Eine Jeanne d'Arc unter Brünner Zwergen

22. Dezember 2011, 17:09
posten

Der große Brünner Erzählkünstler Jirí Kratochvil erfindet in seinem neuen Roman "Femme fatale" eine nicht dingfest zu machende Figur der tschechischen Freiheit. Ein meisterliches Werk

Wien/Brünn - Auf den ersten Blick lässt sich Jirí Kratochvils neuer Roman sogar als Dokument der Gegenwartsbewältigung verstehen. Auf den ersten Seiten entführt der tschechische Meistererzähler nach Brünn, wo in den Novembertagen 1989 einige lokale Aktivisten der Samtenen Revolution über die jüngsten politischen Vorkommnisse in der damaligen CSSR diskutieren.

Ob Zufall oder nicht: Die Versammlung findet ausgerechnet im kommunalen "Haus der Kunst" statt. Eine junge Frau tritt in Erscheinung: Sie ist aus Prag angereist, trägt die Blessuren polizeilicher Übergriffe zur Schau und kriecht in einer Nacht-und-Nebel-Aktion bei einem wackeren Turnlehrer unter.

Dass Katerina Kánícková, genannt Katka, in Brünn klebenbleibt, hat mit den besonderen Bedingungen von Jirí Kratochvils Romanwelten zu tun: In ihnen weitet die Stadt Brno (Brünn) sich ins Unmäßige und Übernatürliche aus. Ihre schönen Häuser und Gassen fungieren als Nahtstellen und Umsteigeplätze, als Transiträume, als trügerische Verweilorte und Haltezonen zwischen den verschiedenen Erzählwelten.

Die Neu-Brünnerin Katka entpuppt sich, sehr zum Erstaunen der lokalen Männerwelt, nicht nur als veritable Nymphomanin. Sie ist ihrerseits Autorin. Ihr Erstlingswerk "Fallstricke" reißt die Kritik zu Jubelstürmen hin, weil in ihm angeblich in "brutal realistischen und magisch traumhaften Bildern" der Eintritt der Tschechoslowakei in die kapitalistische Welt geschildert wird.

Torkeln in den Alltag

Jedenfalls scheint Katka nie ganz diejenige zu sein, als die sie uns von Kratochvil vorgestellt wird. Als wenig vertrauenswürdige Erzählinstanz muss der Turnlehrer herhalten: ein Simpel, jedoch immerhin klug genug, um im Stundenhotel eines alten Schulfreundes ein Fitnesscenter einzurichten. Die Absteige benützt er als Begegnungsstätte mit der charismatischen Katka. Man sieht: Die Tschechoslowakei torkelt in den realkapitalistischen Alltag hinüber. Nur Katka wird nicht müde, ihr Kunstprogramm ausführlich darzulegen: Das Leben habe die Kunst mit Vitalstoffen zu beliefern - um den Preis, dass das Leben aufgezehrt werde. "Der Künstler", doziert die junge Dame, sei immer "ein Mystiker des Unrats und der Hölle."

Was tut man nun mit einer derart naseweisen Figur? Man opfert sie. Selten wurde Roland Barthes' Schlagwort vom "Tod des Autors" spektakulärer und zugleich mutwilliger ins Werk gesetzt als in diesem prächtigen postmodernen Roman.

Katka stirbt nicht etwa nur, sie wird als echte Nervensäge hingeschlachtet. Damit kann es in der gleisnerischen Welt Kratochvils natürlich nicht sein Bewenden haben: Dieses Schmerzenskind ihres Schöpfers (Kratochvils) kehrt als unerledigter Rest wieder. Und was sie trotz ihres Todes nicht alles vermag! Katka kreuzt als Wiedererstandene sogar die schlingernde Lebensbahn ihrer selbst: schlägt in den Gassen von Brünn als obdachlose Straßenmusikantin auf eine Trommel und begegnet ihrem verflossenen Alter Ego, als wäre es ein Leichtes, mit sich selbst als Double um die Wette zu leben.

Katka, diese Superwoman der postsozialistischen Realverhältnisse, kommt jeweils zu früh oder zu spät - wer wüsste das schon zu sagen in diesem Schnittmusterheft der postmodernen Erzählstrategien?

Sie schrumpft zur mickrigen Maus und dient als Beraterin des melancholischen Habsburgers Rudolf II., der mit einer Entourage von Zwergen in einem Brünner Abbruchhaus Quartier bezogen hat. Vor allem aber bilden sich in der glorreichen Widerstandsfigur der Katka die Möglichkeiten einer Literatur ab, die um den Verlust der "großen Erzählung" weiß und den Genuss der Vielheit ungeniert für sich einfordert.    (Ronald Pohl / DER STANDARD, Printausgabe, 23.12.2011)

Jirí Kratochvil: "Femme fatale". Roman. Aus dem Tschechischen von Julia Hansen-Löve und Christa Rothmeier. Braumüller-Verlag: Wien 2011

  • Autor Jirí Kratochvil (71) entwirft ein literarisches Spiel mit Licht und Schatten.
    foto: standard / cremer

    Autor Jirí Kratochvil (71) entwirft ein literarisches Spiel mit Licht und Schatten.

Share if you care.