Die Fertigstellung dieser Schildbürger-Bahnstrecke bringt weniger Nutzen als ein noch so teurer Ausstieg
Es ist
inzwischen jedem klar, dass Österreich seine drei großen Tunnelbauprojekte –
Brenner, Semmering und Koralm – nicht durchziehen wird.
Der
Brennerbasistunnel wird, auch wenn es die ÖVP nicht sehen will, wohl als erstes daran glauben. Das ist schade, denn der BBT
ist ein gutes Projekt. Ein Land wie die Schweiz, die den noch teureren Gotthardtunnel
und die gesamte Neue Eisenbahn-Alpentransversale (NEAT) errichtet, könnte es
sich leisten.
Aber die Schweiz hat weitaus weniger Schulden und nicht so viele
Belastungen aus Verwaltung und Förderungen wie Österreich. Wenn Österreich in
diesem Jahrzehnt endlich die dringend geforderten Reformen durchzieht, dann wird
ab 2020 auch der BBT wieder eine realistische Möglichkeit.
Was aber
passiert mit dem Semmeringtunnel und der Koralmbahn? Eines der beiden Projekte
ist jedenfalls machbar, aber beide vielleicht nicht. Nun wurde in den Bau der Koralmbahn bereits viel mehr hineingesteckt als in den Semmering. Die konkreten
Bauaufträge wurden vergeben, der Bau kann jeden Moment beginnen.
Deshalb ist es
nicht überraschend, wenn vernünftige Menschen wie ÖBB-Chef Christian Kern vehement
davor warnen, „das Projekt mitten im Fluss zu stoppen“.
Aber hier
irrt Kern, und als erfahrener Projektmanager sollte er es besser wissen.
Semmering und Koralm unterscheiden sich nämlich grundsätzlich. Die schnelle Bahnverbindung
zwischen der Millionenmetropole Wien, der Mur/Mürz-Furche und Graz (260.000
Einwohner) ist verkehrstechnisch und ökonomisch sinnvoll. Die teure neue
Bahnstrecke zwischen dem mittelgroßen Graz und der Provinzstadt Klagenfurt (94.000
Einwohner, kleiner als das deutsche Gütersloh) ist es - wie ich auch schon früher
geschrieben habe - nicht.
Weder die
Bevölkerungszahlen noch die heutigen und zukünftigen europäischen
Verkehrsströme rechtfertigen die Investition von mindestens fünf Milliarden
Euro, die jedenfalls noch steigen werden. Für den Frachtverkehr von Osteuropa an die
Adria gibt es billigere Routen.
Der
Koralmtunnel wurde nur beschlossen, weil Jörg Haider Anfang des Jahrtausends
die schwarz-blaue Koalition dazu zwingen konnte und nach deren Ende der
steirische Landeshauptmann Franz Voves einen
Kurswechsel in der SPÖ mit ähnlich brachialen Mitteln verhindert hat. Der Tunnel ist ein regionalpolitischer Unfall –
ein milliardenteurer Schildbürgerstreich.
Dass die Koralm so viel weiter ist als der
Semmering ist die Folge seiner Unsinnigkeit. Denn während das Land
Niederösterreich beim Semmering jahrelang gebremst hat, steigen Kärnten und
Steiermark bei der Koralm aufs Gas, weil sie Fakten schaffen wollten, bevor die
Regierung zur Besinnung kommt.
Diese
Fakten sind jetzt da. Aber sie sind nicht zwingend. Zwar wurde rund eine Milliarde
Euro bereits investiert, aber mindestens vier Milliarden müssen noch ausgegeben werden. Ein Ausstieg
würde noch hunderte Millionen an Abfindungszahlungen für gebrochene Bauaufträge
kosten. Aber immer noch würde sich der Staat bei viel ersparen.
Jeder
Betriebswirt weiß, wie man mit „sunk costs“ – bereits versunkenen Kosten –
umgeht: Man ignoriert sie. Die Frage, ob man weiterbauen soll oder nicht, hängt
nur davon ab, ob die zukünftigen Ausgaben den Nutzen rechtfertigen. Und der
Koralmtunnel ist auch drei oder vier Milliarden Euro nicht wert. Eine Fertigstellung bringt weniger Nutzen als ein noch so teurer Ausstieg.
Wenn die
Regierung nämlich am Koralmtunnel festhält, dann wächst die Gefahr, dass sie
den Semmering aufgibt, oder zumindest um Jahre verschiebt. Und in diesem Fall
wäre die Koralmbahn völlig sinnlos – eine „Bahn nach nirgendwo“ ohne jede
Anbindung.
Deshalb ist
der Ausstieg aus der Koralmbahn das Gebot der Stunde – auch wenn Steirer und
Kärntner noch so laut schreien werden.