Hosianna! Hosianna! Hosianna!

23. Dezember 2011, 19:23
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"Engel": Fotograf Gerd W. Götzenbrucker begab sich in Wien auf kunsthistorische Spurensuche der christlichen Verkünder

Die umgedrehte Fackel eines Genius, der Lorbeerkranz in der Hand eines Engels, in der Hand eine Lyra, eine Mohnkapsel, ein Buch am Schoß, das Haupt von Efeu umrankt. Engel- und Geniendarstellungen spielen seit zwei Jahrtausenden eine wesentliche Rolle in der christlichen Symbolik. Die himmlischen Wesen dienen in der religionsphilosophischen Vorstellungswelt sowohl als Mittler wischen den Welten - zwischen Diesseits und Jenseits - als auch als Beschützer, die über das Leben der Menschen wachen, ihnen auch im und nach dem Tod nahestehen.

Auf kunsthistorische Spurensuche der christlichen Verkünder begab sich Fotograf Gerd W. Götzenbrucker in Wiener Sakralbauten: Kirchen, Mausoleen und auf Friedhöfen. Er spannt einen weiten Bogen von steinernen Genien zu marmornen und bronzenen Engeln der Belle Epoque bis zu sanft-erotischen Skulpturen des Wiener Jugendstil. Herausragendes stammt von den Bildhauern Josef Valentin Kassin, Rudolf Weyr, Edmund von Hellmer, Richard Kauffungen, Johanes Benk und Carl Kundmann. Neben der fotografischen Dokumentation erklärt Götzenbrucker auch die Historie der Figuren und bringt Licht in das mystische Dunkel der Symbolik von Motiven wie Sanduhren, Schlangen, Schmetterlingen, Fackeln und Ankern.

Genien sind antike Vorbilder frühchristlicher Engelsgestalten. Ursprünglich waren sie Geister der Ahnen, die über ihre Nachkommen wachten. Aus diesen entwickelten sich dann persönliche Schutzgeister, denen man opferte und sich Hilfe erhoffte. Mit dem Historismus und dem charakteristischen Rückgriff auf antike Darstellungen fanden diese Figuren Einzug in die Sepulkralkunst. Die griechische Mythologie stellte, laut Homer, den Tod als Zwillingsbruder des Schlafes dar. Dementsprechend häufig sind Engelsdarstellungen als Thanatos und Hypnos. Engel wurden, trotz der sakralen Intention, in höchstem Maße ästhetisiert. So entstanden formvollendete, oft androgyne Wesen; sinnliche, junge Mädchen sowie muskulöse, gestählte Jünglinge in idealisierter Art eines Adonis.

Engel und Genien sind von jeher Vermittler unterschiedlicher Welten. Sie künden vom Beginn des Lebens, und vom Ende. Sie sind Symbol des Daseins sowie Synonym für Vergänglichkeit und Unendlichkeit, für Alpha und Omega. (Gregor Auenhammer

 

 

Gerd W. Götzenbrucker, "Engel. Meisterwerke der Friedhofskunst". € 29,90, 208 Seiten. Wiener Dom Verlag, Wien 2011

  • Ein  Todesgenius mit Aschenkrug auf dem Friedhof Mauer
    foto: götzenbrucker

    Ein Todesgenius mit Aschenkrug auf dem Friedhof Mauer

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