"Wer redet schon gern von Unfällen oder Krankheiten"

23. Dezember 2011, 17:56
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Wolfgang Kastel, Chef der Wiener Helfer, will Mut machen, sich mit dem Thema Sicherheit zu befassen, um in Notfällen nicht in Panik zu geraten

Standard: Das Europäische Jahr der Freiwilligkeit neigt sich dem Ende zu. Wie ist Ihre Bilanz?

Kastel: Sehr gut. Wir haben zwei Produkte für Freiwillige entwickelt: Das Tool "Freiwillig für Wien" und die kostenlose Wiener Freiwilligen-Versicherung.

Standard: Was ist "Freiwillig für Wien"?

Kastel: Das bringt Organisationen mit ehrenamtlichen Helfern, die einen Job suchen, zusammen.

Standard: Wo stehen die Österreicher bei dem Thema im internationalen Vergleich?

Kastel: Im ländlichen Bereich ganz gut. Freiwillige Feuerwehr, Rettungsorganisationen - das hat Tradition auf dem Land. Der städtische Bereich ist ein bisschen im Hintertreffen. Im Prinzip hat das Helfen aber einen hohen Stellenwert.

Standard: Eine Studie in Wien hat ergeben, dass nur jeder Dritte "auf jeden Fall" bereit ist, im Notfall zu helfen.

Kastel: Viele Leute haben aus Haftungsgründen Angst davor zu helfen. Die kostenlose Versicherung soll genau diese Angst nehmen und Zivilcourage fördern.

Standard: Was nehmen Sie in puncto Zivilcourage wahr?

Kastel: Es gibt immer wieder Tests mit simulierten Unfällen. Daran sieht man, wie viele Leute tatsächlich vorbeifahren.

Standard: Was passiert bei einem Menschen, der einen Autounfall sieht und nicht anhält?

Kastel: Angst, Unsicherheit. Wir müssen anfangen, dieses Wissen in der Familie zu vermitteln. Wenn ich meinem Kind oder dem Partner nicht mehr helfen kann, dann ist das plötzlich keine anonyme Schlagzeile mehr.

Standard: Bei 41 Prozent der Befragten ist der Erste-Hilfe Kurs mindestens 15 Jahre her. Plädieren Sie für eine regelmäßige Auffrischung?

Kastel: Das wäre absolut sinnvoll. Ich halte nichts davon, das zu oktroyieren. Schlussendlich macht es jeder für sich und sein Umfeld. Wir schieben das Thema Sicherheit weg von uns. Wer redet schon gern von Unfällen oder Krankheiten. Meistens passiert es den anderen, denkt man.

Standard: Was sind die größten Fehler bei der Ersten Hilfe?

Kastel: Bei der Reanimation ist die häufigste Angst, jemandem eine Rippe zu brechen. Ich bevorzuge die gebrochene Rippe, als dass ich nicht mehr am Leben bin. Wer die stabile Seitenlage nicht kann, gefährdet das Leben eines Menschen. Die kleinen Handgriffe sollte jeder können. Der Radetzkymarsch ist zum Beispiel der ideale Rhythmus für die Herzmassage.

Standard: Was wurde früher im Erste-Hilfe-Kurs gelehrt, was heute nicht mehr stimmt?

Kastel: Mund-zu-Mund-Beatmung ist nicht mehr erforderlich. Es reicht, wenn ich die Herzdruckmassage durchführe.

Standard: Wie oft kommt es tatsächlich zu Haftungsklagen?

Kastel: Es kommt vor. Das wehrt die Freiwilligen-Versicherung ab.

Standard: Wie viele haben sich schon eingetragen?

Kastel: Im Schnitt melden sich täglich 70, 80 Privatpersonen an.

Standard: Wälzt die Politik Verantwortung auf Freiwillige ab?

Kastel: Nein. Aber die Arbeit zur Gänze hauptamtlich durchführen zu lassen ist für viele Organisationen nicht finanzierbar.

Standard: Was würde denn passieren, wenn keiner mehr bereit ist, sich ehrenamtlich zu engagieren?

Kastel: Das kann ich mir nicht vorstellen - es gibt viele Menschen, die gerne helfen.

Standard: In Deutschland gibt es immer wieder große Debatten um Zivilcourage, wenn Passanten bei gewalttätigen Übergriffen nicht einschreiten. Ist Einmischung angebracht?

Kastel: Das ist ein sensibles Thema. Wir wollen nicht, dass sich jemand selbst in Gefahr bringt. Den Notruf anrufen hilft schon.

Standard: Wie wichtig ist es, dass ich die richtige Nummer wähle?

Kastel: Das ist ganz wichtig. Wenn jemand null Ahnung von Erster Hilfe hat, kann ihm bei der Rettung ein Sanitäter am Telefon helfen. Der sieht am Bildschirm ein Abfragesystem, mit dem er die Lage beurteilen kann. Das hat die Feuerwehr beispielsweise nicht. Das Weiterleiten an die richtige Stelle kostet wertvolle Zeit.

Standard: Was sind häufige Fehler in einer Notsituation?

Kastel: Panik. Die entsteht aus Unwissenheit. Wenn ich mich nie der Situation beschäftigt habe, kann ich kaum richtig reagieren. (Julia Herrnböck/DER STANDARD, Printausgabe, 24./25.12.2011)

Zur Person

Wolfgang Kastel (50) ist seit 2004 Geschäftsführer der Helfer Wiens, dem Kompetenz-Zentrum für Sicherheit und Zivilschutz. Von 1983 bis 2002 war er bei der Polizei und nebenbei über viele Jahre der Clown in Confetti-TV.

www.diehelferwiens.at

  • Einfach den Rhythmus des Radetzkymarsches bei der Herzdruckmassage anwenden - das kann Leben retten. Eine kostenlose Versicherung für freiwillige Helfer in Wien bewahrt vor Haftungsklagen, sollte doch einmal eine Rippe brechen. "Eintragen", empfiehlt Wolfgang Kastel.
    foto: der standard/andy urban

    Einfach den Rhythmus des Radetzkymarsches bei der Herzdruckmassage anwenden - das kann Leben retten. Eine kostenlose Versicherung für freiwillige Helfer in Wien bewahrt vor Haftungsklagen, sollte doch einmal eine Rippe brechen. "Eintragen", empfiehlt Wolfgang Kastel.

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