Körper produziert auch gegen "gute" Darmflora Antikörper - Neue Ergebnisse könnte bei chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen helfen
Wien/Montreal - Der menschliche
Darm ist wichtigen Verdauungs-Unterstützern besiedelt: Billionen Mikroorganismen helfen dort, Nahrung in verwertbare Stoffe umzusetzen. Kaum bekannt
ist, dass der Körper mit einer Immunantwort auf diese normalerweise
nicht-infektiösen und somit "guten" Darmbakterien reagiert. Dem aus Österreich
stammenden Immunologen Jörg Hermann Fritz ist nun an der Universität Toronto
(Kanada) gemeinsam mit kanadischen, US- und Schweizer Kollegen ein wesentlicher
Schritt in der Erforschung dieser "gesunden" Immunreaktion gelungen. Seine
Arbeit wurde kürzlich in Fachmagazin "Nature" publiziert.
Das menschliche Immunsystem produziert bei Infektionen Antikörper, die
angreifende Erreger wie Bakterien oder Viren eliminieren sollen. Sogenannte
B-Zellen geben Antikörper nicht nur ins Blut ab, sondern auch in die
Schleimhäute, insbesondere jene des Darms. Dabei handelt es sich vor allem um
den Antikörper "Immunglobulin A" (IgA), welcher die Schleimhäute - die
wichtigsten Eintrittspforten vieler Erreger - vor Infektionen schützt.
Meist
produzierter Antikörper
Wenig bekannt und untersucht ist die Tatsache, dass IgA-Antikörper auch gegen
die "guten" Darmbakterien produziert werden. Sie verhindern das Eindringen der
wertvollen Mikroben ins Gewebe, wo sie vom menschlichen Immunsystem bekämpft
würden. "Diese Tatsache macht IgA-Antikörper in der Darmschleimhaut zum meist
produzierten Antikörper im Leben eines jeden Menschen", erklärte Fritz.
Fritz und sein Team konnten in der Arbeit erstmals zeigen, dass die für die
lgA-Produktion verantwortlichen Zellen - anders als bisher angenommen - nicht
nur diese Antikörper produzieren. Sie bilden auch wichtige Entzündungsmoleküle,
die aktiv an der Immunregulation teilnehmen. Den Forschern gelang auch der
Nachweis, dass die Produktion dieser Entzündungsmoleküle durch die Besiedelung
des Darms mit nützlichen Bakterien regelrecht angekurbelt wird. Und dass diese
Moleküle in der B-Zelle vorhanden sein müssen, um die IgA-Produktion in Gang zu
setzen.
Probleme bei IgA-Mangel
Fritz sieht in den neuen Erkenntnissen "einen weiteren wichtigen Schritt in
der Erforschung und Entwicklung moderner Impfstoffe und Therapien von
chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen". Schließlich verstehe man nun besser,
wie IgA reguliert und produziert wird, so der Immunologe unter Hinweis auf die
am häufigsten auftretende humane Immundefizienz: bei rund einem unter 600
Menschen gibt es einen IgA-Mangel, ein Drittel der Betroffenen hat deshalb stark
gehäufte bakterielle bzw. virale Infektionen der Lunge und des Darms. Die
Wissenschafter wollen sich deshalb nun verstärkt darauf konzentrieren, wie man
die Produktion von IgA anregen und regulieren könnte.
Fritz ist mit einem APART-Stipendium der Österreichischen Akademie der
Wissenschaften (ÖAW) nach Toronto gegangen und leitet seit kurzem eine
Forschungsgruppe an der McGill University in Montreal. (APA, red)