mond zu umarmen - und dabei ertrank.

Als bloßes Rauschmittel sollte Alkohol bei Li Bai dennoch nicht verstanden werden, stattdessen als eine jener Zauberdrogen der Äußeren Alchemie, die zur Erkenntnis des Dao und der Unsterblichkeit führen können. Erst dank der Kraft des Fusels konnte er seine göttliche Begabung entfalten und mithilfe des magischen Getränks mit Göttern und Geistern in Verbindung treten, die wiederum mittels Lyrik durch ihn kommunizierten. Kurz gefasst handelt es sich also um eine daoistische Meditationsform, die für eine unstillbare Sehnsucht nach dem Absoluten sowie das Finden und Einswerden mit diesem steht.

Bis heute gehört Li Bais im 8. Jahrhundert europäischer Zeitrechnung formulierte Poesie in Ostasien zum Repertoire einer gebildeten Person, womit er gewissermaßen das Zeug zum Repräsentanten hat. Jedenfalls aus Sicht des Kuratorenteams rund um Albert Lutz, Direktor des Rietberg Museums in Zürich: Anhand von 40 Mystikern der großen europä-ischen und asiatischen Religionsgemeinschaften und ihren Zeugnissen spiritueller Erfahrung versucht die aktuelle Ausstellung Mystik: Die Sehnsucht nach dem Absoluten hier diesen Themenkomplex zu veranschaulichen.

Als Begriff existiert Mystik nur im christlichen Kontext, erst im 19. und 20. Jahrhundert entstand daraus ein transreligiöses, universelles Phänomen und eine religionswissenschaftliche Kategorie. Weder im Daoismus, Judentum noch im Islam gab es ein Wort für Mystik, wiewohl die religiösen Erscheinungen jenen im Christentum als mystisch bezeichneten gleichen. Etwa über die Kabbala im Judentum, die ihre Auffassung, dass Gott nicht außerhalb der Welt, sondern in allen Dingen lebt, mit anderen Religionen teilt.

Zu diesem in der Welt immanenten Gott versuchen die Kabbalisten eine intime Nähe herzustellen und aus dieser innigen Beziehung heraus das Leben zu gestalten. Dafür stehen Abraham Abulafia oder auch Moses Cordovero, die auf Mechthild von Magdeburg, die erste namentlich bekannte Mystikerin (Christentum), die Qalander-Derwische (Islam) oder Shivas gesegneten Knaben Sambandar (Hinduismus) treffen.

Sehnsucht nach Absolutem

Nein, repräsentativ sei die Auswahl dieser nach einer Vereinigung mit dem Göttlichen getriebenen Mystiker, die eine Sehnsucht nach dem Absoluten einte, nicht. Die Freiheit der subjektive Auslese habe man sich einfach genommen, wie die Verantwortlichen den Besuchern in einem Video unverblümt eingestehen. Hoffnungen, wonach die Erleuchtung im Eintrittspreis inbegriffen sei, könne man nicht erfüllen, aber erfahrbar machen, mit Gedichten, Predigten, Lehrbüchern oder Gesängen berühmter und auch weniger berühmter Vertreter.

Wie schon bei vorangegangenen kulturvergleichenden Ausstellungen (1999: Orakel; 2002: Liebeskunst) sieht das Konzept keine allgemeinen, historisch und weltumspannenden Zugang von Mystik vor, sondern will sich über die 40 Fallbeispiele aus einer Zeitspanne von mehr als 2000 Jahren erklären. Ein punktueller Ansatz, der aber durch seine Vielseitigkeit überzeugt, mit 153 Kunstwerken und Originaldokumenten sowie 30 Film-, Audio- und Multimedia-Installationen. Letzteres leider mit entsprechender Lärmkulisse, die zusätzlich zu parallel stattfindenden Führungen die individuelle Bezwingung dieses einem Irrgarten gleichen Themengebietes weitestgehend boykottiert.    (Olga Kronsteiner aus Zürich/ DER STANDARD, Printausgabe, 24./25./26.12.2011)

Bis 15. 1.

  • Chaim Zelazar, Iran, 1869/70: Kontemplationskalligrafie mit der Darstellung von Moses, Aaron und Engeln.
    foto: museum rietberg

    Chaim Zelazar, Iran, 1869/70: Kontemplationskalligrafie mit der Darstellung von Moses, Aaron und Engeln.

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