Der leise Tod einer Supermacht

22. Dezember 2011, 18:26
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Aus und vorbei: Ende Dezember 1991 löste sich die Sowjetunion auf - Während der Westen das Ende des Kalten Krieges feierte, kämpften die Bürger der einstigen Supermacht mit Armut, Krieg und dem Verlust der eigenen Würde

Es ist ein deprimierendes Bild, das die Russen an jenem 25. Dezember 1991, einem grauen Wintertag, zu sehen bekommen: Michail Gorbatschow, erster und letzter Präsident der Sowjetunion, verliest seine Abschieds-rede. Vor ihm einige Zettel und eine graue Aktenmappe. "Aufgrund der durch die Gründung der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten entstandenen Situation lege ich mein Amt als Präsident der Sowjetunion nieder", erklärt er.

Er blicke mit großer Sorge in die Zukunft, hoffe aber auf die Weisheit und den Willen der Bürger, sagt er. Gorbatschow wendet einen unsicheren Blick nach links, blickt dann nach rechts und klappt die Mappe zu. Das Kapitel Sowjetunion ist abgeschlossen.

70 Jahre hatte das kommunistische Regime in Moskau geherrscht. Unter Diktator Josef Stalin vergrößerte sich das rote Reich nach dem Sieg im Zweiten Weltkrieg nach Osten und Westen und stieg zur atomaren Supermacht auf, die ganz Osteuropa brutal unter ihrer Fuchtel hielt. Später, unter Nikita Chruschtschow, wett-eiferte die Sowjetunion mit den USA um die Vorherrschaft im Weltall. Jahrzehntelang lieferten die beiden Supermächte einander Stellvertreterkriege in der ganzen Welt.

Bis heute streiten vor allem russische Historiker darüber, wer die Schuld am Untergang des Riesenreichs trägt und ob eine Rettung der Sowjetunion möglich war. Sicher ist: Wirtschaftlich stand das Reich schon ab den 1970er-Jahren unter Druck; ausgehöhlt durch das Wettrüsten mit den USA, die Stützung der kommunistischen Regime in Osteuropa und später noch durch den Afghanistankrieg. Glasnost und Perestroika konnten den Verfall nicht aufhalten, sie beschleunigten ihn nur.

Washington überrascht

Selbst Washington wurde vom Tempo des Zerfalls überrascht, obwohl das Weiße Haus seit Jahren darauf hinarbeitete und mit der künstlich herbeigeführten Senkung der Ölpreise ab 1985 seinen Teil dazu beitrug, dass Gorbatschows Reformen die Puste ausging. Bereits 1989 sei er sicher gewesen, dass die Sowjetunion sich verändern werde, erinnerte sich US-Präsident George Bush sen. später: "Dennoch habe ich nie angenommen, dass die Sowjetunion bis Dezember 1991, als das Konzept der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten aufkam, zu existieren aufhören könnte."

Während die regionalen Eliten in der Hoffnung auf Macht und Reichtum die Trennung herbei- sehnten, wirkte die Auflösung der Sowjetunion auf die Bevölkerung wie ein Schock. Der plötzliche Zerfall aller wirtschaftlichen und politischen Bande potenzierte das Ausmaß der Katastrophe. Die 1990er-Jahre waren geprägt von Bürgerkriegen (Abchasien, Berg-Karabach, Südossetien, Transnistrien, Tschetschenien), massiver Verarmung der Bevölkerung und einer ungeheuren Gesetzlosigkeit.

So ist es kein Wunder, dass Gorbatschow, der im Westen als "Vater der deutschen Einheit" und Friedensnobelpreisträger, der den Kalten Krieg beendet hat, gefeiert wird, in der Heimat deutlich unpopulärer ist. Umfragen zufolge wünscht sich jeder fünfte Russe die Sowjetunion zurück.

Die Auswirkungen des Kollaps sind bis heute spürbar. Erst 2007 erreichte das Bruttoinlandsprodukt in Russland, dem größten Nachfolgestaat der Sowjetunion, wieder das Niveau von 1989. Der demografische Verlust beläuft sich auf mehrere Millionen Menschen. Viele junge Spezialisten sind nach Europa, Israel oder in die USA ausgewandert.

Immerhin hat der Ölpreisboom des letzten Jahrzehnts für einen Aufschwung gesorgt, von dem auch ein breiter werdender Mittelstand profitiert. Die Sehnsucht nach der Rückkehr zur Sowjetunion ist so in der Bevölkerung geringer geworden.

Die politische Führung Russlands hingegen hat ihren Standort noch nicht genau definiert. Das Supermachtdenken weicht nur langsam der Erkenntnis, dass trotz Atomwaffen die Ressourcen dazu nicht reichen. Inzwischen konzentriert sich Moskau aber mehr und mehr auf das Ziel, Russland zu einer regionalen Großmacht aufzubauen. (André Ballin aus Moskau, DER STANDARD-Printausgabe, 23.12.2011)

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    Das Kapitel Sowjetunion ist abgeschlossen: Präsident Michail Gorbatschows letzter Akt am 25. Dezember 1991.

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