Occupy Media oder Die Entrüstungsblase

Kommentar der anderen21. Dezember 2011, 21:30
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Wie kommt es, dass das in den Medien so beklatschte Protest- und Wutbürgertum in krassem Missverhältnis zur Lebenszufriedenheit der Bevölkerung steht? – Mutmaßungen über die Entstehung eines Zerrbilds - Von Harald Betke

Kalle Lasn ist ein umtriebiger Mann. Erst gründet er in Tokio ein Marktforschungsinstitut, wird sehr schnell sehr reich. Seine Kunden: die größten Werbeagenturen der Welt. Dann wandert er nach Kanada aus, gründet das werbekritische Magazin Adbusters, das in nahezu jeder Agentur Amerikas aufliegt. Schließlich erfindet er den "Buy Nothing Day", und die "TV Turnoff Week" - beides kein besonders durchschlagender Erfolg. Dann hatte er einen glorreichen Claim: "Occupy Wall Street", legte das Datum fest, legte los und siehe da ...

Er verdient gut mit Vorträgen, Designbüchern, DVDs, Schlüsselanhängern, Schuhen. Er kämpft mit den Waffen der Werbung, bleibt in seinen Forderungen bewusst offen und trifft den Nerv - vor allem der Medien. Alles in bestem Design.

Zwar blieb die Bevölkerung eher interesse- und teilnahmslos, die Medien aber waren sofort begeistert. Egal ob nur sieben Prozent der Amerikaner über Occupy in den Medien informiert werden wollten und auch nur 70.000 Demonstranten in 150 Städten zum großangekündigten Zwei-Monatsjubiläum kamen, das Medienprodukt war ein voller Erfolg. Es kommt zu einer stürmischen Romanze zwischen den Medien und "Occupy Wallstreet" sowie der Bewegung der "Empörung".

Wessen Existenzängste?

Vielleicht weil gerade Journalisten durch die digitalen Umwälzungen besonders bedroht sind? Und Existenzängste besonders nahe sich ran lassen? Weltweit schrumpfen die Redaktionen, gerade dieser Tage werden sogar die demokratiepolitischen Leuchttürme New York Times und Guardian reduziert. Journalisten haben also eine Wut, vielleicht Angst. So wurde folgerichtig auch der Begriff "Wutbürger" von Journalisten (Spiegel) entwickelt, ergänzt in Österreich in einem Sachbuch mit den Begriffen Systemtrottel und Hamsterrad.

Roland Düringer rezitierte die Thesen des Buches gewohnt charismatisch im ORF-Donnerstalk und wurde zum medialen Helden. Die KronenZeitung feierte ihn auf Seite 2, weil er ihre Leserbrief-Inhalte ins Fernsehen brachte, der Kurier leitete ein Interview mit Caritas-Chef Michael Landau mit Düringer-Verweis ein, gleiches der Standard bei einem Interview mit Landeshauptmann Pröll.

Scheinbar hat er den Nerv getroffen. Hat er das? Die Aufrufe bei Youtube, ein Gradmesser dafür was gerade interessiert, ist Düringers Wut in der gleichen Range wie seine Videos zu Ducati, Jeep 4WD (90.000), weit weg von Hader über Topfplanzen oder ca. ein Zehntel von Niavarani über Facebook.

Vielleicht auch weil die Mehrheit der Leute nicht wütend und unglücklich ist. Auch wenn es manche herbeisehnen. Wenn eine Studie ergibt, dass zwei Drittel der Bevölkerung glücklich sind, ist die Headline im Standard: "Ein Drittel der Österreicher unglücklich" . Es scheint eine Entrüstungsblase in den Medien zu entstehen, als seltsames Zerrbild der angeklagten Finanzblase (vgl. s 30.)

"Mein Glück nimmt eher zu", sagt sogar knapp die Hälfte der Befragten in einer market-Studie, lediglich ein Fünftel sagt dagegen, das Glück nehme ab. Natürlich werden die Zeiten schlechter, vielleicht sogar viel schlechter, das weiß jeder. Aber Glücksforscher diagnostizieren: Es gibt einen Paradigmenwechsel vom Geld zum Glück. Das Zusammensein mit den eigenen Kindern und Freunden, sowie der wohlverdiente Urlaub und Hobbys lösen bei den Österreichern die größten Glücksgefühle aus. Blöd, dass die Österreicher in ihrer Mehrheit nicht wütend sind. So sind etwa über 90 Prozent der Österreicher mit ihrer Beziehung glücklich.

In den verschiedenen Lebensphasen sind übrigens Jugendliche am heitersten (73 Prozent). Tugenden wie Fleiß, Ordnung und Disziplin, sagen uns die Forscher, sind bei der Jugend im Trend. Gekoppelt sei dies aber stets mit dem Wunsch nach Freude am Leben.

Wäre doch gelacht wenn man den Österreichern die nicht austreiben kann.

Vielleicht hilft ja der alte Werbetrick der Penetration. Wir sind wütend. Wir sind wütend. Aber nur keine konkreten Alternativen, sonst wäre die Zustimmung gleich viel kleiner. Das hat schon Lasn erkannt.

Die Wut selbst ist das Thema, nicht die Inhalte. Wut ist unvorhersehbar, emotional, selbstzentriert, naiv. Aber wozu dient sie? Wofür steht ein Wutanfall? Er ist rohe negative Emotion. Nebulose Emotionen und Feindbilder sind in diesem Land nichts Neues.

Man darf sich dann aber nicht wundern, wenn man links blinkt, dahinter aber rechts abgebogen wird. (DER STANDARD-Printausgabe, 22.12.2011)

Der Autor

Harald Betke, Lehrbeauftragter für Publizistik- und Kommunikationswissenschaften an der Universität Wien, ist ein Pionier des zivilgesellschaftlichen Marketings und gestaltete globale Kampagnen u. a. für Greenpeace und amnesty international.

  • Düringer in "Dorfers Donnerstalk"
    foto: orf/hubert mican

    Düringer in "Dorfers Donnerstalk"

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