Die führenden Wissenschaftsjournale "Science" und "Nature" halten Rückschau
London/Washington/Wien - Was die wirklich großen Durchbrüche in der
Wissenschaft des zu Ende gehenden Jahres waren, lässt sich naturgemäß schwer
sagen: In vielen Fällen ist es einfach noch zu früh, um sagen zu können, was Top
ist oder womöglich doch noch zu einem Flop wird. Und ob etwas Nobelpreiswürdiges
dabei war, wird sich wohl erst in den nächsten Jahren sagen lassen.
Aber es gab auch einige neue Erkenntnisse, deren enorme Bedeutung für die
Menschheit unmittelbar erkennbar sind. Eine davon wird wohl auch Tausenden von
Menschen das Leben retten - die Erkenntnis nämlich, dass eine effektive
Aids-Therapie eine besonders wirksame Verhinderung von HIV-Infektionen ist.
Für die US-Wissenschaftszeitschrift Science ist dieses
Studienergebnis, das im Mai präsentiert wurde, der Durchbruch des Jahres 2011.
Grundlage dafür war eine Untersuchung an 1763 "HIV-diskordanten Paaren", also
Partner in Lebensgemeinschaften und Ehen, bei denen einer der beiden HIV-positiv
war, der andere negativ. Zugleich befanden sich die HIV-Positiven mit einer
Anzahl von 350 bis 550 CD4-positiven Zellen pro Kubikmillimeter Blut noch in
einem guten Immunstatus.
Bei den Probanden aus Afrika, Asien, Lateinamerika und den USA zeigte sich
unter der Behandlung eine um 96 Prozent geringere Übertragungsrate. Diese neue
Erkenntnis verändere das "Spiel" und werde die Revolution in der Verhütung von
HIV-Infektionen vorantreiben, meinte der Chef von Unaids, Michel Sidibe, bei der
ersten Veröffentlichung der Studiendaten, die später im New England Journal
of Medicine publiziert wurden. Bleibt nur noch die Frage, wer die Kosten für
die HIV-Therapie in den besonders betroffenen Regionen trägt.
Quasi auf dem zweiten Stockerlplatz führt die Redaktion von Science
den letztendlichen Erfolg der japanischen Weltraumsonde Hayabusa. Sie kehrte mit
mikroskopisch kleinen Partikeln vom Asteroiden Itokawa auf die Erde zurück. Aus
der Analyse von nur 52 dieser Staubkörner zeigte sich, dass die meisten auf die
Erde fallenden "Sternschnuppen" von den am häufigsten vorkommenden Asteroiden
stammen. Platz drei in der Science -Rangliste geht an die im Jahr 2011
publizierte Erkenntnis von Paläoanthropologen, dass die modernen Menschen in
ihrem Erbgut Spuren des Neandertalers aufweisen, womit bewiesen sei, dass es
sexuelle Kontakte gegeben hat.
Auch beim britischen "Mitbewerber" Nature menschelt es im
Jahresrückblick: Die Redaktion hat zehn Personen ausgewählt, die das Jahr
mitgeprägt haben. Unter ihnen befindet sich der japanischer Biologe Tatsuhiko
Kodama, der nach der Katastrophe von Fukushima für Aufklärung sorgte, und ein
Physiker des Cern. Zudem Essam Sharaf von der Uni Kairo, der erste
Premierminister Ägyptens nach der Revolution, und der niederländische Psychologe
Diederik Stapel. Er hatte - in Science - gefälschte Studien
veröffentlicht. (tasch, APA/DER STANDARD, Printausgabe, 23.12.2011)