"Engel": Fotograf Gerd W. Götzenbrucker begab sich in Wien auf kunsthistorische Spurensuche der christlichen Verkünder
Die umgedrehte Fackel eines Genius, der Lorbeerkranz in der Hand eines
Engels, in der Hand eine Lyra, eine Mohnkapsel, ein Buch am Schoß, das
Haupt von Efeu umrankt. Engel- und Geniendarstellungen spielen seit
zwei Jahrtausenden eine wesentliche Rolle in der christlichen
Symbolik. Die himmlischen Wesen dienen in der religionsphilosophischen
Vorstellungswelt sowohl als Mittler wischen den Welten - zwischen
Diesseits und Jenseits - als auch als Beschützer, die über das Leben der
Menschen wachen, ihnen auch im und nach dem Tod nahestehen.
Auf kunsthistorische Spurensuche der christlichen Verkünder begab sich
Fotograf Gerd W. Götzenbrucker in Wiener Sakralbauten: Kirchen,
Mausoleen und auf Friedhöfen. Er spannt einen weiten Bogen von
steinernen Genien zu marmornen und bronzenen Engeln der Belle Epoque bis
zu sanft-erotischen Skulpturen des Wiener Jugendstil. Herausragendes
stammt von den Bildhauern Josef Valentin Kassin, Rudolf Weyr, Edmund
von Hellmer, Richard Kauffungen, Johanes Benk und Carl Kundmann. Neben
der fotografischen Dokumentation erklärt Götzenbrucker auch die Historie
der Figuren und bringt Licht in das mystische Dunkel der Symbolik von
Motiven wie Sanduhren, Schlangen, Schmetterlingen, Fackeln und Ankern.
Genien sind antike Vorbilder frühchristlicher Engelsgestalten.
Ursprünglich waren sie Geister der Ahnen, die über ihre Nachkommen
wachten. Aus diesen entwickelten sich dann persönliche Schutzgeister,
denen man opferte und sich Hilfe erhoffte. Mit dem Historismus und dem
charakteristischen Rückgriff auf antike Darstellungen fanden diese
Figuren Einzug in die Sepulkralkunst. Die griechische Mythologie
stellte, laut Homer, den Tod als Zwillingsbruder des Schlafes dar.
Dementsprechend häufig sind Engelsdarstellungen als Thanatos und Hypnos.
Engel wurden, trotz der sakralen Intention, in höchstem Maße
ästhetisiert. So entstanden formvollendete, oft androgyne Wesen;
sinnliche, junge Mädchen sowie muskulöse, gestählte Jünglinge in
idealisierter Art eines Adonis.
Engel und Genien sind von jeher Vermittler unterschiedlicher Welten. Sie
künden vom Beginn des Lebens, und vom Ende. Sie sind Symbol des Daseins
sowie Synonym für Vergänglichkeit und Unendlichkeit, für Alpha und
Omega. (Gregor Auenhammer
Gerd W. Götzenbrucker, "Engel. Meisterwerke der Friedhofskunst". € 29,90, 208 Seiten. Wiener Dom Verlag, Wien 2011