China hat 30.000 zusätzliche Soldaten an die Grenze geschickt, um auf Flüchtlingsströme aus Nordkorea vorbereitet zu sein
Unter chinesischen Bloggern macht er die Runde. Der drei Minuten lange
Film des Staatsfernsehens zeigt, wie Nordkoreas verstorbener Führer Kim
Jong-il am 25. Oktober Pekings siebthöchsten Politiker Li Keqiang zur
Audienz empfing. Damals versuchte Li Nordkoreas Führung davon zu
überzeugen, dass es in ihrem Interesse sei, bessere Beziehungen zu den
USA aufzunehmen und zu den Pekinger Sechsparteien-Gesprächen über die
Atomabrüstung zurückzukehren. Bei der Begrüßung des Staatsgastes, der
als nächster Premier Chinas gehandelt wird, durfte der 28-jährige Sohn
Kim Jong-un immer wieder mit ins Bild rücken. Er saß auch beim
Gruppenfoto direkt neben Li. Nur bei der wichtigsten Gesprächsrunde
seines Vaters mit Li Keqiang war er nicht dabei.
Sieben Wochen vor seinem Ableben war Diktator Kim offenbar dabei, seinen
Sohn als Nachfolger auch international zu präsentieren, aber noch nicht
bereit, ihn in seine Gespräche einzubeziehen. Er glaubte Zeit dafür zu
haben, weil er sich für fit genug hielt. Der Tod hat Kims Pläne
vorzeitig durchkreuzt.
Während Pjöngjang in seinen bis 29. Dezember dauernden Trauermodus um
den im Glassarg aufgebahrten Kim versinkt, ist die asiatisch-pazifische
Region zum Schauplatz hektischer Diplomatie geworden. Der Tod kam
ausgerechnet in einem Moment, als wieder Bewegung im Atomwaffenstreit
mit Nordkorea aufkam. Es gab Hinweise, dass Pjöngjang für die
Wiederaufnahme der Sechsparteien-Gespräche als Vorleistung sein Programm
zur Urananreicherung stornieren wollte, wenn die USA im Gegenzug
Nahrungsmittelhilfe leisteten.
Die Staatschefs und Außenminister der USA, Chinas, Japans, Südkoreas und
Russlands verständigen sich darauf, den heiklen Übergang abzuwarten. Sie
wollen Pjöngjang keinen Vorwand für Missverständnisse oder für eine
Zuspitzung interner Machtkämpfe bieten. Südkoreas Präsident Lee
Myung-bak stoppte als Geste den vom Norden attackierten Aufbau von drei
"Weihnachtstürmen" an der verminten Grenze. China versicherte Nordkorea,
dass sich am besonderen Stellenwert ihrer Beziehungen nichts ändern
werde. Aber Peking geht auch auf Nummer sicher: Die Regierung verstärkte
ihre Grenztruppen entlang des Yalu- und des Tumenflusses um 30.000 Mann.
Sie will vorbereitet sein, wenn es im Fall innerer Wirren zum Ansturm
von Flüchtlingen kommt.
Vor 35 Jahren befand sich China in ähnlicher Lage. Despot Mao Tse-tung
starb in einem heruntergewirtschafteten Staat, ohne eine stabile
Nachfolge zu hinterlassen. Damals brauchte man 16 Stunden, um die
Nachricht melden zu können und eine Namensliste des Trauerkomitees mit
375 Funktionären zu veröffentlichen. Nordkorea bastelte mehr als zwei
Tage an seiner Liste mit den 232 Mächtigsten des Landes. Sohn Kim
Jong-un führt sie an. Unklar nur ist, auf wen er sich stützen kann außer
dem von seinem Vater bestellten Triumvirat. Chinesische
Nordkoreaexperten fanden heraus, dass die Funktionäre nach ihrem Rang in
den traditionellen Machtstrukturen der Arbeiterpartei aufgereiht sind.
Das könne ein ermutigendes Zeichen für die Rückkehr zu "politisch
geordneteren und berechenbareren" Verhältnissen sein, eine allmähliche
Abkehr von der "Songun-Politik" einer Militärdiktatur , bei der die
"Armee zuerst kommt".
Doch Zhang Liangui von der Parteihochschule warnt, dass die Mehrheit des
Komitees Militärs sind und es in Kims Familiendynastie keine Tradition
mit kollektiven Führungen gab. "Die kritischste Phase kommt erst nach
der Trauerzeit innerhalb des ersten Halbjahres." Der Sohn stehe unter
enormem Druck, seine Vertrauten in die Positionen zu bekommen, die seine
Herrschaft konsolidieren können. (DER STANDARD Printausgabe, 24.12.2011)