Viele humanitäre Krisen sind vorhersehbar, verhindert werden die meisten trotzdem nicht – Bereits jetzt ist klar: 2012 wird es etwa im Niger und im Jemen sehr wahrscheinlich zu einer Hungersnot kommen
Washington/Wien - Wer sehen möchte, wo in den kommenden Monaten die meisten Menschen verhungern werden, muss nur auf eine Homepage gehen. Das US-amerikanische Famine Early Warning Center (FEWC) zeigt auf einer Weltkarte genau an, wo es bald drastisch zu wenig zu essen geben wird. Verhindert werden die Katastrophen meist trotzdem nicht - Auch weil die meisten Geldgeber erst dann spenden, wenn es zu spät ist.
"Nur ein sehr kleiner Teil unserer Einsätze folgt auf unvorhersehbare Naturkatastrophen wie in Haiti" , sagt Katharina Weltecke vom World Food Program der Uno. "Die meisten Krisen sehen wir im Vorfeld." Vor der aktuellen Hungersnot am Horn von Afrika warnte die Organisation bereits Anfang 2011 - vergeblich. Das kostete nicht nur Menschenleben, sondern auch Geld: Vier- bis 15-mal teurer ist ein Noteinsatz als Prävention.
Das WFP bezieht seine Daten über mögliche Krisen vom FEWC. Dessen Mitarbeiter messen Regenmengen, beobachten Preise und Konflikte. Je nachdem, wie oft es in einer Region normalerweise regnet, reichen die Prognosen bis zu einem Jahr voraus - etwa im Niger, wo die gesamte Ernte von einer Regenperiode abhängt. Für 2012 zeichnen sich bereits einige Katastrophen deutlich ab:
- Sahelzone
Vom WFP über das Rote Kreuz und die UNHCR warnen sämtliche Hilfsorganisationen vor einer Hungersnot in der Sahelzone und speziell im Niger - bisher erfolglos. Die Ernte ist 2011 wegen zu wenig Regen extrem schlecht ausgefallen, in dem Land fehlen 500.000 Tonnen Getreide. Normalerweise sollten derzeit die Preise niedrig sein, da gerade geerntet wurde - stattdessen kostet Hirse so viel, wie zu dieser Jahreszeit seit 20 Jahren nicht mehr. Bereits jetzt unterstützt das WFP in dem Land eine Million Menschen, für die Hilfe bis April 2012 fehlen noch 60 Millionen Dollar. Der Region droht eine ähnliche Krise wie die derzeitige am Horn Afrikas.
- Jemen
Das Land importiert 90 Prozent seiner Grundnahrungsmittel - und leidet daher stark unter den hohen Weltmarktpreisen für Getreide. Der Food-Basket, also eine Gruppe von Nahrungsmitteln, die eine typische jemenitische Familie braucht, wurde 2011 um 50Prozent teurer - für Menschen, die davor schon zu wenig zu essen hatten, ist das eine Katastrophe. Kriegerische Unruhen verteuern zudem Strom und Benzin, was wiederum die Preise für Essen steigen lässt. Derzeit ist ein Drittel der jemenitischen Bevölkerung unterernährt, 2012 werden es voraussichtlich deutlich mehr werden.
- Sudan
Seit der Teilung des Sudan im Juli hat sich der Weizenpreis in dem neuen Staat verdoppelt. Einerseits stören Kämpfe und Landminen die Landwirtschaft. Andererseits wandern derzeit tausende Südsudanesen, die im Norden gelebt haben, zurück in ihre Dörfer im Süden, was zusätzlich zu Spannungen führt.
- Guatemala
In ganz Mittelamerika gab es im Herbst 2011 starke Überflutungen, die die Ernte beeinträchtigt haben. Teile Guatemalas stuft das FEWC bereits als Krisengebiete ein.
- Horn von Afrika
In den vergangenen Monaten hat es am Horn geregnet, die nächste Ernte dürfte daher besser ausfallen. Da es aber die erste nach einer mehrjährigen Dürre ist, wird die Gegend voraussichtlich weiterhin Hilfe brauchen.
- Zentralafrikanische Republik
Keine Hungersnot, aber eine humanitäre Krise droht in der Zentralafrikanischen Republik, warnen die Ärzte ohne Grenzen. In manchen Teilen des Landes liegt die Kindersterblichkeit deutlich höher als in Dadaab, dem Flüchtlingslager an Kenias Grenze zu Somalia. In dem Land gibt es keine funktionierende medizinische Versorgung, Menschen sterben an leicht behandelbaren Krankheiten. (Tobias Müller, DER STANDARD, Printausgabe, 23.12.2011)