Die Ausgrenzungen von Roma und Sinti unter dem Apekt "Lernen in unterschiedlichen Kulturkreisen": Fehlender Bildungszugang sollte nicht mit mangelnder Intelligenz gleichgesetzt werden - Von Ernst Smole
In den Beiträgen über die Situation der Roma und Sinti wird meines Erachtens nach aus unerfindlichen Gründen das Haupterschwernis in deren Bildungszugang verschwiegen. Diese Ethnie verfügt traditionell über keine Schrift, sondern stattdessen über eine höchst lebendige und komplexe mündliche Überlieferung.
Kulturtechniken wie das Lesen und Schreiben prägen sich prinzipiell über Generationen in der (Epi)genetik ein, so sie ein Gegenstand des Alltags sind. Wer sich aufgrund des Fehlens dieser Prägung und wegen der nicht vorhandenen diesbezüglichen Erfahrungen innerhalb der Familie mit dem Erlernen des Lesens und Schreibens schwerer tut als der Durchschnitt der Gesamtbevölkerung (und dies ist im Falle von Roma und Sinti immer wieder der Fall), dem wird auch heute noch unreflektiert "mangelnde Intelligenz" unterstellt.
Nicht zu vergessen: Jene Kompetenzen, über die Kinder der Roma und Sinti aufgrund ihrer kulturellen Prägung durch mündliche Überlieferung in hohem Maße verfügen (manche von ihnen gleichen wandelnden Märchen- und Sagenbücher), sind in unserem Schulsystem nicht gefragt.
Kein Intelligenzproblem
Wie unzutreffend die Diagnose "Intelligenzmangel" sein kann, beweisen tausende von Roma und Sinti, die in der technisch-kreativen Metallverarbeitung (zum Beispiel viele Kupferdächer von Hotel-, Bank- und Büropalästen) hoch professionell sind. Roma und Sinti gehören in den osteuropäischen Sinfonieorchestern zu den besten, zu den verlässlichsten MusikerInnen - das Musizieren nach Noten ist eine geistig extrem anspruchsvolle Art des Lesens!
Diese ethnozentrierten Probleme zu erkennen und darauf qualifiziert zu reagieren, wäre Sache der universitären Erziehungswissenschaft. Das Urteil "Sonderschule" ist ein lebenslanger Stempel und aus dieser Sackgasse führt für die Mehrzahl der Roma und Sinti kein Weg heraus. Auf diesen Missstand wider besseren Wissens nicht zu reagieren, ist unverzeihlich.
Dass Roma/Sinti und Juden - erstere Ethnien ohne Schrift, das zweite DAS Volk der Schrift - nicht nur in der NS-Zeit Verfolgungen zu erleiden hatten und haben, ist eine tief traurige Ironie des Schicksals. Bildungsdefizite sind daher nicht den Betroffenen, sondern jenen zu attestieren, die Minderheiten diskriminieren. (Ernst Smole, derStandard.at, 21.12.2011)
Autor
Prof. Ernst Smole ist nach dem Musikstudium in Graz, Lugano & Weimar u.a als Lehrer für "Allgemeine Mathetik & Didaktik" an der Konservatorium Wien Privatuniversität/KWU tätig. Er beschäftigt sich intensiv mit dem Thema "Lernen in unterschiedlichen Kulturkreisen" (Judentum, Ostasien).