Möglicherweise ist für den Steuer- und Beitragszahler mehr herauszuholen, wenn dem Schuldner eine zweite Chance eingeräumt wird
Man glaubt gar nicht, wie groß die wirtschaftlichen Unterschiede zwischen den
einzelnen Regionen des Großstaates Österreich sein können. Während in Salzburg
zwei Drittel aller Insolvenzverfahren mangels Masse gar nicht eröffnet werden,
sind es in Niederösterreich nur knapp 30 Prozent. Hier drängt sich der Verdacht
auf, dass mit zweierlei Maß gemessen wird.
Zwar ist es verständlich, wenn Finanz oder Sozialversicherung jenen Firmen
skeptisch gegenüberstehen, die sie um Geld gebracht haben. Ein vorschneller
Verzicht auf die Einleitung eines Insolvenzverfahrens, das in einer Fortführung
des Betriebs münden kann, ist aber kontraproduktiv. Möglicherweise ist für den
Steuer- und Beitragszahler mehr herauszuholen, wenn dem Schuldner eine zweite
Chance eingeräumt wird.
Weniger Härte kann also mehr Einnahmen bedeuten. Ähnlich verhält es sich bei
der seit Jahren verschleppten Reform des Privatkonkurses. Derzeit ist es nicht
attraktiv, dieses Instrument zu nutzen. Hat man sich finanziell schwer verhoben,
besteht kaum ein Anreiz, sich noch jemals einen gut bezahlten Job zu suchen,
weil das höhere Gehalt von den Gläubigern aufgesogen wird. Dafür sind
Schwarzarbeit und rechtliche Scheinkonstruktionen umso attraktiver. Keine Frage:
Ein Privatkonkursverfahren darf nicht zu einfach sein, es muss aber darauf
ausgerichtet sein, dass die Betroffenen Licht am Horizont sehen. (DER STANDARD, Printausgabe, 21.12.2011)