Kommentar von Walter Müller

Fehlender Mut, "Stopp" zu sagen

Kommentar | Walter Müller, 20. Dezember 2011, 18:33

Frage der Finanzierung von Milliardenprojekten wird immer dringlicher

Wir sollten Moody's und Standard & Poor's dankbar sein. Der rücksichtslose Druck der Ratingagenturen auf die Bundesregierung brachte etwas in Gang, das kaum noch möglich schien: Die rot-schwarze Koalitionsregierung, deren Daseinssinn sich im Absichern und Ausschmücken ihrer Pfründe erschöpfte, ist plötzlich aufgewacht und erhellt von bisher nicht gekannten Gedanken wie "Sparen" oder "Schulden abbauen". Auch Europa-therapeutische Gespräche von Kanzler Werner Faymann, die seine deutsche Kollegin Angela Merkel mit ihm führte, zeigten Wirkung. Es musste also ein massiver Druck von außen her, damit sich der koalitionäre Betonblock langsam zu bewegen begann. Und plötzlich wird auch über sündteure Infrastrukturprojekte wie Semmering-, Koralm- oder Brenner-Basistunnel offen geredet.

Das sind keine Kinkerlitzchen. Das sind die größten Investitionsbrocken der Republik, deren Finanzierung Österreich größte Probleme bereiten könnte. Laut Rechnungshof wird der Bund für die derzeit geplanten Projekte rund 60 Milliarden Euro zurückzahlen müssen. Das Ausmaß der Gelder, die hier eingespart werden könnten, lassen andere Einsparungspotenziale fast marginal erscheinen.

Millionen wurden aber bereits unwiederbringlich verbuddelt. Im alten, nie verwirklichten Semmeringtunnel liegen gute 100 Millionen Euro vergraben. Pro Jahr muss dort seit Jahren für das Abpumpen von Wasser eine geschätzte halbe Million Euro aufgewendet werden.

Nimmt man alte Prognos-Studien als Basis, die seinerzeit den Bedarf bis 2000 oder 2010 berechnet hatten, stellt sich heraus, dass es am Semmering nach wie vor freie Kapazitäten gibt. Trassen-Alternativen etwa durch die Grazer Ostbahn und Raaberbahn, die gerade mit EU-Geldern elektrifiziert wird, stellen auch verkehrstechnische Sinnhaftigkeit infrage.

Regionale Politiker sehen das natürlich völlig anders, ist es ihnen doch gelungen, sogar in Brüssel Verbündete für die Semmering-Verkehrsachse zu finden. Die EU zahlt aber im besten Fall einen Bruchteil der Baukosten mit, für Österreich entscheidend sind jedoch die Finanzierungs- und Betriebskosten - auch im Hinblick auf die nächste Generation, der die Schulden übergeben werden.

Beim Koralmtunnel erinnert man sich: Es war ein Geschenk an den verstorbenen Paten der schwarz-blauen Regierung, Jörg Haider. Er wollte dies, wie auch das sündteure Fußballstadion in Klagenfurt, das jetzt keiner braucht. Mehr als eine Milliarde Euro wurde beim Koralmprojekt bereits verbaut. Regionalpolitiker sagen, ein Baustopp sei nicht mehr zu rechtfertigen. Doch angesichts der noch drohenden Kosten greift das Argument nicht.

Auch beim teuersten Projekt, dem Brenner-Basistunnel - zehn Milliarden Euro - malt Verkehrsministerin Doris Bures jetzt ein Fragezeichen auf. Denn ob Italien je mitzahlen wird, ist völlig offen. Der neue Regierungschef Mario Monti hat momentan andere Sorgen.

Selbst wenn die Großprojekte verkehrspolitisch Sinn ergeben mögen, muss die Regierung jetzt den Mut aufbringen und laut "Stopp" sagen. Aus. Es geht nicht. Kein Geld, sorry. Vielleicht später. ÖBB-Chef Christian Kern stellte die richtige Frage: "Wie viel Geld ist vorhanden?" Die Frage kam leider zu spät. Sie hätte von Regierungspolitikern schon vor Jahren gestellt werden müssen - noch bevor sie mit glänzenden Augen Verträge für die Prestigeprojekte unterschrieben. (DER STANDARD, Printausgabe, 21.12.2011)

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Frodo Der Hobbit
01
27.12.2011, 00:56
lehrreiches vorbild

auch stuttgart 21 sollte man sich genauestens ansehen, da gibts alle heiklen themen auf einmal.

verbergen eines gigantischen immo-projektes als eigentliches motiv.
seilschaften mit intransparenter vorgeschichte.
behauptungen über behauptungen, und wegreden enormer, unkalkulierbarer risiken.
wegreden des kostenrisikos, ungeklärte übernahme der erwartbaren mehrkosten.
verschleppung in eine unpolitische, unsachliche, aber demagogische ebene.
verweigern bestimmter sachlicher antworten.
schönreden der zukünftigen, sehr begrenzten leistungsfähigkeit.
u.v.m.

diese probleme müssen auch für die hiesigen projekte als gefahrenquellen anerkannt und untersucht werden, um zu beurteilen, was gemacht werden sollte, und was nicht.

ama2deus
02
21.12.2011, 18:42
grazer ostbahn, raaberbahn

damit hat er recht, aber warum soll der staat österreich eine hochleistungsstrecke bauen, die in erster linie ungarische großstädte verbindet?

die städte gleisdorf, feldbach und jennersdorf, die von dieser trassierung profieren könnten, sind nicht gerade das was man ballungsräume nennt.
darüber hinaus wäre fraglich ob bis ungarn überhaupt mehr städte als gleisdorf und feldbach angefahren werden würden.

während die mur-mürz-furche ein für die steiermark und für österreich sehr wichtiges ballungs- und industriezentrum ist.

zusätzlich ist auch das grazer hügelland, wie der name schon sagt, nicht gerade flach, und um reisegeschwindigkeiten erreichen zu können wie im SBT, bräuchte man wieder einige kürzere tunnel- und brückenbauwerke.

Ritter von Beerlauch
10
21.12.2011, 17:19

Den Banken werden die Milliarden nachgeschmissen!

x aeins
40
21.12.2011, 18:17

dann lieber noch den Banken, an denen der Geldkreislauf hängt, als der Baumafia

Nutze den Tag
22
21.12.2011, 16:49
Lieber Sozialhilfe anstatt optimierte Infrastruktur für wettbewerbsfähige Wirtschaft?

Infrastrukturprojekte streichen - so bescheuert kann nur ein Empfänger von Bezügen denken!

Streicht lieber die asozialen Pensionszahlungen über € 3.000.-/Monat, spart den Bundesrat, die Landesregierungen, Bezirkskammern für AWB,... ein!

x aeins
13
21.12.2011, 17:28

Wenn deine optimierte Infrastruktur so ausschaut wie die Koralmbahn, dann solltest du deinen Tag besser nutzen, um über intelligente Strukturen nachzudenken.

Nutze den Tag
00
21.12.2011, 18:47

Ich fürchte, Du fähst nicht viel Bahn, oder?
Bei mir sinds ca. 25.000km/ Jahr. Ich fahre Öffis wo es nur geht, ich kanns mir nicht leisten stundenlang nur Lenkrad zu drehen.

x aeins
11
21.12.2011, 19:31

Das ist sehr löblich. Nur hat der Staat, wie wir wissen, derzeit keinen Geldüberschuss, und so musst du vielleicht auf die täglich durchschnittlichen 5 min Freizeit zusätzlich, die dir die perfektionierte Bahn brächte, vorläufig verzichten.

Nutze den Tag
10
22.12.2011, 13:40

Geldüberschuß lässt sich wie folgt herstellen:
Alle Pensionszahlungen über € 3.000/M streichen
Bundesrat, Landesregierungen, Bezirkskammern einsparen
Und schon kann man eine Infrastruktur errichtenb, die der Wirtschaft dient

x aeins
01
22.12.2011, 14:37

Um dir zu nutzen, könnt man überhaupt alles abschaffen und einsparen, was dir persönlich keinen Vorteil bringt

Nutze den Tag
00
22.12.2011, 20:50

Vielleicht bist Du nicht so viel wie ich mit "Förderalismus" konfontiert der im Endeffekt nur Geld kostet.

kurt haenel
 
00
21.12.2011, 16:45

...was die SChulden betrifft, so ist der Staat dieselben ja eh nur den extrem Reichen schuldig.

Man kann sie also ganz einfach streichen wie man es für die Afrikaner gemacht hat oder auch früher in Europa.

DAs Volk wird durch die Stornierung des Schuldenbergs nicht ärmer.

kurt haenel
 
20
21.12.2011, 16:41

sinnloser Artikel eines verantwortungslosen Biertischpolitikers.

Das Einzige wo ich ihm eventuell folgen kann ist der Ausbau der Ostbahn in der Steiermark. Man kann sich wirklich fragen warum alles immer über Wien laufen muss.

Es ist sowie so eine Lächerlichkeit erstes Ranges dass die steirische Ostbahn fast nur einspurig ist.
Ein Transportpotential wäre dort aber vorhanden wenn man an eine Strecke wie Budapest, Plattensee Graz Thalerhof mit Verbindung zu den Kärntnerseen (durch den Koralmtunnel) denkt.

So eine Bahn würde den ganzen blöden Autoverkehr zwwischen Ungarn Graz und Kärnten erheblich erleichtert.

Man stelle sich vor mit der Bahn in einer Stunde an einem Kärntersee oder dem Plattensee zu sein.

ama2deus
00
21.12.2011, 18:27
verkehr zwischen ungarn, graz und kärnten

da mögen sie recht haben, aber da mehr von wien nach graz oder klagenfurt möchten, oder umgekehrt ist das was sie ansprechen eher ein zweitrangiges problem.

kurt haenel
 
00
21.12.2011, 19:17
@ ama2deus

ich glaube nicht, denn Wien ist ja sowie so überlastig für ein Land wie A und so eine Bahn, wie ich sie vorschlage, würde Graz ziemlich schnell weiterentwickeln, wobei noch hinzuzufügen ist, dass Graz ja noch genügend Platz hat sich auszubreiten.

Ich könnte mir sehr gut vorstellen, dass diese Bahn direkt von Budapest bis nach Mailand, Turin oder gar Lyon gehen könnte.

Das würde ein ganzes Gebiet wirtschaftlich beleben.

Sie sind aber sicher auch einverstanden mit mir, wenn ich sagen, dass es geradezu lächerlich ist, dass die steiermarkische Ostbahn und auch die Westbahn (d.H. die sog. Köflacher Bahn) nur einspurig sind.
mfg

ama2deus
00
28.12.2011, 19:33

das mag schon stimmen, aber das ist alles zukunftsmusik.

aber bereits jetzt gibt es genug fahrgäste auf der südbahn, die sich über eine halbe stunde zeitersparnis durch den SBT freuen würden.

beim letzten satz stimme ich ihnen natürlich zu.

John Scopes
23
21.12.2011, 16:27
Spart lieber die Schuldenbremse ein

Geld in Infrastrukturprojekte zu stecken ist das Sinnvollste, was der Staat in einer Finanzkrise machen kann.

politisch verfolgt
01
21.12.2011, 16:51
unsinn

das war 2008 vielleicht noch machbar, jetzt ist aber ende der fahnenstange. und wenn man infrastrukturporjekte forciert, dann bitte keinen unnötigen jörg-haider-gedächtnistunnel, der
a) in der region keine arbeitsplätze bringt
b) den nach eigener aussage nicht mal die öbb wollen/brauchen

Para Dox
00
21.12.2011, 18:45

Die ÖBB wollte den Koralmtunnel nach dem SBT. Aber prinzipiell wollte sie den Koralmtunnel schon.

politisch verfolgt
00
21.12.2011, 22:58
damals

als haider noch lebte vielleicht. mittlerweile geben die öbb zu, daß der koralmtunnel als teil der europäischen nord-süd-verbindung unnötig ist. das läuft längst anders, über slowenien, wenn ich mich recht erinnere.

John Scopes
00
21.12.2011, 18:12
Ende der Fahnenstange?

http://krugman.blogs.nytimes.com/2011/12/0... t-history/

"contrary to what you often hear, at the time Keynes was writing, and calling for fiscal stimulus, Britain was substantially deeper in debt than Britain or the United States are now"

politisch verfolgt
00
21.12.2011, 22:58
krugman

*gähn*

ascafirithion
13
21.12.2011, 16:39

Irgendwelche sinnlosen, überteuerten Tunnel in irgendwelche Berge zu bauen, ist aber kein nachhaltiger Weg. Das Geld sollte man lieber in die Bildung investieren.

Koralmtunnel&Co. kann man sich leisten, wenn man in Geld erstickt bzw. die Verwaltung endlich reformiert.

Para Dox
00
21.12.2011, 17:24

Die Tunnel sind nicht überteuert, sondern kosten einfach so viel. Und es sind nicht irgendwelche Berge in die die Tunnel gebaut werden, sondern Berge, die derzeit schnelle, kostengünstige und konkurrenzfähige Verbindungen auf Hauptstrecken verhindern. Österreich hat nun einmal einen sehr hohen Alpenanteil.

Die Frage ist nicht, ob die Tunnels unnötig sind, die Frage ist viel eher, ob Österreich eine leistungsfähige Bahn will.

x aeins
12
21.12.2011, 17:33

Nur wird deswegen die Bahn nicht in relevantem Ausmass leistungsfähiger, aber die Baufirmen werden im relevanten Ausmass fetter.

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