"Die Realität hat eingeschlagen"

Interview23. Dezember 2011, 07:46
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Der ägyptische Musiker Cherif El-Masri über Protestsongs, die Zensur und die Stimmung unter den Aktivisten

Cherif El-Masri ist eines der vielen Gesichter der ägyptischen Revolte. Der 27-jährige Musiker aus Kairo ging erstmals am 28. Jänner auf den Tahrir-Platz. Ein paar Tage später trat er dort regelmäßig mit seiner Band Eskenderella auf. "Der größte Erfolg war, dass die Menschen aufgehört haben, ohne Grund Angst zu haben", sagt Cherif. Was sich mit dem Sturz Mubaraks in der Musikszene und wie sich die Stimmung auf dem Platz der Revolution geändert hat, erzählte er im Gespräch mit derStandard.at in Kairo.

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derStandard.at: Sie waren ab dem 28. Jänner auf dem Tahrir-Paltz, kurz danach sind Sie dort regelmäßig mit ihrer Band Eskenderella aufgetreten. Seither gilt Eskenderella als eine jener Bands, die der Revolution ihre Hymne gegeben haben.

Cherif El-Masri: Anfang Februar waren einige Musiker dort. Für ein paar davon war der Tahrir-Platz der Karrierestart. Einige wurden zu Helden, weil sie festgenommen und gefoltert wurden, nach ihrer Entlassung aber wieder zurückgekommen sind. Meine Band war vor der Revolution weniger bekannt, danach hatten wir plötzlich enorm viel Aufmerksamkeit. Wir haben ein Video auf und um den Tahrir Platz herum gedreht:

Quelle: Youtube

derStandard.at: Hat der Aufstand damals auch die Pop-Musik erreicht?

Cherif El-Masri: Viele der hiesigen Stars wussten nicht, was sie mit der Revolution anfangen sollten. Sie wollten irgendwie mitmachen, aber gleichzeitig nicht mit zu starken Statements auffallen. Manche von denen haben versucht, sich an beide Seiten anzubiedern. Temer Hosny (einer der bekanntesten Sänger in Ägypten, Anm.) etwa hatte vor Mubaraks Abgang ein Lied, in dem er sich für die Proteste beim "Vater des Landes", womit Mubarak gemeint war, gewissermaßen entschuldigt. Nach dem Sturz Mubaraks hat er einfach die Betonung geändert - was im Arabischen geht - und damit die Bedeutung des Liedes verändert: So wurde aus dem "Vater" ein Feminin, so als würde er plötzlich das Land an sich ansprechen.

derStandard.at: Wie hat das Publikum darauf reagiert?

Cherif El-Masri: Er ist auf den Tahrir-Platz gegangen und dachte wohl, die Leute würden ihm zujubeln. Dabei haben sie angefangen, auf ihn einzuprügeln. Er hat zu weinen begonnen und versucht, den Leuten klarzumachen, dass es sich um ein Missverständnis handle. Es hat nichts genützt.

derStandard.at: Die Proteste waren begleitet von einigen Bands. Spielen die jetzt noch auf dem Tahrir-Platz?

Cherif El-Masri: Nicht wirklich. Ägyptische Bands hatten nie einen Ort, wo sie spielen konnten. Ägypten war kulturell immer etwas hinterher und hat nie wirklich versucht, das aufzuholen. Man findet auch keine Bands, die etwas Neues ausprobieren. Man macht eher nach, was in den USA oder Europa passiert. Jetzt aber probieren die Leute viel mehr aus. Auch wenn es weiterhin an Bühnen fehlt, es tauchen plötzlich viel mehr Musiker auf. Arabischer Hip Hop explodiert nahezu und wird allmählich auch richtig gut. Anfangs war er mehr der Versuch, das Arabische in diese Formel hineinzupressen, es sollte also auf Arabisch klingen wie es auch auf Englisch, Französisch, Deutsch klingt. Jetzt hat man einen eigenen Stil gefunden mit seinem eigenen Rhythmus, eigener Persönlichkeit. Und er ist echter so.

derStandard.at: Wie ging es der Musikszene vor der Revolution?

Cherif El-Masri: Davor war es richtig übel. Als Musiker hat man beschränkte Möglichkeiten, wenn man Erfolg haben will, also Fans haben und Shows spielen möchte: Man kann Covers von Western-Songs spielen oder man macht ägyptischen Pop, der sich über die vergangenen zwanzig Jahre nicht weiterentwickelt hat.

derStandard.at: Was hat sich mit dem Machtwechsel für die Musikszene geändert?

Cherif El-Masri: Viele, vor allem die mit viel Geld, würden alles geben dafür, dass sich nie etwas geändert hätte, weil sie viel Geld in Kanäle, Medien oder Künstler investiert haben. Diese Künstler will heute niemand mehr hören, die Leute wollen hören, was passiert.

derStandard.at: Was ist heute möglich an Kritik an der Regierung?

Cherif El-Masri: Unter Mubarak wurde man strengstens überwacht, wenn Musik auch nur in Ansätzen politisch oder sozialpolitisch war. Leute oder Dinge beim Namen zu nennen - wer das machte, hat regelrecht um Ärger gebeten.

derStandard.at: Wurden Liedertexte mit dem Sturz Mubaraks politischer?

Cherif El-Masri: Wir haben jetzt viele patriotische Lieder, solche, die ein neues Ägypten anpreisen, eine neue Freiheit. Ehrlich gesagt bin ich kein sonderlicher Fan davon. Natürlich müssen wir unser Land lieben, aber das steht ohnehin außer Frage. Die Lieder sind nur patriotisch des Patriotismus‘ wegen. Weil die Musiker wissen, dass das zieht im Moment und dass es sich gut verkauft. Es fühlt sich nicht so echt an, wie zu den Zeiten, als patriotische Lieder auf dem Tahrir-Platz gespielt wurden. Jetzt ist es mehr ein Trend.

derStandard.at: Sie stehen seit Ende Jänner immer wieder am Tahrir-Platz. Hat die Euphorie von damals in der Zwischenzeit abgenommen?

Cherif El-Masri: Ich bin zum ersten Mal am 27. Jänner am Tahrir-Platz gewesen, da ging es erst richtig los. Am 28. habe ich mir nur noch gedacht: Das ist es, jetzt oder nie. Da ging es Richtung Innenstadt schon ziemlich apokalyptisch zu. Autos standen in Flammen, Rauch überall, man roch das Tränengas und es gab Straßenkämpfe. Im Nachhinein gesehen war das das Zeitfenster, in dem wir wirklich etwas verändern hätten können. Damals haben wir das Regime auf dem kalten Fuß erwischt. Mit der nötigen Vorbereitung und Kooperation hätten wir damals etwa die staatlichen Medien unter unsere Kontrolle bringen können. Wäre das Regime damals schneller ausgetauscht worden, hätte der Militärrat seine Macht weniger ausbauen können.

derStandard.at: Wieso tun sich besonders die säkularen Kräfte so schwer, die Aufbruchsstimmung für sich zu nützen?

Cherif El-Masri: Die Realität hat eingeschlagen. Die Euphorie nach dem großen Sieg, dem Sturz Mubaraks, der in Wirklichkeit nicht so ein großer Sieg war, ist weg. Die Änderung war eine Formsache, der Name wurde ausgetauscht, Idee und Regime sind geblieben. Eine Zeit lang war jeder Aktivist, bis man gemerkt hat, dass man eigentlich keine Ahnung von Politik hat. Seit Jahrzehnten leben wir Ägypter in einer abgeschirmten Welt, und jetzt plötzlich sollen wir politisch gebildet sein? Wie funktioniert Politik überhaupt? Das schüchtert viele ein, weil es Taten und viel Mühe und Anstrengung verlangt und mehr ist, als nur seine Stimme zu erheben. Das sind abstrakte Probleme, die den Durchschnittsägypter gerade nicht sonderlich beschäftigen. Der ist besorgt darüber, wie das Land finanziell wieder auf die Beine kommt. Selbst wenn wir tatsächlich all unsere Rechte kennen würden, wäre das jetzt irrelevant, weil sich die meisten in erster Linie um ihre Einnahmen sorgen. Das Land befindet sich seit gut einem Jahr in einer Schockstarre.

Ebenfalls auf dem Tahrir-Platz gedreht: "Der Klang der Freiheit" ("Sout Al Horeya" im Original) von Hany Adel, Amir Eid, Hawary und Sherif Mostafa. Hany Adel ist außerdem in der Band Wust El-Balad (Quelle: Youtube).

derStandard.at: Dass die Menschen gelernt haben, ihre Rechte überhaupt einzufordern, ist das nicht einer der größten Erfolge der Revolution?

Cherif El-Masri: Eindeutig. Und dass die Ägypter aufgehört haben, ständig in einer irrationalen Angst zu leben. Die Regierung hat uns 30 Jahre lang eingehämmert, dass man ständig vor irgendetwas Angst haben muss. Vor westlichem, satanischem oder schwulen Einfluss, vor Krankheiten, Terrorismus, der Revolution - was auch immer. Ab dem 28. Jänner hat sich bei der Bevölkerung ein Schalter umgelegt. Das war keine bewusste Entscheidung, man hatte schlichtweg nichts mehr zu verlieren. Die Angst, dass sie dich ins Gefängnis sperren oder töten könnten, war auf einmal weg. Wir hatten Glück verglichen mit anderen Ländern wie Syrien oder Jemen. Der arabischen Revolutions-Skala nach ist es uns in Ägypten noch relativ gut gegangen. Natürlich ist nicht alles gut gelaufen und sie ist noch lange nicht vorbei. Eigentlich kann man das, was in Ägypten passiert ist, nicht einmal eine Revolution nennen. Damit fängt‘s einmal an.

derStandard.at: Wann wird aus dem Aufstand eine Revolution?

Cherif El-Masri: Wenn Leute Bildung ernst nehmen, ihre eigene und die anderer. Bildung ist der Schlüssel. Klar ist es schwierig mit der eingebürgerten Desinformation und Manipulation. Die ägyptischen Medien sind dabei nicht sehr hilfreich, sie knien vor wem auch immer, der gerade an der Macht ist. So behalten sie ihre Jobs. Viele wissen noch nicht einmal, was es in der Theorie braucht, damit man das Land wieder zurückbekommt: Bildung, Untersuchungen, Nachforschungen, Networking, die Umstellung vieler Gewohnheiten. Aber wie kann man das jemandem nahelegen und von jemandem verlangen, dessen größtes Problem ist, sein Kind ernähren zu können? Sie haben Verantwortungen, gleichzeitig ist auch das eine Verantwortung: ein Land aufzubauen.

derStandard.at: Wie hat sich die Stimmung unter den Demonstranten geändert?

Cherif El-Masri: Ich glaube, die Jugend erkennt jetzt erst den Ernst der Lage, die Realität der Militärrat-Regierung. Gleichzeitig hat sich die Idee des Märtyrertums in den Köpfen der Ägypter festgeschraubt. Natürlich ist es es eine große Tat, sein Leben für sein Land zu opfern, aber zu viele junge Frauen und Männer kämpfen gegen die Regierung mit nichts als Adrenalin und Wut. Wir müssen uns aber um mehr Strategie bemühen und die Situation langfristiger ins Auge nehmen. Es schmerzt, dabei zuzusehen, wie wir diese hellen und intelligenten Köpfe an ein Militär verlieren, das sie zu diesem Märtyrium zwingt. Das ist fast schon Selbstmord, meiner Meinung nach.

HipHopper Mohammed El-Deeb alias Deeb (Quelle: Youtube).

derStandard.at: Auf dem Tahrir-Platz demonstrieren mal mehr, mal weniger, die große Masse aber schweigt. Schwindet die öffentliche Unterstützung für die Revolution?

Cherif El-Masri: Schwierig zu sagen, weil es dazu viele unterschiedliche Meinungen gibt. Einige sagen, man soll Tahrir und wofür der Platz steht, vergessen. Es gibt die, die das Leben wieder in seinen normalen Bahnen sehen wollen, die sich nach Normalität sehnen - das ist der Großteil der Ägypter. Die Menschen hier kommen von der Arbeit nach Hause und leben von der Hand in den Mund, von Tag zu Tag. Nicht jeder kann es sich leisten, sich für die Zukunft des Landes zu opfern. Das ist gewissermaßen ein Luxus oder wird zumindest von einigen als Luxus empfunden. Die meisten Menschen hier denken nicht so weit. Sie denken an heute, vielleicht an morgen. Sie denken simpler: „Ich habe ein Kind Zuhause, das ich ernähren muss".

Auf der anderen Seite gibt es viele Leute, die das Feuer nicht erloschen sehen wollen. Sonst müssten sie wieder von vorne anfangen. Wenn es leise wird, das wissen sie, holt sich das Militär wieder die wichtigen Köpfe, entführen sie in der Nacht und lässt sie verschwinden. Dann geht der Faschismus von vorne los. (fin, derStandard.at, 22.12.2011)

  • Cherif El-Masri, 27, ist Halb-Ägypter, Halb-Amerikaner. Er ist in den USA aufgewachsen, seit knapp sechs Jahren lebt er allerdings wieder in Kairo.
    foto: moritz gottsauner-wolf

    Cherif El-Masri, 27, ist Halb-Ägypter, Halb-Amerikaner. Er ist in den USA aufgewachsen, seit knapp sechs Jahren lebt er allerdings wieder in Kairo.

  • Derzeit arbeitet Cherif El-Masri an elektronischer Musik, anzuhören hier.
    foto: moritz gottsauner-wolf

    Derzeit arbeitet Cherif El-Masri an elektronischer Musik, anzuhören hier.

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