Mit Industriespionage zu Rekordanerkennung

23. Dezember 2011, 19:20
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Barockes Porzellan aus Doccia genießt auf dem Kunstmarkt Raritäten-Status.

Spitzenstücke finden sich auch in der Sammlung des Fürsten von Liechtenstein.

Die Interessen Carlo Andrea Ginoris, der einer alteingesessenen Florentiner Familie entstammte, die mit dem Wollhandel zu Reichtum gelangte, waren vielseitig. Der Politiker und Unternehmer führte etwa in der Toskana die Zucht der Angoraziege ein, förderte den Korallenfang vor der Küste oder importierte exotische Pflanzen.

Nebenbei hegte er aber auch eine Leidenschaft für Porzellan und widmete sich ab 1735 intensiven Studien zur Herstellung selbigens. Als der Marchese 1737 in diplomatischer Mission Wien einen Besuch abstattete, besichtigte er ebenso die hiesige Porzellanmanufaktur. Eine historische Industriespionage ist nicht bewiesen, wiewohl es Ginori gelang, zwei in Wien tätige Fachleute für die Mitarbeit in seiner im selben Jahr auf seinem Landgut in Doccia nahe Florenz gegründeten Porzellanmanufaktur zu gewinnen: Den Hafner Giorgio della Torri sowie den Porzellanmaler Carl Wendelin Arnreiter von Ziernfeld.

Die frühe Doccia-Produktion ist deshalb stark vom Einfluss der Wiener Kunst und Kultur des Barock geprägt. 2005 widmete das Liechtenstein Museum (Wien) diesen engen Bezügen eine viel beachtete Ausstellung ("Barocker Luxus Porzellan - Die Manufakturen Du Paquier (Wien) und Carlo Ginori (Florenz)"). Nach dem Tod Carlo Ginoris 1757 hatte sein Sohn Lorenzo die Manufaktur übernommen und führte die Erzeugung von Gebrauchsgeschirr ein, womit die Produktion wesentlich gesteigert wurde. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts sollte sie sich in ein regelrechtes Industrieunternehmen entwickeln.

Die frühen Doccia-Porzellane haben auf dem internationalen Kunstmarkt Raritäten-Status und erzielen entsprechende Preise. Im November 2010 gelangte beispielsweise bei Sotheby's in New York die Caligula-Büste aus der Serie der ab 1754 produzierten Serie der zwölf Cäsaren zur Auktion. Sie stammte ursprünglich aus der legendären Privatsammlung Robert Lehmans (1891-1969, ehemaliger Leiter Lehman Brothers), die nach seinem Tod größtenteils dem Metropolitan Museum (New York) vermacht worden war.

Cäsaren & antiken Helden

Entgegen der angesetzten Taxe von 8000 bis 12.000 Dollar fiel der Hammer erst bei stattlichen 266.500 Dollar (196.304 Euro). Dieser Wert wurde am 7. Dezember bei Bonhams (London) beeindruckend übertroffen. Im Angebot stand ein 82 cm hoher Herkules, für den die Kunsthandlung Neuse (Bremen) mit 657.250 Pfund (762.400 Euro) den neuen Doccia-Auktionsrekord bewilligte. Das weiß glasierte Unikat gehört zu einer Serie von Großfiguren nach Modellen der Antike, die Ginori in den 1740er-Jahren in seiner Manufaktur orderte.

Im Gegensatz zur 95 cm hohen und ebenfalls dieser Serie zugehörige Porzellanskulptur des Paris, die 2007 für kolportierte zwei Millionen Euro über den Londoner Kunsthandel in die fürstliche Sammlung wechselte, sei der aktuelle Farnese-Herkules geradezu plump, weshalb man kein Interesse am Erwerb aufbringen konnte, erklärt Johann Kräftner (The Princely Collections).

Zu weiteren Exponaten mit Doccia-Provenienz im Liechtenstein-Bestand zählen ein 1750 gefertigter Hippomenes sowie die 1745 ausgeführte Serie der von Anreiter von Ziernfeld farbig gefassten Vier Jahreszeiten. Etwa zwei Jahre, so schätzt Kräftner rückblickend, hatte die Verfolgungsjagd der ebenfalls im Londoner Kunsthandel für etwas mehr als zwei Millionen Euro ergatterten Figuren gedauert. Seit Juni 2008 korrespondierten sie mit ihren Vorbildern, den das Badminton Cabinett (Christie's, Dezember 2004: 27,2 Mio. Euro) zierenden Bronzefiguren aus der Zeit um 1720/32. Derzeit gibt das Doccia-Quartett ein Auswärtsspiel, konkret im Kunsthistorischen Museum (Wien), im Zuge der Ausstellung "Wintermärchen" (bis 8. Jänner 2012). (kron

  • 82 cm misst dieser   Doccia-Herkules, den sich der deutsche Handel 762.400 Euro kosten ließ.
    foto: bonhams

    82 cm misst dieser Doccia-Herkules, den sich der deutsche Handel 762.400 Euro kosten ließ.

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