Die Welt im Ton

22. Dezember 2011, 17:12
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Individualisten wie Dino Saluzzi und Charles Lloyd haben es gut: Ist ihre Musikumgebung mitunter dürftig, strahlen sie dennoch, da ihr Ton eben das gewisse Etwas hat

An unverwechselbaren (instrumentalen) Stimmen ist das Frappante und Schöne, dass sie in jedwede, also auch nicht so tolle Musikumgebung gestellt werden können – und sie strahlen dennoch weiter, ohne unterzugehen und ihr Charisma einzubüßen. Von diesem Phänomen handelt das Folgende, und als Beispiel bietet sich natürlich auch der große Erzähler unter den Instrumentalisten an, also Dino Saluzzi, jener Bandoneon-Virtuose, der diesem Sprachrohr der poetischen Melancholie klischeefrei Tiefe verleiht. Saluzzi bewegt sich gerne im diskret-elegischen Bereich, verfügt über eine große Improvisationsgabe und versteht es – und das scheint entscheidend -, auch den einsamen Einzelton zum Bedeutungsträger zu machen.

Nun treffen wir also Saluzzi (Jahrgang 1935, in Argentinien geboren) auf einer CD namens Navidad de los Andes (ECM/Lotus) und dabei im Trio mit Cello (Anja Lechner) und Saxofon (Felix Saluzzi). Es ist dies eine Art Reise durch die folkloristischen Landschaften Südamerikas, wobei die Musik gerne ruhig-idyllisch daherkommt, bei aufkeimender Lebendigkeit vor allem durch das Cello mit vibratoseliger Romantik geprägt wird. So kippt die (durchaus auch mit schön-subtilen Miniaturen berückende) Einspielung letztlich ins Übersüße, mit etwas zu dickem Gefühlscellopinsel wird da aufgetragen. Aber eben Saluzzi: Wo immer er quasi die Leitung übernimmt, weicht das Aufdringliche dem Intimen. Saluzzi weiß, wie wenig nötig ist, um viel zu erzählen und ein Maximum an Schwermut zu erzielen, ohne sich vom Kollegenkontext zu Übertreibungen hinreißen zu lassen.

In diese Kategorie der unzerstörbar magischen Stimmen gehört auch Saxofonist Charles Lloyd. Schon die ersten Noten des Athens Concert (ECM/Lotus) zeigen, dass der Veteran in der Nachfolge von John Coltrane am Tenorsaxofon auch neben Sängerin Maria Farantouri (sehr viel Emotion) bei sich bleibt. Das betrifft den vollen Ton, das betrifft aber auch - als Beispiel darf man das Stück Dream Weaver anführen – seine Fähigkeit zur improvisatorischen Emphase. Von sanfter Lyrik bis hin zu vitalen Ausbrüchen ist hier alles enthalten, was eine große Jazzstimme ausmacht, die in einem einzigen Ton eine ganze Welt einfangen kann. Natürlich, hier stimmt die Bandumgebung. Ein Jason Moran am Klavier ist ein wahrer Luxus an Vitalität und Intelligenz. (Ljubisa Tosic /DER STANDARD, Printausgabe, 23.12.2011)

  • Der argentinische Bandoneon-Spieler Dino Saluzzi, ein großer Rhetoriker der Melancholie.
    foto: standard / fischer

    Der argentinische Bandoneon-Spieler Dino Saluzzi, ein großer Rhetoriker der Melancholie.

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