"Sie sind Abt, aber ein lässiger Typ"

Interview23. Dezember 2011, 18:44
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Lachen über Gott, Beziehungsprobleme und Sonntags-Flaschen - Abt Felhofer trifft Kabarettist Lainer

Standard: Herr Abt, kennen Sie eigentlich das Kabarett-Programm "Ich bin der Weinstock, ihr seid die Flaschen" von Günther Lainer?

Felhofer: Leider kenn ich es nicht. Aber zumindest gehört habe ich, dass es sehr gut sein soll.

Standard: Kabarett trifft Kirche - darf man über Gott lachen?

Felhofer: Solange es nicht ein Lästern und verletzend ist, habe ich kein Problem damit. Ganz im Gegenteil: Kabarett bringt manches auf den Punkt und regt zum Nachdenken an - und davon können wir als Kirche durchaus profitieren. Aber meine Grenze ist dort, wo Gott lächerlich gemacht wird und Menschen verletzt werden.

Standard: Herr Lainer, wer sind jetzt die "Flaschen". Die Menschen, die jeden Sonntag brav in die Kirche gehen?

Lainer: Der Programmtitel ist natürlich sehr überspitzt formuliert. Letztlich geht es aber darum, zu thematisieren, dass Menschen, die heute noch in der Kirche sind, sich ständig dafür rechtfertigen müssen. Die werden oft als blöd hingestellt. Auf gut oberösterreichisch: Für vü' bist a Floschn', wennst heit' in die Kirchn' gehst.

Standard: Sie sind ehemaliger Religionslehrer und ausgebildeter Pastoralassistent. Ist es würdig und recht, als Katholik zugleich Kabarettist zu sein?

Lainer: In Wahrheit ist es würdig und recht, als Katholik zugleich Kabarettist zu sein. Viele fragen sich vielmehr in diesen Tagen: Wie kann man heute noch Katholik sein, ohne Kabarettist zu sein?

Felhofer: Also bitte, so schlimm ist es wirklich nicht.

Lainer: Wenn die Kirche jeden Tag die Moral-Fahne heraushängt, den Zölibat huldigt und in Wahrheit oft das Gegenteil predigt von dem, was sie lebt, kann man so manches in der Kirche nicht so ernst nehmen.

Standard: Herr Abt, ist die Sexualmoral der katholischen Kirche nicht tatsächlich so verstaubt, dass man als geistlicher Würdenträger fast froh sein muss, wenn die Leute nur darüber lachen und nicht gleich austreten?

Felhofer: Die Kirche lehnt die Sexualität nicht ab. Es geht um einen verantwortlichen Umgang.

Standard: Ist es verantwortlich, wenn man als angehender Pfarrer an der Pforte zum Priesterseminar die Sexualität abgeben muss?

Felhofer: Blödsinn. Da gibt keiner irgendetwas an der Pforte ab. Und schon gar nicht seine Sexualität.

Lainer: Kennen Sie eigentlich den Witz: Treffen sich zwei katholische Priester: "Wir werden nicht mehr erleben, dass wir mal heiraten können . ..". "Nein", sagt der andere, "aber unsere Kinder ...".

Felhofer (lacht): Den habe ich gekannt - das ist schon ein alter Hut.

Standard: Herr Lainer, haben Sie eigentlich einmal überlegt, Priester zu werden?

Lainer: Ich war elf Jahre Ministrant im Linzer Dom. Und jeder, der Ministrant ist, überlegt auch, Priester zu werden.

Standard: Heute sind Sie verheiratet und haben zwei Kinder.

Lainer: Der Pflichtzölibat wäre sich für mich nicht ausgegangen. Da habe ich gewusst: Kann ich nicht. Daher habe ich mich damals für den Pastoralassistenten entschieden.

Standard: Herr Abt, Sie haben den anderen Weg eingeschlagen. Haben Sie je mit dem Pflichtzölibat gehadert?

Felhofer: Zunächst muss ich einmal festhalten: Wer diesen Weg wählt, tut es freiwillig und soll auch genauso fähig sein für eine Ehe. Ich habe mich für beides fähig gefühlt. Ja, ich habe mich auch für eine Ehe berufen gefühlt. Aber ich wollte Priester werden und in einen Orden, konkret nach Schlägl, gehen. Nur deshalb habe ich diesen Weg eingeschlagen - nicht weil ich die Ehe nicht wollte. Ich glaube ja, dass ich den Zölibat, also das Gelübde der Ehelosigkeit, in einem Orden besser leben kann, da ich in und von einer Gemeinschaft getragen bin.

Lainer: Das glaub ich Ihnen jetzt aber überhaupt nicht. Haben Sie wirklich nie mit dem Zölibat gehadert? Ist denn da nie eine fesche Mühlviertlerin beim Stift Schlägl vorbeigelaufen, und Sie haben sich für einen kurzen Moment gedacht, "Kruzifix noch mal"?

Felhofer (lacht): Immer schön misstrauisch, der Herr Kabarettist. Versäumt habe ich nichts, aber durch die Erziehung im Knabenseminar - für die ich dankbar bin - hat manches nachreifen müssen, und die Beziehung zum anderen Geschlecht hat sich klären müssen. Aber diesen Prozess durchlebt jeder Mensch. Also: Versäumt habe ich nichts, wenn es auch manchmal nicht leicht war, wenn ich Familien mit Kindern erlebt habe. Ich habe den Verzicht aber immer so gesehen, dass ich als Priester und Ordensmann in der Nachfolge Jesu ein Zeichen geben darf für die Welt. Ehrlich gesagt: Ich würde diesen Weg wieder gehen.

Lainer: Ich kann Sie beruhigen. Als Verheirateter wünscht man sich ja auch manchmal, wieder allein zu sein.

Felhofer: Eben. Ich kenne Männer, die nach vielen Jahren Ehe liebend gern ins Kloster gehen würden. Das kann also doch nicht so schlecht sein.

Lainer: Übrigens, bevor ich es noch vergesse: Mein Neffe war in einer Messe, die Sie geleitet haben. Danach hat er zu mir gesagt "Der Pfarrer ist echt geil." Und es stimmt tatsächlich: Sie sind Abt, aber ein lässiger Typ.

Standard: Herr Abt, was macht Sie so geil?

Felhofer: Geil? Sagen wir so: Die Leute sagen öfter zu mir "Klass, dass du so normal bist." Die wundern und freuen sich, wenn sie plötzlich eine positive Kirchenerfahrung machen. Eigentlich ist es traurig. Mit der Kirche wird so viel Negatives assoziiert. Die vielen positiven Dinge werden leider oft ganz übersehen oder nicht mehr wahrgenommen.

Lainer: Lassen wir die Kirche im Dorf. Man kann als katholische Kirche nicht immer nur arm sein, weil die bösen Menschen das Gute unter dem Kirchendach nicht sehen. Zuerst heißt es einmal, vor der eigenen Tür kehren. Stichwort Missbrauchsfälle: Was da ans Tageslicht kam - unglaublich. Da ist sogar mir als Kabarettist das Lachen gründlich vergangen. Dieses Vertuschen muss ein für alle Mal aufhören. Kirche braucht mehr Ehrlichkeit.

Standard: Die katholische Kirche hat aktuell tatsächlich wenig zu lachen - Missbrauchsdebatte, aufmüpfige Pfarrer. Herr Abt, haben diese Vorfälle die Kirche verändert, hat man daraus etwas gelernt?

Felhofer: Durchaus. Es war ein reinigender Prozess. Vor allem hat man erkannt, dass es wirklich furchtbare Sachen gegeben hat und vor allem Opfer. Aber es braucht sicher noch mehr an Veränderung. Deshalb kann ich einzelne Punkte der "aufmüpfigen Pfarrer" verstehen: etwa bei den wiederverheirateten Geschiedenen oder auch beim Zölibat. Ich könnte mir gut vorstellen, dass auch in der Ehe und Gemeinde bewährte verheiratete Männer Priester werden können. Eine Kirche, die immer mehr Gemeinden keinen Vorsteher der Eucharistie mehr gibt, darf sich nicht wundern, wenn darunter die Wertschätzung der Sonntagsmesse selbst leidet.

Lainer: Sie haben eine hohe Position in der Kirche. Können Sie nicht zum Papst fahren und sagen "Papa, des Rad'l lauft net so rund".

Felhofer: Ich glaube nicht, dass ich als kleiner Abt eine Audienz bekomme. Ich bin schon glücklich, wenn wir Christen von den Bischöfen gehört werden und sie die Anliegen nach Rom tragen.

Standard: Herr Lainer, wenn Sie jetzt einen Tag Abt wären. Was würden Sie tun?

Lainer: Schlägler Bier verkosten. Im Ernst: Ich würd zum Papst fahren und ihm sagen, dass nicht alles super in der Kirche ist. Der weiß das nicht. Aber man kann es ihm nicht vorwerfen: Wenn ich jeden Sonntag aus meinem Wohnzimmerfenster schau und mir jubeln immer 20.000 Menschen zu, dann habe ich keine Krise.

Felhofer: Ich würde als Kabarettist meine Klostergemeinschaft aufs Korn nehmen. Im Kloster wird viel gelacht, vor allem, wo junge Mitbrüder sind wie in Schlägl. Ich würde auch manche liebe Schwäche von Alt und Jung aufzeigen, die es auch gibt. Und der Fußball muss Teil des Programms sein. Ich war ja in jungen Jahren ein leidenschaftlicher Kicker - heute leider nur noch ein geplagter LASK-Fan. (Markus Rohrhofer, STANDARD, Printausgabe 24./25./26.12.2011)

Martin Felhofer (64) trat nach der Matura im Juni 1966 in das Prämonstratenserstift Schlägl ein. Nach dem Noviziat studierte er an der Universität Innsbruck Theologie. Am 20. Juni 1989 wurde der begeisterte Jäger und Skifahrer vom Stiftskapitel zum Abt gewählt und steht seitdem der Klostergemeinschaft von 42 Chorherren vor. Mit eigener Brauerei, 6000 Hektar Wald, Gastronomie gehört das Stift Schlägl zu den größten Arbeitgebern im oberen Mühlviertel.

Günther Lainer (42) ist gelernter Tischler, ausgebildeter Pastoralassistent und war in dieser Funktion auch als Religionslehrer in Linz tätig. Im Jahr 2006 brachte der Comedyjongleur zusammen mit dem Kabarettisten Ernst Aigner Österreichs erstes Kirchenkabarett Ich bin der Weinstock, ihr seid die Flaschen auf die Bühne. Am 16. Jänner 2012 hat das neue Programm 99 (gemeinsam mit Klaus Eckel) im Wiener "Stadtsaal" Premiere.

  • Kabarett trifft Kirche vor dem Linzer Mariendom. Günther Lainer (rechts)
 würde als Abt einfach mal beim Papst vorbeischauen und sagen "Papa, des
 Rad'l lauft net so rund" - und Martin Felhofer als Kabarettist gerne 
seine Klostergemeinschaft "aufs Korn nehmen".
    foto: hermann wakolbinger/www.hermann-wakolbinger.at

    Kabarett trifft Kirche vor dem Linzer Mariendom. Günther Lainer (rechts) würde als Abt einfach mal beim Papst vorbeischauen und sagen "Papa, des Rad'l lauft net so rund" - und Martin Felhofer als Kabarettist gerne seine Klostergemeinschaft "aufs Korn nehmen".

  • Kabarettist Günther Lainer: "Viele fragen sich vielmehr: Wie kann man heute noch Katholik sein, ohne Kabarettist zu sein?"
    foto:hermann wakolbinger/www.hermann-wakolbinger.at

    Kabarettist Günther Lainer: "Viele fragen sich vielmehr: Wie kann man heute noch Katholik sein, ohne Kabarettist zu sein?"

  • Abt Martin Felhofer: "Ich kenne Männer, die nach vielen Jahren Ehe liebend gern ins Kloster gehen würden."
    foto: hermann wakolbinger/www.hermann-wakolbinger.at

    Abt Martin Felhofer: "Ich kenne Männer, die nach vielen Jahren Ehe liebend gern ins Kloster gehen würden."

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