Wirtschaft & Recht

Ein Steuersystem ohne Schnörkseln

Eric Frey, 20. Dezember 2011, 18:25

Deutscher Ex-Verfassungs­richter Paul Kirchhof hat einen Plan für ein einfaches Steuersystem mit einem Spitzensatz von 25 Prozent

Es wäre dennoch viel gerechter als das heutige, ist Kirchhof überzeugt.

***

Der ehemalige Verfassungsrichter Paul Kirchhof ist den meisten Deutschen aus dem Wahlkampf 2005 bekannt, als er als Berater von CDU-Chefin Angela Merkel auftrat und von der SPD als Vertreter einer unsozialen "flat tax" wirkungsvoll attackiert wurde. Schon damals enthielt Kirchhofs umstrittenes Steuermodell gar keine Einheitssteuer, aber das ging im Getöse des Wahlkampfes unter. Nun hat Kirchhof nach jahrelanger Arbeit ein umfassendes "Bundessteuergesetzbuch" vorgelegt, das sämtliche Aspekte des Steuerrechts umfasst und das deutsche Steuersystem radikal einfacher und gleichzeitig sozialer gerechter machen soll. Dies könnte auch für Österreich ein Vorbild sein, ist er überzeugt.

"Um ein ehrlicher Steuerzahler zu sein, muss ich heute tausende Paragrafen beachten", sagt Kirchhof im Standard-Gespräch während eines Aufenthalts in Wien, wo er im Steuerseminar des Instituts für Österreichisches und Internationales Steuerrecht der WU Wien und der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PwC vortrug. "Ich möchte das Steuerrecht in 146 kleine Paragrafen bringen, die anders als heute in deutscher Sprache formuliert sind." Er habe zwölf Jahre lang als für Steuerrecht zuständiger Verfassungsrichter "immer nur ein Auto repariert, von dem wir wussten, dass es nicht fahrtauglich ist." Deshalb müsse man das Fahrzeug von Grund auf neu bauen.

Streichung aller Ausnahmen

Kirchhofs Grundgedanke ist eine Senkung des Spitzensteuersatzes auf 25 Prozent im Gegenzug für eine Streichung sämtlicher "Privilegien, Lenkungs- und Ausnahmetatbestände", wie er all jene Schlupflöcher bezeichnet, die im deutschen Steuerrecht noch viel zahlreicher sind als in Österreich.

Vor allem will der Professor für Finanz- und Steuerrecht an der Universität Heidelberg die Steuern auf Einkommen und Kapitalerträge angleichen, damit Arbeitseinkünfte nicht mehr länger steuerlich benachteiligt werden. Eine solche Angleichung ist bei höchstens 25 Prozent Steuersatz möglich, meint Kirchhof, denn einen höheren Satz "geben die Finanzmärkte nicht her". Angesichts der hohen Staatsschulden müsse die Reform jedenfalls aufkommensneutral sein. Aber: "Ich habe den Tempomat auf 80 km/h gestellt. Wenn die Politik 100 fahren will, dann genügt ein Hebeldruck, und der Wagen fährt schneller."

Kirchhof sieht allerdings im 25-Prozent-Satz auch eine starke moralische Botschaft. Derzeit seien ehrbare Bürger, die nie daran dächten, eine Bank auszurauben, zur Steuerhinterziehung bereit. "Das Steuerrecht hat die normale Autorität des Rechtes verloren. Wir brauchen daher ein klares Rechtsbewusstsein mit einer einfachen Formel: Drei Viertel für mich, ein Viertel für den Staat. Wer dieses Prinzip nicht beachtet, ist kein ehrbarer Kaufmann."

Progression bleibt erhalten

Die Progression würde dennoch erhalten bleiben, durch hohe Freibeträge - 10.000 Euro pro Person und 8000 Euro für jedes Kind - und gestaffelte Einkommenssteuersätze von zehn, 15 und 25 Prozent. Doch auch heute sei das Steuersystem kaum noch progressiv, weil der deutsche Spitzensteuersatz bereits bei 82.000 Euro Jahreseinkommen einsetzt - und daher ab einem mittleren Einkommen ein Einheitssatz gilt.

Kirchhof will weiters die unterschiedliche Behandlung verschiedener Gesellschaftsformen beenden - jede Erwerbsgemeinschaft soll zur steuerjuristischen Person werden. Damit wären die Bemühungen um steuerlich vorteilhafte Konstruktionen wie etwa die GmbH & Co KG obsolet.

Die Körperschaftssteuer und die Dividendenbesteuerung sollten in die Einkommensteuer integriert werden. Statt derzeit sieben Einkunftsarten sollte es nur noch eine geben. Kirchhof: "Wenn die Körperschaft einen Gewinn macht, dann muss sie ihn zu 25 Prozent voll versteuern. Dann kann sie ihn weitergeben, ohne sich darum kümmern zu müssen."

Bei Erbschaften schlägt Kirchhof einen Steuersatz von zehn Prozent für alle - mit der Ausnahme von Ehepartnern - vor, allerdings mit einem Freibetrag von 400.000 Euro für Kinder.

Aus für Vorsteuerabzug

Auch bei der Umsatzsteuer fordert Kirchhof tiefgreifende Änderungen - nämlich die Abkehr vom System der Mehrwertsteuer mit ihrem Vorsteuerabzug. Die Umsatzsteuer soll zu einer Endbesteuerung werden, die der Konsument bezahlt, ohne dass bei den Zwischenstufen etwas abgeführt werden muss - allerdings unter der Voraussetzung, dass die Zahlungen elektronisch von einem Konto zum anderen erfolgen.

Damit würden etwa Handwerker nicht mehr in die missliche Lage geraten, dass sie die Vorsteuer sofort abführen müssen, die Rechnung allerdings erst später bezahlt bekommen. Auch der weit verbreitete Karussellbetrug durch Exporte ließe sich so vermeiden. Bei Barzahlungen sei jedoch weiterhin eine Vorsteuer notwendig, um Missbrauch zu vermeiden; dies machten nur noch einen kleinen Teil aller Transaktionen aus.

Die Chancen zur Umsetzung einer radikalen Steuervereinfachung sieht Kirchhof heute besser denn je. Er hat seine Vorschläge mit den Finanzexperten in sechs deutschen Bundesländern akkordiert und ist dort auf viel Zustimmung gestoßen. Andere Länder wie etwa Neuseeland hätten nach einer Steuerreform einen massiven Wachstumsschub erlebt, sagt Kirchhof. "Wenn die Diskussion erst in Gang kommt, dann haben wir bereits gewonnen." (Eric Frey, DER STANDARD, Printausgabe, 21.12.2011)

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 79
1 2 3
styliann
01
21.12.2011, 15:26

Der Ansatz macht Sinn, und ist vermutlich wirklich bedeutend gerechter. Aber was passiert dann mit den gefühltern 100000 Steuerberatern in Österreich?
:P

josef müller
00
21.12.2011, 13:15
Finanzgenies ?

Interessant: Wenige Minuten nachdem der Artikel online ist gibt es offensichtlich unter den Postern einige Genies, welche die Vor- u. Nachteile der 146 Paragraphen des vorgeschlagenen Systems bereits analysiert haben und sich schon eine Meinung dazu bilden konnten. Schade nur, dass sich diese "Experten" nicht bereit erklären im Finanzministerium mitzuarbeiten; es ginge uns allen dann vermutlich viel besser (oder etwa nicht? ).

Jahn Petrov
10
21.12.2011, 11:41
Kirchhof – Wahnsinn in Zahlen

"Einkommensmillionäre könnten beim Kirchhof-Modell mit einer Reduzierung der Steuerlast in Höhe von mindestens 18% ihres Bruttoeinkommens rechnen. Spitzenverdiener in der Ackermann-Einkommensliga von 10 Mio. Euro pro Jahr würden durch das Kirchhof-Modell um rund 2 Mio. Euro pro Jahr entlastet. Wer anhand dieser Zahlen behauptet, vom Kirchhof-Modell würden vor allem einkommensschwache Familien profitieren, lügt entweder fahrlässig oder mit Vorsatz."
Na Bravo, das wollen wir doch, oder?
http://www.nachdenkseiten.de/?p=9946

Balkanjero
01
21.12.2011, 12:26

Also ich glaub ja das der Ackermann sicher nicht 50% Steuern zahlt!!!!! Die richten sich das immer zu ihren Gunsten! und bei den 25% gäbe es keine Schlupflöcher oder Stiftungen mehr!

zappelpappel
00
21.12.2011, 11:11
echt, in Neuseeland hams sowas ?

Frag mich schon länger WOHIN auswandern. So long and thx for all the academic education, die zumindest bis zur Einführung von Bac/Master (und ca. zeitgleich der Umstellung von Tafel, Overhead u. Skriptum zu Beamer und ppt-Download) erstklassig war.

der.Geheimrat
10
21.12.2011, 11:03
82.000 pro Jahr

sind ein "mittleres Einkommen" ?

In welcher Welt lebt dieser abgehobene Typ?

Waxolunist
00

Jep in DE ein mittleres Einkommen eines mittleren Kaders. Ausserdem ist dass Brutto und netto etwa 3700 bei 13 Gehältern. Ich denke sie sollten mal ihre Vorstellungen von reich überdenken. Denn mit 2 Kindern ist das gar nicht mehr so viel.

wooos iiiiiis?
 
00
21.12.2011, 12:49

die Einkommensspanne, die als "mittleres Einkommen" angesehen wird, hat "der Typ" nicht festgelegt. Beschwer dich bei denen die dies taten!

Roter Baron
60
21.12.2011, 10:38
flattax, ach wie neu

Cocooning
06
21.12.2011, 10:54
manchmal hilft es...

... den artikel zu lesen BEVOR man postet...

G.Schamski
00
21.12.2011, 10:27

"ehrbare Bürger, die nie daran dächten, eine Bank auszurauben, zur Steuerhinterziehung bereit"

wie der schelm denkt....

sutpen
00
21.12.2011, 10:16
eierlegende wollmilchsau

mir ist leider nicht ganz klar wie dieses konzept funktionieren soll. wir zahlen jetzt alle weniger steuern, das ganze ist aber aufkommensneutral und gibt der wirtschaft außerdem noch impulse für fantastische wachstumsraten in der zukunft.

für besserverdiener stellt dieses modell sicher eine reduktion der steuerbelastung dar. irgend jemand muss aber die zeche zahlen und durch den wegfall der ausnahmeregelungen kann das sicher nicht kompensiert werden. davon auszugehen, dass sich die steuermoral der bürger plötzlich verbessert, ist naiv.

wer 1 mio steuern zahlen sollte, (illegale) möglichkeiten gefunden hat gar nichts zu zahlen, wird jetzt sicher nicht zahlen weil sich die steuerlast auf 600.000 reduziert hat.

Waxolunist
00

Zum einen befassen sie sich mal
mit der LafferKurve zum anderen allein die frei werdenden Mittel aus Steuerberatungskosten gibt allein schon einen Impuls.

Jake Gittes
22
21.12.2011, 10:14

Die übliche und längstbekannte und leicht durchschaubare Propaganda der Neo-liberal-konservativen: Die Steuern müssen runter damit sie auch bezahlt werden.

25 Prozent Einheitssteuersatz würde eine gewaltige Abschlankung des Staates bedeuten. Das weiß Herr K. auch und das ist auch sein Ziel, nämlich der Nachtwächter Staat. Der unruhig feuchte Traum des Neoliberalen.

na so was!
12
21.12.2011, 10:00
Als es Amerika am finanziell besten ging, waren die Steuersätze für Vermögen am höchsten

„Was auch immer wir tun um unserer maroden Wirtschaftsordnung Leben einzuhauchen, wir können dies nicht längerfristig erreichen solange wir nicht eine sinnvollere, weniger ungleiche Verteilung des Nationaleinkommens erreichen ... die Entlohnung für die Arbeit eines Tages muss - im Durchschnitt - höher sein als jetzt und der Gewinn aus Vermögen, insbesondere spekulativ angelegtes Vermögen, muss niedriger sein.“ – Franklin D. Roosevelt

Bis zu 80 % Steuern auf Einkommen und Erbschaften. Zahlen, die wir uns heutzutage kaum vorstellen können. Entstanden nach der großen Depression und politisch von allen Parteien mitgetragen. Erst als es der Wirtschaft besser ging ergriffen die Kritiker wieder das Wort.

http://de.wikipedia.org/wiki/New_Deal

Kleinhirn
00
21.12.2011, 11:11

Franklin D. Roosevelt war ein guter Mann. Hätte er nur 10-15 Jahre länger gelebt und seine Pläne verwirklichen können, wäre die Welt die vielleicht eine bessere.
Doch mit Roosevelts Tod wurden alle seine Pläne in den Mistkübel geworfen und genau das Gegenteil umgesetzt.

tullamore01
00
21.12.2011, 09:37

warum ist eine GmbH & Co KG steuerlich vorteilhaft ?

DieWahrheitistdenMenschenzumutbar
40
21.12.2011, 09:12
Steuerinstrumente sind wichtig!

Wenn das Steuersystem vereinfacht wird, werden aber auch Irrationalitäten gefördert. Ein kluges System umfaßt Anreize Arbeit zu spendsen und die Umwelt zu entlasten! Experten sollten sich mal um folgende Vorschläge kümmern:
1. der Steuersatz nimmt mit dem Beschäftigungsgrad (d.h. Arbeitsstunden) zu ( um Mißbrauch durch Tricks zu vermeiden berechnet mit einem kollektivlichen Stundensatz)
2. Die Ust. wird gesplittet- volkswirtschaftlich erwünschte Anschaffungen führen 10% ab, unnötige 30%.

buff flyer
02
21.12.2011, 09:50
es ist nicht aufgabe des staates den bürger zu erziehen

sondern nach dem prinzip der persönlichen leistungsfähigkeit und unter möglichst geringem verwaltungsaufwand seine finanzierung sicherzustellen. und da kann nur gelten: je simpler, desto besser.

DieWahrheitistdenMenschenzumutbar
00
21.12.2011, 11:24
na servas

so eine flache unreflektierte Rückmeldung im Standard lesen zu müssen ist hart!
Schaffen wir dann die Schulpflicht gleich mit der Einführung der flat tax ab?
Es geht nicht um die Erziehung sondern die Effizienz des Systems. Umweltzerstörung verursacht externe Kosten. Und es benötigt leider Anreize um diese zu vermeiden. Wenn es die Marktwirtschaft alleine unreguliert macht kommt Betrug heraus - siehe Öko-Schwindel in Italien, der Wust an Öko-Zertifikaten etc.

buff flyer
00
21.12.2011, 11:32
meines wissens nach gibt es für erwachsene keine schulpflicht

und minderjährige steuerpflichtige sind selten.

also äpfel und birnen.

und: nix gegen alkohol-, mineralöl-, tabak- etc steuer. ist auch simpel. aber unterhalb dieses levels werden sie schon niemanden finden, der die absolute wahrheit über nützlich und schädlich hat. der staat, personifiziert durch die politiker, schon gar nicht.

btw: sie glauben wohl auch "steuer" kommt von "steuern" im sinne von lenken? irrtum: es kommt von (ab-)"stieren"

higgs - wozu?
00
21.12.2011, 12:18

wir brauchen überhaupt kein rating, das uns sagt wie teuer oder billig wir das geld kaufen dürfen bzw. müssen (zinsen) - geld ist kein produkt, geld ist ein hilfsmittel um produkte zu tauschen, zu bewerten und werte aufzubewahren - sobald es zu einem eigenen produkt wird beginnen die troubles - geld hat auch keinen substatiellen wert, ist ja nur papier . nur die waren die wir damit kaufen haben einen wert - geld arbeitet auch nicht, zumindest hab ich noch keinen zehner mit einer schaufel gesehen - nur menschen arbeiten - wenn jetzt aber manche nur von zinsen leben können, also arbeitsloses einkommen kassieren, heißt das nur, daß irgendjemand anderes arbeiten muß ohne entlohnt zu werden, um diese zinsen zu erwirtschaften - zb wir alle

higgs - wozu?
11
21.12.2011, 09:23

du bekämpfst leider auch nur auswirkungen, die ursache läßt du aber unberücksichtigt - es ist vollkommen egal, welche steuern wir erhöhen, welche bürger wir zuerst einteignen, im endeffekt wird es uns alle treffen - wir müssen die ursache beseitigen, und uns nicht ständig von deren auswirkungen ablenken lassen.
zinsfreies geldsystem unter kontrolle des staates bzw. der bürger, und alle probleme denen wir heute gegenüberstehen verschwinden gleichzeitig - und ich meine wirklich alle - krieg, enteignung, umweltvernichtung, abhängigkeit von monopolisten, ellbogengesellschaft, hunger, ausbeutung sind alles auswirkungen um ein krankes system am leben zu halten, von dem aber keiner von uns profitieren kann

DieWahrheitistdenMenschenzumutbar
00
21.12.2011, 11:27
gute Idee - Nachhaltigkeitsrating für Staaten

na dann lasst uns eine Ratingagentur gründen. Staaten die in nachhaltige Verkehrsinfrastruktur und Energiesparprogramme investieren bekommen dann bessere Ratings und niedrigere Zinse als die die in Kampfjets und Wählerbestechung und -manipulation investieren.

styliann
00
21.12.2011, 16:05

das land mit den schlechten ratings und viel kriegsspielzeug kann sich ja immer noch ein land mit guter infrastruktur einverleiben.

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 79
1 2 3

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.