Affäre um den deutschen Bundespräsidenten

Weg mit Wulff! - Sonst noch was?

Kommentar der anderen | Wolfgang Michal, 21. Dezember 2011, 18:39
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    Wolfgang Michal: Vier Thesen zum Zustand der "Leitmedien".

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    Geht es in der öffentlichen Auseinandersetzung nur mehr "darum, wer lauter und durchdringender kläfft und wer als Erster die Beute zu fassen bekommt"?

Anmerkungen zur moralischen Radikalisierung der Öffentlichkeit am Beispiel des medialen "Gehechels" über die Kreditaffäre des deutschen Bundespräsidenten. - Verliert die Empörungskultur die Realität aus dem Blick?

1. Der pawlowsche Reflex scheint zunehmend zum Markenzeichen der Netzöffentlichkeit zu werden: Sobald die Herren der Leitmedien kräftig mit ihren Schreibarmen ausholen, rennt das Bloggerrudel den geworfenen Stöckchen laut kläffend hinterher und apportiert sie in freudigster Erregung. Es ist ein Verhalten, das nur noch in Nuancen zu unterscheiden ist von den hechelnden Kommentatoren, die sich in den Foren der Großmedien über "die da oben" austoben. Es ist das Verhalten von Wadenbeißern. Man orientiert sich an den Vorgaben des Chefs und versucht ihn moralisch zu übertreffen. Das heißt: Wo einst im Netz Gegenöffentlichkeit war, ist Verstärker-Öffentlichkeit entstanden. Das Netz ist kein Korrektiv der "Vierten Gewalt" mehr, sondern ihr verlängerter Arm. Es dient den Leitmedien als Publikumsjoker.

2. Der sichtbare Trend zum moralischen Rigorismus könnte aber auch ganz anders interpretiert werden: Nicht die Blogger und Twitterer haben sich den Leitmedien angepasst, sondern die Leitmedien den Bloggern und Twitterern. Herausgefordert durch deren kräftige (oft populistische) Sprache, greifen nun auch etablierte Medien immer häufiger zu drastischen Begriffen und Vergleichen, fordern eilends Rücktritte und rigorose Konsequenzen, und zelebrieren die unfreiwilligen Abgänge aus dem öffentlichen Leben als reinigende Buß- und Sühneopfer fürs Volk. Kommentare in Leitmedien sind deshalb kein abwägendes "Wischiwaschi" mehr, sondern drastische, dramatisierende, oft hemmungslos übertreibende Ermahnungen, Urteile und Orakel. In der verschärften Konkurrenz mit den freien Netzautoren, die sich ihre Leserschaft durch besondere Originalität, Streitlust oder Theatralik erschreiben, haben die etablierten Medien kräftig dazugelernt. Sie werfen nicht mehr nur ihre Stöckchen - sie rennen auch gleich laut kläffend hinterher. Anders als früher sind die Leitmedien nicht mehr die ängstlichen Kritiker der "Netz-Meute", sondern konkurrieren mit der "Meute" um die größtmögliche moralische Empörung. Es geht einfach darum, wer lauter und durchdringender kläfft und wer als Erster die Beute zu fassen bekommt.

Der Lärm, den die etablierten Medien dabei veranstalten, hat viele Blogger nachhaltig beeindruckt. Manche ziehen verdutzt den Schwanz ein, andere wechseln die Seiten oder versuchen lärmtechnisch mitzuhalten. Netzautoren und etablierte Medien belauern sich nicht mehr voller Misstrauen, sie feuern sich gegenseitig an und steigern auf diese Weise ihre populistische Macht. Heraus kommt ein Moralwächtertum, das oft weniger dem öffentlichen Leben nützt als der eigenen Sache.

3. In der Krise ist häufig zu hören, dass sich die entfesselten Finanzmärkte von der Realwirtschaft gänzlich abgekoppelt hätten. Könnte es nicht sein, dass auch die Medien in ihrem verschärften Konkurrenzkampf um Einfluss, Deutungshoheit und Kundschaft die Realwelt hinter sich gelassen haben, indem sie aus jedem Skandal-Mäuschen mittels geschickter "Verbriefung" (= Aufbauschen und Hochjubeln) einen Moral-Elefanten machen? Vor allem die privatwirtschaftlich organisierten Leitmedien vertreten heute in Benimmfragen ein moralisches Jakobinertum, das sich selbst die Katholische Kirche nicht mehr von den Kanzeln zu predigen traut.

4. Die gegenwärtig kritisierte Freunderl- und Amigowirtschaft ist weder neu noch eine niedersächsische Spezialität. Auch die Sitzplatzvergabe an Unternehmer (oder Journalisten) bei Flügen in ferne Länder ist eine typische Gunstbezeugung aller Kanzler und (Minister-)Präsidenten. Die politische Landschaftspflege mit Hilfe von Spenden und anderen Wohltätigkeiten ist trotz aufgedeckter Flickaffäre nie beendet worden. Durch mediale Empörung werden - wenn's hoch kommt - einige Figuren ersetzt, mehr ändert sich nicht.

Was sich jedoch ändert, sind Intensität und Umsatzmenge der Empörung - bei weitgehend fehlender Gewichtung der Fälle. Der Panzerdeal mit Saudi-Arabien ist im Zweifel weniger Empörung (und Schlagzeilen) wert als die nicht korrekt abgerechnete Bonusmeile, der günstige Privat-Kredit unter "Freunden" mehr als das von einer Lobby frech geschriebene Gesetz. Es kommt nur darauf an, wessen "Abschuss" gerade ins politische und geschäftliche Kalkül passt. Insofern haben die Empörungswellen etwas Beliebiges - und in ihrer Dimension Unberechenbares. Kaum ist diese Kampagne vorbei, folgt schon die nächste. Man könnte deshalb von einer Dauerempörung sprechen, die letztlich nicht den Verstand schärft, sondern den Mob erzeugt. (DER STANDARD-Printausgabe, 22.12.2011)

Autor

Wolfgang Michal (Jg. 1954) ist freier Journalist, Blogger und Buchautor, Mitgründer diverser Onlinemagazine, darunter das renommierte Autorenforum "Carta", und lebt in der Nähe von Hamburg.

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Buntspecht+
10
22.12.2011, 20:28
rtigoroses wischiwaschi...

... das ist alles was der typ zu sagen hat?
entweder ist das kind so naiv, dass es sein idol wuff bis zum äußersten verteidigt oder dieses würstel steht auf der pay roll der cdu.
schämen sie sich!

Neil McCauley
00
22.12.2011, 19:13
sehr, sehr guter Artikel

Gratulation! Stimmt haargenau. Deswegen habe ich zB aufgehoert, Spiegel Online zu lesen, das sich mittlerweile auf Bildniveau bewegt.

Herzlichen Dank an derstandard.at uebrigens. Ihr schafft es, relativ sachlich und ruhig zu berichten, ohne ins reisserische und boulevardeske zu driften, na ja, abgesehen von den (Apple)Artikel im WebStandard :)

das ist alles sehr kompliziert!
 
00
22.12.2011, 18:38
Ich habe auch eine These:

5.) Korruption gab es zwar immer schon, aber heute kommt alles viel schneller ans Licht und außerdem war das Mischungsverhältnis zwischen ehrlicher Arbeit, persönlichem Format und einer gewissen Verantwortung für die Gesellschaft einerseits und den kleinen Schweinereien unter der Tuchent andererseits noch in einem eingermaßen gesunden Verhältnis.

Heute kommt einfach so viel Mist an die Öffentlichkeit, weil so viel Mist gebaut wird, bei rapide schwindender Leistung unserer diesbezüglichen "Träger" sodass einfach permanent etwas passiert, das früher einen Ruf nach Rücktritt erhielt. Deshalb schreien jetzt alle dauernd nach Rücktritt.

Abstumpfen und eh alles OK finden ist natürlich eine Möglichkeit, damit umzugehen, keine Frage...

Wolfgang Ullram
11
22.12.2011, 17:45
s.g. hr. michal

"Sobald die Herren der Leitmedien kräftig mit ihren Schreibarmen ausholen, rennt das Bloggerrudel den geworfenen Stöckchen laut kläffend hinterher und apportiert sie in freudigster Erregung"

ist nicht mehr und nicht weniger als die forderung nach abschaffung der meinungsfreiheit.

die sie hier aber selbst gerne in anspruch nehmen.

es hat was absolut 1984er mäßiges an sich, unter "meinungsfreiheit" zu schreiben, dass andere (blogger) diese nicht haben sollten, das auch nur, weil die was schreiben, was IHNEN nicht gefällt, oder sie als reflex bezeichnen.

da sage ich, zum fest der kinder "was du nicht willst das man dir tu, das füg auch keinem andern zu"

alles klar?

King of Cowards
00
"ist nicht mehr und nicht weniger als die forderung nach abschaffung der meinungsfreiheit."

Nein, überhaupt nicht. Kleiner Hinweis: Lesen lohnt sich.

Blogger/Twitterer und (Print-)Medien sind eigentlich zwei Paar Schuhe. Nur in vielen Fällen könnte man meinen, sie stüden alle im Auftrag derselben Person.

Albert Wittwer
00
22.12.2011, 17:05
Politiker als Vorbilder?

darauf kann die Zivilgesellschaft wohl nicht verzichten, daß die Politiker, die ein Höchstmaß an Aufmerksamkeit genießen und auch einfordern, moralischen Maßstäben genügen müssen, die sie als Vorbilder tauglich machen. Oder wollen wir einen Berlisconismus, in dem die Unverschämtheit, die Eigenschaft "furbo" den höchsten Stellenwert genießt?
Da wird man wohl noch zwischen der persönlichen Bereicherung oder dem Umstand, daß aus welchen Gründen immer blöde Organ-Beschlüsse gefasst werden, Panzer für Dikaturen, Futterpflanzen für Biodiesel etc., unterscheiden müssen.

kingcycle
02
22.12.2011, 16:58
Völlig unaufgeregt

deklarieren wir Korruption, Vorteilsnahme, Steuerhinterziehung, Schwarzgeldkonten Schmiergeldzahlungen etc als Normalität und straf- und folgenfrei.
Weiters öffnen wir die Gefängnistore für all die Hendldiebe, Alimentenabsitzer, Suchtdeliktler um einen gewissen sozialen Ausgleich zu schaffen.

fuz
 
12
22.12.2011, 16:49
Medien-Selbstkritik

Das gefällt mir am STANDARD, dass er auch zur Medien-Selbstkritik und -Reflexion fähig ist, im Gegensatz zu anderen sog. Qualitätsmedien hierzulande, die vor lauter Selbstgerechtigkeit ganz aufgebläht sind, allen voran der ORF. Zeitungen und Sendehäuser als moralische Anstalt sind mir sowieso suspekt, insbesondere wenn sie statt Information immer häufiger Emotion vermitteln, wie sich das zuletzt in der Berichterstattung über die Eurokrise deutlich gezeigt hat.

DRIVER 8
02
22.12.2011, 16:31

War da nicht mal was mit einer Supermarktkassiererin, die entlassen wurde, weil sie einen 1,5 € Flaschenpfand entwendet hatte?

Die Wahrheit ist, daß die Korruptheit der Eliten noch nie so offensichtlich war und natürlich müssen Leute wie Wulff oder auch Grasser in gewisser Hinsicht auch als Projektionsfläche für den aufgestauten Volkszorn herhalten.

Aber die moralischen Standards, die man offenbar von einer kleinen Angestellten erwartet, wird man ja wohl auch von Ministern und Präsidenten erwarten dürfen.
Oder etwa nicht?

entenkrages
00
22.12.2011, 18:15

stimme Ihnen von der Aussage her zu, nur:

wegen 1,50 EUR wird niemand entlassen. solch bemerkte (mini)diebstähle reichen dem Arbeitgeber aber dann rechtlich aus, um einen Mitarbeiter, den er ohnehin schon auf der Abschussliste hat, billiger loszuwerden.

DRIVER 8
00
22.12.2011, 19:14

Lässt sich nicht bestreiten, soweit ich mich erinnere, war die betreffende Angestellte Gewerkschafterin.
Ich kann mich allerdings auch an einen anderen ähnlichen Fall erinnern, wo es um ein geklautes Brötchen ging und dabei ging es um keine unliebsame Angestellte. Aber ich kann mich auch nicht mehr an alle Details erinnern, wie auch immer...

Wolfgang Ullram
00
22.12.2011, 17:48
es wurde

auch einer fristlos entlassen, weil er sein handy aufgeladen hat.
stromkosten 0,8 cent

tja....hier muss rigoros eingegriffen werden, geht ja überhaupt nicht,....

x aeins
00
22.12.2011, 16:15

Bei uns nennt man solche Leute wie den Herrn Michal: "Beschwichtigungshofrat"
Gehts eigentlich um den Unternehmer Müller&Müller, oder um den deutschen Bundespräsidenten?

Der Artikel gefällt mir
01
22.12.2011, 15:56
Es ist eine der wesentlichen Aufgaben eines BP in Ö und D eine moralische Instanz zu sein.

Daher wird dieser Maßstab auch an diese Person angelegt. (Ein Schlagersänger muß sein Publikum lieben, ein kritischer Journalist kritische Fragen stellen, ein Rechtsanwalt auch einen Mörder verteidigen und der Hofnarr seinen König zum Lachen bringen, wenn er alt werden möchte)

meinemeinungdazu
00
22.12.2011, 19:12

jetzt haben sie aber ein problem mit ihrem nick ;-)

re-play
01
22.12.2011, 15:51

Richtiger Artikel, aber das Beispiel Wulff ist wohl eher schlecht gewählt.
Aber der Hass und die Verachtung die speziell Politikern (aber auch anderen Prominenten und/oder Unternehmern) in Foren entgegenschlägt, wird von den Medien im Hinblick auf ordentliche Klickzahlen laufend am köcheln gehalten.

Gilgamesch
03
22.12.2011, 15:49

was ist aber, wenn all diese aufgergtheit dazu führt, diese praxis einzudämmen? was ist, wenn diese kampagnen nur der anfang einer trendwende sind, weil die menschen eben nicht mehr bereit sind, es so einfach hinzunehmen. auch eben deswegen, weil sie von den vielen, vielen einzelfällen erfahren.
früher konnte man nur munkeln - kongretes wußten nur insider, die vom system schon korrumpiert waren. das hat sich geändert!

naja2009
 
51
22.12.2011, 15:26
...dem ist nichts hinzuzufügen...

absoluter Volltreffer.

otto strammer
10
22.12.2011, 14:40
Blogorrhö vielleicht...

...aber Herr Michal ist an vorderster Front dabei!

Der Hauptschwachpunkt dieses Artikels ist für mich die Aussagearmut - abgesehen von der Kernaussage, die aber in einem einzelnen Absatz auch ausdrückbar gewesen wäre.

Lächler
23
22.12.2011, 13:23
Über allem schwebt heute soviel Moral,

daß es für alle "Öffentlichen" schwer ist nicht daran zu stoßen. Dem Befund von Herrn Michal über die Aufgeregtheit der Netz-bzw. Medienmeutge ist zuzustimmen. Bemerkenswert ist eigentlich nur die unterschiedliche Nachdrücklichkeit bei durchaus vergleichbaren Fällen/Personen. Mir fallen da spontan Joschka Fischer (was wäre wohl wenn er in seiner Jugend nicht nur gewalttätig gewesen, sondern dazu eine Glatze getragen hätte) und Heinz Fischer der zu Kim Jong il schweigt - er müßte doch über Nordkorea mehr wissen als manch anderer, als hoher (ehemaliger?) Funktionär der Freundschaftsgesellschaft. L.

anders and
 
11
22.12.2011, 16:41
lieber Lächerlicher:

was müsste Heinz Fischer denn über Nordkorea wissen,
und wie stellen Sie sich die Arbeit der Freundschaftsgesellschaft denn vor?

Vor allem: wie kommen Sie auf die absurde Vermutung, dass Heinz Fischer dort noch immer Funktionär sein sollte?

Lächler
10
22.12.2011, 17:11
Als Jörg Haider Saddam besuchte,

war er es jedenfalls noch, weil er seine geplante Reise zum "geliebten Führer" opportun und rasch absagte. Und nicht was man in so einer Freundschaftsgesellschaft macht ist entscheidend, sondern warum man bei einer nordkoreanischen ist. L

anders and
 
10
22.12.2011, 17:52
warum sind Politiker in einer Freundschaftsgesellschaft?

Um internationale Kontakte herzustellen - eine Notwendigkeit in der Politik, vor allem wenn ein Land sich so abschottet.

"Freundschaftsgesellschaft" hat das übrigens schon 1978 nicht mehr geheißen.

Lächler
00
23.12.2011, 01:13
Wie war das doch

mit der politischen Hygiene der Wertegemeinschaft. Man kann ihren Mangel (im Nachhinein) beim Umgang mit Gaddafi bemängeln und beim Umgang mit einem anderen Bluthund diplomatisch sachlich werden. Ja ich weiß, wenn zwei das Gleiche tun ist es nicht dasselbe - Macchiavelli? W.

tri tra trallala
01
22.12.2011, 14:16
tja

es gibt eben gute und böse schlechte Menschen :-/

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