Firmen gehen hackeln statt spenden

Reportage22. Dezember 2011, 11:06
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Das Netzwerk "Verantwortung zeigen!" hat im Advent 24 Mini-Sozialprojekte organisiert: Betriebe legen nicht Geld auf den Tisch, sondern packen selbst an

Norbert trägt einen weißen Malerkittel, der vorne improvisatorisch mit Klebeband zugehalten wird. Stolz betritt er das ehemalige Gartenhäuschen, wo schon ein Dutzend Leute damit beschäftigt sind, den Raum mit den kahlen Wänden mehr und mehr in eine Cafeteria zu verwandeln. Die Wände frisch ausgemalt, der Boden mit Folie ausgelegt - bis zur Fertigstellung im Jänner ist noch viel zu tun.

Bevor Nobert mit Arbeiten loslegt, "kaspert" er noch ein wenig herum, wie es Betreuer Klaus Broschwitz nennt. Das kann schon auch lautstark ausfallen, aber keiner lässt sich davon aus der Ruhe bringen. Es ist eine Baustelle, auf der man aus der Reihe tanzen darf, auf der viel gelacht wird.

Überschüssige Energie abbauen

Norbert ist einer von 120 Bewohnern des Davidzentrums in Waiern, einer Betreuungsstätte der Diakonie de La Tour für Menschen mit Behinderung. Er braucht abwechslungsreiche Tätigkeiten und muss zuerst einmal seine überschüssige Energie abbauen, wie Broschwitz, Teamleiter im Davidzentrum, später erklärt. Andere Klienten, so nennt er seine Schützlinge, bräuchten wiederum eine klare Linie beim Arbeiten vorgegeben.

So unterschiedlich alle hier auch sind, eines haben sie gemein: Sie sind stolz, an ihrer eigenen Cafeteria mitarbeiten zu können. Schließlich ist es auch nicht alltäglich, dass sie dabei Hilfe von außerhalb bekommen. Schon seit Jahren wünschen sich die Bewohner einen Rückzugsort, wo sie sich mit Freunden treffen oder auch Geburtstage feiern können.

Firmen schicken Personal

Aber die Arbeit macht sich nicht von alleine: "Im laufenden Betrieb ist das nicht möglich. Es braucht einen konkreten Anstoß", so Broschwitz. Der kommt von Andrea Scherer, die als Personalverantwortliche im Hotel Hochschober die Leute aus dem Davidzentrum bereits vom Sommer her kennt. Damals haben sie gemeinsam das Parkgelände bepflanzt - das Projekt Cafeteria ist da nun die logische Fortsetzung.

Also arbeiten Scherer und fünf Lehrlinge aus dem Hotel eine Woche lang am Bau des Cafés mit. Beim Lokalaugenschein von derStandard.at zeigen die Lehrlinge alles andere als Berührungsängste. Unisono erklären sie, dass sie sich ja freiwillig dafür gemeldet hätten und ihnen die Arbeit Spaß mache. "Es sind alle ganz offene Menschen, das überträgt sich einfach", sagt einer der Azubis.

Den eigenen Blick weiten

Die Arbeit des Hochschober-Teams gehört zur Initiative "Adventkalender": 24 Projekte, durchgeführt von unterschiedlichen Unternehmen bei unterschiedlichen Sozialeinrichtungen. Statt den zur Weihnachtszeit üblichen Firmenspenden sollen Leute aus der Wirtschaft mit anpacken, in direkten Kontakt zu den betreuten Menschen kommen. Organisiert wird alles vom Netzwerk "Verantwortung zeigen!", in dem das ganze Jahr über soziale Projekte von Unternehmen durchgeführt werden.

"Normalerweise trifft man nur Leute aus der eigenen Branche", sagt Scherer, Leiterin der hoteleigenen Mitarbeiterakademie. "Durch das Netzwerk hat man aber Kontakt zu den verschiedensten Hilfseinrichtungen. Das weitet den eigenen Blick." Ihr habe es bei der Arbeit mit den Lehrlingen im Betrieb geholfen, sie könne sich jetzt viel besser einfühlen, seit sie einen Tag mit schwer erziehbaren Jugendlichen verbracht habe.

Fotos an Türen als Orientierungshilfe

Auch für die sechs Mitarbeiter von Philips wird dieser Dezembertag bleibende Eindrücke hinterlassen: Sie verbringen ihn mit Demenzpatienten der Geriatrie-Abteilung im Klinikum Klagenfurt. Bevor sie die Senioren treffen, unterweist Stationsleiterin Renate Stuck alle im Umgang mit den alten Menschen: "Demenz tut nicht weh. Der Patient lebt einfach nur in seiner eigenen Welt. Und wenn wir daran teilhaben wollen, müssen wir uns nach ihm richten."

Regelmäßigkeit und Ordnung sei dabei wichtig: Alle paar Meter hängt eine Uhr an der Wand, genauso wie auf Tüchern gestickte Bauernregeln: "Die Sprüche kennen die Menschen von früher, das gibt ihnen Struktur", wie Stuck betont. Um ins eigene Zimmer zu finden, ist an der Tür statt der Zimmernummer ein Foto von einem Gegenstand oder einem Menschen angebracht, der im Leben der Patienten eine große Rolle gespielt hat: Familie, Ehemann, weißer VW-Käfer, Kutsche, Hund oder etwa Katze.

Erlebtes im Gedächtnis trainieren

Die Biographie ist das Schlüsselelement im Umgang mit den Demenzkranken: Jedem einzelnen der Philips-Leute erzählt Stuck vorab kurz über das Leben des jeweils zugeteilten Patienten, damit diese bei den Gesprächen daran anknüpfen können und die Menschen so zum Reden animieren. Denn Gedächtnistraining gehört zum fixen Tagesprogramm auf der Demenzstation.

"Es ist schon interessant: Sonst ist es bei uns immer so, dass die Patienten so viel wie nur möglich selbst machen", sagt Stuck schmunzelnd. "Aber jetzt, wo sie diese Zuwendung von den anderen Menschen bekommen, lassen sie sich viel mehr helfen als sonst." Auf den Besuch der Mitarbeiter des Multimediakonzerns hätten sich alle schon gefreut: "Sie sind dankbar für die Zeit, die ihnen jemand schenkt. Das ist für sie am meisten wert", so Stuck.

Verantwortungsvoller Umgang als Unternehmenskultur

„Für die Menschen in den Sozialeinrichtungen ist es eine hohe Wertschätzung, dass die Leute aus der Wirtschaft nicht nur fürs obligatorische Foto kommen, sondern ihnen sinnvoll helfen", sagt Iris Straßer, deren Unternehmen „Strasser & Strasser" hinter „Verantwortung zeigen!" steht. Das in Kärnten aufgebaute Netzwerk finanziert sich allein durch Mitgliedsbeiträge - mittlerweile sind 59 Mitglieder dabei, seit kurzem wird auch auf steirische Unternehmen ausgeweitet.

Straßers Ziel ist es, langfristig „in den Unternehmen eine Kultur des verantwortungsvollen Umgangs mit Mitarbeitern und Geschäftspartnern" zu entwickeln. Dazu brauche es einen Bewusstseinswandel, der in den Köpfen der Führungskräfte stattfinden soll - ausgelöst durch die eigenen Erfahrungen, die sie bei den Sozialprojekten machen. Straßer: „Durch die Kontinuität im Netzwerk sind die Aktionen nicht nur punktuell." Zwischen den Unternehmen und den Einrichtungen entstehen nicht selten dauerhafte Partnerschaften. Im Davidzentrum etwa steht schon die nächste gemeinsame Arbeit fest: Im Sommer will Andrea Scherer wieder mit ein paar Lehrlingen eine Terrasse zum Cafe bauen. „Aber jetzt musst weitermachen!" holt Norbert sie in die Gegenwart zurück. (Jutta Kalian, derStandard.at, 22.12.2011)

  • Ein Projekt des Adventkalenders findet im Davidzentrum statt. In dieser Errichtung  für Menschen mit Behinderung wird eine Cafeteria errichtet.
    foto: iris straßer

    Ein Projekt des Adventkalenders findet im Davidzentrum statt. In dieser Errichtung für Menschen mit Behinderung wird eine Cafeteria errichtet.

  • Klient Norbert aus dem Davidzentrum und die Mitarbeiter des Hotels Hochschober haben keine Berührungsängste.
    foto: iris straßer

    Klient Norbert aus dem Davidzentrum und die Mitarbeiter des Hotels Hochschober haben keine Berührungsängste.

  • Auch in der Geriatrie-Abteilung im Klinikum Klagenfurt geht es um die persönliche Aufmerksamkeit. Sechs Mitarbeiter von Philips verbringen dort Zeit mit Demenzkranken.
    foto: iris straßer

    Auch in der Geriatrie-Abteilung im Klinikum Klagenfurt geht es um die persönliche Aufmerksamkeit. Sechs Mitarbeiter von Philips verbringen dort Zeit mit Demenzkranken.

  • Auf der Demenzstation sind alle paar Meter Tücher mit bestickten Bauernregeln angebracht: "Die Sprüche kennen die Menschen von früher, das gibt ihnen Struktur", erklärt Stationsleiterin Renate Stuck.
    foto: iris straßer

    Auf der Demenzstation sind alle paar Meter Tücher mit bestickten Bauernregeln angebracht: "Die Sprüche kennen die Menschen von früher, das gibt ihnen Struktur", erklärt Stationsleiterin Renate Stuck.

  • Für die Menschen in der Geriatrie-Abteilung ist eines wichtig: "Sie sind dankbar für die Zeit, die ihnen jemand schenkt. Das ist für sie am meisten wert", so Stuck.
    foto: iris straßer

    Für die Menschen in der Geriatrie-Abteilung ist eines wichtig: "Sie sind dankbar für die Zeit, die ihnen jemand schenkt. Das ist für sie am meisten wert", so Stuck.

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