Sterngucken wie zu Kaisers Zeiten

20. Dezember 2011, 18:05
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Einst eine wissenschaftliche Institution, dann mehrmals totgesagt, mittlerweile generalsaniert und eine Brücke zwischen Wissenschaft und Bildung: Die Kuffner-Sternwarte feiert ihr 125. Jubiläum

Es ist alles wieder wie vor 125 Jahren. Der Refraktor ist glatt und blankpoliert wie am ersten Tag, die Zahnräder drehen sich feinst geölt, die Flügelschiebetüren nach oben lassen sich problemlos öffnen. Jeder Besucher kann das Funktionieren eines mechanischen Wunderwerks nachvollziehen, vom Griff auf die Feineinstellung bis zum Blick auf entfernte Galaxien.

Nachvollziehen ist anhand der Kuffner-Sternwarte in Wien Ottakring auch ein Stück österreichischer Wissenschaftsgeschichte. Dass sie funktionstüchtig auf dem Gallitzinberg steht und jährlich bis zu 10.000 Besucher zählt, verdankt sie politischen und persönlichen Initiativen. Sie haben sie vor dem Verfall gerettet. Ein Kapitel aus der Aufbruchsperiode des Fin-de-Siècle-Wien ist hier deutlich mehr als nur Erinnerungen zwischen Buchdeckeln.

Die Privatsternwarte war eine Idee des Brauindustriellen Moritz von Kuffner. Der vielseitig interessierte Spross aus der Ottakringer Braufamilie beauftragte renommierte Firmen wie Repsold und Söhne aus Hamburg (für die Instrumente) und Steinheil aus München (für die Optik) damit, eines der besten Observatorien Mitteleuropas zu bauen. Der Ringstraßenarchitekt Franz von Neumann plante den Ziegelbau rundherum. Im Herbst 1886 wurde es eröffnet.

Der Erste Weltkrieg und die Zwischenkriegszeit führten zum langsamen Niedergang der Institution. 1938 flüchteten die jüdischen Besitzer, die Nachfahren verkauften den Besitz 1950. Die Sternwarte kam unter Denkmalschutz und rostete jahrzehntelang vor sich hin.

Geb ma's der Volksbildung

Erst als der Eigentümer, eine Baugenossenschaft, an die Stadt Wien verkaufte, kam Bewegung in die stillgelegte Sternebeobachtung. Peter Habison, Obmann eines Vereins zur Unterstützung des Observatoriums, verhandelte Anfang der Neunziger erfolgreich mit Finanzstadtrat Hans Mayr über eine Restaurierung. Nach der Wiederherstellung des Gebäudes steckte die Stadt noch eine Million Schilling (ca. 70.000 Euro) in das Innenleben.

Wie restauriert man überhaupt astronomische Teleskope, hätten sich alle Beteiligten gefragt, so Habison heute. In der Werkstätte Elisabeth Krebs hätten sie die richtige Adresse gefunden, um winzige Bestandteile zu entrosten oder die alte Farbe des Anstrichs neu zu mischen. So gut war das Ergebnis, dass die Werkstätte bald Aufträge aus Deutschland bekam, unter anderem zur Sanierung der Potsdamer Sternwarte - die im Übrigen auch von Repsold und Steinheil ausgestattet worden war.

Als Nächstes kam die Überlegung, was nun mit der generalsanierten Warte geschehen solle. "Geb ma's der Volksbildung", soll Mayr gesagt haben, und da kam Habison zugute, dass er schon vor Jahren die sommerlichen Ferienspiele in die Ottakringer Sehenswürdigkeit gebracht hatte und von daher die zuständige Stadträtin Ingrid Smejkal kannte. Ab 1995 leitete er die Kuffner-Sternwarte für die VHS Ottakring.

Fast zehn Jahre dauerte es, bis auch die kleineren Instrumente wieder den Standards entsprachen, unter denen Moritz von Kuffner sie benutzte. Mit ihrer Hilfe konnte Habsion - der seit vergangenem August das Projekt Astronomie und Weltraumforschung am Technischen Museum leitet - astronomische Praxis nahebringen, vor allem Schülern. "Ich wollte immer schon Brücken zwischen Wissenschaft und Bildung bauen", sagt er.

Unter den vielen Besuchern erinnert er sich besonders an einen Englisch sprechenden, der plötzlich vor der Tür stand. Er sei Wayne Linton aus Tasmanien und wolle gern die Sternwarte sehen. "Warum gerade jetzt", fragte ihn Habison. Ich bin ein Verwandter der Kuffners, war die Antwort. Es war der Beginn, wenn auch nur auf Distanz, einer astronomischen Freundschaft. (DER STANDARD, Printausgabe, 21.12.2011)

  • Das restaurierte Innenleben und das Gebäude (unten) der Kuffner- Sternwarte auf dem 
Ottakringer Gallitzinberg.
    foto: haiden & baumann

    Das restaurierte Innenleben und das Gebäude (unten) der Kuffner- Sternwarte auf dem Ottakringer Gallitzinberg.

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    foto: haiden & baumann
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    Begeisterter Astronom: Hans Habison.

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