Uni-Politik

Aufräumen im Akademikerland

Kommentar | Lisa Nimmervoll, 21. Dezember 2011, 18:34

Der Hochschulplan ist eine Chance, ein paar unipolitische Anomalien zu beseitigen

Wildwuchs" ist ein Wort, das im Zusammenhang mit der österreichischen Hochschullandschaft immer wieder verwendet wird. Nicht nur vom Wissenschaftsrat, der das bis jetzt de facto unregulierte, unkontrollierte, ungesteuerte Nebeneinander von 21 öffentlichen Universitäten, zig Fachhochschulen, diversen Pädagogischen Hochschulen und einigen Privat-Unis so umschrieben hat. Weil Wildwuchs die Verfasstheit des Hochschulsektors am besten trifft.

Wilde Zustände.

Da Akademikerschmieden mit Studiengebühren, dort welche ohne oder nur für ein paar negativ Auserwählte, die einen mit strikten Kontingenten und klaren Aufnahmeverfahren, die anderen nach dem Motto: Holladaro, wir wären jetzt alle zum Studieren da! "Wären" im Konjunktiv, weil die Umstände in bestimmten Fächern mittlerweile so sind, dass der Beginn eines Studiums nur eine höchst vage Chance auf einen Abschluss bedeutet.

Das kann nicht Universität sein. Das darf Universität nicht sein.

Darum ist es gut, dass endlich ein Hochschulplan erarbeitet wird: Aufräumen im Akademikerland. Gut für alle, die drinstecken. Für den Finanzier (in Österreich noch immer fast ausschließlich der Bund, also wir alle, die Steuerzahler), für die Rektoren der Bildungsinstitutionen, für diejenigen, die dort arbeiten als Lehrende und Forschende - und vor allem für die Studierenden. Auch wenn die es vielleicht am wenigsten glauben.

Niemand muss sich vor einem Hochschulplan fürchten. Alle werden davon profitieren, wenn dieser Wildwuchs "kultiviert" wird.

Es ist die historische Chance, ein paar österreichischen Anomalien den Garaus zu machen. Der "freie Hochschulzugang" hat nicht (mehr) viel mit Freiheit zu tun. Die wird den meisten Kindern aus "bildungsfernen" und sozial oder ökonomisch schwachen Familien schon viel früher, an der Schwelle nach der Volksschule, genommen. Dort ist die wahre, die gesellschaftspolitisch wirklich obszöne "Zugangsbeschränkung" ins gelobte Akademikerland. Dort wird am wirkmächtigsten selektiert - noch immer.

Aber das ist kein guter Grund für eine vermeintliche spätere Wiedergutmachung an der Uni-Pforte, indem man die Uni irrigerweise als unendlich dehnbares Gefäß imaginiert - und ruiniert. Das ist verrückt. Niemand (hoffentlich) will weniger Studierende, auch die Politik nicht. Es sei denn, sie hätte den Verstand verloren. Nur: Man wird sich von der Selbsttäuschung verabschieden müssen, dass die Institution Universität als einzige weit und breit losgelöst von Kategorien wie Endlichkeit von Kapazität und Budget "funktionieren" soll, nur weil die Politik zu keiner Lösung in der Lage ist.

Apropos Budget: Dass der Wissenschaftsminister, dessen größtes Pfand als Politiker sicher sein zweites Ich als vormaliger Rektor der Uni Innsbruck ist, von der erhofften "Hochschulmilliarde" zumindest eine "Töchterle-Dreiviertelmilliarde" neu holen konnte, ist ein echter Hoffnungsschimmer in nicht nur universitäts-, sondern budgetpolitisch düstersten Zeiten. Dieses Geld ist die lebenserhaltende Infusion für die Unis, ohne die deren Existenz echt bedroht gewesen wäre.

Wir würden viel verlieren, wenn wir sie verkommen ließen. Gesellschaften brauchen sie als Orte der Selbstkritik, Selbstermutigung, Selbsterneuerung. Albert Einstein formulierte das Besondere so: "Das Streben nach Wahrheit und Erkenntnis gehört zum Schönsten, dessen der Mensch fähig ist." (DER STANDARD, Printausgabe, 22.12.2011)

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 53
1 2
danielle durands schatten
02
22.12.2011, 19:15
und wieder...

der tägliche kommentar in ihrer studiengebührenbejubelungspostille "der standard".

dazu passend läuft mein studentenabo aus, und wir müssen ja alle den gürtel enger schnallen und so. vielleicht habe ich es ja früher durch die lachsrosafarbene brille gesehen, aber irgendwie haben die ärgerlichen kommentare von rauscher, weißensteiner, nimmervoll und anderen langsam das akzeptable maß überschritten.

ja, ich toleriere auch bürgerliche oder neoliberale ansichten, die meinen widersprechen, aber mitfinanzieren will ich so eine blattlinie eigentlich nicht.

euroschilling
03
22.12.2011, 13:47
Wildwuchs, platzende Nähte, ROI

Es will und will sich einfach nicht durchsprechen, dass Akademiker für den österreichischen Staat ein Gewinns - alles betrachtet, von Uni-Kosten über Steuern bis zu Pensionen. Also sind Studenten/innen eine Investion, die sich rechnet (auch wen der ROI eher spät kommt). Dies könnte doch auch Fr. Nimmervoll bedenken.

WässrigesWienerWürstchen
22
22.12.2011, 16:30
bestreite ich entschieden

die Pseudo-Akademisierung hat nichts gebraucht - außer Kosten und Pipifax-Statusgewinn

Es gibt Forschung (Naturwissenschaft,Technik,Medizin) und den großen wertlosen Rest...

und jetzt über mich herfallen... falls es viele grüne Stricherln gibt ist alles im grünen Bereich...

<!-- 42 -->
00
22.12.2011, 18:48
herfallen will ich nicht,...

aber ihnen ist schon auch klar, dass egal welcher absolvent, egal welcher studienrichtung, zu 95% NICHT in die forschung geht, bzw. jemals geforscht hat,...

eigenständige forschung wird erst ab der diss. betrieben. und selbst die absolventen dort, gehen zum höchstem teil in die privatwirtschaft.

WässrigesWienerWürstchen
00
22.12.2011, 23:34
ist mir klar

Saurer Zivi
34
22.12.2011, 12:49
Studiengebühren bringen genau gar nichts! Dadurch dass Studierende schon zum Großteil

arbeiten u somit Steuern abführen, finanzieren sie ja das System doppelt mit. Über ev. Studiengebühren u über ihre Einkommensbessteuerung!

Das ist besonders perfid!

Dass jetzt jemand meint, die Selektion der Arbeitertschopperln findet eh schon viel früher statt u man kann eh nichts machen, wenn diese nicht auf die Uni kommen, ist doppelt perfid.

Und ja, hollodaro, die Unis sollen sich öffnen u nicht verschließen! Technisch machbar ist das nämlich durchaus!

Der Druckpunkt liegt 1) in der immensen Verschulung 2) in der Verleihung von Berechtigungen nur aufgrund dieser Verschulungsmaßnahmen.

Das ist endlich einmal aufzubrechen. Es muss auch "außenstehenden" Interessierten möglich sein, Wissen zu erlangen u Prüfungen abzulegen.

Ramiro
11
22.12.2011, 13:07

Die wenigen Abgaben, die man als Student mit Nebenjob im Schnitt zahlt, reichen sicher nicht um damit die Unis zu finanzieren.

Saurer Zivi
11
22.12.2011, 13:33
damit werfen Sie den Studierenden aber vor, dass sie Studierende sind!

Wer studiert, kann nebenbei eben nicht viel verdienen, weil er studiert.

Wohnraum kostet auch Länge mal Breite, Bücher und anderes Lernmaterial detto.

Dass Unis derart kapitalfressend wurden hängt mit dem Verschulungsprinzip zusammen. Das beansprucht Human- und Raumresourcen. Nirgendwo steht geschrieben, dass eine derartige Verschulung notwendig ist.

Dass Unis auch enorme Mieten an die BIG zahlen, um Prunkobjekte auszubauen u zu erhalten, hat mE nichts, aber rein gar nichts mit Bildung oder Ausbildung zu tun. Genau das erzeugt das Finanzdesaster!

Lieber exzellente Information in einem Baucontainer als Wischi-Waschi in einem Prunkobjekt.

Ramiro
00
22.12.2011, 14:51

So hab ich´s nicht gemeint. Finanzieren tut man die Unis mit seinen Steuern halt später.. Dem Rest kann ich auch zustimmen..

novoid
00
22.12.2011, 12:43
Sie vergisst zwar Überschriften als solche zu markieren...

...dafür ist sie hübsch, die Frau Nimmervoll. xD

ellort86
00
22.12.2011, 12:28
"unabhängige" funktionierende Universitäten

sind der letzte Gegenpol in dieser von "Gewinn über alles und jeden" Konzernen beherrschten globalisierten Welt.
Denn Bildung führt zu kritischem Denken, und Forschen um der Wahrheit und Erkenntnis Willen ist ein unschätzbares Gut

also gut drum kümmern!

Poldi Fesch
00
25.12.2011, 20:54
und wer solls

zahlen ?

potz
02
22.12.2011, 11:49
Frau Nimmervoll und der Weihnachtsmann

Die beiden herzigen Annahmen der Frau Nimmervoll:

1. Die Leute, die den Hochschulplan erstellen, sind tatsächlich Experten und haben nur das beste für die Bildung und Wissenschaft in Ö im Sinn.

2. Man kann einen sinnvollen general-kolchosen-staats-bildungs-plan machen (das hat ja schon in der OdSSR super funktioniert).

Beides tragische Irrtümer.

betwixt
02
22.12.2011, 11:40

Und ich dachte, da kommt jetzt was zu Gugging, Krems, den drei Varianten wie Mensch in Wien Architektur zu studieren kann, den FHs von LHs Gnaden, uswusf

Leider, leider...

bloody-nine
 
02
22.12.2011, 11:57
darauf hätt ich auch gehofft

die gefühlten 1000 fh-studiengänge etwa, bei deren bezeichnung man extreme fantasie braucht um sich vorstellen zu können worin sie sich jetzt voneinander unterscheiden und die zu einem gutteil nur von den lhs als strukturmassnahme missbraucht werden

dubiose "postgraduate"-lehrgänge an pseudouniversitäten wie krems

undurchsichtige privat"universitäten" bei deren akkreditierung ganz offensichtlich die akademische qualität NICHT die wichtigste rolle spielt

Mary F.
10
22.12.2011, 11:27
Der Tunnelblick

Fr. Nimmervoll hat vollkommen recht, wenn sie sagt, dass die Bildungsselektion in AT in der Schule passiert und nicht an den Universitaeten. Daher muss dort was gemacht werden.

Was den weiteren sinnvollen Output an den Unis betrifft, eine Analogie: Wenn sie mit dem Auto in den Urlaub fahren, wird bei hohem Verkehrsaufkommen gegen Staus die Geschwindigkeit vor und in Tunnels gedrosselt. Man moechte glauben, das ist dumm, weil wenn man schneller faehrt, mehr durchkommen sollten. Im Gegenteil, laesst man weniger gleichzeit rein, kommen am Ende mehr durch, alles laeuft fluessiger, es passieren weniger Unfaelle und Bremswege sind kuerzer.

Gleiches scheinbare Paradoxon gilt fuer Unis: Will man mehr Absolventen, muss man den Zugang beschraenken!

Saurer Zivi
01
22.12.2011, 12:54
oder die Straßen verbreitern!

indem man endlich die Verschulungsmaßnahmen zurücknimmt ("prüfungsimmanente" LV mit 30/50/150 Teilnehmern...)

Resilienzfaktor
02
22.12.2011, 10:14

Ich finds ja wirklich grandios, dass alle Herren und Frauen Mag. und Dr., die unter gesegneten Bedingungen ihre Studien absolvieren konnten, jetzt genau wissen, was zu tun ist: Nämlich zudrehen, Deckel drauf, Licht aus, Luke dicht.

Woher sollen eure Kinder Solidarität kennen, bei wem hätten sie sie lernen können?!

Bei der frühen Selektion hat Fr.Mag.a (!) Nimmervoll sicherlich Recht, aber ihre Vorstellungen zum tertiären Sektor lassen auch diese Aussage unter einem eigenartigen Licht erscheinen.

120 Jahre Karl Schranz
00
22.12.2011, 10:57
solidarität bedeutet kein zwanghaftes "weiter so".

ich weiß schon was sie sagen wollen, aber das ist bunkermentalität.

faymann hat bislang auch keine vermögenssteuern gezahlt. trotzdem möchte ich, dass er sie einzuführt

Resilienzfaktor
00
22.12.2011, 11:05

Ihre Kritik ist okay, was mich einfach ärgert ist diese Leichtfertigkeit des harten Urteils, die offenbar mittlerweile chic geworden ist.

Vielleicht hab ich es bis dato auch einfach nur übersehen, aber ich würde mir einen Vorschlag wünschen, der auf sämtl. Problematiken eingeht - da gibts sicherlich Gesamtlösungen, die mehrere Fliegen mit einer Klappe schlagen, aber da und dort werden auch sicher Einzelmaßnahmen nötig sein. Aber einfach nur Zugangshürden (ob nun finanziell oder strukturell) sind zu wenig. Wie L Nimmervoll richtig sagt, sollte schon viel früher im Schul-(und Kleinkind-)pädagogischen Bereich angesetzt werden..

Resilienzfaktor
00
22.12.2011, 11:08

...und in Wahrheit wäre eine qualitative Verbesserung der betrieblichen Ausbidlung (die an sich gesehen mMn ja durchaus einen passablen Ansatz darstellt) ein 1000 Mal effektiveres Mittel als Bildungshürden im Tertiären Bereich. Abgesehen davon wären eine Menge junge Leute und v.a. KMUs dann auch wieder zufriedener (die einen, weil sie sich in einem Bereich verwirklichen könne, der ihnen wirklich liegt, die anderen, weil sie auch wieder mehr kompetente Lehrlinge haben). Und wenn ich schon träumen darf: die Basisbildung u überhaupt das ganze Lebensumfeld unserer Kinder muss endlich so gestaltet sein, dass sämtliche Potentiale entfaltet werden - und hier komm ich wieder auf den Boden: Denn nur dann können sie genutzt werden!

powerpack
00
22.12.2011, 09:28
total verfehlt

die selektion beginnt also schon so früh hmmm? ich kenne einige leute die nicht den elitären schulweg gegangen sind und dennoch ein studium erfolgreich abgeschlossen haben.

die mär vom ach so geschlossenen aussiebenden schulsystem ist eine wirklich liebe, aber in wahrheit erfundene in österreich.
der wahre grund warum kinder gewisser schichten eben nicht diesen bildungsweg nehmen, liegt schlicht an den eltern die keinerlei interesse daran haben. und das wird das beste schulsystem nicht ändern können.

und noch ein wort zum hochschulzugang: dieser ist sehr wohl eine klare hürde! vielfach können angehende studierende aus ärmeren familien die studiengebühren nicht mal vorschießen.

man sieht halt die autorin hat keine ahnung von der realität.

spiehsbürger
00
22.12.2011, 11:06

mich zum beispiel? ;-) arbeiterkind, hauptschule, hak, 1 studium abgeschlossen, berufstätig und mach nebenbei mein zweites studium.

wie ich es geschafft habe? mit fleiss und selbstdisziplin und nicht weils gratis uni gibt....von dem hab ich nichts!

spiehsbürger
00
22.12.2011, 11:06

mich zum beispiel? ;-) arbeiterkind, hauptschule, hak, 1 studium abgeschlossen, berufstätig und mach nebenbei mein zweites studium.

wie ich es geschafft habe? mit fleiss und selbstdisziplin und nicht weils gratis uni gibt....von dem hab ich nichts!

120 Jahre Karl Schranz
01
22.12.2011, 10:54
ihre persönlichen erfahrungen ersetzen keine statistiken.

das österreichische bildungssystem ist von vorne bis hinten himmelschreiend ungerecht. etwas anderes kann man aus den zahlen gar nicht herauslesen.

nicht falsch verstehen: das argument mit den bildungsfernen haushalten stimmt schon. nur das gilt für alle anderen länder ebenso, und die gehen deutlich besser damit um.

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 53
1 2

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.