Der große Brünner Erzählkünstler Jirí Kratochvil erfindet in seinem neuen Roman "Femme fatale" eine nicht dingfest zu machende Figur der tschechischen Freiheit. Ein meisterliches Werk
Wien/Brünn - Auf den ersten Blick lässt sich Jirí Kratochvils neuer Roman
sogar als Dokument der Gegenwartsbewältigung verstehen. Auf den
ersten Seiten entführt der tschechische Meistererzähler nach Brünn, wo in den
Novembertagen 1989 einige lokale Aktivisten der Samtenen Revolution über die
jüngsten politischen Vorkommnisse in der damaligen CSSR diskutieren.
Ob Zufall oder nicht: Die Versammlung findet ausgerechnet im kommunalen "Haus
der Kunst" statt. Eine junge Frau tritt in Erscheinung: Sie ist aus Prag
angereist, trägt die Blessuren polizeilicher Übergriffe zur Schau und kriecht in
einer Nacht-und-Nebel-Aktion bei einem wackeren Turnlehrer unter.
Dass Katerina Kánícková, genannt Katka, in Brünn klebenbleibt, hat mit den
besonderen Bedingungen von Jirí Kratochvils Romanwelten zu tun: In ihnen weitet
die Stadt Brno (Brünn) sich ins Unmäßige und Übernatürliche aus. Ihre schönen
Häuser und Gassen fungieren als Nahtstellen und Umsteigeplätze, als
Transiträume, als trügerische Verweilorte und Haltezonen zwischen den
verschiedenen Erzählwelten.
Die Neu-Brünnerin Katka entpuppt sich, sehr zum Erstaunen der lokalen
Männerwelt, nicht nur als veritable Nymphomanin. Sie ist ihrerseits Autorin. Ihr
Erstlingswerk "Fallstricke" reißt die Kritik zu Jubelstürmen hin, weil in ihm
angeblich in "brutal realistischen und magisch traumhaften Bildern" der Eintritt
der Tschechoslowakei in die kapitalistische Welt geschildert wird.
Torkeln in den Alltag
Jedenfalls scheint Katka nie ganz diejenige zu sein, als die sie uns von
Kratochvil vorgestellt wird. Als wenig vertrauenswürdige Erzählinstanz muss der
Turnlehrer herhalten: ein Simpel, jedoch immerhin klug genug, um im Stundenhotel
eines alten Schulfreundes ein Fitnesscenter einzurichten. Die Absteige benützt
er als Begegnungsstätte mit der charismatischen Katka. Man sieht: Die
Tschechoslowakei torkelt in den realkapitalistischen Alltag hinüber. Nur Katka
wird nicht müde, ihr Kunstprogramm ausführlich darzulegen: Das Leben habe die
Kunst mit Vitalstoffen zu beliefern - um den Preis, dass das Leben aufgezehrt
werde. "Der Künstler", doziert die junge Dame, sei immer "ein Mystiker des
Unrats und der Hölle."
Was tut man nun mit einer derart naseweisen Figur? Man opfert sie. Selten
wurde Roland Barthes' Schlagwort vom "Tod des Autors" spektakulärer und zugleich
mutwilliger ins Werk gesetzt als in diesem prächtigen postmodernen Roman.
Katka stirbt nicht etwa nur, sie wird als echte Nervensäge hingeschlachtet.
Damit kann es in der gleisnerischen Welt Kratochvils natürlich nicht sein
Bewenden haben: Dieses Schmerzenskind ihres Schöpfers (Kratochvils) kehrt als
unerledigter Rest wieder. Und was sie trotz ihres Todes nicht alles vermag!
Katka kreuzt als Wiedererstandene sogar die schlingernde Lebensbahn ihrer
selbst: schlägt in den Gassen von Brünn als obdachlose Straßenmusikantin auf
eine Trommel und begegnet ihrem verflossenen Alter Ego, als wäre es ein
Leichtes, mit sich selbst als Double um die Wette zu leben.
Katka, diese Superwoman der postsozialistischen Realverhältnisse, kommt
jeweils zu früh oder zu spät - wer wüsste das schon zu sagen in diesem
Schnittmusterheft der postmodernen Erzählstrategien?
Sie schrumpft zur mickrigen Maus und dient als Beraterin des melancholischen
Habsburgers Rudolf II., der mit einer Entourage von Zwergen in einem Brünner
Abbruchhaus Quartier bezogen hat. Vor allem aber bilden sich in der glorreichen
Widerstandsfigur der Katka die Möglichkeiten einer Literatur ab, die um den
Verlust der "großen Erzählung" weiß und den Genuss der Vielheit ungeniert für
sich einfordert. (Ronald Pohl / DER STANDARD, Printausgabe, 23.12.2011)
Jirí Kratochvil: "Femme fatale". Roman. Aus dem Tschechischen von Julia Hansen-Löve und Christa Rothmeier. Braumüller-Verlag: Wien 2011