Fabian Seiz hat heuer die Gestaltung des Künstler-Weihnachtsbaums im Belvedere übernommen und das Symbol des Weihnachtsfestes umgedreht. Verkehrte Welt? Tradition oder gar Trend?
Wien - Fabian Seiz ist als Kind auch einmal
unter dem Weihnachtsbaum gelegen - allerdings unfreiwillig. Beim Abschmücken sei
die Tanne auf ihm gelandet. "Ein ziemlicher Effekt", lacht der 36-jährige Wiener
in Erinnerung an den glimpflich verlaufenen Baumsturz.
Unter der Christkindperspektive versteht der Künstler jedoch nicht jene des
Christuskindes in der Krippe, sondern die des blondgelockten und weißgewandeten
Gabenbringers und Überfliegers. Seiz interessiert
mehr die Übersicht des Lichtwesens, dessen erhabene, weise Perspektive. Er sei
kein "weihnachtsaffiner" Mensch, sondern Atheist, sagt Seiz, aber es reizte ihn, eine Intervention für die
barocke Sala Terrena des Oberen Belvedere zu realisieren. Hätte man ihn gefragt,
Schmuck für einen Baum zu gestalten, er hätte sicher abgelehnt.
Einen künstlichen Weihnachtsbaum wie das fleischfarbene, phallusartige Ding,
das Gelatin im Vorjahr ins Belvedere stellten, hat er jedoch nicht gezimmert,
sondern vielmehr ein echtes Nadelgehölz in Szene gesetzt: Sein Weihnachtsbaum
hängt kopfüber über einem verspiegelten Podest. Blickt man hinein, schwebt man
quasi über der Baumspitze und über der zuckrigen Stuckschicht mit Atlanten, die
man sich auch als Schneelandschaft denken kann.
Der Perspektivwechsel ist es, der Seiz nicht
nur bei dieser Arbeit interessiert. Auch Spiegel, als Symbol der Erkenntnis,
tauchen in seinen skulpturalen Denkmodellen, die der Künstler oft aus
einfachsten oder gar recycelten Materialien konstruiert, immer wieder auf. Im
Moment entwickelt er eine Maschine, die den Blick auf das Genie des Künstlers
ändert und 456.976 Konzepte für Kunstwerke generieren kann.
Zurück zum Baum: In der Christkindperspektive fällt es womöglich leichter,
über das kapitalistische System und "den ganzen Konsumwahnsinn" nachzudenken:
"Macht es Sinn, lauter Dinge zu besitzen, die man gar nicht real konsumieren
kann, weil die Zeit fehlt, alle Gegenstände auch wirklich zu benützen?" Ist sein
Baum deswegen nackt? "Ja." - Seiz lacht. "Das
Geschenk ist nur der Blick."
Krise und Umbruch schwingen auch in einer aktuellen Installation im
öffentlichen Raum (Karlsplatz, Project Space Kunsthalle) mit: Dort knüpft Seiz an das medial vermittelte Bild zugenagelter Läden
an, oft Katastrophen vorausgehende letzte Maßnahmen. Ein verunsicherndes Bild,
"das einen Ausnahmezustand in der Triple-A-heilen Welt andeutet". Auch
Weihnachten ist ein Fest der Wende. Für die Christen ist der Heiland geboren und
so das Licht in die Welt gekommen; die pagane Welt feiert seit der Antike am 21.
12. Wintersonnenwende, also die wieder lichter werdene Zeit.
Für Seiz hat der kopfüber hängende Baum, so wie
ein umgedrehtes Kreuz, auch etwas Unheilvolles. Satanische Skulptur sei sein
Hang in tree freilich nicht, aber er wollte Weihnachten nicht
idealisieren, es als "etwas unbedingt Schönes darstellen".
Verkehrt herum hängende Weihnachtsbäume sind älter, als man denkt: Auch die
Richtung Decke wurzelnde Tanne, die die iranische Künstlerin Shirazeh Houshiary
bereits 1993 für die Christmas-Tree-Aktion der Tate Britain realisierte,
ist im Vergleich taufrisch. Bis Ende des 19. Jahrhunderts war es in manchen
Regionen üblich, den Tannenbaum verkehrt herum aufzuhängen: Im Waldviertel
findet man in ältereren Häusern noch heute entsprechende Haken. Der Legende nach
bezieht sich diese Tradition auf einen englischen Mönch des 7. Jahrhunderts. Er
bewahrte ein Kind vor einer heidnischen Opferung, indem er eine Eiche mit einem
Hieb umschlug. Das Wunder erfolgte als nachwachsende Fichte, anhand deren Form
er den Ungläubigen die Heilige Dreifaltigkeit erklärte. Die erste christliche
Baumverehrung war erschaffen. Du Spiegel der Dreifaltigkeit heißt das
dazu passende Weihnachtslied, aus einem Kölner Gesangbuch von 1599.
Ob die kopfüber hängenden Lichterbäume in der Grazer Herrengasse oder einem
Salzburger Museumsrestaurant daran anknüpfen? Auch in den USA sind die
baumelnden Bäume ein großer Modetrend - jedoch mehr aus praktikablen,
konsumistischen Gründen: Es gibt unter dem Baum einfach mehr Platz für Packerln. (Anne Katrin Feßler / DER STANDARD, Printausgabe, 24./25./26.12.2011)