Anmerkungen zur moralischen Radikalisierung der Öffentlichkeit am Beispiel des medialen "Gehechels" über die Kreditaffäre des deutschen Bundespräsidenten. - Verliert die Empörungskultur die Realität aus dem Blick?
1. Der pawlowsche Reflex scheint zunehmend zum Markenzeichen der
Netzöffentlichkeit zu werden: Sobald die Herren der Leitmedien kräftig
mit ihren Schreibarmen ausholen, rennt das Bloggerrudel den geworfenen
Stöckchen laut kläffend hinterher und apportiert sie in freudigster
Erregung. Es ist ein Verhalten, das nur noch in Nuancen zu unterscheiden
ist von den hechelnden Kommentatoren, die sich in den Foren der
Großmedien über "die da oben" austoben. Es ist das Verhalten von
Wadenbeißern. Man orientiert sich an den Vorgaben des Chefs und versucht
ihn moralisch zu übertreffen. Das heißt: Wo einst im Netz
Gegenöffentlichkeit war, ist Verstärker-Öffentlichkeit entstanden. Das
Netz ist kein Korrektiv der "Vierten Gewalt" mehr, sondern ihr
verlängerter Arm. Es dient den Leitmedien als Publikumsjoker.
2. Der sichtbare Trend zum moralischen Rigorismus könnte aber auch ganz
anders interpretiert werden: Nicht die Blogger und Twitterer haben sich
den Leitmedien angepasst, sondern die Leitmedien den Bloggern und
Twitterern. Herausgefordert durch deren kräftige (oft populistische)
Sprache, greifen nun auch etablierte Medien immer häufiger zu
drastischen Begriffen und Vergleichen, fordern eilends Rücktritte und
rigorose Konsequenzen, und zelebrieren die unfreiwilligen Abgänge aus
dem öffentlichen Leben als reinigende Buß- und Sühneopfer fürs Volk.
Kommentare in Leitmedien sind deshalb kein abwägendes "Wischiwaschi"
mehr, sondern drastische, dramatisierende, oft hemmungslos übertreibende
Ermahnungen, Urteile und Orakel. In der verschärften Konkurrenz mit den
freien Netzautoren, die sich ihre Leserschaft durch besondere
Originalität, Streitlust oder Theatralik erschreiben, haben die
etablierten Medien kräftig dazugelernt. Sie werfen nicht mehr nur ihre
Stöckchen - sie rennen auch gleich laut kläffend hinterher. Anders als
früher sind die Leitmedien nicht mehr die ängstlichen Kritiker der
"Netz-Meute", sondern konkurrieren mit der "Meute" um die größtmögliche
moralische Empörung. Es geht einfach darum, wer lauter und
durchdringender kläfft und wer als Erster die Beute zu fassen bekommt.
Der Lärm, den die etablierten Medien dabei veranstalten, hat viele
Blogger nachhaltig beeindruckt. Manche ziehen verdutzt den Schwanz ein,
andere wechseln die Seiten oder versuchen lärmtechnisch mitzuhalten.
Netzautoren und etablierte Medien belauern sich nicht mehr voller
Misstrauen, sie feuern sich gegenseitig an und steigern auf diese Weise
ihre populistische Macht. Heraus kommt ein Moralwächtertum, das oft
weniger dem öffentlichen Leben nützt als der eigenen Sache.
3. In der Krise ist häufig zu hören, dass sich die entfesselten
Finanzmärkte von der Realwirtschaft gänzlich abgekoppelt hätten. Könnte
es nicht sein, dass auch die Medien in ihrem verschärften
Konkurrenzkampf um Einfluss, Deutungshoheit und Kundschaft die Realwelt
hinter sich gelassen haben, indem sie aus jedem Skandal-Mäuschen mittels
geschickter "Verbriefung" (= Aufbauschen und Hochjubeln) einen
Moral-Elefanten machen? Vor allem die privatwirtschaftlich organisierten
Leitmedien vertreten heute in Benimmfragen ein moralisches Jakobinertum,
das sich selbst die Katholische Kirche nicht mehr von den Kanzeln zu
predigen traut.
4. Die gegenwärtig kritisierte Freunderl- und Amigowirtschaft ist weder
neu noch eine niedersächsische Spezialität. Auch die Sitzplatzvergabe an
Unternehmer (oder Journalisten) bei Flügen in ferne Länder ist eine
typische Gunstbezeugung aller Kanzler und (Minister-)Präsidenten. Die
politische Landschaftspflege mit Hilfe von Spenden und anderen
Wohltätigkeiten ist trotz aufgedeckter Flickaffäre nie beendet worden.
Durch mediale Empörung werden - wenn's hoch kommt - einige Figuren
ersetzt, mehr ändert sich nicht.
Was sich jedoch ändert, sind Intensität und Umsatzmenge der Empörung -
bei weitgehend fehlender Gewichtung der Fälle. Der Panzerdeal mit
Saudi-Arabien ist im Zweifel weniger Empörung (und Schlagzeilen) wert
als die nicht korrekt abgerechnete Bonusmeile, der günstige
Privat-Kredit unter "Freunden" mehr als das von einer Lobby frech
geschriebene Gesetz. Es kommt nur darauf an, wessen "Abschuss" gerade
ins politische und geschäftliche Kalkül passt. Insofern haben die
Empörungswellen etwas Beliebiges - und in ihrer Dimension
Unberechenbares. Kaum ist diese Kampagne vorbei, folgt schon die
nächste. Man könnte deshalb von einer Dauerempörung sprechen, die
letztlich nicht den Verstand schärft, sondern den Mob erzeugt. (DER STANDARD-Printausgabe, 22.12.2011)
Autor
Wolfgang Michal (Jg. 1954) ist freier Journalist, Blogger und Buchautor,
Mitgründer diverser Onlinemagazine, darunter das renommierte
Autorenforum "Carta", und lebt in der Nähe von Hamburg.