"Kritische Phase kommt erst nach Trauerzeit"

23. Dezember 2011, 18:33
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China hat 30.000 zusätzliche Soldaten an die Grenze geschickt, um auf Flüchtlingsströme aus Nordkorea vorbereitet zu sein

Unter chinesischen Bloggern macht er die Runde. Der drei Minuten lange Film des Staatsfernsehens zeigt, wie Nordkoreas verstorbener Führer Kim Jong-il am 25. Oktober Pekings siebthöchsten Politiker Li Keqiang zur Audienz empfing. Damals versuchte Li Nordkoreas Führung davon zu überzeugen, dass es in ihrem Interesse sei, bessere Beziehungen zu den USA aufzunehmen und zu den Pekinger Sechsparteien-Gesprächen über die Atomabrüstung zurückzukehren. Bei der Begrüßung des Staatsgastes, der als nächster Premier Chinas gehandelt wird, durfte der 28-jährige Sohn Kim Jong-un immer wieder mit ins Bild rücken. Er saß auch beim Gruppenfoto direkt neben Li. Nur bei der wichtigsten Gesprächsrunde seines Vaters mit Li Keqiang war er nicht dabei.

Sieben Wochen vor seinem Ableben war Diktator Kim offenbar dabei, seinen Sohn als Nachfolger auch international zu präsentieren, aber noch nicht bereit, ihn in seine Gespräche einzubeziehen. Er glaubte Zeit dafür zu haben, weil er sich für fit genug hielt. Der Tod hat Kims Pläne vorzeitig durchkreuzt.

Während Pjöngjang in seinen bis 29. Dezember dauernden Trauermodus um den im Glassarg aufgebahrten Kim versinkt, ist die asiatisch-pazifische Region zum Schauplatz hektischer Diplomatie geworden. Der Tod kam ausgerechnet in einem Moment, als wieder Bewegung im Atomwaffenstreit mit Nordkorea aufkam. Es gab Hinweise, dass Pjöngjang für die Wiederaufnahme der Sechsparteien-Gespräche als Vorleistung sein Programm zur Urananreicherung stornieren wollte, wenn die USA im Gegenzug Nahrungsmittelhilfe leisteten.

Die Staatschefs und Außenminister der USA, Chinas, Japans, Südkoreas und Russlands verständigen sich darauf, den heiklen Übergang abzuwarten. Sie wollen Pjöngjang keinen Vorwand für Missverständnisse oder für eine Zuspitzung interner Machtkämpfe bieten. Südkoreas Präsident Lee Myung-bak stoppte als Geste den vom Norden attackierten Aufbau von drei "Weihnachtstürmen" an der verminten Grenze. China versicherte Nordkorea, dass sich am besonderen Stellenwert ihrer Beziehungen nichts ändern werde. Aber Peking geht auch auf Nummer sicher: Die Regierung verstärkte ihre Grenztruppen entlang des Yalu- und des Tumenflusses um 30.000 Mann. Sie will vorbereitet sein, wenn es im Fall innerer Wirren zum Ansturm von Flüchtlingen kommt.

Vor 35 Jahren befand sich China in ähnlicher Lage. Despot Mao Tse-tung starb in einem heruntergewirtschafteten Staat, ohne eine stabile Nachfolge zu hinterlassen. Damals brauchte man 16 Stunden, um die Nachricht melden zu können und eine Namensliste des Trauerkomitees mit 375 Funktionären zu veröffentlichen. Nordkorea bastelte mehr als zwei Tage an seiner Liste mit den 232 Mächtigsten des Landes. Sohn Kim Jong-un führt sie an. Unklar nur ist, auf wen er sich stützen kann außer dem von seinem Vater bestellten Triumvirat. Chinesische Nordkoreaexperten fanden heraus, dass die Funktionäre nach ihrem Rang in den traditionellen Machtstrukturen der Arbeiterpartei aufgereiht sind. Das könne ein ermutigendes Zeichen für die Rückkehr zu "politisch geordneteren und berechenbareren" Verhältnissen sein, eine allmähliche Abkehr von der "Songun-Politik" einer Militärdiktatur , bei der die "Armee zuerst kommt".

Doch Zhang Liangui von der Parteihochschule warnt, dass die Mehrheit des Komitees Militärs sind und es in Kims Familiendynastie keine Tradition mit kollektiven Führungen gab. "Die kritischste Phase kommt erst nach der Trauerzeit innerhalb des ersten Halbjahres." Der Sohn stehe unter enormem Druck, seine Vertrauten in die Positionen zu bekommen, die seine Herrschaft konsolidieren können. (DER STANDARD Printausgabe, 24.12.2011)

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    Eine Satellitenaufnahme zeigt die Isolation und die mangelnde Stromversorgung in Nordkorea im Gegensatz zu Südkorea.

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