Pensionsangst "größtes Risiko"

6. Juni 2003, 18:05
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Umfrage: 72 Prozent der Österreicher wollen mehr für die Pension sparen - "Angstsparen" bedroht Inlandsnachfrage

Wien - Ausgelöst durch die hitzige Pensionsdebatte der letzten Wochen wollen nach einer Gallup-Umfrage von Ende Mai 38 Prozent der Österreicher künftig mehr für die private Eigenvorsorge tun. Ebenso 38 Prozent der Bevölkerung wollen generell weniger Geld ausgeben, sprich den Konsum zurückschrauben, um sich einen finanziellen Polster zu schaffen.

Was Anbieter von Pensionsvorsorgeprodukten, wie die Raiffeisenlandesbank Niederösterreich-Wien, die die Umfrage präsentierte, freuen mag, alarmiert die Konjunkturforscher. Immerhin werden die Geldmittel beider Bevölkerungsgruppen dem Konsum entzogen. Der Begriff "Angstsparen" geistert wieder durch die ökonomische Diskussion.

Angstsparen

Der Chefvolkswirt der Oesterreichischen Nationalbank, Peter Mooslechner, sagte zum STANDARD: "In der jetzigen Konjunktursituation, die angesichts negativer Investitionsraten und rückläufiger Exportwerte derart von der Inlandsnachfrage abhängt, bedeutet ein mögliches Angstsparen der Bevölkerung das größte Konjunkturrisiko." Dem langfristigen Trend folgend, ging die Notenbank bisher auch für heuer von einem weiteren Absinken der Sparquote in Österreich aus. Diese Quote misst das Sparverhalten an der Summe aller verfügbaren Einkommen.

Steigt nun die Sparquote, die sich seit Anfang der 90er Jahre von damals rund 15 Prozent auf 7,0 bis 7,5 Prozent (je nach Quelle) halbiert hat, wieder an, droht das minimale Wirtschaftswachstum endgültig zum Erliegen zu kommen.

Auch Markus Marterbauer, Konjunkturexperte am Österreichischen Wirtschaftsforschungsinstitut (Wifo), hält die drohende Konsumzurückhaltung der Bevölkerung gemeinsam mit dem Höhenflug des Euro derzeit für die "zwei zentralen Risiken".

Paradigmenwechsel

Historisch gesehen, so Marterbauer, hätten die Österreicher auf Konjunkturflauten stets mit einer Zurücknahme des Sparverhaltens reagiert, also im richtigen Moment mehr konsumiert, und so die Kaufkraft aus Eigenantrieb gestützt. Nur das untere Einkommensdrittel habe seit jeher eine Sparquote von null, da vom verfügbaren Einkommen schlicht nichts für die hohe Kante bleibt. RLB NÖ-Wien- Chef Peter Püspök schätzt, dass sich rund ein Drittel der Bevölkerung aus der individuellen Einkommenssituation heraus, keine private Pensionsvorsorge leisten kann.

Kein zusätzliches Konjunkturproblem aus den genannten Gründen - mehr Eigenvorsorge, mehr Konsumverzicht - erwartet IHS-Chef Bernhard Felderer. Er sieht eine notwendige Strukturveränderung gegeben. Schon seit 20 Jahren würden Jahr für Jahr mehr Mittel in Lebensversicherungen oder Fonds zur Eigenvorsorge fließen. Und unternehmerische Investitionen werden die Rückgänge im privaten Konsum ausgleichen, ist Felderer überzeugt. (Michael Bachner, DER STANDARD Printausgabe, 7./8.6.2003)

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    "Wie hoch wird meine Pension" fragen sich viele ältere Österreicher

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