Christine Nöstlinger über den Krisenfall Weihnachten
Für meine Mutter war der Heilige Abend geliebter Höhepunkt des
Jahres, für meinen Vater war er verachteter Tiefpunkt des Jahres. Ich
war das Kind dazwischen.
Da ich mich für keine kompetente Auskunftsperson halte, pflege ich mich
nur in Notfällen zu fragen. Lieber hole ich mir Antworten auf meine
Fragen von Leuten, die für mich Autoritäten sind. Die Notfälle ergeben
sich nur, wenn mir zwei Autoritäten diametral entgegengesetzte Antworten
liefern. So ein Notfall war in meiner Kindheit Weihnachten.
Da blieb mir nichts anderes übrig, als mich zu fragen, was ich davon
halte. Aber so oft ich mich auch fragte, ich bekam keine eindeutige
Antwort von mir. Schuld daran waren meine zwei Kindheits-Autoritäten,
meine Mutter und mein Vater. Für meine Mutter war der Heilige Abend
geliebter Höhepunkt des Jahres, für meinen Vater war er verachteter
Tiefpunkt des Jahres.
Mein Vater hielt Weihnachten schlicht und einfach für ein religiöses
Fest, das ihn nichts anging. Mit Religion hatte auch meine Mutter nichts
im Sinn. Sie wollte ein Fest feiern, das den Glanz und den Luxus ihrer
Kindheit herzauberte. Sie war ein reiches Kind gewesen, dem die
Großmutter jeden Wunsch erfüllt hatte. Dann war die Großmutter
gestorben, der Erste Weltkrieg war gekommen, die Vormundschaft hatte mit
dem Vermögen des Kindes Kriegsanleihe gezeichnet, und nach dem Krieg war
aus dem reichen Kind ein bettelarmes geworden. Akzeptiert hat meine
Mutter diese Enteignung nie. Ging ich mit ihr spazieren und kamen wir an
Häusern oder Grundstücken vorbei, die einmal zu ihrem Besitz gehört
hatten, sagte sie immer: "Das alles gehört eigentlich uns!" Und weil sie
"das alles" nicht zurückholen konnte, sollte wenigstens der Heilige
Abend so sein wie damals, in den reichen Zeiten. Wenn man in einer
Zimmer-Küche-Kabinett-Wohnung lebt, lässt sich natürlich kein Fest wie
in einem Zwölf-Zimmer-Haus mit Kronlüstern, Dienstboten und prächtig
gedeckter Tafel feiern. Also konzentrierte sie sich auf das Mögliche,
und das waren: der Christbaum und die Geschenke!
Im März fing sie an, Geschenke zu kaufen. Gab es halt zweimal die Woche
Grenadiermarsch oder Grießschmarren, Hauptsache, der Weihnachtskasten
füllte sich mit Paketen! Der Weihnachtskasten war ein hellgrüner
Schleiflack-Schrank. Er war das einzige Möbel, das meiner Mutter aus
Kindertagen geblieben war, und er war nur für die Weihnachtsgeschenke da
und stets versperrt.
Wer auf vierzig Quadratmetern lebt, dem mangelt es an Stauraum. Da muss
viel Hab und Gut, selbst wenn man wenig besitzt, auf Schränken und unter
Betten gelagert werden. In so beengten Verhältnissen einen Kasten für
nichts als Weihnachtsgeschenke zu haben, hielt mein Vater für irren
Luxus, für verrückt. Und wenn ich wieder einmal fünf Schachteln von
einem Schrank holen musste, um meine Winterschuhe zu finden, gab ich ihm
recht.
Gegen Ende Oktober war der Weihnachtskasten randvoll mit
Packpapierpaketen, und meine Mutter verkündete zufrieden: "Ich hab für
Weihnachten schon alles beinand!" Bei zweimal die Woche Grenadiermarsch
und Grießschmarren blieb es trotzdem, denn nun brachte sie täglich
"Christbaumstücke" heim. Geigen, Likörfläschchen, Zwerge, Nüsse,
Tannenzapfen und Glocken aus Schokolade, in buntes Stanniol gewickelt.
Jeden Abend saß sie vor ihren Schätzen, sortierte und überlegte, was
noch fehlte und wo es zu "ergattern" wäre. Einmal fuhr sie mit der
Straßenbahn nach Favoriten, weil jemand gesagt hatte, dass es dort in
einem Zuckerlgeschäft Schoko-Papageien gibt.
Am ersten Tag, an dem es Christbäume zu kaufen gab, zogen wir los. Meine
Mutter, meine Schwester und ich. Wir liefen kreuz und quer durch
Hernals, von Christbaum-Verkauf zu Christbaum-Verkauf, bis wir eine
Tanne fanden, die meiner Mutter gefiel. Schnaufend schleppten wir sie
heim und lehnten sie im Hof an die Hausmauer. Dass sie zu groß
ausgefallen war, denn sie reichte bis zu den Fenstern im ersten Stock,
ignorierte meine Mutter. Sie war bloß glücklich, den schönsten Baum
heimgeholt zu haben. Und dieses Glück hielt an. Sie summte
Weihnachtslieder vor sich hin, mehrte ihren Schatz an
"Christbaumstücken" und buk Kekse. Honigbusserln und Spitzbuben. Mit
jedem Tag zum 24. Dezember hin, summte sie lauter und glücklicher. Und
je lauter und glücklicher ihr Summen wurde, umso mehr versteinerte sich
die Miene meines Vaters. Und je näher der Heilige Abend rückte, umso
seltener tauchte er aus dem Kabinett auf. Das Kabinett war sein Reich.
Da schlief er, und da hatte er seinen Werktisch, an dem er Uhren
reparierte.
Am Tag vor dem Heiligen Abend fing mein Einsatz an. Ich hatte Schokolade
auf Eckerln zu brechen und in Fransenpapier zu wickeln. Spätestens nach
zwei Stunden des Wickelns verging mir der Spaß an der Sache, aber mir
war klar: Meine Mutter hätte eher Verständnis für drei Wochen
Schulschwänzen als für die Verweigerung der Fransen-Wickel-Tortur. Also
wickelte ich brav und erzeugte lockere Riesenberge bunten Behangs.
Möglicherweise war auch meine Schwester am Wachsen der Berge beteiligt,
aber in meiner Erinnerung sehe ich mich als einsame, frustrierte
Akkord-Arbeiterin, zwischen Schüsseln voll Keksen und Schachteln voll
"Christbaumstücken".
Tannengrün und Osrambirnen
Am Vierundzwanzigsten in der Früh dann, machten wir uns ans Möbelrücken.
In unserem Zimmer standen zwei Lotterbetten, ein Klappbett, zwei
Schränke, ein Ofen, der Weihnachtskasten, ein Esstisch, vier Sessel,
eine Kommode, zwei Polstersessel, ein Tischerl mit dem Radio drauf, ein
Pianino samt Stockerl, und ein Monstrum, das meine Mutter
Speiszimmerkredenz nannte. Für den riesigen Christbaum war da kein
Platz. Also kam der Esstisch vor die Lotterbetten, die Polstersessel
wanderten in die Küche, das Tischerl samt Radio kam auf die Kommode, und
das Stockerl rollte unter den Esstisch.
War das geschafft, bekam ich von meiner Mutter den Auftrag, meinem Vater
zu sagen, dass er den Christbaum hereinholen möge. In Krisensituationen
kommunizierten meine Eltern stets über mich als Vermittlerin. Dass sich
meine Mutter beim Christbaumkauf verschätzt hatte, war mein Vater
gewöhnt, also nahm er gleich den Fuchsschwanz in den Hof mit, wo er
dann, vor sich hin fluchend, dem Baum das untere Drittel absägte, und
nachdem das erledigt war, dem zugespitzten Stammende das Christbaumkreuz
aufklopfte. Wobei er bei jedem Schlag, den er tat, grimmiger
dreinschaute und verbitterter fluchte. Da mein Vater ein gutes Augenmaß
hatte, reichte der Baum, in die Senkrechte gebracht, exakt vom Boden bis
zur Zimmerdecke. Bloß konnte sich die unterste Astreihe nicht optimal
entfalten. So viel Platz hatten wir nicht schaffen können. Also musste
mein Vater wieder sägen, und was er unten abgesägt hatte, nach Anweisung
meiner Mutter weiter oben einsetzen, weil die Tannen nicht so perfekt
gewachsen waren wie heutzutage.
Gegen Mittag stand, zwischen meinem Lotterbett und der
Speiszimmerkredenz, der schönste Christbaum, den man sich denken kann,
und mein Vater versuchte den Rückzug in sein Kabinett. Ohne Erfolg. Denn
die Leiter, die auf dem Gang-Klo hing, in die Wohnung zu tragen, war
nach Ansicht meiner Mutter, Männerarbeit. Und die Leiter hochzusteigen,
um das obere Drittel des Baumes zu schmücken, war ebenfalls
Männerarbeit. Weil Kinder leicht von Leitern fallen und sie selber ab
der zweiten Leiterstufe Höhenangst bekam. Ich bot mich jedes Jahr an,
die Leiter zu erklimmen, aber meine Mutter bestand darauf, dass dies
mein Vater tun müsse. Glücklich lächelnd und weihnachtliches Liedgut
summend, überreichte sie ihm den silbernen Christbaumspitz. Mein Vater
nahm ihn, stieg die Leiter rauf, rammte den Spitz so wütend auf das
Tannenspitzel, dass alle Äste bebten, und nun war der Zeitpunkt für
seine Gegenwehr gekommen! Lauthals sang er "Morgen, Kinder, wird's was
geben" auf uns runter. Allerdings mit dem Text von Erich Kästner. "...
doch ihr dürft nicht traurig werden, Reiche haben Armut gern.
Gänsebraten macht Beschwerden. Puppen sind nicht mehr modern. Morgen
kommt der Weihnachtsmann, allerdings nur nebenan."
Meiner Mutter verschlug es das Summen. Ihre Augen füllten sich mit
Tränen. Sie tat mir wirklich leid, aber spätestens, wenn die Stelle kam
"... Tannengrün und Osrambirnen, lernt drauf pfeifen, werdet stolz,
reißt die Bretter von den Stirnen, denn im Ofen fehlt's an Holz", sang
ich mit.
In den Konflikt meiner zwei Kindheits-Autoritäten hatte sich eine dritte
Autorität eingemischt, meine Kinderbuch-Autorität, und der konnte ich
einfach nicht widerstehen. Mit Zitterstimme rief meine Mutter: "Hört
sofort auf, macht nicht immer alles schlecht!" Aber mein Vater und ich
sangen weiter, bis zum schönen Ende: "... Wer nichts kriegt, der kriegt
Geduld. Morgen, Kinder, lernt fürs Leben. Gott ist nicht allein dran
schuld. Gottes Güte reicht so weit ... Ach, du liebe Weihnachtszeit!"
Dann stieg mein Vater erleichtert grinsend von der Leiter und verschwand
in seinem Kabinett. Und meine Mutter schimpfte hinter ihm her: "Wenn
nicht Weihnachten wäre, würde ich die Scheidung einreichen!"
Ob mein Vater aus seinem Kabinett wieder rausgekommen ist, weiß ich
nicht mehr. In meiner Erinnerung taucht er an den Heiligen Abenden weder
neben dem strahlenden Christbaum noch zwischen den Geschenkebergen auf.
Wahrscheinlich hat ihn meine Mutter zum Rauskommen gezwungen, und ich
habe ihn einfach übersehen, damit ich mich so freuen kann, wie es sich
meine Mutter von mir wünscht. Und ich frage mich noch heute, zwei
Jahrzehnte nach dem Tod meiner Mutter, ob ich ihr zuliebe oder mir
zuliebe Weihnachten feiere.
Morgen, Kinder, wird's was geben. Doch ihr dürft nicht traurig werden.
Reiche haben Armut gern. Gänsebraten macht Beschwerden. Puppen sind
nicht mehr modern ... (Christine Nöstlinger / DER STANDARD, Printausgabe, 24./25./26.12.2011)