"Sie können nichts für Kriege, in die man sie schickt"

Reportage | Frank Herrmann aus Bangor, 21. Dezember 2011, 06:15
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    foto: frank herrmann

    Ein Spalier aus grauhaarigen Freiwilligen: Seit 2003 haben die Troop Greeters in Bangor 1.298.049 Soldaten die Hand geschüttelt - Heimkehrern, aber auch in die Kriegs-gebiete Abkommandierten.

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    grafik: apa

In Maine schütteln Pensionisten, die den Irakkrieg ablehnten, heimkehrenden Soldaten die Hand. Noch vor Weihnachten werden "Troop Greeters" die letzten Kampfsoldaten aus dem Irak begrüßen.

Wenn Clayton Dodge antritt zum Händeschütteln, darf seine Fellmütze nicht fehlen. Eine Art Baseballkappe ist das. Vorn auf dem Schirm prangen, schon leicht vergilbt, die Stars and Stripes des Sternenbanners. Darüber ein Gestrüpp grauer Fellzotteln, das an die Wuschelfrisur eines rebellischen Rockstars erinnert und den Pensionisten recht verwegen aussehen lässt. "Unser Bruce Springsteen", scherzt einer, worauf Dodge theatralisch in die Knie geht und Luftgitarre spielt.

Dann eilt er aus der Lounge hinaus in die Ankunftshalle, um ganz vorn in der Reihe zu stehen. Sobald die Soldaten das Flugzeug verlassen und die "Troop Greeters" jeden einzeln begrüßen, ist der Opa mit Fellkappe und beigen Hosenträgern der Erste, der ihnen die Hand entgegenstreckt. "Willkommen daheim!" "Willkommen in Bangor!" Manchmal fügt Dodge grinsend hinzu: "Willkommen in der Hitze der Tropen!"

Bisher 6327 Flüge

Draußen klirrt die Kälte, drinnen kritzelt einer mit Filzstift die neuesten Zahlen an eine Tafel. 6327 Flüge, 1.298.049 Soldaten, 313 Hunde seit 2003. In Bangor, dem nordöstlichsten Flughafen der USA, landen die Maschinen zum Auftanken, bevor sie nach Europa und weiter nach Nahost fliegen, oder, aus Osten kommend, zu den Kasernen in North Carolina, Kalifornien, Texas. Seit Mai 2003 haben die Greeters keine einzige Ankunft verpasst.

Heute klingt es nach feiner Ironie, aber angefangen haben sie ziemlich genau an dem Tag, an dem George W. Bush auf einem Flugzeugträger das Spruchband "Mission Accomplished" entrollen ließ und den Sieg im Irak erklärte, obwohl das Desaster erst richtig begann. Dass sie acht Jahre später noch immer Spalier stehen würden, dürften damals nur die wenigsten für möglich gehalten haben. Inzwischen zählt der Freiwilligenverein 220 Mitglieder. Wer einen Ehering trägt, zieht ihn vom Finger, ehe er sich zum Handshake einreiht. "Manche der Burschen drücken ganz schön fest zu", weiß Clayton Dodge.

Cheryl Lare lässt sich zur Nachtschicht einteilen, zur härteren Schicht. Tagsüber landen die Rückkehrer aus dem Irak, nachts die Einheiten, die nach Afghanistan abrücken. Nachts herrscht bisweilen beklemmende Stille. Ein paar GIs reden auf zwei Therapiehunde ein, um ihre Nerven zu beruhigen. Auf Opie und Skylar, die tibetanischen Shih-Tzus, die Cheryl Lare mitgebracht hat. Einmal saß Opie zwei Stunden auf dem Schoß einer jungen Gefreiten. "Sie hatte solche Angst, es war ihr erster Einsatz in Afghanistan. Manchmal reden Menschen eben lieber mit Hunden."

Hockt einer in sich gekehrt auf den Bänken, ahnt Cheryl Lare den Grund: PTSD, posttraumatischer Stress. Leise erzählt sie von Justin Crowley-Smilek, einem 21-jährigen Irak-Heimkehrer, der an PTSD litt und sich im Zivilleben nicht mehr zurechtfand. In der Kleinstadt Farmington, knapp zwei Autostunden westlich von Bangor, wurde er im November von einer Polizistin erschossen - offenbar fühlte sich die Beamtin bedroht, weil er ein Messer in der Hand hatte. "Viele kommen als seelische Wracks nach Hause", sagt Cheryl Lare. "Oft dauert es zu lange, bis sie jemand behandelt. Das Land müsste sich besser kümmern um seine Kriegsveteranen. "

Dienstags bis donnerstags arbeitet die 56-Jährige in einer Arztpraxis. Von Freitag bis Montag verbringt sie, zusammen mit ihrem Mann Ron, viele Stunden bei den Truppenbegrüßern. Dass sich die beiden die Nächte um die Ohren schlagen, hat mit der Erfahrung Vietnams zu tun. Cheryls Bruder wurde angepöbelt und angespuckt, als er aus Südostasien heimkehrte. "Wir wollten nicht, dass sich das wiederholt. Die Jungs können nichts für die Kriege, in die man sie schickt." Es soll keinen geben, der ohne Händedruck kommt oder geht.

Heldenfassade

Dutzende Handys stehen bereit, für Anrufe bei den Familien auf Kosten der Greeters. Auf Tischen liegen Schokoriegel und Erdnussbutterkekse in Mengen, die locker den Wochenbedarf eines Tante-Emma-Ladens decken würden. In Schaukästen viertausend Kriegsmünzen, in einem Regal ein dicker Aktenordner voller Tattoos. Heldenkitsch. Heldenfassade.

Lou Horvath hielt die Invasion im Irak schon immer für einen Fehler, von Anfang an. Afghanistan genauso. "Wir sind überall auf der Welt in Ländern, in denen wir nichts zu suchen haben", sagt er. "Dabei haben wir selber genug Probleme." Und doch nutzt der 85-Jährige jede Gelegenheit, um den Soldaten die Hand zu schütteln. Ein Widerspruch? "Glaube ich nicht. Das sind doch meine Kids." Horvath hat technische Zeichner ausgebildet, eine Zeit lang war er Berufsschuldirektor in New Jersey. Ein Kriegsgegner, der sich vor die Armee stellt.

Margaret Puckett, Jeansjacke, Militärkäppi, Veteranin des Golfkrieges von 1991, hat keine Zweifel. Und wenn, dann teilt sie sie nicht mit einem Reporter. "Über Politik reden wir hier nicht", schneidet sie weitere Fragen resolut ab. Ihre Freundin Jane Allen, Strickherzchen auf dem Pulli, hält es mit der Bibel. "Alles, was ich weiß, ist, was in der Schrift steht. Solange unser Herr nicht zurückgekehrt ist, wird es Kriege geben."

Nachmittags halb zwei. Wieder steht Clayton Dodge ganz vorn in der Reihe. Wieder landet ein Trupp aus dem Irak, ehe es weitergeht nach Fort Bliss in Texas. Colonel Scott McKean ist fünf Monate eher daheim als ursprünglich geplant. "Ein schönes Gefühl. Aber zugleich fragt man sich: Was kommt als Nächstes?" Ein junger Afroamerikaner freut sich über den Geldautomaten in der Halle, "so etwas hatten wir nicht in der Wüste". Ein Hispanic meint, dass es zum Schluss in Al-Anbar weder gut noch schlecht war, sondern oft einfach nur furchtbar langweilig.

Reden vom Iran

Was auffällt: Die meisten in den Tarnanzügen haben schwarze Haut oder braune. Irgendwann taucht auch Ron Lare wieder auf, der Seelentröster aus der Nachtschicht. Erzählt von dem Plan, den Raum der Greeters zu einem Museum umzugestalten. Aber das seien bloß erste Gedankenspiele, eine Weile werde man hier wohl noch stehen, um den GIs Mut zuzusprechen. Schon wegen Afghanistan. Und mancher Politiker rede bereits von Iran. "Mein Gott, wann hört das alles mal auf?" (Frank Herrmann aus Bangor, DER STANDARD-Printausgabe, 21.12.2011)

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 112
1 2 3
lassen Sie mich durch
54
22.12.2011, 11:23

Massenmörder,die gerne mal wehrlose Frauen und Kinder erschiessen, und es als notwehr darstellen kehren heim,und der satz

Sie können nichts für Kriege, in die man sie schickt.

ist nur ein gescheiterte versuch diesen Massenmorde schön zu reden,und ein unverschämte behauptung um auch noch ein wenig mitleid bei den lesern entstehen zu lassen.

kein mitleid für die Männer und Frauen die mit Waffen Zivillisten ermorden,und unbestraft davon kommen.

lemon1
22
22.12.2011, 12:08

gehts noch ein bisschen polemischer, oder ist die Decke schon erreicht?

Astroturfer_57
 
01
24.12.2011, 04:58
"Soldaten sind Mörder."

Sie können gerne versuchen, das zu widerlegen.

Viel Spass dabei,
Ihr Astroturfer

"Die Regierung des Menschen über den Menschen ist die Sklaverei. Wer immer die Hand auf mich legt, um über mich zu herrschen, ist ein Usurpator und ein Tyrann. Ich erkläre ihn zu meinem Feinde."

Pierre Joseph Proudhon

lassen Sie mich durch
02
23.12.2011, 08:04

ist doch so,oder sehen Sie es anderes,wenn man mit falschen begründungen in ein land einmaschiert und alles nieder macht,muss mann nicht gleich danach behaupten die können nichts dafür.

Samuel Himmelberg
00
22.12.2011, 10:47

Die zurückkehrenen sind Leittragene. Die Verantwortlichen für den Überfall auf Irak sind nicht da, diese schauen weg und wollen es nicht wissen:
ca. 350.000 GIs der Zurückgekehrten sind traumatisiert . . .

Die soziale Not hat sie in die Arme der Armee getrieben. Die Armee hat sie in den Wahnsinn des Krieges getrieben, der verloren wurde.

I Am WEASEL
13
21.12.2011, 19:35
Sie können also nichts dafür?

In Syrien sind Dissidenten die großen Helden und in den USA gibt es sie gar nicht, weil dort jeder auf Befehle hört?
Stell dir vor es ist Krieg und keiner geht hin...

"Able Danger"
22
21.12.2011, 19:11
Ich würde keinem Mörder die Hand schütteln

Sie können vielleicht nichts für die Kriege aber sie hätten auch nicht mitmachen müssen.

DreadCat
12
21.12.2011, 18:31

"Was auffällt: Die meisten in den Tarnanzügen haben schwarze Haut oder braune."

Was soll man sich dabei denken?
Viell: Die WASP-Nachkommen müssen geschont werden für andere Einsätze...? Od: Als Kanonenfutter sind diese Jungs gut genug?
Od erhofft man sich dadurch etwas mehr Kooperationswillen bei der Bev?

pschtuan qadr
 
39
21.12.2011, 17:34

Jeder US-Soldat der im Irak gefallen ist, ist selbst Schuld. Dieses Militär ist FREIWEILIG = Niemand muss hin. Die meisten der GIs sind im Irak gewesen um ordentlich Geld zu verdienen. Stirbt ein US-Soldat berichtet die ganze Welt darüber. Sterben über 100.000 Iraker berichtet niemand darüber. Seit 1990 sind unzählige Kinder im Irak gestorben aufgrund des Embargos, der UNO, und der Uranmunition der US-Armee. Ich selbst habe ein Familienmitglied aufgrund dieser Sanktionen verloren, weil man die benötigten Medikamente nicht importieren konnte (UN-Sanktionen) und ein Visum für das Ausland hat man nicht bekommen, für die Operation.

zimbo
 
02
25.12.2011, 00:16
Allein 500 000 Kinder wegen der Sanktionen,

von den 1,4Mio Toten und 4-5Mio Vertriebenen erst gar nicht zu reden.

Moegen sie schon bei der Weihnachstsfeier in der Dschehenna schmoren.

Shadow
20
21.12.2011, 22:43
Jeder US-Soldat der im Irak gefallen ist, ist selbst Schuld. Dieses Militär ist FREIWEILIG = Niemand muss hin.

sie vergessen die ökonomischen zwänge. das militär ist für viele die einzige möglichkeit überhaupt einen job zu bekommen.

Diversion
12
21.12.2011, 17:10
"Alles, was ich weiß, ist, was in der Schrift steht."

Also weiss Sie absolut gar nichts!

hart_aber_fair
67
21.12.2011, 17:07
"Sie können nichts für Kriege, in die man sie schickt"

sie sind aber freiwillig einer imperialisten armee beigetreten, mit dem wissen, dass diese armee angriffskriege für wirtschaftsinteressen führt, dass diese armee unschuldige zivilisten schlachten, für wirtschaftsinteressen. wer dieser armee freiwillig dient, der ist selbst schuld, wenn man ihn ins gesicht spucken möchte als ihm die hand zu schütteln.

zimbo
 
01
25.12.2011, 00:19
Als EU-Mitglied sind wir auch ein Teil der Mordmaschine.

Wie Swobodas Hilfspaket wirkt, sehen wir an den Massakern im Jemen und Somalia.

Moege dieser Verbrecherkries bald geschlossen sein.

sociovation
65
21.12.2011, 17:21
Sie haben offenbar nicht die geringsten Ahnung

über die realen sozialen Zustände in den USA des Jahres 2011, ansonsten würden Sie nicht einen solchen pseudoprogressiven Schmontzes daherposten.
Nein, mir tun die Soldaten leid. Es gibt halt für viele nur die Wahl zwischen Armee und Gefängnis, vor allem für Schwarze.
Ich möchte vor dieser Wahl nicht stehen.

peter mueller2
01
23.12.2011, 05:15
Mitleid? Mit wem?

Sie ziehen sie in fremde Länder, um denen dort, wie sie meinen, ihre „Demokratie“ zu bringen. Da darf wohl erwartet werden, dass sie auch im eigenen Land für Demokratie einstehen könnten: Für ihre soziale Lage sind die US-Soldaten und -Soldatinnen selbst verantwortlich. Wer sonst? Wer, wenn nicht sie selbst, könnten dort die Verhältnisse ändern?

Mitleid? Das ändert nichts und verhindert nichts. Wenn sie aber ihr eigenes System grundlegend verändern wollen, dann brauchen sie Unterstützung. Möglich, dass davon mehr rüber käme.

hart_aber_fair
03
21.12.2011, 20:02

ach bitte sie... das soll eine entschuldigung sein? man hat immer die wahl, selbst arm dran sein oder menschen die arm dran sind zu schlachten, damit es einen besser geht. wenn sie in nazi-deutschland gelebt hätte, dann hätten sie sich wohl dafür entschieden arme unschuldige menschen zu schlachten, als sich zu weigern und selbst sterben zu müssen. das ist so billig, so arm, so charakterlos.

blubbandkill
01
22.12.2011, 11:55
Godwins Law...wieder einmal.

Aber da lässt sich vielleicht noch hinzufügen, das zur Wehrmachtgehen und dann einfach keinen einzigen Schuss abgeben die Alternative gewesen wäre...

der schwitzbär der schwitzt sehr
00
21.12.2011, 16:49
Obamas Vize Joe Biden: "The Taliban is not our enemy"

http://www.thedailybeast.com/newsweek/... liban.html

Frauenrechte, zerschossene Buddha-Statuen ... Schnee von gestern!

Irgendein Jürgen
25
21.12.2011, 16:47
"Die Jungs können nichts für die Kriege, in die man sie schickt."

Wirklich? Wehrpflicht gibt es in den USA keine mehr, d.h. die Jungs sind alle freiwillig in der Armee. Klar gibt es diverse Anreize, manch einer entgeht dadurch sogar der Armut. All das kann aber keine Entschuldigung dafür sein, einen Beruf zu wählen der das Töten von Menschen als Inhalt hat.

Besonders in den USA sollte man sich darüber im Klaren sein, dass man mit hoher Wahrscheinlichkeit dabei helfen darf einem Land die Demokratie mit Waffengewalt auftrdrücken. Dies beinhaltet nicht nur die Möglichkeit des eigenen Todes, sondern auch die Gefahr für die falsche Seite zu kämpfen und fremde Länder mit Terror zu überziehen.

Egal wie dreckig es mir auch gehen mag, ich ziehe einen Schlafplatz unter einer Brücke dem Leben als Berufssoldat vor.

Der Kluge
01
21.12.2011, 14:32

So schaut der tolle Irak-Erfolg im ausgerufenen Kampf gegen den Islamismus aus:

Bündnis mit Saudi Arabien
Beseitigung eines "secular dictator"
Bürgerkrieg zwischen Sunniten, Schiiten
Vertreibung von über 50% der irakischen Kopten

Aber ja man muss sich um die jungen Soldaten kümmern, die ihr Leben für die Entscheidungen der verfassungsmäßig gewählten Organe geben.
Es ist eines der Probleme des Berufsheers, dass man sagt, "die sind ja eh selbst schuld, haben ja den Beruf ausgesucht."
Die österreichische Verachtung für Soldaten ist verrückt.

Shagga Son of Dolf
 
00
21.12.2011, 13:35

http://www.youtube.com/watch?v=_... cA&ob=av2n

man beachte auch das youtube-forum dazu...

TrueFalse
48
21.12.2011, 12:33
Finde die Aktion toll

Genau diese Thematik wurde auch in Rambo 1 angesprochen.

So sehr es ein Aktionfilm war, so sehr war es auch eine Kritik am Vietnam Krieg. Alleine das Ende zeigt, mit was rückkehrende Soldaten durchmachen müssen.

Diese Soldaten können wirklich nichts dafür das sie für den Profit einiger weniger in den Krieg geschickt werden.

Ivan Fedorov
01
21.12.2011, 15:48
Der Vergleich hinkt

Zur Zeit des Vietnamkriegs gab es in den USA eine aktive Wehrpflicht...

blubbandkill
10
22.12.2011, 11:57

Die Wahl "Arm sein oder für ein gutes Gehalt in der Army dienen" kommt dem schon recht nahe.

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