"Diese Summe genügt aber nicht"

Interview22. Dezember 2011, 20:23
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Tilmann Märk, Rektor der Uni Innsbruck, über die Uni-Milliarde, die keine ist, neid- und angstvolle Blicke ins Ausland, mehr Freiheit im Studium und Stolz auf seine deutschen und italienischen Studierenden

STANDARD: Ihr ehemaliger Rektor und Vorgänger an der Universität Innsbruck, Karlheinz Töchterle, ist jetzt Wissenschaftsminister. Wie macht er sich als Politiker?

Märk: Wir waren schon im Rektorenteam gute Kollegen und Freunde. Er macht aus meiner Sicht seine Aufgabe exzellent - und es ist sicher eine schwierige Aufgabe.

STANDARD: Wie geht es der Universität Innsbruck finanziell?

Märk: Die Uni Innsbruck ist gut aufgestellt in Forschung und in Lehre. Es werden aber schwierige Zeiten auf uns zukommen. Die Finanzierung ab 2013 ist nach wie vor nicht im vollen Umfang gesichert, um das bisherige Niveau und den bisherigen Umfang in Lehre und Forschung aufrechtzuerhalten. Mit der kommenden Leistungsvereinbarung wird nach dem derzeitigem Stand für die Unis an Globalbudget nur so viel Geld zur Verfügung stehen, wie in der bisherigen Leistungsperiode plus 100 Millionen Euro pro Jahr. Diese Summe genügt aber nicht. Alle Universitäten zusammen würden die immer wieder genannten 300 Millionen Euro pro Jahr benötigen, für den Inflations- und Strukturausgleich. Wenn diese 300 Millionen nicht zur Verfügung stehen, dann werden alle Unis ihre Aktivitäten einschränken müssen. In anderen Ländern, an anderen Unis wird dagegen stark investiert und expandiert. Es wird für uns ohne diese zusätzlichen Mittel sehr schwierig werden, im internationalen Wettbewerb mitzuhalten. Hier helfen zwar etwaige Projekte aus den 150 Millionen Euro im Hochschulplan-Strukturfonds, sind aber bei weitem nicht ausreichend, da ja daraus auch andere Bereiche finanziert werden sollen.

STANDARD: Was genau heißt es, Aktivitäten an der Universität einzuschränken?

Märk: Entweder ganze Studien schließen oder die Aktivitäten in Forschung und Lehre herunterfahren und damit an Qualität einbüßen.

STANDARD: Wie würden Sie auswählen, welches Studium eingestellt wird?

Märk: Ich möchte gar nicht an so etwas denken. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Politik das wirklich will und zulässt. Und die nun zugesicherte Universitätsmilliarde für die Jahre 2013 bis 2015 und der in Aussicht gestellte Hochschulplan sind ein bedeutendes Signal. Wir würden ein katastrophales Bild nach außen abgeben, wenn eines der reichsten Länder der Welt nicht in der Lage ist, in entsprechender Weise in die Zukunft der Jugend zu investieren.

STANDARD: Würden Sie mit den Studierenden auf die Straße gehen und protestieren?

Märk: Ja, nicht nur ich, sondern vermutlich alle Uni-Verantwortlichen. Ich denke, Minister Töchterle hat am Mittwoch eine sehr positive Weichenstellung vorgestellt. Die Richtung stimmt. Aber um noch einmal zu den prekären Finanzen zu kommen: Wir werden natürlich versuchen, auch verstärkt Drittmittel einzuwerben. Diese liegen bei uns derzeit bereits bei 20 Prozent des Budgets. Auch der Bereich Studieninhalte liegt mir sehr am Herzen. Die Fehlentwicklungen des Bologna-Prozesses müssen in den kommenden vier Jahren korrigiert werden. Wir werden die Studien weniger stark strukturieren, und die Studierenden sollen mehr Freiheit und Verantwortung bekommen.

STANDARD: Würden Sie Studiengebühren einheben?

Märk: Ich glaube, dass die Studiengebühren nur ein kleiner Teil der gesamten Problematik sind. Es muss das Gesamtpaket diskutiert werden. Also Gebühren, Finanzierung und Zugänge. Ich möchte aber keinen Numerus clausus. Das halte ich nicht für fair.

STANDARD: Immer wieder wird über den Ansturm der deutschen Studierenden auf die Uni Innsbruck diskutiert. Sind es zu viele?

Märk: Internationalisierung ist gewünscht und in Innsbruck schon sehr weit verwirklicht. Über 60 Prozent unserer Publikationen haben internationale Ko-Autoren. Eigentlich sind wir stolz auf unsere deutschen und italienischen Studierenden. Es zeigt, dass wir eine attraktive Universität sind. Die Zahlen dürften sich eingependelt haben.

STANDARD: Was halten Sie von einer Rückführung der Medizin-Uni in die Stamm-Uni?

Märk: Ich bin hier sehr offen. Man muss solche Änderungen emotionslos betrachten. (Verena Langegger, DER STANDARD, Printausgabe, 23.12.2011)

TILMANN MÄRK (67), gebürtiger Tiroler, ist seit 13. Dezember Rektor der Leopold-Franzens-Universität Innsbruck (LFU). Der Physiker betreut nach wie vor Dissertanten und ist Gastprofessor in Bratislava und Gastforscher in Lyon.

  • Rektor Tilmann Märk sieht schwierige finanzielle Zeiten auf die Unis zukommen.
    foto: standard/schwinghammer

    Rektor Tilmann Märk sieht schwierige finanzielle Zeiten auf die Unis zukommen.

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