Hungersnöte

Die vorhersehbaren Katastrophen im neuen Jahr

23. Dezember 2011 06:15

Viele humanitäre Krisen sind vorhersehbar, verhindert werden die meisten trotzdem nicht – Bereits jetzt ist klar: 2012 wird es etwa im Niger und im Jemen sehr wahrscheinlich zu einer Hungersnot kommen

Washington/Wien - Wer sehen möchte, wo in den kommenden Monaten die meisten Menschen verhungern werden, muss nur auf eine Homepage gehen. Das US-amerikanische Famine Early Warning Center (FEWC) zeigt auf einer Weltkarte genau an, wo es bald drastisch zu wenig zu essen geben wird. Verhindert werden die Katastrophen meist trotzdem nicht - Auch weil die meisten Geldgeber erst dann spenden, wenn es zu spät ist.

"Nur ein sehr kleiner Teil unserer Einsätze folgt auf unvorhersehbare Naturkatastrophen wie in Haiti" , sagt Katharina Weltecke vom World Food Program der Uno. "Die meisten Krisen sehen wir im Vorfeld." Vor der aktuellen Hungersnot am Horn von Afrika warnte die Organisation bereits Anfang 2011 - vergeblich. Das kostete nicht nur Menschenleben, sondern auch Geld: Vier- bis 15-mal teurer ist ein Noteinsatz als Prävention.

Das WFP bezieht seine Daten über mögliche Krisen vom FEWC. Dessen Mitarbeiter messen Regenmengen, beobachten Preise und Konflikte. Je nachdem, wie oft es in einer Region normalerweise regnet, reichen die Prognosen bis zu einem Jahr voraus - etwa im Niger, wo die gesamte Ernte von einer Regenperiode abhängt. Für 2012 zeichnen sich bereits einige Katastrophen deutlich ab:

  • Sahelzone
    Vom WFP über das Rote Kreuz und die UNHCR warnen sämtliche Hilfsorganisationen vor einer Hungersnot in der Sahelzone und speziell im Niger - bisher erfolglos. Die Ernte ist 2011 wegen zu wenig Regen extrem schlecht ausgefallen, in dem Land fehlen 500.000 Tonnen Getreide. Normalerweise sollten derzeit die Preise niedrig sein, da gerade geerntet wurde - stattdessen kostet Hirse so viel, wie zu dieser Jahreszeit seit 20 Jahren nicht mehr. Bereits jetzt unterstützt das WFP in dem Land eine Million Menschen, für die Hilfe bis April 2012 fehlen noch 60 Millionen Dollar. Der Region droht eine ähnliche Krise wie die derzeitige am Horn Afrikas.
  • Jemen
    Das Land importiert 90 Prozent seiner Grundnahrungsmittel - und leidet daher stark unter den hohen Weltmarktpreisen für Getreide. Der Food-Basket, also eine Gruppe von Nahrungsmitteln, die eine typische jemenitische Familie braucht, wurde 2011 um 50Prozent teurer - für Menschen, die davor schon zu wenig zu essen hatten, ist das eine Katastrophe. Kriegerische Unruhen verteuern zudem Strom und Benzin, was wiederum die Preise für Essen steigen lässt. Derzeit ist ein Drittel der jemenitischen Bevölkerung unterernährt, 2012 werden es voraussichtlich deutlich mehr werden.
  • Sudan
    Seit der Teilung des Sudan im Juli hat sich der Weizenpreis in dem neuen Staat verdoppelt. Einerseits stören Kämpfe und Landminen die Landwirtschaft. Andererseits wandern derzeit tausende Südsudanesen, die im Norden gelebt haben, zurück in ihre Dörfer im Süden, was zusätzlich zu Spannungen führt.
  • Guatemala
    In ganz Mittelamerika gab es im Herbst 2011 starke Überflutungen, die die Ernte beeinträchtigt haben. Teile Guatemalas stuft das FEWC bereits als Krisengebiete ein.
  • Horn von Afrika
    In den vergangenen Monaten hat es am Horn geregnet, die nächste Ernte dürfte daher besser ausfallen. Da es aber die erste nach einer mehrjährigen Dürre ist, wird die Gegend voraussichtlich weiterhin Hilfe brauchen.
  • Zentralafrikanische Republik
    Keine Hungersnot, aber eine humanitäre Krise droht in der Zentralafrikanischen Republik, warnen die Ärzte ohne Grenzen. In manchen Teilen des Landes liegt die Kindersterblichkeit deutlich höher als in Dadaab, dem Flüchtlingslager an Kenias Grenze zu Somalia. In dem Land gibt es keine funktionierende medizinische Versorgung, Menschen sterben an leicht behandelbaren Krankheiten. (Tobias Müller, DER STANDARD, Printausgabe, 23.12.2011)
Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 112
1 2 3
Shadow
23.12.2011 17:53
die lokalen juntas

verlassen sich auf die hilfen aus dem westen. diese gelder/güter sind fix einkalkuliert. warum soll man der eigenen bevölkerung helfen wenns dafür hilfsorganisationen gibt? da füllt man lieber das schweizer bankkonto.

Salz Burger
23.12.2011 17:32

Erschreckend. Im Jemen müssen 90% der Grundnahrungsmittel importiert werden? Wie konnte es so weit kommen? Hat sich die Bevölkerung dank internationaler Nahrungsmittelhilfe weiterhin vermehrt und jetzt jammern sie, dass sie zu wenig Lebensmittel haben? Ich nehme an, es sind einfach viel zu viele Menschen.

großkariert
23.12.2011 16:22
äthiopien

war genau sechs jahre kolonie und das ist 70 jahre her. sicher schwere jahre.

aber deutschland hat im dreißigjährigen krieg um die 20% der bevölkerung verloren. 150 jahre später war deutschland wieder kriegsschauplatz für napoleon. 50jahre später der krieg gegen österreich. 4jahre später gegen frankreich. etwa 40jahre später erster und kurz darauf der zweite weltkrieg. aufstände und wirtschaftskrisen dazwischen. reputationszahlungen bis heute. brain drain von ingenieuren und wissenschafltern nach dem 2.wk. entwicklungshilfe-zahler in die halbe welt.

oder schweiz, keine rohstoffe, keine kolonien, soviel reichtum.

oder spanien, soviel kolonien, sowenig reichtum.

wie erklärt man das alles mit der "afrika ist opfer" theorie?

1000undeine8
23.12.2011 21:29

ich halte es für unsinnig, (sub)tropisch-trockene länder wie äthiopien mit europäischen staaten vergleichen zu wollen. der hektar-ertrag von getreide ist in äthiopien nur viertel dessen in der schweiz, bei gleicher arbeit, und bei notorischem mangel an sauberem trinkwasser. es ist unmöglich, aus diesem land eine blühende schweiz mit blumenschmuck und fetten kühen zu machen.

aleph null
26.12.2011 19:40
Allerdings verdankt die Schweiz ihren Reichtum

nicht den fetten Kühen und grünen Almen. Mit Landwirtschaft alleine hat es noch kein Land zu Reichtum gebracht.

1000undeine8
26.12.2011 20:37

nein. aber die überschuss-produktion hat es ermöglicht, dass schweizer z.B. uhren bauen konnten oder banken gründen, statt felder zu pflügen.

aleph null
27.12.2011 17:17
Ganz genau!

Und diese Überproduktion verdankt die Schweiz dem Umstand, dass die Landwirtschaft in industriellem Maßstab betrieben wird. Das ist natürlich mit CO2-Freisetzung verbunden, denn der mit Sonnenkollektoren betriebene Traktor und Mähdrescher ist noch im Entwicklungsstadium und noch nicht einsetzbar.

Die steinzeitliche Landbestellung in Äthiopien mit Ochsen und Pflugschar mag zwar nachhaltig sein, eine Überschussproduktion ist damit nicht möglich, auch bei idealem Klima nicht.

Al Borland
26.12.2011 20:12

Ohne gesicherte Nahrungsversorgung aber auch nicht.

hlg
23.12.2011 23:13
dabei haben sie soviel rohstoff der zukunftstechnologie...

sonnenkraft.

das wird praktisch das neue saudi-arabien

großkariert
23.12.2011 22:08

gut. ein alternativer erkärungsansatz. die schlechten landwirtschaftlichen erträge sind teilschuld an der missere.

für andere länder gilt dieser ansatz nicht. nigeria, simbawe, südafrika.

hier kann man andere faktoren benennen.

wie steht es mit kongo? mosambiq? ägypten?

1000undeine8
24.12.2011 01:47

naja, das problem ist immer, arbeitskraft auf der landwirtschaft abzuziehen. das ist in trockengebieten mit periodischen dürren natürlich sehr schwierig (mit den dürren werden oft auch die zugtiere vernichtet). aber selbst in tropischen feuchtgebieten ist es oft nicht so einfach möglich. tropische böden können entgegen der intuition recht nährstoffarm und nach wenigen jahren ackerbau ausgelaugt sein. in den asiatischen tropen ist es mit dem reis-anbau oft leichter. jedenfalls steckt die hälfte der afrikanischen arbeitskraft in der landwirtschaftlichen produktion fest.

Peacefaktor
23.12.2011 17:17
Wie erklärt man das alles:

Das Problem so mancher Kolionalisten war bzw. ist es, dass sich ihr Reichtum aus der Ausbeutung unter anderem des afrikanischen Kontinents, aber auch des südamerikanischen Kontinents, oder auch von Indien begründete.
Warum auch immer, vielleicht weil es damals nicht so nötig war dadurch wurde keine starke eigene Industrie aufgebaut. Die kolonialstaaten verbrauchten viel Geld, erwirtschafteten aber selbst wenig, beuteten nur aus, und seit das immer mehr wegfällt, bzw. nur noch privaten Firmen "hilft", hat der Staat nichts mehr davon, aber eben auch keine starke Wirtschaft: woher auch?
Und die großen Konzerne zahlen heute nicht mal Steuern, also können Sie sich den Rest ausrechnen.
Afrika wurde früher von Staaten, heute von Firmen ausgebeutet

großkariert
23.12.2011 22:04

sie sagen "warum auch immer" und geben sich die antwort "weil es damals nicht nötig war".

klar, niemals zuvor (ca 10.000jahre) wurde irgendwo industrie in ihrem sinne aufgebaut. und plötzlich ist europa schuld, da es nicht zeitgleich rund um die welt geschied.

ihr ansatz erklärt nicht die unterschiede zw. nord- und südamerika. er erklärt nicht die unterschiede zw spanien portugal, schweden, schweiz, holland, australien japan.

und wo wird äthiopien ausgebeutet? keine bodenschätze, keine plantagen, keine fabriken.

ich halte max webers ansatz für besser.

greenling
23.12.2011 14:01

Bevor man sich auf die Überbevölkerung ausredet, könnte man mal aufhören, die Afrikaner zu verars**en!

1) Nur noch fairen Handel für Produkte aus Afrika erlauben
2) kein Landgrabbing zulassen!
3) Internationale Großkonzerne für die Umweltschäden, die sie verursachen auch kräftig zur Kasse bitten!

Johannes Benn
23.12.2011 15:53
.

darueber sollte man einmal verhandeln. nur muss es natuerlich auch gegenleistungen geben
1) keine zuwanderung mehr
2) keine entwicklungshilfe mehr

Picassodrücker
23.12.2011 16:32

und warum genau?

Johannes99
23.12.2011 13:22
Aus der angolischen Staatskasse fehlen 35 Milliarden Dollar

die sind halt versickert. Das Problem ist: Den Regierungen in Afrika sind die eigenen Leute aber sowas von egal. Hauptsache, die Clans können abkassieren.
Es hilft nur eines: Eine internationale Verpflichtung, dass jeder Staat zuallererst die eigene Bevölkerung zu ernähren hat, an zweiter Stelle für eine ordentliche Bildung zu sorgen hat. Was übrig bleibt, sollen sie von mir aus einsacken.
Wer dagegen verstößt, wird vor einen internationalen Gerichtshof gestellt. Bei Kriegsverbrechern geht es ja auch.

großkariert
23.12.2011 16:02

wer nicht macht was sie wollen, soll vor den internationalen gerichtshof? warum nicht gleich kolonien einrichten?

im tschad gabs die finanzierung einer ölpipline, wenn die erlöse zu festgelegten teilen in gesundheit und bildung investiert wird. hat keine 5 jahre funktioniert und das geld floß ins militär, da man rebellen bekämpfen muss.

jeder der jetzt nach öl- oder handelsembargo schreit, so auch benennen was so ein embargo an negativen konsequenzen mit sich zieht.

Chris Quast
29.12.2011 00:09

kolonien, nein.
sind zu kostenineffizient. das wenige was diese länder bieten können, bekommen wir mit unserem geld auch so, da brauchen wir ihnen wie kolonialismus nicht auch noch auf die beine helfen. diese chance hatten sie und wir schon.
sie habens vergeigt, und wir habens vergeigt !
könnte mir nämlich vorstellen, dass nach dem 1. bzw. 2 wk, das typische ausbeutungsmuster so nicht mehr durchzusetzen gewesen wäre.
aber anstatt kooperation, wollte man ja "befreiung". und ging von einer knechtschaft in die nächste.

Chien de Pique
29.12.2011 17:17

Dafür sprechen zumindest die erhalten gebliebenen, allerdings kleinen Quasi-Kolonien.

greenling
23.12.2011 14:11
Wir sind unserer Regierung doch auch egal!

Der Unterschied ist, dass wir schon immer ein reiches Land waren, das wir nicht kolonisalisiert wurden, sondern daran beteiligt waren und auch heute noch Afrika ausnützen, von wem bekommen denn die Regierungen das Geld, das Großkonzerne zwar auch unser Land in der Hand haben, aber wir immer noch genügend Geld haben um uns Lebensmittel kaufen zu können. Angenommen Österreich dürfte von einem Tag auf den anderen nicht mehr importieren - glauben sie - wir könnten uns noch selbst ernähren?! Das Futter für unsere Massentierhaltungstiere kommt schließlich aus Asien und der Rest der Landwirtschaft wird für Biosprit und minimal für Biogemüse genutzt!

Shadow
23.12.2011 18:00
Der Unterschied ist, dass wir schon immer ein reiches Land waren

sehen sie sich die kriege der letzten hundert jahre an. asien und europa haben sich praktisch aus der asche erhoben. übrigens auch asiatische staaten die selber kolonisiert wurden. südkorea zb hat nicht nur die kolonisation sondern auch den koreakrieg überlebt und ist jetzt eine moderne industrienation.

das problem liegt meiner meinung nach eher darin, dass der westen afrika abhängig gemacht hat von seinen hilfslieferungen. die lokale landwirtschaft wurde dadurch nachhaltig zerstört.

greenling
23.12.2011 15:42

Südamerika statt Asien meinte ich, bzw. sowohl als auch

Truth is a Troll
23.12.2011 13:15

Also eh alles normal und alles wie jedes Jahr?

Johannes Benn
23.12.2011 12:43
.

die prognosen sind nicht schwer, ich prognostiziere dass es in den naechsten dreissig jahren jedes jahr zu hungerkatastrophen in subsahara afrika kommen wird, wie sollte es auch anders sein? trotzdem wird sich bevoelkerung in diesem zeitraum mindestens verdreifachen

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 112
1 2 3

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.