Das Leben ist hart und kein Picknick

20. Dezember 2011, 17:19
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In "Libero. Geschichten aus einer Triestiner Osteria" erzählt Gaetano Longo von einem ungewöhnlichen Wirten und von Menschen, die im Mühlrad der Geschichte zerrieben werden

 

Wien - Als 1996 der damals 70-jährige Lokalbesitzer Libero Laganis vor seiner Triestiner Osteria niedergestochen wurde, war der Überfall - der Täter hatte es auf die Tageslosung abgesehen - dem Corriere della Sera einen größeren Artikel wert. Beim Opfer, so der Corriere, handle es sich um den weit über die Landesgrenzen hinaus bekannten "Wirt von Claudio Magris", wobei der "Professore" und Literaturwissenschafter nur einer der vielen prominenten Gäste der Osteria in der Via della Risorta war.

Doch der "sagenumwobene Libero" (Magris) war mehr als ein Szenewirt, er war ein Original, das zu erzählen, aber auch zuzuhören verstand, und er war einer, bei dem es schon mal vorkommen konnte, dass er Gäste, die ihm unsympathisch waren, des Lokals verwies - und andere, die kein Geld hatten, gratis verköstigte.

Nun hat sich der 1964 in Triest geborene Lyriker Gaetano Longo - als Honorarkonsul Kolumbiens für die Region Friaul-Julisch-Venetien und Organisator des Lyrikpreises Triest eine nicht minder schillernde Figur als Laganis - in Libero. Geschichten aus einer Triestiner Osteria (Wieser Verlag) der Lebensgeschichte des Wirtes angenommen, die er sich von ihm erzählen ließ.

Die bei diesen Gesprächen entstandenen Tonbandaufnahmen bilden das Fundament, auf denen das Buch steht. Das Besondere ist nun, dass Longo seine Fragen vollständig aus dem Text entfernte, das Material arrangierte, in eine Dramaturgie brachte und so dem Text die Anmutung eines 200-seitigen kompakten Monologs oder einer langen autobiografischen Erzählung verleiht.

Neben diesem formalen Kunstgriff überzeugt der Band auch durch seinen Stoff, der den Leser ab dem ersten Satz - "Das Leben ist hart und kein Picknick" - in das Leben Liberos zieht, und somit in die europäische Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts, die eine Geschichte sich verschiebender Grenzen, fallender Mächte und des Exils und der Vertreibung geblieben ist.

Ausgewanderte

Libero (eigentlich Slobodan) Laganis wurde 1926 im istrischen Portole (heute Oprtalj) geboren, wuchs italienisch- und kroatischsprachig auf, verließ als 14-Jähriger seine Heimat, um in Triest sein Glück zu suchen, wurde 1945 von den Deutschen zwangsrekrutiert, nach Kriegsende von den Partisanen interniert, diente anschließend an den Außengrenzen des Tito-Reiches in der jugoslawischen Armee, ging zurück in seine Heimatstadt, legte sich mit der Kooperative an und wanderte 1966 nach Triest aus, wo er sich, jede Arbeit annehmend, das Geld für seine Osteria, die er 1969 eröffnete, zusammensparte.

Nachdem er es mit dem Lokal zu bescheidenem Wohlstand gebracht hatte, reiste Libero gemeinsam mit seiner aus dem Nachbardorf stammenden Frau Nerina viel herum. In Australien, Brasilien und Argentinien ist er gewesen, um ausgewanderte Istrier zu besuchen. Er machte eine Weltreise in zwanzig Tagen (Tahiti, Hongkong, Mauritius), fuhr nach Leningrad und nach Moskau, weil er gehört hatte, "dass sie bis 1990 neue Häuser für alle gebaut haben werden, und ich sehen wollte, ob das stimmt". Es stimmte nicht.

"Vielleicht", sagt Libero im Buch, "bin ich weiter gereist, während ich hier drinnen war, in meiner Osteria, wo ich merkwürdige Typen kennengelernt und ihren Geschichten zugehört habe, als bei allen meinen Weltreisen." Es sind diese in das Buch gewobenen Erzählungen von Stammgästen, Touristen, Gelegenheitstrinkern und Verlorenen, die dem Text Weite und Raum verleihen. Denn der Wirt kann zuweilen trotz seiner Weltoffenheit recht populistische Ansichten (z. B. Stromstöße für Kriminelle) vertreten, die ihn, wie der Übersetzer Walter Grünzweig in seinem Nachwort schreibt, durchaus in die Nähe des berüchtigten Herrn Karl rücken.

Mit einem wesentlichen Unterschied. Libero ist ein Mit-Leidender geblieben, der durch das eigene Leben und die gehörten Geschichten um die Mühlsteine des Schicksals weiß, zwischen denen der Mensch zerrieben werden kann. Sich selbst sieht Libero als glücklichen Menschen. Die von einem Gast verübte Messerattacke jedoch ging tief, wie das Buch zeigt, in dem Libero auch Bilanz über eine Gesellschaft zieht, die er immer weniger versteht. Viele, sagt er, "schauen leer aus. Sie werden hart, wie die Steine im Karst." Nicht so Libero, der 2006 nach langer Krankheit starb: "Das ist das Leben und man muss es nehmen, wie es ist; man muss immer bereit sein, mit einem guten Glas Roten in der Hand." Basta. (Stefan Gmünder, DER STANDARD/Printausgabe 21. Dezember 2012)

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    Gaetano Longo: Lyriker, Übersetzer - und Honorarkonsul Kolumbiens für die Region Friaul-Julisch-Venetien. 

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