Breaking news: IWF fordert Reichensteuer!

Presseschau22. Dezember 2011, 09:45
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Die europäischen Kulturzeitschriften nehmen den Chef des Internationalen Währungsfonds beim Wort, meinen, dass es keine "gute" und "böse" Forschung gibt und plädieren für mehr Transparenz beim Test von neuen Medikamenten.

Die wahre Ursache der Krise
"Die Schuldenkrise wurde bereits auf tausend verschiedene Arten erklärt", schreibt Mikael Feldbaum in der schwedischen Zeitschrift Arena. "Aber keine Erklärung ist so einfach, fundamental und glaubwürdig wie die von Michael Kumhof: Die wachsende soziale Ungleichheit ist die Ursache der enormen Schulden." Kumhof, führender Ökonom beim Internationalen Währungsfonds, erklärt im Interview: "Das Einkommen der reichsten fünf Prozent der Bevölkerung ist derart gestiegen, dass sie ihr ganzes Geld gar nicht mehr ausgeben können. Es gibt eine Grenze, wie viele Armani-Anzüge man tragen kann. [...] Was bleibt, ist, das Geld dem Bankensektor zu leihen. Gleichzeitig bleibt den restlichen 95 Prozent der Bevölkerung ein kleinerer Anteil als zuvor. [...] Ein großes Angebot an Geld von den reichen fünf Prozent und große Nachfrage nach Krediten vonseiten der übrigen 95 Prozent - das ist es, was die aktuelle Krise verursacht hat." Eines von Kumhofs Rezepten, die Ungleichheit einzudämmen: die Einführung einer Reichensteuer.

Geht's der Wissenschaft gut, geht's der Wirtschaft gut
Grundlagen- versus angewandte Forschung: die eine ausschließlich an der objektiven Wahrheit interessiert, die andere an praktischem und kommerziellem Nutzen - eine Unterscheidung, die laut der deutschen Wissenschaftszeitschrift Gegenworte obsolet ist.

Günter Stock, Physiologe und früheres Vorstandsmitglied des Pharmariesen Schering, zitiert eine US-Studie, die zeigt, dass 75 Prozent der Patentanmeldungen im Hochtechnologiesektor auf öffentlich finanzierter Grundlagenforschung basieren.

"Gerade im Bereich der Medizin, wenn es um die Bearbeitung und Auffindung neuer Wirkstoffe geht, gibt es diese institutionelle Grenze nicht mehr. Wer heute Struktur und Funktion eines Gens aufklärt, [...] arbeitet sowohl im akademischen, staatlich geförderten Bereich als auch in der Industrie. Industrielle Forschung, das heißt 'Anwendungsforschung', kann gar nicht mehr darauf verzichten, möglichst frühzeitig - also bereits auf der Ebene des Gens oder des Proteins - Patente anzumelden, um das Recht der Bearbeitung zu sichern, um somit wiederum im internationalen Wettbewerb an der Spitze mithalten zu können. Ebenso sorgt sich der Grundlagenforscher heute aus ganz eigenem Interesse um seine Werte, um mit Blick auf eine mögliche spätere Anwendung eine auch aus wirtschaftlicher Sicht solide Basis zu haben."

Kann man also überhaupt eine ethische Unterscheidung zwischen Grundlagen- und angewandter Forschung treffen? Sollte die eine vom Staat unterstützt werden, die andere nicht? "Ich meine, nein! Ich bin stattdessen dezidiert der Meinung, dass diese Art von Begrifflichkeit überholt ist [...]. In einer Welt, die auf Wissenschaft angewiesen ist, in einer Welt, die in außerordentlicher Weise dieses neu gewonnene Wissen umsetzen kann, sollten wir neue Kriterien finden und nicht in den alten, mit vielen Konnotationen verbundenen Schemata verharren."

Politik-gestützte Beweisführung
"Die Geschichte der Medizin ist voller Beispiele, wo die Vorzüge einer Behandlung übertrieben und potentiell schwere Nebenwirkungen unterschlagen wurden", schreibt Deborah Cohen in der britischen Zeitschrift Index on Censorship. "So wird öffentliches Geld verschwendet und Menschenleben gefährdet." In vielen Fällen werden Medikamente erst bewilligt und dann wieder vom Markt genommen, obwohl von vornherein schwere Bedenken dagegen bestanden hatten. Das war auch bei dem Diabetes-Medikament Avandia der Fall, so Cohen: "Als das Medikament 1999 bewilligt wurde, äußerte John Buse, Professor für Medizin an der University of North Carolina, Bedenken, dass Avandia zwar den Blutzuckerspiegel senke, gleichzeitig aber auch das Risiko für Herzprobleme deutlich erhöhe." Später, so Cohen weiter, " zeigten Unterlagen der europäischen Regulatoren, die dem FOIA (Freedom of Information Act) unterlagen, dass auch Berater von Anfang an Bedenken gegen Avandias Nebenwirkungen geäußert hatten. Wären diese Bedenken bekannt gewesen, hätte das die Argumente anderer Forscher gestärkt, die laut eines Berichts des US Senats von dem Unternehmen 'eingeschüchtert' worden waren." Cohen plädiert dafür, alle Ergebnisse medizinischer Tests zu veröffentlichen, um Politik machen zu können, die sich auf Beweise stützt, statt Beweise auf Unternehmenspolitik zu stützen. (derStandard.at, 22.12.2011)

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