Erwiderung eines Krebsarztes "an der Front" - Von Robert Hawliczek
Die Gesundheitssprecherin der Wiener Grünen, Sigrid Pilz, sparte unlängst an dieser Stelle nicht mit Kritik an der "Reformunwilligkeit" der Ärztevertreter in Sachen Elga- und AKH-Konflikt.
Es ist schon faszinierend, wie sich die grüne Stadtpolitik betreffend Gesundheitswesen gewandelt hat. Die "Oberaufdeckerin" von Skandalen im Wiener Spitalswesen, insbesondere im AKH, hat eine grandiose Kehrtwendung hingelegt. Ich würde Frau Pilz zur Gedächtnisauffrischung empfehlen, ihre Vorwahlpresseaussendungen zu lesen, in denen sie ausschließlich schreckliche Missstände und Skandale beschwört und das bedauernswerte Personal bemitleidet, dessen drohenden Hinauswurf (180 Akademikerposten) sie jetzt bejubelt. Fähnchen im Wind gibt es also offenbar in allen Farben.
Das Einzige, was Macht und Pfründe offenbar nicht korrigieren konnten, sind die alten Feindbilder - allen voran die Ärzteschaft. Ihre Herabwürdigung der kurativen Medizin und die Behauptung, sie würde keinen Beitrag zur Steigerung von Gesundheit und Wohlbefinden leisten, sind von beispielloser Skurrilität. Es kann wohl nur ein Scherz sein, den Ärzten tatsächlich vorzuwerfen, sich mit Kranken zu beschäftigen. Die offensichtlich gemeinte Prävention (nicht zu verwechseln mit Früherkennung) ist dagegen nicht primär ärztliche Aufgabe. Sie ist eine Aufgabe der Politik!
Schwarz-Weiß-Denken
Im Verwechseln von Zuständigkeiten ist Frau Pilz Weltmeisterin. Es ist nämlich nicht die Ärztekammer, die die logischen Behauptungen aufstellt, die Sparpläne im AKH könnten zu dramatischen Leistungseinschränkungen führen, sondern es sind ebenjene, die diese Leistungen erbringen und verantworten müssen. Auch die zitierte paternalistische Strenge der Ärzteschaft kennt an der Front niemanden, denn dort herrschen Fürsorge und Empathie, trotz miserabler politischer Vorbilder, immer noch vor.
Andererseits überrascht die Expertise von Frau Pilz über Diabetes-Programme. Ihr simples Schwarz-Weiß-Denken geht offensichtlich davon aus, dass jeder Patient, der nicht in einem administrativ aufgeblasenen Diseasemanagementprojekt erfasst ist, schlecht behandelt oder gar ein Todeskandidat ist. Das, liebe Frau Pilz, ist nicht so.
Auch dürfte ihr entgangen sein, dass schon jetzt umfangreiche Datennetzwerke zum Informationsaustausch für Gesundheitsdaten zur Verfügung stehen und Patienten sich schon jetzt im Besitz genau jener Daten befinden, die über Elga zur Verfügung gestellt werden sollen. Das große Patienten-Empowerment und die lebensrettenden Wissenszuwächse durch industriegetriebene Megaprojekte sind daher genauso der Fabelwelt zuzuordnen wie die Verschwörungstheorien über eine Ärzteschaft, die Transparenz fürchtet, um ihre düsteren Machenschaften vor Aufdeckung zu schützen.
Noch mehr Ahnungslosigkeit tritt zutage, wenn Frau Pilz die Ärzte für die fehlende Entlastung des AKH verantwortlich macht. Es waren die Politik und die Wiener Gebietskrankenkasse, die mehr als 60 Kassenstellen gestrichen haben und die Finanzierung von Ordinationen in den Tagesrandzeiten sowie am Wochenende verweigerten. Oder würden Sie, Frau Pilz, gerne unbezahlt an Ihren Wochenenden Tag und Nacht arbeiten? Also wieder den falschen Bösewicht kreiert.
Und wie Sie, Frau Pilz, den drohenden Personalmangel durch gnadenlose Ausbeutung und Verschlechterung der Arbeitsbedingungen für hochqualifizierte Ärztinnen und Ärzte im öffentlichen Bereich managen wollen, ist ein spannendes Rätsel ... (Robert Hawliczek, DER STANDARD; Printausgabe, 21.12.2011)
Prim. Univ.-Dozent Dr. Robert Hawliczek, Radioonkologe im
Donauspital und Obmann-Stellvertreter der angestellten Ärzte in der
Ärztekammer Wien.
Nachlese: Kämmerliche Gesundheitsalarmisten