Wohin mit den EZB-Milliarden

Gastkommentar | 23. Dezember 2011, 09:16

Was tun mit 492 Milliarden Euro zu einem Prozent Zins? Leider keine Satire - Von Alexander Dill

Die Europäische Zentralbank unter Mario Draghi hat eine rettende Idee für die Eurokrise: 489,2 Milliarden Euro stellte sie insgesamt 523 Banken zu einem Zinssatz von einem Prozent für drei Jahre zur Verfügung. Die Bedingung ist beinhart: Die Banken, so die europäischen Geldschöpfer, sollen mit dem Geld das machen, was sie am besten können, nämlich das, was sie wollen. Was aber wollen Banken mit diesem Geld machen? Einige aktuelle Beispiele.

Geschäftsidee 1: Italienische Anleihen zu sechs Prozent

Eine Idee wäre es, italienische Staatsanleihen zu sechs Prozent zu kaufen. Für Staatsanleihen muss nämlich - im Gegensatz zu Krediten an Wirtschaftsunternehmen - kein Eigenkapital nachgewiesen oder gebildet werden. Die Zinsen für diese Anleihen zahlt der italienische Steuerzahler. Er zahlt damit zum dritten Mal: Zunächst muss er die Einlagen in die Europäische Zentralbank finanzieren, zum zweiten deren Erhöhung und Haftung zur Auszahlung der 489,2 Milliarden Bankenhilfe und zum dritten dann die Zinsen, von denen fünf Prozent zur Auszahlung eines absolut leistungslosen Einkommens von Banken und Anlegern und zur Finanzierung korrupter Beamter und Politiker dienen.

Ist es möglich, dies als ein Geschäftsmodell einer europäischen Zentralbank zu denken und zu bezeichnen? Kann Geld, das für viele Kapitalismuskritiker noch immer als private Bereicherungsmethode gilt, auch in seiner öffentlichsten und damit demokratischsten Form zum organisierten Raub an Gemeinschaftsressourcen werden?

Geschäftsidee 2: 18 Prozent zur Finanzierung von Spielsüchtigen in Las Vegas

Der Stolz von Asmussen, Steinbrück, Schäuble und Merkel, die Deutsche Bank, konnte im Jahre 2010 eine Eigenkapitalquote von 2,56 Prozent ausweisen. Sie hätte für zwei bis drei Milliarden von der EZB möglicherweise eine bessere Idee, als italienische Staatsanleihen. Die Deutsche Bank betreibt nämlich seit einigen Jahren in Las Vegas das Casino Cosmopolitan, da dessen Besitzer, Bruce Eichner, nicht mehr zahlen konnte. Um die rund 3 Milliarden Dollar wieder einzutreiben, reichen Hotelbetten nicht aus. Es muss gespielt werden. Da aber die Amerikaner äußerst knapp bei Kasse sind, hat "Joe" Ackermann eine viel bessere Idee: Klamme Spieler, die im Cosmopolitan ihren letzten Dime setzen möchten, erhalten dafür von der Deutschen Bank einen Kredit zum unschlagbaren Kampfpreis von 18 Prozent Zinsen pro Jahr. Sie können bereits vorher online ihren Kreditantrag vom Wohnwagen aus ausfüllen  und darin folgendem Satz zustimmen: „I will pay interest at the rate of eighteen percent (18%) per annum."

Die Ökonomen der EZB und der Bundesbank werden dieses Modell sicher - wie einst die Subprime-Kredite - als Stärkung der europäischen Finanzwirtschaft ansehen. Begründung: Wenn die europäischen Steuerzahler nicht die Spieleinsätze in Las Vegas finanzieren, drohen in Europa die Lichter auszugehen. Diesem klugen Argument ist leider wenig entgegenzuhalten.

Geschäftsidee 3: Ulrich Wickert und das Wir-Prinzip zu 18,25 Prozent

Nicht jede Bank hat ein Casino in Las Vegas. Aber die deutschen Volks- und Raiffeisenbanken können unter Berücksichtigung der geringeren Ausfallrate in Deutschland auch casinowürdige Renditen einfahren. Wie? Mit dem Wir-Prinzip. Dieses wurde 1998 von der Werbeagentur Bates für die DG-Bank entwickelt  und gilt auch heute noch. Zitat aus dem damaligen Werbekonzept: „... eine Profilierung über die Soft- Facts bewirkt (z. B. Partnerschaft), welche sich aus den Wertvorstellungen und Haltungen des Genossenschaftswesens herleiten."

Welche Wertvorstellungen und Haltungen sind hier gemeint? Die Stiftung Warentest konnte sie 2011 messen. Danach gelang es den Genossenschaftlern der Volksbank Randerath-Immendorf den bundesweiten Zinsrekord für Dispositionskredite mit 18,25 Prozent aufzustellen. Hier funktioniert noch das Wir-Prinzip. Hier gelten Solidarität und Anstand noch etwas! Bundespräsident Wickert (Anm. Deutschlands langjähriges Fernsehgesicht): "Respekt vor dem einzelnen ist zwar keine genossenschaftliche Erfindung, sollte aber täglich gelebt und erlebt werden." Nur Werte schaffen Werte, weiss die VR-Gruppe, deren Musterdepot kürzlich auf Telepolis unerwünschte, aber verdiente Öffentlichkeit bekam. Zum Glück werden die ethisch hochwertigen Dispokredite der VR-Banken von Arbeitslosen, alleinstehenden Müttern, geschiedenen Vätern und kleinen Selbständigen, die ihr Geld selbst immer zu spät bekommen, rege nachgefragt. So kann das Honorar von Ulrich Wickert und die Kampagne für Werte bezahlt werden.

Fazit: Viele Geschäftsmodelle, aber ein tieferer Sinn

Was auch immer die Banken mit dem EZB-Geld anstellen, es ist auszuschließen, dass sie davon riskante Kredite an Gründer und kleine Geschäftsleute vergeben werden. Das verursacht unnötigen Prüfungs- und Verwaltungsaufwand. Wer soll schließlich die Businesspläne von diesen Träumern lesen? Wer soll ihnen freiwillig Marktanteile abtreten, wo man doch mühsam alle Claims in Handel, Banken und Industrie verteilt hat? Der Sinn der marktwirtschaftlichen EZB-Mittel kann doch nur darin legen, dass die Banken die Gelder marktgerecht arbeiten lassen - und das heißt eben, sie dem Staat in Form von Staatsanleihen nach Abzug der Provision wieder zurückzugeben. Es gibt nämlich derzeit zumindest für Banken keine Anlageform mit einem besseren Risiko- und Ertragsverhältnis. Wer das nicht versteht, hat in der Volkswirtschaftslehre nichts zu suchen und sollte sich nicht Ökonom nennen. (Alexander Dill, derStandard.at, 23.12.2011)

Autor

Alexander Dill ist seit 2010 Vorstand des "ersten Post-Finanzkrisen Wirtschaftsforschungsinstituts", des Basel Institute of Commons and Economics www.commons.ch

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 91
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Gobi Todic
00
26.12.2011, 09:35

wir finanzieren gerade den dritten weltkrieg:
http://de.wikipedia.org/wiki/Eink... Geschichte

ist zwar ein wirtschaftskrieg, aber trotzdem geht hier um die reichen die geschützt werden.

her wig
01
23.12.2011, 17:22
Geschäftsmodell 4: Eine NEUE Bank gründen.

Die alten, mit ihren vielen Altlasten, brauchen leider das gesamte via Modelle 1 bis 3 eingesammelte Geld um bestehende Risken mit Eigenkapital abzudecken und so den zunehmenden EK-Anforderungen gerecht zuwerden.

Viel besser ist es da, eine völlig neue Bank zu gründen. Damit kann man von Anfang an voll von den Sanierungs-Bedingungen profitieren und die in diesem Umfeld künstlich gewährten Gewinnmargen ohne weitere Abzüge in Boni und Dividende umsetzen.

Alexander Dill
00
23.12.2011, 17:37
Geschäftsmodell 4

Das stimmt sicher, aber diese Bank wird in Österreich und Deutschland keine Zulassung bekommen. Die Banken verwalten nähmlich einen Gutteil der Staatsanleihen beider Staaten und sorgen für gelegentliche Umschichtung.

her wig
00
24.12.2011, 07:54

Ist der Anleihenmarkt etwa nicht frei? Oder schreiben Sie was falsches?

Nutze den Tag
00
23.12.2011, 17:10
Danke, mir fallen die Schuppen von den Augen.

Kredite für Nichtbankgewerbe und -Industrie gibts nur zu hohen Zinsen, weil die Bankgewerbe und -Industrien dadurch Wettbewerb hätten. Völlig logisch.
Und das erste Geschäftsmodell ist ja eine nie enden wollende Dreifachmühle. Jene die dafür haften und zahlen können sich diese Anleihen nicht mehr kaufen.
Es kaufen nur die, welche abartig hohe Gagen und Pensionen einstreifen: P&B

Pirx2
01
23.12.2011, 16:47
Das Problem ist mangelnder Wettbewerb

Warum kann ich nicht ein Milliarde von der EZB haben und an Italien zu 4% weiterleihen? Ein Buchhaltung mit zwei Positionen kann auch ich fachgerecht und kostengünstig führen.

Nutze den Tag
00
23.12.2011, 17:13
genau! wir gründen eine Bank!

Und spekulieren zusätzlich auf default, versichern das ganze 10x

Alexander Dill
01
23.12.2011, 17:39
Gute Idee!

Ich habe es Draghi vorgeschlagen. Monti ist auch dafür. Aber Merkel sagt nein.

santa fe
 
20
23.12.2011, 15:54
die kriegs-investition wurde dezent verschwiegen.

die FI (finanzindustrie) muss aufhören, in die eigene spiel-profit-und herrschsucht zu investieren wie ein schwerstsüchtiger in seine drogen, denn in diesen tod durch überdosis droht sie uns alle mitzunehmen.

die FI hat in die allgemeine kaufkraft zu investieren, weil ohne dieselbe keine wirtschaftsgesundung möglich ist. sie wird das nur tun, wenn starke mehrheiten der 99% ihrer opfer das fordern, denn ohne die kollaboration der bevölkerungsmehrheit kann sie nicht so weitermachen.

die FI hat sich zu demokratisieren und das

BEDINGUNGSLOSE GRUNDEINKOMMEN für alle

zu finanzieren statt nur sich selbst.

gewaltloser widerstand, sozialer und internationaler frieden, frieden auch mit einer demokratisch werdenden FI: B G E.

Apocalypse
00
23.4.2012, 07:57

das Grundeinkommen zu finanzieren ist eine andere Sache, zuerst muss man mal die Banken in Griff bekommen. Verstaatlichen geht nicht, dann zocken sie noch mehr und das gleich mit dem Staatsgeld. Bei unethischen Verhalten einsperren, geht nicht, weil dann kommen tausend Anwälte und schiebens auf dem Flöttl. Verdammt hoffnungslose Situation, ausser die EZB legt endlich eine Zinssatz für die Endkunden fest der ungefähr die gleiche Höhe beträgt, damit das Geld ohne Megaaufschläge in den Markt kommt. Und Boni dürfens gerne verbieten. 2-3 Jahren werden wir wissen wo sie das Geld wieder versenkt haben und welche unglaublichen Papierwerte geschaffen wurden.

Alexander Dill
22
23.12.2011, 16:16
Das bedingungslose Grundeinkommen...

...ist keine Alternative zur Finanzindustrie, sondern setzt sie über den Schulden- und Steuerstaat voraus. Wir brauchen aber weniger Schulden und Steuern, nicht mehr.

santa fe
 
10
23.12.2011, 19:30
jedes soll entspricht einem haben. wir sind im soll, die FI im haben.

die gläubiger unserer schulden, die wir mit unseren steuern abzuzahlen haben, ist die FI (finanzindustrie), die praktisch keine steuern zahlt.

die FI hat das BGE zu finanzieren, durch eine gerechte besteuerung ihrer seit der krise ins unermesslich steigenden gewinne.

Sarah L.
 
00
23.12.2011, 18:34

... keine Alternative zur Finanzindustrie, aber vllt eine Alternative zu Lohnraub und Lohndrückerei.

Heefcleeve
00
23.12.2011, 18:14

Brauchen wir nun mehr oder weniger Guthaben (Nettovermögen)?

higgs - wozu?
11
23.12.2011, 16:51

irrtum!
er schreibt nur nie, wie es gemacht gehört, daß ist der einzige vorwurf der ihm zu machen ist:

www.wissensmanufaktur.net/danistakratie

lausche und lerne

Toni Laddorfer
01
23.12.2011, 15:33
ich liebe religiöse - und Finanz-Themen

da kann jeder mitreden- da gehts auch ohne Wissen

Erwin Wolfram
00
23.12.2011, 15:19
...

wieso nicht einfach die schaeden bei den opfern der "freien" anlage zahlen?

Kapitalismus Luege
00
23.12.2011, 15:16
Verschwörung und unqualifizierte Meinung

da nicht Mainstream

die Krise ist doch schon längst vorbei, lediglich ihre Auswirkungen waren unverhersehbar.

Kapitalismus Luege
00
23.12.2011, 15:15
Verschwü

uncle sam3
10
23.12.2011, 15:10
die wahrheit

zeimlich zynisch.

und letztendlich das ende der demokratie.

plebs et principes
01
23.12.2011, 14:50

ich versteh nur bahnhof!

Elegantestes Conversations-Lexicon für alle Stände
01
23.12.2011, 14:03

Also auf der Seite der EZB-Bilanz zahlt der Steuerzahler wenig bis gar nichts, die Bilanz wird nur verlängert.

Dass die Banken sich einen spread von 5%-Punkten gönnen können ist allerdings tatsächlich ein Problem, wobei 2 Punkte zu ergänzen sind:

1. Die Situation ist krisenbedingt und hängt mit dem Nichtfunktionieren der Finanzmärkte, insb mit den gekauften Kaffeesudlesern (vulgo Ratingagenturen) zusammen.

2. Die Deutschen blockieren die vernünftigere Lösung, dass die EZB direkt oder über EFSF/EMS die Hochrenditestaaten finanziert - zu Konditionen, die disziplinierend wirken, aber finanzierbar sind, und die Zinseinnahmen zur EZB oder EFSF/EMS fließen lassen.

Heefcleeve
00
23.12.2011, 15:24
Und womit wird die ZB-Bilanz verlängert?

Mit Titeln, die die zukünftigen Steuereinnahmen verbriefen...

Elegantestes Conversations-Lexicon für alle Stände
00
23.12.2011, 17:03

Nein, mit Forderungen an die Banken/Zentralbankgeld.

Heefcleeve
00
23.12.2011, 18:04
Richtig

Nur: wer trägt die Verluste der ZB? Die Heinzelmännchen?

Die Forderungen an die Banken wurden ja (fast) ohne Kontakt mit dem Leistungssektor hergestellt - wie im Artikel übrigens sehr schön zynisch dargestellt. Deren Wert muss nun um jeden Preis stabilisiert werden (Problematik der Preisvariabilität verpfändeten Eigentums gegenüber fixen Schuldsummen). Ansonsten deflationäre Depression.

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