Gesundheitspolitik

Verschwörungstheorien aus der Fabelwelt

Kommentar der anderen | 20. Dezember 2011, 18:33

Erwiderung eines Krebsarztes "an der Front" - Von Robert Hawliczek

Die Gesundheitssprecherin der Wiener Grünen, Sigrid Pilz, sparte unlängst an dieser Stelle nicht mit Kritik an der "Reformunwilligkeit" der Ärztevertreter in Sachen Elga- und AKH-Konflikt.

Es ist schon faszinierend, wie sich die grüne Stadtpolitik betreffend Gesundheitswesen gewandelt hat. Die "Oberaufdeckerin" von Skandalen im Wiener Spitalswesen, insbesondere im AKH, hat eine grandiose Kehrtwendung hingelegt. Ich würde Frau Pilz zur Gedächtnisauffrischung empfehlen, ihre Vorwahlpresseaussendungen zu lesen, in denen sie ausschließlich schreckliche Missstände und Skandale beschwört und das bedauernswerte Personal bemitleidet, dessen drohenden Hinauswurf (180 Akademikerposten) sie jetzt bejubelt. Fähnchen im Wind gibt es also offenbar in allen Farben.

Das Einzige, was Macht und Pfründe offenbar nicht korrigieren konnten, sind die alten Feindbilder - allen voran die Ärzteschaft. Ihre Herabwürdigung der kurativen Medizin und die Behauptung, sie würde keinen Beitrag zur Steigerung von Gesundheit und Wohlbefinden leisten, sind von beispielloser Skurrilität. Es kann wohl nur ein Scherz sein, den Ärzten tatsächlich vorzuwerfen, sich mit Kranken zu beschäftigen. Die offensichtlich gemeinte Prävention (nicht zu verwechseln mit Früherkennung) ist dagegen nicht primär ärztliche Aufgabe. Sie ist eine Aufgabe der Politik!

Schwarz-Weiß-Denken

Im Verwechseln von Zuständigkeiten ist Frau Pilz Weltmeisterin. Es ist nämlich nicht die Ärztekammer, die die logischen Behauptungen aufstellt, die Sparpläne im AKH könnten zu dramatischen Leistungseinschränkungen führen, sondern es sind ebenjene, die diese Leistungen erbringen und verantworten müssen. Auch die zitierte paternalistische Strenge der Ärzteschaft kennt an der Front niemanden, denn dort herrschen Fürsorge und Empathie, trotz miserabler politischer Vorbilder, immer noch vor.

Andererseits überrascht die Expertise von Frau Pilz über Diabetes-Programme. Ihr simples Schwarz-Weiß-Denken geht offensichtlich davon aus, dass jeder Patient, der nicht in einem administrativ aufgeblasenen Diseasemanagementprojekt erfasst ist, schlecht behandelt oder gar ein Todeskandidat ist. Das, liebe Frau Pilz, ist nicht so.

Auch dürfte ihr entgangen sein, dass schon jetzt umfangreiche Datennetzwerke zum Informationsaustausch für Gesundheitsdaten zur Verfügung stehen und Patienten sich schon jetzt im Besitz genau jener Daten befinden, die über Elga zur Verfügung gestellt werden sollen. Das große Patienten-Empowerment und die lebensrettenden Wissenszuwächse durch industriegetriebene Megaprojekte sind daher genauso der Fabelwelt zuzuordnen wie die Verschwörungstheorien über eine Ärzteschaft, die Transparenz fürchtet, um ihre düsteren Machenschaften vor Aufdeckung zu schützen.

Noch mehr Ahnungslosigkeit tritt zutage, wenn Frau Pilz die Ärzte für die fehlende Entlastung des AKH verantwortlich macht. Es waren die Politik und die Wiener Gebietskrankenkasse, die mehr als 60 Kassenstellen gestrichen haben und die Finanzierung von Ordinationen in den Tagesrandzeiten sowie am Wochenende verweigerten. Oder würden Sie, Frau Pilz, gerne unbezahlt an Ihren Wochenenden Tag und Nacht arbeiten? Also wieder den falschen Bösewicht kreiert.

Und wie Sie, Frau Pilz, den drohenden Personalmangel durch gnadenlose Ausbeutung und Verschlechterung der Arbeitsbedingungen für hochqualifizierte Ärztinnen und Ärzte im öffentlichen Bereich managen wollen, ist ein spannendes Rätsel ... (Robert Hawliczek, DER STANDARD; Printausgabe, 21.12.2011)

Prim. Univ.-Dozent Dr. Robert Hawliczek, Radioonkologe im Donauspital und Obmann-Stellvertreter der angestellten Ärzte in der Ärztekammer Wien.

Nachlese: Kämmerliche Gesundheitsalarmisten

Kommentar posten
17 Postings
hot doc
00
22.12.2011, 13:21
was die grünen immer so erfolglos macht,

ist die tatsache, dass sie ihre eigenen potenziellen wähler vergraulen.
die övp vertreibt uns mit ihren gesundheitsanbieterprivatisierungs- und industrialisierungsambitionen, die spö mit noch mehr steuern und klassenfeind-attitüde, und die blaunen sind für ärzte unter 70 gottseidank selten attraktiv. würden da die grünen sich anbieten. urban, intellektuell, sozial, aber nicht leistungsfeindlich... oder wie? der artikel von frau pilz hat mich jedenfalls davon überzeugt, dass ich kein kreuzerl mehr bei den grünen machen werde.

sociovation
00
21.12.2011, 17:31
Ich glaub dem Primar erst dann ein Wort,

wenn auf seine Initiative hin die eklatante Ungerechtigkeit innerhalb seiner Berufsgruppe abgeschafft worden ist.

chacun à son gout
00
21.12.2011, 13:16
Teil 2

Auch Psychotherapie kostet sehr viel - und dennoch leisten es sich die Menschen, weil es hilft und wirkt. Manche Menschen gehen auch zu Schamanen, Geistheilern, Homöopathen, Kinesiologen usw usf und zahlen es sich selbst. Aber für die Brille, die Zähne oder den Besuch eines Allgemeinmediziners hat man kein Geld? Das ist unlogisch und auch nicht richtig. Wir sind es einfach nur gewohnt, dass wir unsere ecard auf den Tisch legen und alles umsonst bekommen.

Dann liegen die Medikamente ungeöffnet zuhause, geht man halt ein paar Mal zum Doc und lässt sich in den Rachen schauen (wenn man Halsweh hat) - kost' ja nix.

Und alle gehen mal eben ins Spital, weil es halt so praktisch ist.

chacun à son gout
00
21.12.2011, 13:13
In puncto Gesundheit muss etwas unternommen werden.

Das System, so wie es jetzt ist, scheint (nicht nur in Österreich) dank steigender Preise für medizinische Leistungen, teurere (und bessere) Operations-, Untersuchungs- und Behandlungsmethoden schlicht und ergreifend an die Grenzen der Finanzierbarkeit gelangt zu sein.

Außer Sparen fällt niemandem etwas ein - dann aber bitte im Gießkannenprinzip, damit ja kein stringenter Faden durch die Sparmaßnahmen geht.

Die SVA und andere kleine Kassen zeigen, wie es geht: Gesundheit kostet. 20% Selbstbehalt sind ein Steuerungsinstrument das offensichtlich Wirkung zeigt. Vielleicht ist das etwas, das auch GKKs einführen müssten? Warum soll ein kleiner Selbstständiger sich das eher leisten können, als ein GKK-versicherter Manager?

Medicus58
03
21.12.2011, 08:33
Ein paar Materialen zum Fähnchen im Wind

http://sprechstunde.meinblog.at/?blogId=34517

Natürlich ist der Artikel polemisch, aber anders kann man als Betroffener all den selbsternannten Experten im Gesundheitssystem nicht mehr antworten.

Weshalb wird der Eindruck erweckt, dass alle - außer den im Gesundheitssystem Arbeitenden - es immer besser wissen, wie das Gesundheitssystem auszusehen hat?

Wer würde im Krankheitsfall all die Gesundheitspolitiker, Gesundheitsökonomen, Rechnungshofexperten, ...etc. konsultieren? Niemand, dann geht man zum Arzt. Den wird man sich aber nach der völligen Demontage des Systems nur mehr gegen Bares leisten können.

Eigentlich sollten wir Ärzte den Dingen nur ihren Lauf lassen, ... wäre da nicht doch noch einiges an ethischem Gewissen!

hot doc
02
21.12.2011, 10:38

und gerade das ethische gewissen wird uns dauernd abgesprochen. von menschen, um deren ethik es selbst schlecht bestellt ist.

Dalien
 
03
21.12.2011, 08:28
Ich traue

einem im Dienst befindlichen Arzt weitaus mehr als IRGENDEINEM Politiker.

Diese Menschen müssen TATSÄCHLICH nachweisbare Fähigkeiten haben und nicht vorgegaukelte wie Politiker.

Shaman141
 
01
21.12.2011, 11:12
...

immerhin hat jeder arzt seinen job mind. 9 jahre lang erlernt und wurde entsprechend geprüft - was man vonn politikern nicht sagen kann! also wem sollte man eher vertrauen?!?

F.S.K
63
20.12.2011, 21:35
untergriffiger als der letzte politiker, na danke.

Med Austria
00
21.12.2011, 14:44
unbergründete Polemik...

wie diese kann man nicht ernst nehmen. Nicht einmal wenn sie aus dem sebstberufenen Mund einer Wiener Lokalpolitikerin kommt.

hot doc
12
21.12.2011, 10:39
keineswegs. jedes wort wahr, und die vorbehalte gegenüber frau pilz völlig richtig.

Warpsignatur
15
20.12.2011, 21:22

frau pilz hat sich vor gar nicht langer zeit noch als erbitterte kritikerin des KAV und gegnerin der wiener spö gezeigt (z.b. untersuchungsausschuss otto wagner-spital, damals gemeinsam mit övp-korosek) und kein gutes haar an den spitälern wiens gelassen. jetzt ist sie auf der anderen seite. ist man ja so gewöhnt...

Med Austria
00
21.12.2011, 14:48
Wes KoalitionspartnerIn ich bin...

de Brot ich ess, des Lied ich pfeif. Aber man könnte schon auch aus dieser Position of schwarz und blau hintreten und einmal ernsthaft die immensen und völlig unnötigen Kosten der Autonomie der Medizinuni hinterfragen. Es gibt schon gute Gründe, warum es an so gut wie allen deutschsprachigen Universitäten medizinische Fakultäten statt Autonomie gibt, die an der Infrastruktur und den Stabsstellen der UNIs partizipieren, statt teuer eigene zu schaffen. Allerdings heisst deren (temporärer) Häuptling dann auch Dekan und nicht Rektor und kann weniger selbstherrlich entscheiden...

KKdJ
72
20.12.2011, 18:41
Wenn man den Kommentar der Frau Pilz, und dann das hier, dann kann man dem Herrn Primarius Hawliczek nur sagen:

Thema verfehlt.
Nichtgenügend.
Setzen.

hot doc
04
21.12.2011, 10:41
lehrerweisheiten?

begründen tun sie ihre benotung übrigens ebenso wenig wie lehrer. deshalb ist ihr posting ebenso ungenügend wie verzichtbar.

ChesneyB
02
21.12.2011, 08:35

Warum? Ich finde die Antwort treffend.

Med Austria
00
21.12.2011, 14:49
Ich nicht...

und semantisch ungenügend ist sie ebenfalls... Damit hat sich auch KKdJs DeutschlehrerIn ein 'nichtgenügend verdient - hätten's dem Kind doch was beigebracht...

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.