Deutsche Forscher sehen Mängel in bisherigen Konzepten
Hohenheim - Große Anstrengungen wurden nach dem verheerenden Tsunami von 2004 getroffen, um die Anrainerstaaten des Indischen Ozeans vor einer weiteren Katastrophe dieses Ausmaßes zu schützen. Nicht alle Maßnahmen lassen sich aber mit dem Alltag und den überlebensnotwendigen Bedürfnissen der dortigen Bevölkerungen vereinbaren, wie die Universität Hohenheim berichtet. Sie verweist auf die Lage in der indonesischen Provinz Aceh auf Sumatra, wo Küstenschutz und die Lebensweise der Küstenbewohner kollidieren.
Die Bevölkerung entlang der indonesischen Küste lebt überwiegend vom
Fischfang und der Landwirtschaft. Nach dem großen Tsunami verlegte die
Regierung in Zusammenarbeit mit internationalen Hilfsorganisationen ihre
Siedlungen weiter ins Landesinnere, ließ Schutzwälle bauen und
Schutzstreifen aus schnellwüchsigen Gehölzen und Mangrovenwälder
pflanzen. "Letzteres war falsch", sagt der Agrarökologe Georg Cadisch von
der Universität Hohenheim. "Diese künstlichen Schutzstreifen trennen
die Menschen von ihrer Lebensgrundlage, dem Meer, und bieten aber
gleichzeitig keine Alternative." Die Folge: Langsam wachsen die Dörfer
wieder dem Meer entgegen.
Bäume als
natürlicher Schutzwall seien im Prinzip eine gute Sache, aber: "Wirklich sinnvoll sind nur Bäume, die
der Bevölkerung einen wirtschaftlichen Nutzen bringen." Für Cadisch und
seinen Mitarbeiter Juan Carlos Laso Bayas kommen deshalb Kokos-, Kakao-,
oder Kautschukplantagen in Frage. Davon könnten die Menschen leben und
sie würden die Bäume dann auch pflegen. Außerdem könnten solche grünen Schutzwälle nur ein kleiner Baustein
eines Gesamtkonzepts sein. "Unsere Modellrechnung zeigt, dass
dadurch bei einem neuerlichen Riesen-Tsunami die Zahl der Todesopfer nur
um drei bis acht Prozent sinkt", sagt Cadisch.
Weitere Maßnahmen
Um den Schutz der Bevölkerung noch zu erhöhen, müssten daher Fluchtwege ins Landesinnere frei sein. Cadisch empfiehlt daher landeinwärts hinter den Dörfern keine Wälder, sondern offene Felder mit Nahrungspflanzen wie Reis oder Erdnüsse: "Die sind einfacher zu überwinden, wenn es schnell gehen muss." Laso Bayas fügt hinzu: "Unsere Untersuchungen haben gezeigt, dass dichte hohe Vegetation nicht nur Fluchtwege versperrt. Die umgeknickten Bäume spicken die Flutwelle auch noch mit Trümmerholz, das die fliehende Bevölkerung zusätzlich gefährdet."
Ein Problem sehen die Forscher auch darin, dass bei weitem nicht alle Menschen in der Region die Vorzeichen einer sich anbahnenden Tsunami-Katastrophe deuten können. "Die Bevölkerungszahl in den Küstenregionen wächst sehr schnell. Viele Menschen wandern aus anderen Gegenden zu", zitiert Laso Bayas aus seinen Untersuchungen. "Die Zuwanderer wissen zu wenig über das Meer, um früh genug zu erkennen, ob ein Tsunami droht. Denn wenn sich die See zurückzieht, ist es oft schon zu spät." Fazit: Ein Tsunami-Frühwarnsystem mit speziellen Bojen auf hoher See bleibt also trotz üppiger Küstenvegetation unverzichtbar für den Küstenschutz. (red)