"Italien avanciert zum Klassenbesten"

Interview24. Dezember 2011, 12:53
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Innocenzo Cipolletta sagt, dass Deutschland von der Krise in Italien viel mehr profitiert als Schweizer Banken

Standard: Wie sehen Sie die wirtschaftliche Situation Italiens?

Cipolletta: Italien befindet sich in der Rezession. Das Sparpaket von Regierungschef Mario Monti wird die Rezession 2012 zweifellos fördern. Die Erhöhung der Mehrwertsteuer und die Wiedereinführung der Immobiliensteuer werden ebenso wie die Erhöhung der Treibstoff- und Tabakabgaben den Konsum negativ beeinflussen. Jüngsten Berechnungen zufolge wird jeder private italienische Haushalt 2012 durch das Sparpaket mit zusätzlich 1200 Euro im Schnitt belastet.

Standard: Reichen die Maßnahmen zur Wirtschaftssanierung aus?

Cipolletta: Regierungschef Monti hat mit seinem Sparpaket zwar die richtigen Ansätze getroffen. Die Maßnahmen reichen aber zur Belebung der Wirtschaft nicht aus und müssen durch Wachstumsimpulse, durch Liberalisierung und Privatisierung ergänzt werden.

Standard: Wie sieht es mit dem Schuldenabbau aus?

Cipolletta: Italien ist auf dem Weg zum Klassenbesten. Denn die Maßnahmen sind dazu angetan, dass 2013 tatsächlich der Haushaltsausgleich erreicht wird. Damit wird Italien als eines der wenigen, wenn nicht als einziges Land im Euroraum 2013 mit einem ausgeglichenen Haushalt abschließen.

Standard: Was sind die Gründe für die optimistische Vorhersage?

Cipolletta: Italien wird bereits heuer einen Überschuss im Primärhaushalt (ohne Zinsen) erreichen. Dieser Überschuss soll in den nächsten zwei Jahren erhöht werden.

Standard: Sehen Sie eine Gefahr darin, dass Rom bei der bis Mitte 2012 fälligen Emission von Staatspapieren im Wert von 200 Mrd. Euro scheitert?

Cipolletta: Nein, die jüngsten Versteigerungen haben gezeigt, dass die Nachfrage nach Staatstiteln rege ist. Das Angebot war überzeichnet. Schließlich sind auch die Zinsen attraktiv.

Standard: Befürchten sie einen Kreditengpass seitens der italienischen Banken?

Cipolletta: Keineswegs. Die italienischen Banken sind solide und haben derzeit keinerlei Liquiditätsschwierigkeiten. Die Ausleihungen sind in den ersten neun Monaten gestiegen.

Standard: Aber die neuerlichen Kapitalforderungen der EBA (Europäische Bankenaufsicht) im Wert von insgesamt 15 Mrd. Euro bereiten den Kreditinstituten Schwierigkeiten. Wie können diese neuerlichen Kapitalerhöhungen durchgeführt werden?

Cipolletta: UniCredit hat bereits die Zustimmung der Großaktionäre für eine Kapitalaufstockung um 7,5 Mrd. Euro. Bei anderen Banken, wie etwa Monte dei Paschi di Siena, ist die Lage schwieriger. Sie müssen durch Verkauf von Vermögenswerten Kapital sammeln.

Standard: Finden sie die Forderungen der EBA berechtigt?

Cipolletta: Keineswegs. Als Aufsichtsbehörde sollte die EBA nicht rein rechnerische Exempel statuieren, sondern auch politische Entscheidungen treffen und Rücksicht auf die einzelnen Länder und die Situation der jeweiligen Banken nehmen. Wir brauchen heute keine Statistiker, sondern Wirtschaftspolitiker an den Spitzenposten der Aufsichtsbehörden.

Standard: Haben ausländische, insbesondere die Schweizer Banken von der allgemeinen Verunsicherung und einer Zunahme der Kapitalflucht aus Italien profitiert?

Cipolletta: Nicht so sehr die Schweizer Banken, sondern Deutschland profitiert von der Krise in Italien. Denn die Investoren tendieren dazu, Bundesanleihen zu kaufen. Die Sicherheit hat heute Priorität, Rentabilität ist bei der Investitionsentscheidung inzwischen zu einem sekundären Faktor geworden. Insofern werden die deutschen Staatspapiere derzeit in Italien als eine der wenigen sicheren Investitionen gewertet.(Thesy Kness-Basteroli, DER STANDARD; Print-Ausgabe, 24./25.12.2011)

INNOCENZO CIPOLLETTA (70) ist Präsident der Schweizer Großbank UBS in Italien. Er zählt zu den bekanntesten Wirtschaftsexperten des Landes. Als Präsident der Staatsbahnen ist es ihm einst gelungen, die Staatsbahnen wieder in die Gewinnzone zu führen.

  • Innocenzo Cipolletta: Italien wird als eines der wenigen, wenn nicht als einziges Land im Euroraum 2013 mit einem ausgeglichenen Haushalt abschließen.
    foto: agf/armando dadi

    Innocenzo Cipolletta: Italien wird als eines der wenigen, wenn nicht als einziges Land im Euroraum 2013 mit einem ausgeglichenen Haushalt abschließen.

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