Aus dem geistigen Vermächtnis eines Intellektuellen, der nie in die Politik drängte - und zu einem ihrer visionärsten Protagonisten wurde: ein Essay von Václav Havel zum Verhältnis von Geist und Macht aus dem Jahr 1998.
Gehören Intellektuelle in die Politik? Vielleicht wegen ihrer
Bemühungen, den Dingen auf den Grund zu gehen, Beziehungen, Gründe und
Ursachen zu verstehen, einzelne Aspekte als Teil größerer Zusammenhänge
zu sehen und dadurch zu einem tieferen Bewusstheit und Verantwortung für
die Welt zu gelangen?
So gesehen entsteht der Eindruck, dass ich es für die Pflicht eines
jeden Intellektuellen hielte, sich politisch zu engagieren. Aber das ist
Unsinn. Die Politik stellt auch einige besondere, sehr spezielle
Anforderungen. Manche Menschen genügen diesen Anforderungen und andere
nicht, unabhängig davon, ob sie Intellektuelle sind.
Es ist meine tiefste Überzeugung, dass die Welt - heute mehr denn je -
aufgeklärte, gedankenvolle Politiker braucht, die mutig und
aufgeschlossen genug sind, Dinge zu berücksichtigen, die jenseits ihres
unmittelbaren Einflusses in Raum und Zeit liegen. Wir brauchen
Politiker, die willens und in der Lage sind, sich über ihre eigenen
Machtinteressen und diejenigen ihrer Parteien oder Staaten zu erheben
und im Einklang mit den grundlegenden Interessen der heutigen Menschheit
zu handeln - also sich so zu verhalten, wie sich eigentlich jeder
verhalten sollte, auch wenn die meisten dazu nicht in der Lage sind.
Den Mächtigen ...
Nie zuvor war die Politik so abhängig von kurzfristigen Einflüssen, von
den wechselnden Launen der Öffentlichkeit und der Medien. Nie zuvor
fühlten sich Politiker so sehr gezwungen, kurzfristige und kurzsichtige
Ziele zu verfolgen. Oft scheint es mir, dass sich das Leben vieler
Politiker immer nur zwischen den Abendnachrichten der letzten Nacht, der
Meinungsumfrage am nächsten Morgen und ihrem Bild im Fernsehen am
nächsten Abend abspielt. Ich bin nicht sicher, ob die heutige Zeit der
Massenmedien das Entstehen und Wachsen von Politikern von Range eines,
sagen wir, Winston Churchill, fördert. Eher bezweifle ich es, aber es
kann immer Ausnahmen geben.
Um es zusammenzufassen: Je weniger unsere heutige Zeit Politiker
fördert, die langfristig denken, desto mehr werden solche Politiker
gebraucht, und desto mehr sollten Intellektuelle - zumindest solche, die
meiner Definition entsprechen - in der Politik willkommen geheißen
werden. Solch eine Unterstützung könnte unter anderem von denen kommen,
die - aus welchem Grund auch immer - nie selbst politisch aktiv werden,
aber mit solchen Politikern einverstanden sind oder zumindest die ihren
Taten zugrunde liegende Ethik teilen.
Ich höre schon die Einwände: Politiker müssten gewählt werden; die
Menschen wählten diejenigen, die genauso denken wie sie. Wenn jemand in
der Politik nach oben wolle, müsse er die grundlegende Natur des
menschlichen Geistes berücksichtigen: Er müsse die Sichtweise des
sogenannten "normalen" Wählers respektieren. : Ein Politiker müsse, ob
er will oder nicht, ein Spiegel sein. Er sollte sich nicht anmaßen, ein
Verkünder unpopulärer Wahrheiten zu sein, die zur Kenntnis zu nehmen
zwar vielleicht im Interesse der Menschheit liegt, von den meisten
Wählern aber nicht als in ihrem Interesse liegend betrachtet werden oder
diesem sogar diametral entgegenstehen.
Ich bin überzeugt, dass der Zweck der Politik nicht darin liegt,
kurzfristige Wünsche zu erfüllen. Ein Politiker sollte auch versuchen,
Menschen von seinen Ideen zu überzeugen, und seien sie noch so
unpopulär. Politik muss auch bedeuten, Wählern zu erklären, dass der
Politiker manche Dinge besser versteht oder erfasst als sie, und dass
sie ihn deshalb wählen sollten. Also können die Menschen gewisse Themen
an Politiker delegieren, die sie - aus unterschiedlichen Gründen -
selbst nicht durchschauen oder über die sie sich keine Sorgen machen
möchten, um die sich aber jemand an ihrer Stelle kümmern muss.
Natürlich haben sich alle Verführer der Massen, potenzielle Tyrannen
oder Fanatiker dieses Arguments bedient, um ihre Ziele durchzusetzen:
Auch die Kommunisten ernannten sich zum aufgeklärtesten Teil der
Bevölkerung und nahmen dies zum Anlass für ihre Willkürherrschaft.
Die wahre Kunst der Politik liegt darin, die Unterstützung der Menschen
für einen guten Zweck zu gewinnen, auch wenn die Mittel zu diesem Zweck
vielleicht nicht mit ihren momentanen Interessen übereinstimmen. Dabei
darf keine der vielen Methoden umgangen werden, anhand derer wir testen
können, ob der Zweck eine gute Sache ist. Wir müssen sicherstellen, dass
vertrauensvolle Bürger sich nicht für eine Lüge einspannen lassen und
sich auf einer illusionären Suche nach zukünftigem Wohlstand ins Unglück
stürzen.
... den Spiegel vorhalten
Es muss gesagt werden, dass es Intellektuelle gibt, die für dieses
Verbrechen eine besondere Begabung haben. Sie stellen sich und ihren
Intellekt über alle anderen Menschen. Ihren Mitbürgern, die die Brillanz
des ihnen vorgestellten intellektuellen Projekts nicht verstehen,
erzählen sie, dass sie dumm seien und die geistigen Höhen der
Befürworter dieses Projektes noch nicht erreicht hätten. Nach all dem,
was wir im 20. Jahrhundert bereits erlebt haben, können wir leicht
verstehen, wie gefährlich diese intellektuelle - oder vielmehr
quasi-intellektuelle - Haltung sein kann. Erinnern wir uns nur daran,
wie viele Intellektuelle an der Errichtung diverser moderner Diktaturen
beteiligt waren!
Ein guter Politiker sollte in der Lage sein zu erklären, ohne zu
versuchen zu verführen; er sollte bescheiden nach der Wahrheit über
diese Welt suchen, ohne zu behaupten, sie für sich gepachtet zu haben;
und er sollte Menschen an ihre guten Qualitäten erinnern, zu denen
überpersönliche Werte und Interessen gehören, ohne Überlegenheit
vorzutäuschen und ihnen etwas aufzudrängen. Er sollte dem Diktat der
öffentlichen Stimmungen oder Massenmedien nicht nachgeben, aber dabei
nie die ständige Überprüfung seiner Taten verhindern.
In einem solchen politischen Rahmen sollten Intellektuelle sich auf eine
der beiden folgenden Weisen einbringen: Sie können - ohne Gefühle von
Scham oder Erniedrigung - ein politisches Amt akzeptieren und das tun,
was sie für richtig halten, ohne lediglich an der Macht festzuhalten.
Oder sie können zu denen gehören, die den Mächtigen den Spiegel
vorhalten und dafür sorgen, dass diese einer guten Sache dienen. Wenn
sie nur nicht anfangen, schlechte Taten durch schöne Worte zu
verschleiern, wie es in den letzten Jahrhunderten so vielen
Intellektuellen passiert ist. (DER STANDARD-Printausgabe, 23.12.2011)
Der Autor
Václav Havel war Präsident der Tschechischen Republik (1993-2003), der
letzte Präsident der Tschechoslowakei (1989-1993), Verfasser von 21
Theaterstücken und zahlloser Essays, darunter "Die Macht der
Machtlosen", "Versuch, in der Wahrheit zu leben".
© Project Syndicate,2011; aus dem Englischen von Harald Eckhoff