Eishockey-Liga adaptiert Regulativ während der Saison

21. Dezember 2011, 20:49
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Lyle Seitz, seit dieser Saison Supervisor für die Schiedsrichter, setzt erste Akzente: Einzelne Spiel­regeln werden verändert.

Im Vorjahr ständiges Diskussionsthema, heuer - zumindest medial - fast von der Bildfläche verschwunden: Was für Spieler und Trainer eine eher negative Bestandsaufnahme wäre, ist für Schiedsrichter ein positives Zeichen. Ein guter Spielleiter ist der, der nicht auffällt, lehrt uns der Sammelband der Eishockey-Binsenweisheiten.

Größerer Schiedsrichterkader

Tatsächlich sind die Leistungen der Schiedsrichter in der Erste Bank Eishockey Liga besser weil ausgeglichener geworden. Ein endgültiges Urteil wäre hier freilich noch verfrüht, erhöhen sich Häufigkeit und Intensität der Kritik an den Spielleitern doch erfahrungsgemäß speziell in den nun folgenden, über die Vergabe der Play-Off-Plätze entscheidenden Wochen.
Fest steht aber, dass die Liga im zu Ende gehenden Kalenderjahr gerade im Bereich der Referees maßgebliche Anstrengungen unternommen hat, um eine Verbesserung der in der letzten Saison für alle Beteiligten unbefriedigenden Situation herbeizuführen. Vordergründig zu nennen ist dabei die Umstellung auf das durchgehende "Vier-Mann-System", das vorsieht, dass jedes Ligaspiel von vier Offiziellen (zwei Schieds- und zwei Linienrichtern) geleitet wird. Die dazu nötige Erweiterung des Schiedsrichterkaders vollzogen sich bisher weitestgehend reibungslos, ebenso lieferten die neuen Referees aus Slowenien, Ungarn und sogar Kroatien solide Leistungen ab. Ein Umstand, der es dem Besetzungsreferat ermöglicht, bei inadäquaten Darbietungen dem einen oder anderen Spielleiter auch eine Nachdenkpause zu verordnen, wie dies jüngst im Fall von Pavel Cervenak geschehen ist.

NHL-Linesman als Coach

Von besonderer Bedeutung für die konstante Weiterentwicklung des Schiedsrichterwesens war die Verpflichtung des Kanadiers Lyle Seitz, der in über 700 NHL-Spielen als Linienrichter im Einsatz war. Seit Sommer arbeitet er für die und in der Erste Bank Eishockey Liga als Supervisor, Berater und Coach der Referees, denen er in Gesprächsrunden und Workshops Defizite aufzeigt und Verbesserungspotentiale sichtbar macht.
Neben dieser Tätigkeit hat Seitz im Verlauf der ersten drei Monate der aktuellen Spielzeit auch das in der Liga aktuell angewendete Regelwerk unter die Lupe genommen und teilweise überarbeitet. Die Ergebnisse dieses Prozesses sind in einem 15-seitigen, in der Vorwoche an die Klubs übermittelten Dokument zusammengefasst. Mit 19.Dezember traten diese neuen Bestimmungen, die punktuell auch Inhalte des Regelbuchs des Weltverbandes IIHF ergänzen, überlagern oder sogar ersetzen, in Kraft.

Allgemeine Tipps an die Offiziellen

Das interne Paper, das Lyle Seitz vorgelegt hat, umfasst eine Vielzahl an Handlungsanweisungen für die Schieds- und Linienrichter in der Liga. So etwa Empfehlungen zur effektiveren Handhabung der am Eis besonders schwer zu entschlüsselnden Fälle der Behinderung von Torhütern und des Divings. Ebenso wird das korrekte Verhalten in Spielunterbrechungen und bei möglichen Spielentscheidungen im Shootout dargestellt.
Länger und für alle aktiv wie passiv an einem Spiel Beteiligten auch wichtiger ist hingegen die Liste der Adaptierungen und Neuerungen des gegenwärtigen Regulativs.

Neuer Videobeweis

So mahnt der Supervisor ein, in allen strittigen Situationen die Möglichkeit des Videobeweises in Betracht zu ziehen. Die Schiedsrichter dürfen in sechs exakt definierten Fällen auf das digitale Bildmaterial zurückgreifen: Wenn unklar ist, ob (1) sich die Scheibe zur Gänze über der Torlinie befand, (2) das Tor verschoben oder aus der Verankerung gehoben wurde, (3) der Puck mit der Hand oder per Kickbewegung mit dem Schlittschuh ins Tor befördert wurde, (4) das Tor per hohem Stock erzielt wurde, (5) die Spielzeit zum Zeitpunkt des Treffers bereits abgelaufen war oder (6) die Flugkurve der Scheibe durch die Berührung eines Offiziellen beeinträchtigt wurde.
Neuerung: Ab Beginn der Zwischen- bzw. Qualifikationsrunde am 22.Jänner wird den am Spiel beteiligten Mannschaften die Möglichkeit eingeräumt, ein Mal pro Partie selbst einen Videobeweis zu fordern, sofern die Schiedsrichter diesen nicht von sich aus heranziehen, jedoch eines der sechs genannten Kriterien erfüllt ist. Bleibt die ursprüngliche Entscheidung auch nach dem Studium des Bildmaterials bestehen, verliert das beanspruchende Team das Recht auf sein Time-Out.

Technisches Tor im Shootout

Klargestellt und bestätigt wird von Lyle Seitz auch das bestehende Regulativ bezüglich des Penaltyschießens. Im Spitzenspiel zwischen Medveščak und dem EHC Linz Ende November hatten die Schiedsrichter Roland Kellner und Georg Veit für Verwunderung gesorgt, als sie den erfolglosen Versuch von Zagrebs Frank Banham (korrekterweise) als Treffer werteten, obwohl die Scheibe nie den Weg ins Tor gefunden hatte. Black Wings-Goalie Alex Westlund stoppte den Puck mit seinen Beinschonern, hob im Zuge der Abwehrbewegung jedoch das Tor aus seiner Verankerung. Eine Handhabung, die nun erneut bestätigt wurde.

Weniger Unterbrechungen

Eine der zentralen, sich durch viele der expliziten Klarstellungen und Änderungen ziehenden Bestrebungen des Supervisors ist die Beschleunigung des Spielablaufs. Aktuell beträgt die durchschnittliche Bruttospielzeit von EBEL-Partien, die nicht in eine Overtime oder ein Shootout gehen, 136 Minuten - zu viel, wenn es nach Seitz geht.
Direkt angesprochen werden hier etwa die Werbeunterbrechungen (ein Mal pro Spielabschnitt), die nun auch nach unerlaubten Weitschüssen (Icings) erfolgen können, sofern die grundsätzlichen Kriterien - gleiche Spieleranzahl am Eis und mehr als acht Minuten des Drittels gespielt - zutreffen.

Faustkämpfe nach NHL-Vorbild

Die wohl wesentlichste Änderung des Regelwerks erfolgt bei der Strafenbemessung im Falle von Faustkämpfen am Eis. Hier soll zukünftig von der obligatorischen Bestrafung in Form einer Fünf-Minuten- sowie einer Spieldauerdisziplinarstrafe abgesehen werden, sofern die Verantwortung für die Eskalation zu gleichen Teilen bei beiden involvierten Spielern liegt. Ganz nach NHL-Vorbild sind in derartigen Fällen nun lediglich individuelle Fünf-Minuten-Zeitstrafen auszusprechen, nach deren Ablaufen die betroffenen Cracks wieder ins Spielgeschehen eingreifen können.
Spieldauerstrafen erhalten künftig nur noch jene Akteure, die aus eigenem Antrieb einen Faustkampf provozieren oder einen solchen gegen bereits wehrlose Gegner fortsetzen.

Härtere Bestrafung bei High Sticking

Ebenfalls neu ist die Handhabung von Vergehen mit dem hohen Stock. Jeder Kontakt des Schlägers mit einem Gegenspieler soll, sofern er oberhalb des Schulterbereichs erfolgt, automatisch mit einer Zwei-Minuten-Strafe belegt werden. Diese verdoppelt sich, sofern sich der Kontrahent dabei verletzt, auch wenn dies ohne Absicht geschieht. Liegt bei einem Foul mit dem hohen Stock Vorsatz vor, werden die Schiedsrichter dazu angehalten, hart durchzugreifen und eine Matchstrafe auszusprechen.

Weiterentwicklung

In Summe kann das von der Liga verabschiedete, von Lyle Seitz entwickelte Maßnahmenpaket als positiv bewertet werden. Die Ambition, mit einer dynamischeren Regelauslegung zu einer Beschleunigung des Spielflusses beizutragen, ist deutlich erkennbar. Den Spielleitern werden zudem klarer definierte Handlungsanweisungen erteilt, wodurch sich Unterschiede zwischen einzelnen Schiedsrichtern hinsichtlich ihrer individuellen Strafenvergabe verringern sollten und eine einheitlichere Linie erwartet werden darf. Hatte ein EBEL-Klub in der Spielzeit 2010/11 durchschnittlich (und abhängig von der Anzahl der Saisonspiele) zwischen 45 und 50.000 Euro an Schiedsrichterkosten zu tragen, hat sich diese Summe heuer leicht erhöht. Die damit finanzierten Professionalisierungsschritte waren jedoch ebenso notwendig wie überfällig - und zeigen bisher durchwegs positive Auswirkungen. (Hannes Biedermann; derStandard.at; 21.Dezember 2011)

  • Nach über 700 Spielen beendete Lyle Seitz 2010 seine Karriere als Linienrichter in der NHL. Seit Sommer arbeitet er als Supervisor der Schiedsrichter in der EBEL.
    foto: servustv

    Nach über 700 Spielen beendete Lyle Seitz 2010 seine Karriere als Linienrichter in der NHL. Seit Sommer arbeitet er als Supervisor der Schiedsrichter in der EBEL.

  • Strittige Situation vom 27.11.: Medveščaks Frank Banham scheitert mit seinem Penalty an Alex Westlund. Da der Goalie bei der Abwehraktion jedoch das Tor aus der Verankerung hob, entschieden die Referees auf Treffer.
    foto: hrvatska radiotelevizija

    Strittige Situation vom 27.11.: Medveščaks Frank Banham scheitert mit seinem Penalty an Alex Westlund. Da der Goalie bei der Abwehraktion jedoch das Tor aus der Verankerung hob, entschieden die Referees auf Treffer.

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