"Wieder Wunschkonzert für den ORF"

Interview22. Dezember 2011, 17:14
8 Postings

"Wir behaupten, der ORF bricht das Gesetz": Deshalb habe der Verband der Privatsender gegen die Programmierung der Anstalt die Medienbehörde angerufen, sagt Präsident Klaus Schweighofer

STANDARD: Beim ORF erwecken Sie und der Privatsenderverband offenbar in den vergangenen Wochen den Eindruck, Sie wollten den ORF so rasch wie möglich eliminieren.

Schweighofer: Uns hält man vor, wir wollten den ORF umbringen. Daran arbeiten aber vielmehr jene, die den kommerziellen Kurs des ORF gegen jede Logik des Marktes und der internationalen Entwicklung aufrecht erhalten wollen. Jene, die dem ORF zwar seine öffentlich-rechtlichen Gebühreneinnahmen sichern und vermehren wollen, zugleich aber an der zutiefst privaten Programmierung des ORF um jeden Preis festhalten. Man könnte dem ORF keinen größeren Gefallen tun, als ihn von diesem Markt- und Massendruck zu befreien. Diese Bürde lastet auf dem ORF und den journalistischen Mitarbeitern des ORF, die weit größeres Gewicht im Programm verdienten.

STANDARD: Der ORF weist das so zurück: Der ORF muss Programm für alle machen, nicht zuletzt, wo mit der jüngsten Gebührennovelle wieder praktisch alle Haushalte zahlen müssen. Und wo wie in Deutschland ab 2013 eine Rundfunkabgabe für alle Haushalte diskutiert wird.

Schweighofer: Das ist schon richtig. Die Frage ist aber, womit er die Breite erreicht. Die breite Masse ist nicht nur Serien- und Filmware aus Hollywood und nicht nur sündteure Sportrechte von Bernie Ecclestone, der Uefa und der Fifa. Die Breite sollte für den ORF vielmehr Österreich in seiner ganzen Vielfalt sein. Viele breite Themen aus Österreich finden keinen Platz im ORF, zugunsten internationaler Kommerzware.

STANDARD: Sehen Sie österreichische Privatsender, die sich Rechte wie Formel 1, Fußball-Europameisterschaft und -WM und dergleichen anstelle des ORF leisten können und wollen? Gut, Red Bull etwa ist immer für Überraschungen gut.

Schweighofer: Gegenfrage: Brauche ich im Jahr 2011 staatliches Fernsehen, um in Österreich Formel 1 sehen zu können?

STANDARD: Höchstens dann, wenn ich gesteigerten Wert auf österreichische Moderation lege.

Schweighofer: Ich bezweifle sehr, dass ein österreichischer Kommentar zu einer längst international ausgerollten Sportveranstaltung besonders identitätsstiftend wirkt.

STANDARD: Sie sprechen von breiten Österreich-Themen, die der ORF vernachlässigt. Zum Beispiel?

Schweighofer: Ich bin weder Retter noch Ratgeber des ORF, es steht mir auch gar nicht zu, Ratschläge zu geben. Ich denke, die neue Programmdirektorin Kathrin Zechner ist sich der Notwendigkeiten sehr bewusst. Aber mir als Konsument kommt vor, dass zum Beispiel österreichische Urbanität im ORF-Fernsehen nicht stattfindet. Der ORF vermittelt eher das Bild eines Lederhosen- und Dirndllandes.

STANDARD: Die Regierungsparteien schwelgen derzeit gegenüber dem ORF in vorweihnachtlicher Geberlaune: Gebührenerhöhung, heimlich, still und leise die Gebührenpflicht für praktisch alle Haushalte, nun sollen auch noch Programmbeschränkungen für den ORF-Sportspartenkanal gelockert werden ...

Schweighofer: Die Politik hat offenbar jenes Wunschkonzert für den ORF wieder eingeführt, das dessen Regionalradios vor Jahren eingestellt haben. Zu unserem Erstaunen, ja fast Entsetzen kommt die Politik all den Wünschen des ORF auch nach. Vielleicht hat das mit der teilweise doch recht schwierigen Situation der Politik zu tun.

STANDARD: Womöglich erwartet diese Politik für die Gesetzesänderungen auch freundliche Behandlung im Programm?

Schweighofer: Die Politik erwartet das wohl vom ORF, seit es ihn gibt, und sie fordert dieses Entgegenkommen auch immer wieder ein. Aber da unterschätzt sie die journalistische Integrität der ORF-Redakteure.

STANDARD: Der Privatsenderverband verlangte, die Werbemöglichkeiten im ORF einzuschränken, wenn SPÖ und ÖVP dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk schon mehr Gebühren und mehr Gebührenzahler verschaffen wollen.

Schweighofer: Das ist der einzige Weg, den ein duales Rundfunksystem von öffentlich-rechtlichen und privaten Sendern, gehen kann. Gesicherte Finanzierung der öffentlich-rechtlichen Aufgaben über Gebühren - aus unserer Sicht ist die mit den mehr als 600 Millionen Euro für den ORF gewährleistet. Wird diese Basisfinanzierung nun noch erhöht, muss man die heute fast unbeschränkten Werbemöglichkeiten im ORF signifikant reduzieren. Das entspricht auch dem europäischen Trend. Ich hoffe, dass Österreich da nicht weiter als Geisterfahrer unterwegs ist.

STANDARD: Die Gebührenerhöhung kommt ...

Schweighofer: Die ORF-Führung richtet mit der Gebührenerhöhung, gerade in einer Zeit, wo selbst jeder private Haushalt überlegt, wie er sparen kann, einen ordentlichen Imageschaden an.

STANDARD: Gebühren und Gebührenpflicht werden ausgeweitet, aber von Einschränkung der Werbemöglichkeiten ist bisher keine Rede. Bisher stoßen Sie offenbar auf wenig Gehör.

Schweighofer: Wir Private konnten die Aufmerksamkeit und Sensibilität für das Thema deutlich steigern. Der Mythos lebt zwar, dass die Politik, vor allem die Regierungspolitik, den ORF bedingungslos unterstützt. Er stimmt aber immer weniger. Immer mehr Politiker erkennen die massive Schieflage, dass es so nicht weitergehen kann. Das entwickelt sich heute schon zur Grundlinie der Medienpolitik einiger Parteien. Nach wie vor völlig unbeirrt auf ORF-Kurs fährt offenbar die SPÖ. Aber das dürfte eine ähnliche Strategie sein wie im Umgang mit einigen Boulevardzeitungen, die ja auch praktisch öffentlich-rechtlich finanziert werden.

STANDARD: Ohne die SPÖ werden Sie mit ihren Forderungen aber wohl auf Sicht nicht weit kommen.

Schweighofer: Auch in der SPÖ sehe ich maßgebliche Personen und Tendenzen, die ein bisschen weiter blicken als bis zum Küniglberg, wie es die öffentlich-rechtlichen Fundamentalisten dort tun. Insofern sehe ich durchaus Hoffnung, dass man auch in der SPÖ nicht auf Dauer die mediale Realität so eklatant verkennt. So alleine auf den ORF zu beharren, ist auch inhaltlich ein Fehler. Das junge Publikum zieht es massiv zu den Privatsendern, etwa Puls 4 und ATV.

STANDARD: Der ORF argumentiert gegen Werbebeschränkungen so: Wer die Buchungsmöglichkeiten im ORF einschränkt, schiebt österreichisches Werbegeld in Richtung deutscher Konzerne, die auch den privaten österreichischen Fernsehmarkt dominieren, statt ES in Österreich und beim ORF zu halten, der ja dafür auch österreichisches Programm macht.

Schweighofer: Das stimmt nur so nicht. Die ProSiebenSat.1-Gruppe zeigt in ihren Österreich-Ablegern und in Puls 4 zum wesentlichen Teil österreichisches Programm. Und die Vermarkter von RTL sowie Sat1 gehören zur Hälfte österreichischen Unternehmen. Es passiert hier im Land viel Wertschöpfung. Und wenn ich mir ansehe, wieviel Geld der ORF - aus Werbung und aus Gebühren - ins Ausland überweist, wenn er sündteure und überwiegend kommerzielle Rechte einkauft, dann frage ich mich, was besser ist. Diese ganze, vom ORF geschürte Debatte widerspricht dem europäischen Grundgedanken. Und wie der ORF da gegen deutsche Medienkonzerne herzieht, erinnert mich an Parolen übelster Populisten in der Politik, die auf niedrigste Instinkte abzielen. Das ist einer moralischen Instanz, die der ORF eigentlich sein sollte, nicht würdig.

STANDARD: Der Privatsenderverband hat anhand einer peniblen Programmanalyse Beschwerde bei der Medienbehörde eingebracht, dass der ORF, vor allem ORF 1, zum großen Teil dasselbe Programm wie Private sendet, obwohl er sich laut Gesetz von diesen zu unterscheiden hat. Noch prüft die Behörde, was erwarten Sie von dieser Beschwerde?

Schweighofer: Wir haben hohe Nervosität beim ORF ausgelöst. Das bestätigt uns, dass wir da am richtigen Punkt angesetzt haben: Dass etwa in ORF 1 vier von fünf Sendeminuten reine Unterhaltung sind, das steht im krassen Widerspruch zum öffentlich-rechtlichen Auftrag, der ein ausgewogenes Verhältnis der Programmgenres vorschreibt.

STANDARD: Nun hält der ORF dagegen, dass die Privatsender a) falsch zugeordnet haben und das Verhältnis b) über das Gesamtprogramm von ORF 1 und ORF 2 betrachtet schon viel ausgewogener ist.

Schweighofer: Deshalb ist es ja so gut, dass darüber eine unabhängige Behörden befindet. Wir haben den Eindruck, dass die Behörde das sehr ernst nimmt, und dass das deshalb auch der ORF sehr ernst nimmt. Ich glaube, der ORF ist sich hier sehr bewusst, dass er bei seiner Programmierung an und über Grenzen gehen könnte.

STANDARD: Aber die Behörde kann dem ORF wohl nicht vorschreiben, er muss anders programmieren.

Schweighofer: Wir behaupten, der ORF bricht das Gesetz. Die Behörde wird entscheiden: Bricht er das Gesetz oder nicht? (Harald Fidler; DER STANDARD; Printausgabe, 22.12.2011, Langfassung)

KLAUS SCHWEIGHOFER (45) ist seit 2010 Präsident des Privatsenderverbands. Seit 2002 im Management der Styria ("Kleine", "Presse"), seit 2008 Vorstand.

  • "Bisschen weiter blicken als zum Küniglberg", rät Schweighofer "Fundamentalisten" in der SP.
    foto: standard/fischer

    "Bisschen weiter blicken als zum Küniglberg", rät Schweighofer "Fundamentalisten" in der SP.

Share if you care.