Roma und Sinti

Defizit Bildung

Gastkommentar | 21. Dezember 2011, 09:07

Die Ausgrenzungen von Roma und Sinti unter dem Apekt "Lernen in unterschiedlichen Kulturkreisen": Fehlender Bildungszugang sollte nicht mit mangelnder Intelligenz gleichgesetzt werden - Von Ernst Smole

In den Beiträgen über die Situation der Roma und Sinti wird meines Erachtens nach aus unerfindlichen Gründen das Haupterschwernis in deren Bildungszugang verschwiegen. Diese Ethnie verfügt traditionell über keine Schrift, sondern stattdessen über eine höchst lebendige und komplexe mündliche Überlieferung.

Kulturtechniken wie das Lesen und Schreiben prägen sich prinzipiell über Generationen in der (Epi)genetik ein, so sie ein Gegenstand des Alltags sind. Wer sich aufgrund des Fehlens dieser Prägung und wegen der nicht vorhandenen diesbezüglichen Erfahrungen innerhalb der Familie mit dem Erlernen des Lesens und Schreibens schwerer tut als der Durchschnitt der Gesamtbevölkerung (und dies ist im Falle von Roma und Sinti immer wieder der Fall), dem wird auch heute noch unreflektiert "mangelnde Intelligenz" unterstellt.

Nicht zu vergessen: Jene Kompetenzen, über die Kinder der Roma und Sinti aufgrund ihrer kulturellen Prägung durch mündliche Überlieferung in hohem Maße verfügen (manche von ihnen gleichen wandelnden Märchen- und Sagenbücher),  sind in unserem Schulsystem nicht gefragt.

Kein Intelligenzproblem

Wie unzutreffend die Diagnose "Intelligenzmangel" sein kann, beweisen tausende von Roma und Sinti, die in der technisch-kreativen Metallverarbeitung (zum Beispiel viele Kupferdächer von Hotel-, Bank- und Büropalästen) hoch professionell sind. Roma und Sinti gehören in den osteuropäischen Sinfonieorchestern zu den besten, zu den verlässlichsten MusikerInnen - das Musizieren nach Noten ist eine geistig extrem anspruchsvolle Art des Lesens!

Diese ethnozentrierten Probleme zu erkennen und darauf qualifiziert zu reagieren, wäre Sache der universitären Erziehungswissenschaft. Das Urteil "Sonderschule" ist ein lebenslanger Stempel und aus dieser Sackgasse führt für die Mehrzahl der Roma und Sinti kein Weg heraus. Auf diesen Missstand wider besseren Wissens nicht zu reagieren, ist unverzeihlich.

Dass Roma/Sinti und Juden - erstere Ethnien ohne Schrift, das zweite DAS Volk der Schrift - nicht nur in der NS-Zeit Verfolgungen zu erleiden hatten und haben, ist eine tief traurige Ironie des Schicksals. Bildungsdefizite sind daher nicht den Betroffenen, sondern jenen zu attestieren, die Minderheiten diskriminieren. (Ernst Smole, derStandard.at, 21.12.2011)

Autor

Prof. Ernst Smole ist nach dem Musikstudium in Graz, Lugano & Weimar u.a als Lehrer für "Allgemeine Mathetik & Didaktik" an der Konservatorium Wien Privatuniversität/KWU tätig. Er beschäftigt sich intensiv mit dem Thema "Lernen in unterschiedlichen Kulturkreisen" (Judentum, Ostasien).

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Posting 1 bis 25 von 39
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Dagmar Rehak Wien
 
00
26.12.2011, 10:19

Immerhin dürften sie die einzigen sein, die gewisse Mechanismen verstanden haben:
"Lustig ist das Zigeunerleben, faria,
brauchst dem Kaiser kein Zins zu geben, faria,..."
Von den Ratingagenturen würden sie mit einem gutgemeinten ZZZ- bedacht werden und kommen daher niemals in die Situation, dass ihnen das Land unterm Hintern weggezogen wird, weil sie Unterdrückung zehn Meter gegen den Wind riechen.
Außerdem lernen sie schnell neue Sprachen, haben mit Religion nix am Hut, schnippeln nicht an Kindern herum und erkennen Staatsgrenzen nur soweit an wie sie in der Praxis Auswirkungen haben.
Anarchisten eben, wie die Welt sie braucht.
Sich da auf so eine Kleinigkeit wie Schrift zu beschränken, ist ein bissl kurzsichtig.

Quintus Beckloeffel
12
26.12.2011, 09:00
"Kulturtechniken wie das Lesen und Schreiben prägen sich prinzipiell über Generationen in der (Epi)genetik ein"

Mich dünkt, der Autor schreibt im Fieber!

JonBut
02
22.12.2011, 08:28
Defizit Bildung

Ja, fragt sich nur wer über wen weniger weiss.
Woher nimmt eine Gesellschaft das Recht, zu bestimmen wo, wer, wie zu leben hat?
Genau, aus seiner Mehrheit.
Die Roma wehren sich aber auf Ihre Art und Weise, hie zäh, da forsch, hie geduldig, da flexibel, um dieser ultimativen Normierung und Zwangsbeglückung Grenzen zu setzen. Das mag vielen nicht gefallen, aber Jahrtausendelange Erfahrung gibt den Roma die nötige Kraft und das Recht aus der Natur. Sie sind nun mal nicht verkäuflich, noch bestechlich, auch wenn das oft den Anschein machen sollte. Denn Roma können mit Geld/Vermögen weder was anfangen, noch damit umgehen. Das unterscheidet sie auch von anderen, "vifen" Minderheiten, welche gar die Welt des Kapitals regieren.

molekühl
12
21.12.2011, 23:32

Traditionell verfügen wir "Germanen" auch über keine Schrift (Runen waren ja wohl kein vollständiges Schriftsystem). Nur sind wir halt irgendwann von den Römern (m.o.w. freiwillig) modernisiert worden. Ersatzweise hätten uns die bösen Eroberer natürlich auch in ein "Sing- und Tanzreservat" sperren können, mit Grundversorgung, und Ausbildung zum Blechbieger für die ganz Schlauen unter uns. Gottseidank war man damals noch nicht "korrekt".
Kulturen passen sich an die Zeit an oder gehen unter. Allfällige Beschwerden bitte ans Salzamt.

Thomas Geißler
02
22.12.2011, 10:37

Die Roma passen sich schon seit Jahrhunderten an was Religion und Sprache betrifft, das war auch eine Überlebensstrategie.

Die Burgenland-Roma sind meist die einzigen die Deutsch, Burgenland-Kroatisch, Ungarisch und Romanes sprechen.

Dagmar Rehak Wien
 
00
26.12.2011, 10:24

Bei der Sprache stimme ich zu, aber eine Beziehung zur Religion konnte ich noch nicht entdecken. Fast jede Religion (kenn nicht alle) arbeitet mit Schuldgefühlen, was eine wichtige Vorarbeit für die Verschuldung von Menschen ist.

anders and
 
21
21.12.2011, 21:33

Herr Smole weiß sicher, dass die meisten Roma-Musiker große Probleme beim Notenlesen haben, will uns das aber nicht mitteilen.

Ibn Chaldun
27
21.12.2011, 18:01
"Fehlender Bildungszugang sollte nicht mit mangelnder Intelligenz gleichgesetzt werden"

Was für eine dümmliche Gegenüberstellung.

Es geht darum, wird der Bildungszugang nicht ermöglicht oder wird er von den Betroffenen verweigert!
Und da hilft Schönreden auch nicht, lieber Herr Smole.

"Bildungsdefizite sind daher nicht den Betroffenen, sondern jenen zu attestieren, die Minderheiten diskriminieren." Für solch einen pauschalblöden Satz sollten Sie sich als Prof. schämen.

Harry Y.
 
00
26.12.2011, 07:04
Er hat vollkommen Recht. Besten Dank und heftigen Applaus dafür.

Den Roma/Sinti oder sonst irgendwem einfach irgendetwas hinzupracken (siehe z.b. AMS), von dem sie nicht einsehen können (öfter von ihrem Standpunkt mit Recht), dass sie das brauchen (könnten), ist keine legitime Umgangsform.

Zu: " DerBildungszugang...wird von den Betroffenen verweigert..!" Lesen hilft. Sie haben überhaupt nichts davon verstanden, dass das eine andere Kultur ist, die sehr wohl Bildung als eine ihrer Errungenschaften aufweist. Zweitens dürfte Ihnen ebenfalls entgangen sein, dass diese Kinder häufig in die Sonderschule kommen (wo sie, egal, wie Sie das betrachten, nicht hingehören).

Nicht ganz zufällig steht vor dem Satz, den Sie wutschäumend zitiert haben, noch einer. Der sagt aus, dass die Verfolgung von

Harry Y.
 
00
26.12.2011, 07:08

Minderheiten ein Beweis für die mangelnde Bildung (daher die mangelnde Toleranz, die Ignoranz, das Vorurteil, daher die ins (tödlich) Rachsüchtige überschwappende Wut) der Mehrheit ist.

contact
00
21.12.2011, 21:42
Ein Vorurteil

bleibt ein Vorurteil bleibt ein Vorurteil…

Auch holprig formulierte Aussagen, die einen versteckten pauschalen Vorwurf gegen die Roma beinhalten, gespickt mit herablassenden Beschimpfungen ändern daran nichts.

Was sagt eigentlich Antiziganismus über Antitiganisten aus?

bon sai1
03
21.12.2011, 17:37
Lesen und Schreiben

Aber es ist doch unbestritten, dass man Kindern die Zukunft nimmt wenn man sie nicht lesen und schreiben lehrt!
Was sollten diese Kinder später einmal machen?
Auf Plätzen musizieren oder Märchen und Geschichten erzählen?

Emerald
02
22.12.2011, 09:11

Welche Zukunft nimmt man ihnen? Die als braver kleiner Konzernangestellter, Steuer- und Konsumsklave?

Für andere Existenzformen ist in unserer Gesellschaft offenbar kein Platz mehr vorgesehen.

Thomas Geißler
00
21.12.2011, 18:54

Bei rund 600.000 Erwachsenen in Österreich die trotz absolvierter Schulpflicht nicht ausreichend lesen und schreiben können, berechtigte Fragen.

http://www.alphabetisierung.at/

LuFi
13
21.12.2011, 17:21

Romakinder müssen in die Schule!

Am Grazer Hauptplatz spielt seit 4 Wochen eine Gruppe Roma (2 Familien, insgesamt 22 Leute) verdammt gute weihnachtsmusik. Die Leute sind begeistert, viele geben Geld.

Nur auf die Frage warum 4 der MusikantInnen zwischen 8 und 14 Jahren alt sind, und warum sie nicht in der Schule sind... tja da reagieren weder die Musikanten noch die Polizei auf meine Fragen...

Dagmar Rehak Wien
 
00
26.12.2011, 10:26

Vielleicht werden sie häuslich unterrichtet?

Thomas Geißler
00
21.12.2011, 19:04

Auf welche Schule wollen Sie denn die Kinder schicken, eine österreichische oder eine slowakische?

Erklärungen warum Sie wahrscheinlich nicht auf eine slowakische Schule gehen gibt's hier:

http://www.amnesty.at/aktiv_wer... n_schulen/

http://www.m-media.or.at/welt/slow... 011/10/04/

http://www.google.at/url?sa=t&... QlMxlh7uHA

anders and
 
12
21.12.2011, 21:27
der mittlere Artikel sieht die Schuld vor allem bei den Roma selber,

und erklärt warum sie wahrscheinlich in keine Schule gehen werden, egal in welchem Land sie sich aufhalten

Thomas Geißler
00
21.12.2011, 21:58

Natürlich, liegt ein Teil der Schuld auch bei den Roma selbst, aber das ist ja meist so, dass es nicht nur die "Guten und Bösen" gibt.

LuFi
01
21.12.2011, 19:20

Wie wärs mit einer Rumänischen Schule? (denn von daher kommen zumindest die Hauptplatz-Musikanten)

Thomas Geißler
10
21.12.2011, 19:33

Ich hab' Sie am Wochenende gehört, aber nicht gefragt wo Sie herkommen.

In Rumänien ist die Situation nicht viel anders:

http://www.unicef.de/projekte/... rumaenien/
http://www.caritas.at/auslandsh... kt-zukunft
http://de.wikipedia.org/wiki/Roma... ution_1989

Diskriminierung macht nicht vor den Schultoren halt.

LuFi
02
21.12.2011, 19:38

Ich habe in Rumänien ein paar Jahre gelebt. Tja. So schlimm müsste es den Roma nicht gehen.

Thomas Geißler
31
21.12.2011, 19:55

Sie müssten in ganz (Mittel- und Ost-) Europa nicht so leben.

Aber wenn Sie die heute das Journal Panorama auf Ö1 gehört haben - Mittwochsrunde: Ist Betteln kriminell oder ein Menschenrecht?, wir gehen nicht viel besser mit den Romni um.

http://oe1.orf.at/programm/291202

Zum Nachhören:

http://oe1.orf.at/konsole?s... g/20111221

LuFi
00
21.12.2011, 17:21

Romakinder müssen in die Schule!

Am Grazer Hauptplatz spielt seit 4 Wochen eine Gruppe Roma (2 Familien, insgesamt 22 Leute) verdammt gute weihnachtsmusik. Die Leute sind begeistert, viele geben Geld.

Nur auf die Frage warum 4 der MusikantInnen zwischen 8 und 14 Jahren alt sind, und warum sie nicht in der Schule sind... tja da reagieren weder die Musikanten noch die Polizei auf meine Fragen...

Harry Y.
 
00
26.12.2011, 07:21

Aber ganz sicha nicht in die Sonderschule.

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