Versteckte Zusammenhänge erkennbar machen

20. Dezember 2011, 18:47
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Österreichisches Webportal hilft bei der Analyse von Umweltthemen, unter anderem in sozialen Medien

Als Kanada unmittelbar nach dem Klimagipfel von Durban aus dem Kioto-Protokoll aussteigt, gehen auch im Web die Wogen hoch. Das zeigt eine einschlägige Suchabfrage im Webportal "Media Watch on Climate Change". Einem System, das die internationale Umweltberichterstattung mithilfe spezieller Technologien analysiert, wie Arno Scharl, Leiter des Instituts für Neue Medientechnologie der Modul University Vienna, erklärt.

Bereits beim Klimagipfel in Kopenhagen und beim US-Wahlkampf 2008 kam die Technologie, die von einem Team von Wissenschaftern unter der Leitung der Modul University Vienna entwickelt wurde, zum Einsatz. Beteiligt daran sind unter anderem Forscher der WU Wien und dem Wegener Center der Universität Graz. Gefördert wird das Projekt durch die Programmlinie Fit-IT Semantic Systems und das Austrian Climate Research Program des Klima- und Energiefonds.

Benutzer können mithilfe grafischer Verfahren in Echtzeit verfolgen, in welchen Ländern und auf welchen Onlineplattformen relevante Inhalte publiziert werden, wo und wie oft berichtet wird, welche weiteren Aspekte mit einem Thema assoziiert, welche Schwerpunkte gesetzt werden. Der Keyword Graph zum Beispiel dient der Analyse inhaltlicher Zusammenhänge: Er extrahiert Assoziationen aus den Suchergebnissen.

Die meisten Einträge zu Kanada waren eindeutig negativ konnotiert - auch das kann das System mittels sogenannter Sentiment-Bestimmung erkennen. Auffallend viele Einträge stammen dabei von Twitter. "Soziale Medien sind umweltpolitische Stimmungsbarometer", bemerkt Scharl. Ein guter Grund, Facebook, Youtube oder eben Twitter zu den bisher vorhandenen Quellen hinzuzufügen. "Das heißt, wir aggregieren jetzt auch Nachrichten von Social Media und bauen dann einen integrierten Blick auf diese Medien und darauf, was sich dort beim Thema Klimawandel momentan abspielt." Das System erfasst in der neuesten Version aber auch wissenschaftliche Publikationen.

Zwei Millionen pro Woche

Im Hintergrund arbeitet dabei ein sogenannter Crawler, der mehrmals täglich hunderttausende Dokumente mit semantischen Technologien auf Umweltthemen abgrast. Darunter Webauftritte von Nachrichtenmedien, Umwelt-NGOs, den 1000 umsatzstärksten Unternehmen laut Fortune und auch hunderte Blogs. "In Zukunft sollen auch deutschsprachige Inhalte zum Thema Klimawandel abgedeckt werden", sagt Scharl. Zurzeit spricht das System quasi nur Englisch.

"Wichtig war für uns die Skalierbarkeit der Methoden", sagt Scharl, "das System soll mit ein bis zwei Millionen Dokumenten in der Woche kein Problem haben." Um das zu gewährleisten, wurden die Algorithmen nochmals optimiert, um die Technologie schneller zu machen. "Wir haben zwei Paradigmen: Jede Aktion in einem Interface des Portals bringt eine Aktualisierung in einem der anderen gekoppelten Interfaces", sagt Scharl.

Als "intelligentes Recherche- und Trendanalysewerkzeug" steht das öffentliche Portal allen Umweltinteressierten kostenlos zur Verfügung. "Den meisten Mehrwert hat es für Organisationen, die Interesse am öffentlichen Diskurs haben und analysieren möchten, wie sie in den Augen verschiedener Stakeholdergruppen wahrgenommen werden", schildert Scharl. Vor allem die Filter "positiv" oder "negativ" seien dabei hilfreich, diese zeigen entweder nur positive oder nur negative Assoziationen.

"Für die strategische Positionierung und das Hineinfühlen in eine Stakeholdergruppe ist das sehr wertvoll", meint Scharl. Im Februar soll eine Facebook-App veröffentlicht werden, die im Sinne eines "Game with a Purpose" ein Spiel und ein Fragebogen zu Umweltthemen ist. Im Mai soll zudem ein Editor in das Portal integriert werden, der es ermöglicht, eigene Inhalte zu schreiben, um zum Beispiel leichter mit anderen in Verbindung zu treten. Im Juni schließlich wird es ein Symposium geben. "Das System selbst ist komplett generisch", merkt Scharl an. "Man kann damit jedes Thema, Produkt, jeden Markt analysieren." Somit müsse der Einsatz in Zukunft nicht unbedingt nur auf Umweltthemen beschränkt bleiben. (DER STANDARD, Printausgabe, 21.12.2011)

  • Media Watch on Climate Change sammelt aktuelle Umwelt-Berichterstattung und bereitet diese grafisch auf.
    screenshot: modul university

    Media Watch on Climate Change sammelt aktuelle Umwelt-Berichterstattung und bereitet diese grafisch auf.

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