Banken saugen sich mit 489 Milliarden von der EZB voll

21. Dezember 2011, 17:47
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In einer beispiellosen Aktion hat die Europäische Zentralbank die Finanzmärkte mit Geld geflutet

In einer beispiellosen Aktion hat die Europäische Zentralbank die Finanzmärkte mit Geld geflutet. Sie löst damit ein akutes Finanzierungsproblem für die Banken, hilft aber nur indirekt in der Schuldenkrise.

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Frankfurt/Wien - Europas Geschäftsbanken konnten sich am Mittwoch über ein milliardenschweres Weihnachtsgeschenk freuen. Die Europäische Zentralbank (EZB) hat den Instituten zum ersten Mal für drei Jahre Geld geborgt, zum Zinssatz von einem Prozent. Es war ein Angebot, das die Banken nicht ablehnen konnten. Sie haben sich - gegen akzeptierte Sicherheiten - die Rekordsumme von 489,2 Milliarden Euro von der EZB geholt, Bankanalysten hatten im Schnitt mit 200 bis 300 Milliarden Euro gerechnet. Vor der Krise borgten die Frankfurter Zentralbanker maximal für drei Monate Geld. 523 Geschäftsbanken haben bei dem Drei-Jahres-Tendergeschäft zugegriffen.

Für Laurent Fransolet, einen Zinsstrategen bei Barclays Capital in London, zeigt die Maßnahme, dass "die EZB noch über Munition verfügt". Mit der Aktion sei die Finanzierung der Geldinstitute über Jahre gesichert. "Die Maßnahme hilft den Banken sehr," sagt John Raymond, Bankanalyst von Creditsights. Doch man müsse das Problem der Bankfinanzierung von der Staatsschuldenkrise unterscheiden. Für die Banken werde der EZB-Tender "die Spielregeln ändern". Denn die Geldinstitute müssten 2012 einen hohen Refinanzierungsbedarf stemmen. Schätzungen über den Bedarf an Schuldenaufnahme, um Altschulden zu tilgen, rangieren zwischen 700 und 1000 Milliarden Euro. "Dieses Risiko ist gelöst," so Raymond.

Doch blickt man hinter die 489,2 Milliarden Euro, zeigen sich manche Analysten durchaus enttäuscht. Denn netto hätten sich die Banken nur 194 Milliarden an frischem Geld geholt. Viele haben einfach bereits existierende Liquiditätslinien bei der EZB in das neue Tendergeschäft transferiert. Alan Broughton von der Royal Bank of Canada: "194 Milliarden Euro sind nicht genug, um den Finanzierungsbedarf von Banken und Staaten abzustützen."

Zudem ändere die aktuelle Maßnahme wenig an der Staatsschuldenkrise. Zwar haben einige EZB-Ratsmitglieder und Wirtschaftspolitiker im Vorfeld der Aktion die Hoffnung geschürt, dass die Banken die Drei-Jahres-Gelder eins zu eins in europäische Staatsanleihen investieren und damit die Märkte für italienische und spanische Staatsanleihen stützen.

An den Märkten sind die Erwartungen an diesen "Carry Trade" (die Banken nehmen das EZB-Geld und "tragen" es in die Märkte für Staatsanleihen) daher gestiegen. Die Zinsen auf dreijährige spanische Staatsanleihen haben sich von 6,2 Prozent auf knapp 3,5 Prozent fast halbiert. Doch Jonathan Loynes, europäischer Chefökonom von Capital Economics, bleibt "skeptisch, dass die Maßnahme auch die Staatsschuldenkrise entspannen wird". Denn obwohl die EZB bereits in den vergangenen Monaten ihre Finanzierungsoptionen für Banken ausgeweitet hatte, haben die Geldinstitute ihre Anleihenpositionen abgebaut. Zudem sei selbst die Summe von fast 500 Milliarden weniger, als die Märkte bei direkten Ankäufen durch die europäischen Währungshüter erwarten würden.

EZB erhöht das Tempo

Auch Jörg Angelé, Analyst bei Raiffeisen, warnt: "Das Deleveraging wird trotzdem kommen." Banken werden wegen der gestiegenen Kapitalerfordernisse durch die europäische Bankenaufsicht ihre Ausleihungen zurückfahren, denn am Kapitalmarkt könnten sie keine Eigenmittel auftreiben.

"Eine akute Zuspitzung" der Krise am Geldmarkt hätte die EZB aber verhindert. Die Frankfurter Währungshüter gehen mit der neuen Maßnahme einen weiteren radikalen Schritt. Seit dem Sommer hat die Zentralbank bei den Interventionen aufs Gas gedrückt. In nur einem halben Jahr hat die EZB ihre Bilanzsumme von zwei auf 2,5 Billionen Euro ausgeweitet. Analysten rechnen, dass der zweite Tender, der drei Jahre läuft und im Februar angeboten wird, weitere 200 bis 300 Milliarden Euro an Ausweitung bringen könnte. (Lukas Sustala, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 22.12.2011)

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