In Maine schütteln Pensionisten, die den Irakkrieg ablehnten, heimkehrenden Soldaten die Hand. Noch vor Weihnachten werden "Troop Greeters" die letzten Kampfsoldaten aus dem Irak begrüßen.
Wenn Clayton Dodge antritt zum Händeschütteln, darf seine Fellmütze
nicht fehlen. Eine Art Baseballkappe ist das. Vorn auf dem Schirm
prangen, schon leicht vergilbt, die Stars and Stripes des
Sternenbanners. Darüber ein Gestrüpp grauer Fellzotteln, das an die
Wuschelfrisur eines rebellischen Rockstars erinnert und den Pensionisten
recht verwegen aussehen lässt. "Unser Bruce Springsteen", scherzt einer,
worauf Dodge theatralisch in die Knie geht und Luftgitarre spielt.
Dann eilt er aus der Lounge hinaus in die Ankunftshalle, um ganz vorn in
der Reihe zu stehen. Sobald die Soldaten das Flugzeug verlassen und die
"Troop Greeters" jeden einzeln begrüßen, ist der Opa mit Fellkappe und
beigen Hosenträgern der Erste, der ihnen die Hand entgegenstreckt.
"Willkommen daheim!" "Willkommen in Bangor!" Manchmal fügt Dodge
grinsend hinzu: "Willkommen in der Hitze der Tropen!"
Bisher 6327 Flüge
Draußen klirrt die Kälte, drinnen kritzelt einer mit Filzstift die
neuesten Zahlen an eine Tafel. 6327 Flüge, 1.298.049 Soldaten, 313 Hunde
seit 2003. In Bangor, dem nordöstlichsten Flughafen der USA, landen die
Maschinen zum Auftanken, bevor sie nach Europa und weiter nach Nahost
fliegen, oder, aus Osten kommend, zu den Kasernen in North Carolina,
Kalifornien, Texas. Seit Mai 2003 haben die Greeters keine einzige
Ankunft verpasst.
Heute klingt es nach feiner Ironie, aber angefangen haben sie ziemlich
genau an dem Tag, an dem George W. Bush auf einem Flugzeugträger das
Spruchband "Mission Accomplished" entrollen ließ und den Sieg im Irak
erklärte, obwohl das Desaster erst richtig begann. Dass sie acht Jahre
später noch immer Spalier stehen würden, dürften damals nur die
wenigsten für möglich gehalten haben. Inzwischen zählt der
Freiwilligenverein 220 Mitglieder. Wer einen Ehering trägt, zieht ihn
vom Finger, ehe er sich zum Handshake einreiht. "Manche der Burschen
drücken ganz schön fest zu", weiß Clayton Dodge.
Cheryl Lare lässt sich zur Nachtschicht einteilen, zur härteren Schicht.
Tagsüber landen die Rückkehrer aus dem Irak, nachts die Einheiten, die
nach Afghanistan abrücken. Nachts herrscht bisweilen beklemmende Stille.
Ein paar GIs reden auf zwei Therapiehunde ein, um ihre Nerven zu
beruhigen. Auf Opie und Skylar, die tibetanischen Shih-Tzus, die Cheryl
Lare mitgebracht hat. Einmal saß Opie zwei Stunden auf dem Schoß einer
jungen Gefreiten. "Sie hatte solche Angst, es war ihr erster Einsatz in
Afghanistan. Manchmal reden Menschen eben lieber mit Hunden."
Hockt einer in sich gekehrt auf den Bänken, ahnt Cheryl Lare den Grund:
PTSD, posttraumatischer Stress. Leise erzählt sie von Justin
Crowley-Smilek, einem 21-jährigen Irak-Heimkehrer, der an PTSD litt und
sich im Zivilleben nicht mehr zurechtfand. In der Kleinstadt Farmington,
knapp zwei Autostunden westlich von Bangor, wurde er im November von
einer Polizistin erschossen - offenbar fühlte sich die Beamtin bedroht,
weil er ein Messer in der Hand hatte. "Viele kommen als seelische Wracks
nach Hause", sagt Cheryl Lare. "Oft dauert es zu lange, bis sie jemand
behandelt. Das Land müsste sich besser kümmern um seine Kriegsveteranen.
"
Dienstags bis donnerstags arbeitet die 56-Jährige in einer Arztpraxis.
Von Freitag bis Montag verbringt sie, zusammen mit ihrem Mann Ron, viele
Stunden bei den Truppenbegrüßern. Dass sich die beiden die Nächte um die
Ohren schlagen, hat mit der Erfahrung Vietnams zu tun. Cheryls Bruder
wurde angepöbelt und angespuckt, als er aus Südostasien heimkehrte. "Wir
wollten nicht, dass sich das wiederholt. Die Jungs können nichts für die
Kriege, in die man sie schickt." Es soll keinen geben, der ohne
Händedruck kommt oder geht.
Heldenfassade
Dutzende Handys stehen bereit, für Anrufe bei den Familien auf Kosten
der Greeters. Auf Tischen liegen Schokoriegel und Erdnussbutterkekse in
Mengen, die locker den Wochenbedarf eines Tante-Emma-Ladens decken
würden. In Schaukästen viertausend Kriegsmünzen, in einem Regal ein
dicker Aktenordner voller Tattoos. Heldenkitsch. Heldenfassade.
Lou Horvath hielt die Invasion im Irak schon immer für einen Fehler, von
Anfang an. Afghanistan genauso. "Wir sind überall auf der Welt in
Ländern, in denen wir nichts zu suchen haben", sagt er. "Dabei haben wir
selber genug Probleme." Und doch nutzt der 85-Jährige jede Gelegenheit,
um den Soldaten die Hand zu schütteln. Ein Widerspruch? "Glaube ich
nicht. Das sind doch meine Kids." Horvath hat technische Zeichner
ausgebildet, eine Zeit lang war er Berufsschuldirektor in New Jersey.
Ein Kriegsgegner, der sich vor die Armee stellt.
Margaret Puckett, Jeansjacke, Militärkäppi, Veteranin des Golfkrieges
von 1991, hat keine Zweifel. Und wenn, dann teilt sie sie nicht mit
einem Reporter. "Über Politik reden wir hier nicht", schneidet sie
weitere Fragen resolut ab. Ihre Freundin Jane Allen, Strickherzchen auf
dem Pulli, hält es mit der Bibel. "Alles, was ich weiß, ist, was in der
Schrift steht. Solange unser Herr nicht zurückgekehrt ist, wird es
Kriege geben."
Nachmittags halb zwei. Wieder steht Clayton Dodge ganz vorn in der
Reihe. Wieder landet ein Trupp aus dem Irak, ehe es weitergeht nach Fort
Bliss in Texas. Colonel Scott McKean ist fünf Monate eher daheim als
ursprünglich geplant. "Ein schönes Gefühl. Aber zugleich fragt man sich:
Was kommt als Nächstes?" Ein junger Afroamerikaner freut sich über den
Geldautomaten in der Halle, "so etwas hatten wir nicht in der Wüste".
Ein Hispanic meint, dass es zum Schluss in Al-Anbar weder gut noch
schlecht war, sondern oft einfach nur furchtbar langweilig.
Reden vom Iran
Was auffällt: Die meisten in den Tarnanzügen haben schwarze Haut oder
braune. Irgendwann taucht auch Ron Lare wieder auf, der Seelentröster
aus der Nachtschicht. Erzählt von dem Plan, den Raum der Greeters zu
einem Museum umzugestalten. Aber das seien bloß erste Gedankenspiele,
eine Weile werde man hier wohl noch stehen, um den GIs Mut zuzusprechen.
Schon wegen Afghanistan. Und mancher Politiker rede bereits von Iran.
"Mein Gott, wann hört das alles mal auf?" (Frank Herrmann aus Bangor, DER STANDARD-Printausgabe, 21.12.2011)