"Kultureller Auftrag", Gottes Lohn

23. Dezember 2011, 06:15
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Neun Kirchen besitzt die Bundesimmobiliengesellschaft. Deren Sanierungen sind teuer, Einkünfte sind daraus kaum zu lukrieren

Das höchste Innenraumgerüst Österreichs ist 58 Meter hoch, 60 Tonnen schwer und befindet sich in der Salzburger Kollegienkirche. Die Bundesimmobiliengesellschaft (BIG) führt hier in dem 1707 fertiggestellten Sakralbau von Johann Bernhard Fischer von Erlach seit wenigen Monaten eine umfassende Sanierung durch: Dach und Fassade wurden bereits erneuert, nun wird die Kuppel in Angriff genommen. Bis zu den nächsten Festspielen ist die Kirche deshalb für die Öffentlichkeit gesperrt.

Teure Sanierungen, keine Einkünfte

Die BIG hat bereits 3,7 Millionen Euro in die Sanierung investiert, weitere 2,5 Millionen Euro werden bis 2013 noch folgen. Sie tut das, weil sie Eigentümerin des barocken Baujuwels ist - so wie das bundesweit auch bei acht weiteren Gotteshäusern der Fall ist (siehe "Wissen"). Dabei sind die Millionen betriebswirtschaftlich betrachtet hinausgeschmissenes Geld: Obwohl die Kollegienkirche zur Salzburger Paris-Lodron-Universität gehört, kann die BIG daraus keine Einnahmen in Form von Mieten oder Eintrittsgeldern lukrieren. "Wir haben als Immobiliengesellschaft des Bundes aber eben auch so etwas wie einen kulturellen Auftrag", erklärt Sprecher Ernst Eichinger gegenüber derStandard.at.

Die BIG muss die Sanierung nicht alleine stemmen, es wurden bisher auch rund 1,1 Millionen Euro an Spendengeldern gesammelt. Unter anderem steuerte der World Monuments Fund (WMF) 380.000 Euro bei. Nach wie vor fehlen aber sechs Millionen Euro für die Finanzierung der weiteren Arbeiten im Inneren, unter anderem eine ganze Million für die Restaurierung der Orgel.

"Millionenschwere Last"

Trotz der hehren baukulturellen Ziele ist man in der BIG über die Situation natürlich alles andere als glücklich. Nicht nur allfällige Sanierungen kosten viel Geld, sondern auch die laufenden Betriebskosten der Objekte, die meist - von einzelnen Veranstaltungen wie Konzerten einmal abgesehen - nicht "hereingespielt" werden können.

Das Unternehmen spricht deshalb bisweilen auch von einer "millionenschweren Last", die man im Zuge des Bundesimmobiliengesetzes 2001 aufgebürdet bekam - in Form von Verpflichtungen, deren Wurzeln ins Jahr 1933 zurückreichen: Damals wurden mit dem Staatskirchenvertrag ("Konkordat"), geschlossen zwischen der ständestaatlichen Regierung Schuschnigg und dem Vatikan unter Papst Pius XI., weitgehende Instandhaltungspflichten der Republik festgelegt. "Die Gebäude und Grundstücke des Bundes, welche gegenwärtig unmittelbar oder mittelbar kirchlichen Zwecken dienen, einschließlich jener, in deren Genuß religiöse Orden und Kongregationen stehen, werden auch fernerhin unter Bedachtnahme auf allenfalls bestehende Verträge diesen Zwecken überlassen", heißt es konkret in Artikel XV, Paragraph 8. 2001 wurden diese Verpflichtungen auf die BIG übertragen, der Passus ist also seither von ihr "namens des Bundes" zu erfüllen. Mit anderen Worten: Die BIG muss die jeweiligen Räumlichkeiten der katholischen Kirche zur Verfügung stellen, und zwar quasi für "Gottes Lohn", wie man so schön sagt.

Weil man als Eigentümer der Immobilien auch für die Sicherheit und die Instandhaltung verantwortlich ist, muss laufend investiert werden, um die Objekte nicht dem Verfall preiszugeben. Im niederösterreichischen Wieselburg wurde etwa im Zuge des Um- und Ausbaus des Schlosses Weinzierl, das von der Höheren Bundeslehr- und Forschungsanstalt als Schulgebäude genutzt wird, auch eine 400.000 Euro teure Sanierung der Schlosskapelle "Patrozinium zur heiligen Gottesmutter" vorgenommen. Die Kirche wird laut Eichinger gar nicht an die Schule mitvermietet, Schulmessen finden dort trotzdem statt. Liturgisch genutzt werden auch die anderen acht BIG-Kirchen mehr oder weniger regelmäßig - Miete sieht die BIG dafür keine.

349 Euro Miete pro Jahr - ab 2021

So wie auch für das wohl bekannteste kirchliche Objekt im BIG-Portfolio, die 1976 geweihte "Wotruba-Kirche" in Wien-Liesing. Auch wenn hier die Sache noch komplizierter ist: Die Kirche selbst gehört gar nicht der BIG, sondern nur das Grundstück, auf dem sie sich befindet. "Erst 50 Jahre nach der Errichtung dürfen wir Miete einheben. Aber auch danach halten sich die Einnahmen in Grenzen, zumal sich die damals vereinbarten Konditionen, selbst bei Einrechnung der Inflation, in überschaubarer Höhe bewegen", wird BIG-Objektmanager Thomas Peneder in der hauseigenen Zeitschrift "BIG Business" zitiert. Ab 2021 schauen dann jährlich 349 Euro Miete für die BIG heraus.

Über neue Nutzungsmöglichkeiten der Kirchen denkt man in der Bundesimmobiliengesellschaft laut Eichinger laufend nach, ein Verkauf wird aber "definitiv" ausgeschlossen. Dabei läge man damit sozusagen im Trend: In Wien-Ottakring hat die römisch-katholische Kirche erst vor wenigen Wochen ein Gotteshaus an die serbisch-orthodoxe Gemeinde abgegeben. Allerdings nicht verkauft, sondern - verschenkt. (Martin Putschögl, derStandard.at, 22.12.2011)

Wissen

Die neun Kirchen im Portfolio der BIG:

  • St.-Markus-Kirche, Klagenfurt, Kaufmanngasse 11
  • Sacellum, Salzburg, Universitätsplatz
  • Kollegienkirche, Salzburg, Universitätsplatz
  • Kapelle zur Schmerzhaften Muttergottes, Absam
  • Jesuitenkirche, Innsbruck, Karl-Rahner-Platz
  • St.-Ursula-Kirche, Wien, Johannesgasse 8
  • Wotruba-Kirche, Wien, Mauer-St. Georg
  • Kapelle, Wien, Ungargasse 69
  • Patrozinium zur heiligen Gottesmutter, Wieselburg
  • In der Salzburger Kollegienkirche wurde ...
    foto: big

    In der Salzburger Kollegienkirche wurde ...

  • ... in den vergangenen fünf Wochen das mit 58 Metern höchste Innenraumgerüst Österreichs aufgebaut.
    foto: big

    ... in den vergangenen fünf Wochen das mit 58 Metern höchste Innenraumgerüst Österreichs aufgebaut.

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Ebenfalls im Besitz der BIG: Das Grundstück in Wien-Liesing, auf dem die "Wotruba-Kirche" - offiziell "Kirche zur Heiligsten Dreifaltigkeit" genannt - von Architekt Fritz Mayr und nach einer Idee des Künstlers Fritz Wotruba gebaut wurde. Sie besteht aus 152 völlig unsymmetrisch aufeinander geschachtelten Betonblöcken.

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