Ein guter Politiker sollte erklären, ohne zu verführen

Kommentar der anderen | Václav Havel, 22. Dezember 2011, 18:48

Aus dem geistigen Vermächtnis eines Intellektuellen, der nie in die Politik drängte - und zu einem ihrer visionärsten Protagonisten wurde: ein Essay von Václav Havel zum Verhältnis von Geist und Macht aus dem Jahr 1998.

Gehören Intellektuelle in die Politik? Vielleicht wegen ihrer Bemühungen, den Dingen auf den Grund zu gehen, Beziehungen, Gründe und Ursachen zu verstehen, einzelne Aspekte als Teil größerer Zusammenhänge zu sehen und dadurch zu einem tieferen Bewusstheit und Verantwortung für die Welt zu gelangen?

So gesehen entsteht der Eindruck, dass ich es für die Pflicht eines jeden Intellektuellen hielte, sich politisch zu engagieren. Aber das ist Unsinn. Die Politik stellt auch einige besondere, sehr spezielle Anforderungen. Manche Menschen genügen diesen Anforderungen und andere nicht, unabhängig davon, ob sie Intellektuelle sind.

Es ist meine tiefste Überzeugung, dass die Welt - heute mehr denn je - aufgeklärte, gedankenvolle Politiker braucht, die mutig und aufgeschlossen genug sind, Dinge zu berücksichtigen, die jenseits ihres unmittelbaren Einflusses in Raum und Zeit liegen. Wir brauchen Politiker, die willens und in der Lage sind, sich über ihre eigenen Machtinteressen und diejenigen ihrer Parteien oder Staaten zu erheben und im Einklang mit den grundlegenden Interessen der heutigen Menschheit zu handeln - also sich so zu verhalten, wie sich eigentlich jeder verhalten sollte, auch wenn die meisten dazu nicht in der Lage sind.

Den Mächtigen ...

Nie zuvor war die Politik so abhängig von kurzfristigen Einflüssen, von den wechselnden Launen der Öffentlichkeit und der Medien. Nie zuvor fühlten sich Politiker so sehr gezwungen, kurzfristige und kurzsichtige Ziele zu verfolgen. Oft scheint es mir, dass sich das Leben vieler Politiker immer nur zwischen den Abendnachrichten der letzten Nacht, der Meinungsumfrage am nächsten Morgen und ihrem Bild im Fernsehen am nächsten Abend abspielt. Ich bin nicht sicher, ob die heutige Zeit der Massenmedien das Entstehen und Wachsen von Politikern von Range eines, sagen wir, Winston Churchill, fördert. Eher bezweifle ich es, aber es kann immer Ausnahmen geben.

Um es zusammenzufassen: Je weniger unsere heutige Zeit Politiker fördert, die langfristig denken, desto mehr werden solche Politiker gebraucht, und desto mehr sollten Intellektuelle - zumindest solche, die meiner Definition entsprechen - in der Politik willkommen geheißen werden. Solch eine Unterstützung könnte unter anderem von denen kommen, die - aus welchem Grund auch immer - nie selbst politisch aktiv werden, aber mit solchen Politikern einverstanden sind oder zumindest die ihren Taten zugrunde liegende Ethik teilen.

Ich höre schon die Einwände: Politiker müssten gewählt werden; die Menschen wählten diejenigen, die genauso denken wie sie. Wenn jemand in der Politik nach oben wolle, müsse er die grundlegende Natur des menschlichen Geistes berücksichtigen: Er müsse die Sichtweise des sogenannten "normalen" Wählers respektieren. : Ein Politiker müsse, ob er will oder nicht, ein Spiegel sein. Er sollte sich nicht anmaßen, ein Verkünder unpopulärer Wahrheiten zu sein, die zur Kenntnis zu nehmen zwar vielleicht im Interesse der Menschheit liegt, von den meisten Wählern aber nicht als in ihrem Interesse liegend betrachtet werden oder diesem sogar diametral entgegenstehen.

Ich bin überzeugt, dass der Zweck der Politik nicht darin liegt, kurzfristige Wünsche zu erfüllen. Ein Politiker sollte auch versuchen, Menschen von seinen Ideen zu überzeugen, und seien sie noch so unpopulär. Politik muss auch bedeuten, Wählern zu erklären, dass der Politiker manche Dinge besser versteht oder erfasst als sie, und dass sie ihn deshalb wählen sollten. Also können die Menschen gewisse Themen an Politiker delegieren, die sie - aus unterschiedlichen Gründen - selbst nicht durchschauen oder über die sie sich keine Sorgen machen möchten, um die sich aber jemand an ihrer Stelle kümmern muss.

Natürlich haben sich alle Verführer der Massen, potenzielle Tyrannen oder Fanatiker dieses Arguments bedient, um ihre Ziele durchzusetzen: Auch die Kommunisten ernannten sich zum aufgeklärtesten Teil der Bevölkerung und nahmen dies zum Anlass für ihre Willkürherrschaft.

Die wahre Kunst der Politik liegt darin, die Unterstützung der Menschen für einen guten Zweck zu gewinnen, auch wenn die Mittel zu diesem Zweck vielleicht nicht mit ihren momentanen Interessen übereinstimmen. Dabei darf keine der vielen Methoden umgangen werden, anhand derer wir testen können, ob der Zweck eine gute Sache ist. Wir müssen sicherstellen, dass vertrauensvolle Bürger sich nicht für eine Lüge einspannen lassen und sich auf einer illusionären Suche nach zukünftigem Wohlstand ins Unglück stürzen.

... den Spiegel vorhalten

Es muss gesagt werden, dass es Intellektuelle gibt, die für dieses Verbrechen eine besondere Begabung haben. Sie stellen sich und ihren Intellekt über alle anderen Menschen. Ihren Mitbürgern, die die Brillanz des ihnen vorgestellten intellektuellen Projekts nicht verstehen, erzählen sie, dass sie dumm seien und die geistigen Höhen der Befürworter dieses Projektes noch nicht erreicht hätten. Nach all dem, was wir im 20. Jahrhundert bereits erlebt haben, können wir leicht verstehen, wie gefährlich diese intellektuelle - oder vielmehr quasi-intellektuelle - Haltung sein kann. Erinnern wir uns nur daran, wie viele Intellektuelle an der Errichtung diverser moderner Diktaturen beteiligt waren!

Ein guter Politiker sollte in der Lage sein zu erklären, ohne zu versuchen zu verführen; er sollte bescheiden nach der Wahrheit über diese Welt suchen, ohne zu behaupten, sie für sich gepachtet zu haben; und er sollte Menschen an ihre guten Qualitäten erinnern, zu denen überpersönliche Werte und Interessen gehören, ohne Überlegenheit vorzutäuschen und ihnen etwas aufzudrängen. Er sollte dem Diktat der öffentlichen Stimmungen oder Massenmedien nicht nachgeben, aber dabei nie die ständige Überprüfung seiner Taten verhindern.

In einem solchen politischen Rahmen sollten Intellektuelle sich auf eine der beiden folgenden Weisen einbringen: Sie können - ohne Gefühle von Scham oder Erniedrigung - ein politisches Amt akzeptieren und das tun, was sie für richtig halten, ohne lediglich an der Macht festzuhalten. Oder sie können zu denen gehören, die den Mächtigen den Spiegel vorhalten und dafür sorgen, dass diese einer guten Sache dienen. Wenn sie nur nicht anfangen, schlechte Taten durch schöne Worte zu verschleiern, wie es in den letzten Jahrhunderten so vielen Intellektuellen passiert ist. (DER STANDARD-Printausgabe, 23.12.2011)

Der Autor

Václav Havel war Präsident der Tschechischen Republik (1993-2003), der letzte Präsident der Tschechoslowakei (1989-1993), Verfasser von 21 Theaterstücken und zahlloser Essays, darunter "Die Macht der Machtlosen", "Versuch, in der Wahrheit zu leben".

© Project Syndicate,2011; aus dem Englischen von Harald Eckhoff

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Politiker = Vorbild

Politiker sollten Vorbild für die Gesellschaft sein ! Leider sind sie das auch: Ein ehemaliger Finanzminister denkt ans steuerschonende Lichtenstein, Luxemburg usw. Ein ehemaliger Verteidigungsminister hat andere Steuerinseln im Kopf. Andere bilden Seilschaften um ihren Haverern Posterln und Bonusse zuzuschanzen. Politiker sollten Vorbilder für die Gesellschaft sein ?

Der ideelle Politiker und Regierung, leider zerbricht sowas an der Realität, so wie jede Theorie und Praxis.

.... ohne zu verführen! leider bedürfte es nach einer von grundaufveränderten revolution, um diesen leitsatz durchzusetzten...

denn in unserer welt, des ausufernden materialismus, der allgemeinen verblödung, der politischen desinteresses und des raubtierkapitalismus ... ist es nicht möglich eine guten politiker hervorzubringen...

ist es gar wünschenwert, nicht die wahrheit zu sagen bzw es "diplomatisch-schön-geredet", also zu lügen...

hinter verschlossenen türen weiß man ohnehin genau , was uns in zukunft blüht...

und der, der diese ausspricht gilt ohnehin als "nicht parteitreu..
.
ein strenger aber gerechter verhaltens und ethik-codex für politiker wäre wünschenswert...

mfg
es gnade uns die zukunft

... und ein gutes Volk sollte Erklärungen verlangen ...

... anstatt sich permanent verführen zu lassen!

Das Dilemma eines modernen medio-faschistokratischen Pseudowohlfahrtsstaats ist ja, die permanente Lüge in all seinen Handlungen.

Das Volk will verführt werden, weil das Volk als solches in einem Zustand der Verdummung verharrt. Und nur dumme Menschen lassen sich verführen bzw. fordern geradezu die Verführung heraus.

Von wesentlicher Bedeutung in diesem grauenvollen Spiel ist der verhängnisvolle Drang zur permanenten "Ver"bildung der Menschen.

Wir lernen zwar aber wir verstehen nicht mehr!

Verantwortungsketten werden bewusst verschleiert und es regiert allüberal der/die/das WerwasIchwarum neinweisswaresnicht-MurX! ;-(

ein guter politiker ist ein oxymoron, weil die meisten politiker einer Partei entstammen - das wort partei stammt von dem wort part (teil) und erklärt uns schön, warum eine partei per definition niemals der ganzen bevölkerung dienen kann, sondern halt immer nur einem part - einem teil der bevölkerung.
ein parteien system kann also niemals dem gemeinwohl dienlich sein, sondern immer nur teilen der gemeinschaft, je nachdem welcher kasperl grad die bühne rockt. es dient dem "teile und herrsche" prinzip, soll uns, die gemeinschaft, teilen, gegeneienander hetzen und beschäftigt halten damit wir leicht zu beherrschen sind. jeder der sich darauf einläßt spielt nicht mit, sondern wird gespielt!

gerade havel war eben KEIN parteipolitiker. auch manche anderen länder haben/hatten staatsoberhäupter oder ministerInnen ohne parteipolitischen hintergrund (in österreich z.b. einige justizminister, nikolaus michalek in den 90ern als bisher letzten).
auf anderen ebenen wird es freilich schwieriger. parlamentswahlen ohne parteien wären zwar möglich, allerdings könnte man dann kein verhältniswahlrecht mehr anwenden. und grad das verhältniswahlrecht halte ich für überdurchschnittlich demokratisch.

Das ist eine Seite der Medaille (wobei aber sicherlich keine völlig unrichtige Argumentation).
Nur: Ob eine atomisierte Ordnung soviel mehr Solidarität verspricht?! Es ist natürl. persönl. Auffassungssache, aber ich kann mir das nicht vorstellen. Dazu kommt, dass sich in dieser Welt (Strukturmerkmale wie Bevölkerungsdichte etc.) immer interessengeleitete Koalitionen bilden werden. Ob nun in Form von Parteien oder anderen Formen des mehr oder weniger langfristigen, fixen, ... Zusammenschlusses. Organisiertes Vorgehen ist auch eine Form der Stärke für schwache Einzelne.
Und ja, natürlich organisiert sich der Mensch in erster Linie entlang solcher Werte und Forderungen, die ihm in seiner subjektiven Lage als die besten erscheinen.

Wie stellen Sie sich eine demokratische Gesellschaftsform ohne Parteienwesen oder vergleichbarer Ordnung vor?
100% Direktdemokratie? Eine Art Rätesystem entlang anderer als parteilicher Linien (dann hätten sie ja trotzdem wieder interessensgeleitete Verbindungen)? Anarchie?

ich darf erinnern: in einer demokratie waren wahlen verboten! ich hab im anderen atrikel (abgeschaffte demokratie) die ursprüngliche definition von demokratie angeschnitten - das was wir unter demokratie verstehen hat damit nix zu tun, und ist ein dogma das zur grüppchenbildung beiträgt (demokratie gut, alles andere böse - wir gut, alle anderen böse)
solidarität werden wir ganz automatisch leben, sobald wir nicht mehr manipuliert, geteilt und beherrscht werden, sondern wieder zur vernunft kommen und erkennen, daß wir alle auf dem selben ball sitzen, und es nur gemeinsam gehen kann!
die basis für die erkenntnis ist eine umstellung des verzinsten geldsystems, welches uns in unsere denkmuster zwingt und die probleme verursacht.

Wenn ich Sie richtig verstehe, sagen Sie, dass diese Form des anarchischen(?) Zusammenlebens funktioniert, wenn "wir wieder zur Vernunf kommen" 2 Fragen dazu:
1) Wenn Sie "wieder" sagen, schließe ich daraus, dass wir es Ihrer Ansicht nach schon mal waren? Aber wann?
2) Wen meinen Sie genau mit "wir"? Die Menschen in den westlichen "Industrienationen"?
3) Stützen Sie sich damit auf eine bestimmte Theorie? Ich versuche mir grad ein Szenario vorzustellen, wie sich eine derartig epochale Revolution abspielen könnte.

mit wieder meine ich, daß es mal völker gab, die einen anderen ansatz pflegten, welche aber erfolgreich ausgerottet wurden, mitsammt ihrer ansätze - der idealismus der alten griechen ist ein beispiel, der dann in einen materialismus von alex dem großen umschlug

mit wir meine ich alle menschen, und auch nicht 99 vs 1%, sondern 100% zusammen.

theoretische grundlagen am besten hier:
www.wissensmanufaktur.net/danistakratie

Ich finde es grad sehr spannend, über diese Sache nachzudenken und frag mich grad: Würden Sie sich in dieser Sichtweise selber als anti-modernistisch bzw. kulturpessimistisch sehen oder habe ich das falsch verstanden?

anti -wowaswie? ich versuche den ansatz eher pro-menschlich zu verstehen - anti haben wir schon genug, pessimismus auch - ich versuche den schubladen und dogmen zu entfleuchen, und die situation mal von ausserhalb der schublade, in die mich auch hier mache zu versenken trachten, zu analysieren - völlig unvoreingenommen (soweit das geht) und mithilfe von geschichtlichen, wirtschaftlichen, und sozialökonomischen fakten.
wenn wir die situation einmal kennen, kann man sich an die lösung der probleme machen, deren ursache ich derweil am verzinsten geldsystem festmache, und da bin ich beiweiten nicht der einzige.

Verzinstes Geldsystem:

... packen Sie diese Schuldfeststellung wieder in die Schublade. Es ermöglicht ganz und gar sich verstärkende Machtpositionen, aber befeuert wird es durch menschliches Handeln. Zins (und deshalb unausweichlich Zinseszins) entspricht dem Prinzip geben und nehmen. Man kann es auch mit Steuern usw. ins (gewollte) Lot bringen... aber es scheitert am menschlichen Handeln. Ganz will ich Fortschritt in Sachen langfristigem Miteinander aber nicht in Abrede stellen. Man einigte sich z.B. auf die soziale, d.h. entschärfte, kapitalistische Marktwirtschaft. Lassen Sie sich nicht blenden, jede Art von Schuldbeziehungen (= Geld wenn diese verbucht wird) eröffnet wiederum Spielwiesen für genau diese Entwicklungen die Ihnen Heilsbringer abnehmen möchten.

Wie man liest, war Havel ein schlechter Schreiberling.

in der theorie der kondratjew-zyklen...

vertreten sie offensichtlich den abschwung, während havel schon an einem neuen paradigma arbeitet.

Paradigmen haben mit Zyklen ABSOLUT NICHTS zu tun.

Außerdem "vertrete ich den Kondratjew-Zyklus" nicht, sondern mache darauf aufmerksam, dass es diese Theorie gibt.

Na ja, ich weiß nicht ob er den Text selbst in Englisch geschrieben oder selbst übersetzt hat, aber es hat ihn zumindest ein anderer ins Deutsche übersetzt. Da auf die Qualität des Autor rückzuschließen ist ungefähr so wie aus dem Geschmack von Käse den Name der Kuh zu erraten.

Unabhängig davon finde ich den Text nicht schlecht. Aber vielleicht könnten Sie uns noch mit Argumenten erleuchten.

Dafür sind Sie ein großartiger Poster!

Defizite gleichen sich aus!

Immer, wenn ich gelobt werde, werde ich ganz verlegen ...

... weil ich glaube, dass es viel zu wenig war.

Schreibt Mark Twain.

hat er rechtschreibfehler gemacht, oder woran bewertest du das?

An der mangelgaften Qualität der Sprachkonstruktion.

aha, also ein handwerkliches problem, sozusagen - wie sind seine inhalte zu bewerten?

Eine Marionette von Karl Schwarzenberg halt.

thanks for the info - hab mich mit seinen schriften eigentlich nicht beschäftigt - aber wenn er nur eine fingerpuppe von schwarzenberg war: kannst du kette weiter zurückverfolgen, denn vermutlich ist ja schwarzenberg auch nur eine marionette, von wem auch immer?
das offenlegen dieser abhängigkeitsketten hilft das spiel des teile und herrsche zu durchschauen

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