Der Zoll und die Rolex mit 33 Tagen

21. Dezember 2011, 18:17
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255.000 Pakete werden in Schwechat jährlich über Expressfracht abgewickelt - Software findet Verdächtiges

Wien - Pornografie unter dem Weihnachtsbaum? Zumindest für den Computer des Zolls. Auf dem Monitor von Roman Denk taucht die von einem Softwareprogramm ausgefilterte verdächtige Buchsendung aus den USA auf. Ein Blick ins Internet verrät dem Beamten des Zollamtes Eisenstadt / Flughafen Wien allerdings, dass es sich wohl um falschen Alarm handelt. Denn der Absender ist eine Firma, die mit Kunstdrucken handelt.

In Tagen wie diesen kein Einzelfall hier im Zollgebäude im Bereich Cargo Nord des Flughafens Wien-Schwechat. Um rund 25 Prozent nimmt zur Weihnachtszeit die Zahl der Luftfrachtsendungen mittels Expresszustelldiensten wie DHL oder UPS zu. Für diesen Bereich sind der 32-Jährige und die Kundenteams Dora und Emil zuständig. Insgesamt werden jährlich rund 255.000 Pakete und Kuverts über die Expressversender abgewickelt.

Manche Packerln sind interessanter

Viele der Sendungen werden mit dem Programm eZoll bearbeitet. Die Firmen tragen Daten wie Absender, Empfänger, angegebenen Wert in eine Datenbank ein, auf die der Zoll zugreifen kann. Das System siebt dann Dubioses aus, die Beamten beurteilen die Warnungen anhand ihrer Plausibilität. Schickt man beispielsweise ein Packerl aus Kolumbien, ist die Chance groß, dass sich der Zoll dafür interessiert.

Etwa wegen Produktpiraterie. "Im Oktober hatten wir da sieben Fälle, im Dezember sind es schon 45", schildert Denk. Der größte Teil sind falsche Markenuhren, die mitunter unschwer als Fälschungen zu erkennen sind: "Wir hatten einen Fall, bei dem der Datumsanzeiger gleich 33 Tage hatte. "

Erregt eine Sendung Misstrauen, wird sie durch "Beschauorgane" überprüft. Erhärtet sich der Verdacht, muss ein Mitarbeiter des Unternehmens die Ware öffnen. Oft ist dann eine aufwändigere Überprüfung nötig - in der finanzministeriumseigenen technischen Untersuchungsanstalt. "Da finden sich dann auch Dopingmittel, die als Vanillin deklariert sind."

Vor Weihnachten gibt es auch Schwerpunktaktionen - aber nicht nur wegen illegaler Güter, sondern auch wegen - nun ja - Steuervermeidungsstrategien. "Sendung mit geringem Wert" heißt es, wenn der Wert des Inhalts mit weniger als 22 Euro angegeben wird. "Einmal hatten wir einen Fall, in dem in einer solchen Sendung aus den USA eine Rolex war. Wir dachten zuerst an Produktpiraterie - bis sich herausstellte, dass die Uhr echt ist und um 3000 US-Dollar bei Ebay ersteigert worden ist."

Katzenfell

Im eZoll-System finden sich auch andere Warnungen. So vermutet der Computer Katzenfell hinter einer Lieferung an eine Gesundheitseinrichtung.

Fünf bis sechs Prozent aller Lieferungen werden überprüft; dass man nicht alles erwischt, ist den Beamten bewusst. "Wir können nur risikoorientiert vorgehen", meint Denk. Findet man etwas, wird die Sendung "angehalten". Wie lange, hängt vom Empfänger ab. "Bei einem Rechtsstreit kann das Jahre dauern. Sonst werden die Güter frühestens nach sechs Monaten vernichtet." Im Sommer ist also damit zu rechnen, dass jemand vom Zoll in einer Wiener Müllverbrennungsanlage vorbeischaut, um gefälschte Gucci-Taschen zu entsorgen, die es doch nicht unter den Christbaum geschafft haben. (Michael Möseneder, DER STANDARD Printausgabe, 22.12.2011)

  • Die letzten Geschenke landen derzeit per Expressfracht am Flughafen 
Wien. Viel Arbeit für die Zollverwaltung auf der Jagd nach Illegalem
    foto: standard/urban

    Die letzten Geschenke landen derzeit per Expressfracht am Flughafen Wien. Viel Arbeit für die Zollverwaltung auf der Jagd nach Illegalem

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