Maliki greift gegen seine politischen Gegner durch

Analyse | Gudrun Harrer, 20. Dezember 2011, 18:29

Der Haftbefehl gegen Vizepräsident Tarik al-Hashimi trifft den Iraqiya-Block von Ayad Allawi, der die Interessen der Sunniten vertritt - Gegner werfen Premier Maliki vor, dass er die Opposition beseitigen will

Nuri al-Maliki lässt nichts anbrennen. Kaum waren die letzten US-Truppen über die kuwaitische Grenze verschwunden, verschärfte der irakische Premier die Gangart gegen seine politischen Gegner - die ja eigentlich in einer Regierung der Nationalen Einheit mit ihm vereint sein sollten. Schon seit Wochen wurde im Irak gegen mutmaßliche Verschwörer und Putschisten vorgegangen, hunderte Verdächtige wurden verhaftet. Am Montag wurde schließlich "in Übereinstimmung mit den Antiterrorgesetzen" ein Haftbefehl gegen Vizepräsident Tarik al-Hashimi ausgestellt.

Zuvor verhaftete Leibwächter des Sunniten hätten ausgesagt, Hashimi sei an Attentatsplänen gegen Maliki Ende November beteiligt gewesen. Im Fernsehen wurden Geständnisse von Hashimi-Mitarbeitern ausgestrahlt, demnach hätte der Vizepräsident sie für Attentate bezahlt.

Hashimi, bis 2009 Chef der irakischen Islamischen Partei und schon in der vorigen Regierung Vizepräsident, hatte sich vor den letzten Parlamentswahlen im März 2010 dem Parteienbündnis Iraqiya von Ayad Allawi angeschlossen. Allawi ist Schiit, aber säkular, und seine Iraqiya vertritt die antiiranischen Kräfte im Irak - und damit auch die Interessen der Sunniten, religiös und nicht religiös. Auf Allawi setzen auch die sunnitischen arabischen Golfstaaten, er wird von Saudi-Arabien unterstützt, während Maliki als der Mann des Iran angesehen wird, obwohl er bei den vergangenen Wahlen seine irakische nationalistische Identität betonte.

Zuflucht in Kurdistan

Hashimi war, bevor der Haftbefehl bekannt wurde, nach Kurdistan gereist, offenbar um mit Präsident Jalal Talabani zu sprechen, wobei sein Flugzeug in Bagdad drei Stunden lang aufgehalten wurde. Der Vizepräsident warte "geduldig auf eine Erklärung dafür", hieß es danach in einer Reaktion seines Büros. Es wird nicht erwartet, dass die kurdischen Behörden Hashimi verhaften.

Die Iraqiya hat, nachdem sie bereits am Samstag ihre Arbeit im Parlament einstellte, am Dienstag bekanntgegeben, dass sie künftig auch die Regierungssitzungen boykottieren wird. Gleichzeitig zur Affäre Hashimi läuft eine Auseinandersetzung um den sunnitisch-nationalistischen Vizepremier Saleh al-Mutlak, der ebenfalls Iraqiya-Mitglied ist. Nachdem er Maliki "schlimmer als Saddam Hussein" genannt hatte, forderte Maliki das Parlament auf, Mutlak das Misstrauen auszusprechen.

Der Zund kam aus Libyen

Wie viel an den angeblichen Putschgerüchten dran ist oder ob Maliki, wie ihm von seinen Gegnern vorgeworfen wird, sie nur benützt, um die Opposition auszuschalten, ist von außen schwer zu sagen. Die Information über die Attentatspläne kam aus den Reihen der ehemaligen libyschen Rebellen, die nach dem Sturz des libyschen Regimes entsprechende Hinweise gefunden hatten.

Dass es Verbindungen irakischer und libyscher Extremisten gibt, ist bekannt. In den Reihen der ausländischen Jihadisten, die im Irak die US-Truppen und die neue politische Elite bekämpften, waren Libyer überproportional vertreten. Das betraf nicht nur die Schiiten, die seit 2003 das politische Leben des Irak prägen. Auch Vizepräsident Hashimi, gegen den jetzt der Haftbefehl ausgestellt wurde, verlor durch Attentate einen Bruder und eine Schwester.

Auch Putschgerüchte gab es immer wieder: In den Jahren 2006 und 2007, zu Beginn der ersten Amtszeit Malikis und am Höhepunkt des konfessionellen Gemetzels im Irak, wurde oft über einen Putsch Allawis, mit Unterstützung der USA, spekuliert. Der damals schwache Maliki hat aber seitdem seine Macht konsolidiert - und vertraut dabei typischerweise nicht auf die regulären Sicherheitskräfte, sondern hat zwei Brigaden und eine Antiterroreinheit unter seinem Befehl. (Gudrun Harrer, DER STANDARD-Printausgabe, 21.12.2011)

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14 Postings

Ich liebe es, dass "in Kurdistan", oder "nach Kurdistan" geschrieben wird! Danke Standard! :-)

der irak benötigt mehr schusswaffen. dann wird er sicherer.

warum regt man sich auf ?

Sie werden sich sowiso die Schaedl einschlagen. Der Sadam is weg, jetzt heisst es jeder gegen jeden. Den ganzen Aufwand haetten die Amis sich sparen koennen. Alles fuer die Fisch...kein Oel fuer den Ami, dafuer ein Irak der zerbroeselt....des wird noch heiter. Oba mir brauchn eh a anderes Thema in Europa, weil der ganze Zauber von Ueberschuldung, Rettungspaketen und Ratings haengt ma schon zum Hals raus...

übrigens sind immer noch bis zu 1 Million Iraker in Syrien.

wenn der westen in syrien ein terroregime installiert, wie in lybien... dann werden die irakischen flüchtlinge in syrien wohl weiter ziehen müssen nach europa... ich heisse diese flüchtlinge willkommen, die assad-hetzer werden allerdings dann ebenfalls gegen diese flüchtlinge hetzen... das ist politik des weissen mannes.

Der Abzug wird die ohnehin unsichere Lage wieder verschärfen.

Das ist nich gesagt, mit iranischer Militär - und Polizei- hilfe könnte man stabile Zustände herstellen

Wer braucht den Iran?

Die Iraker bräuchten nur jemanden der sie nicht verratet so wie Maliki es gerade tut.

Es ist doch GENAU DAS SELBE Spiel wie damals in Afghanistan.

Da gibt es beständig Interessensgruppen die die Situation destabilisieren MÖCHTEN.

so stellt man sich eine "beispielhafte demokratie" vor, oder ?

ich bin des "demokratieexports" muede

Glaubt denn irgendwer …

… dass es im Irak wieder ruhig wird ohne ähnliche Zustände zu haben wie unter Saddam Hussein? Ein Irak oder generell ein islamisches Land ist nicht binnen 10 Jahren Besetzung umzuerziehen. Worüber wollen wir uns jetzt also aufregen? Da muss es der westlichen Allianz als Dank genügen, dass sie die gesamte Region destabilisiert hat und fürs „Gute“ viele Hunterttausend Leichen dort extra produziert hat, die es ohne diese Intervention wohl nicht gegeben hätte.

Das Saddam kein Heiliger war ist bekannt und auch die zukünftigen Herrscher dort werden es nicht sein. Den Status verliert ja sogar der Friedens-Nobel-Bomber auch so langsam.

Nächstes Geschäftsmodell: Aufbauhilfe für Gottesstaaten, da liegt noch was drin …

http://qpress.de/?p=2266

Der eine Diktator wird gestürtzt der Andere in den Thron gehoben. Ja so sind die USA und die NATO eben!

Und die Iraker haben 0 Mitverantwortung?

Nein, das ist Usus in dieser Region

Das mag sein aber die NATO hat aktiv eingegriffen.

Nun kann sie sich nicht aus der Verantwortung entziehen.

Man kann nicht Bomben werfen und danach wieder weggehen. Das hatten die USA nicht mal gegen Europa gemacht. Da gab es den Marshall Plan.

Beim modernen disaster capitalism hingegen gibt es nur Profitdenken.

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