"Ich sage immer: Jedes Handy ist eine Waffe"

Interview21. Dezember 2011, 16:16
12 Postings

Media Consult-Geschäftsführer Christian Moser über die Pressemitteilung im Sterbebett, den Aufbruch nach Berlin und das neue Werbeprojekt

Die 2004 gegründete Agentur Media Consult beschäftigt neben Spezialisten aus der Unternehmenskommunikation großteils ehemalige ORF-Mitarbeiter aus den Bereichen Radio- und Fernsehjournalismus. Geschäftsführer Christian Moser sprach mit derStandard.at über geschlechtsspezifische Unterschiede beim Mediencoaching, rechtliche Grauzonen und Führungspersönlichkeiten in der Krise.

derStandard.at: Wie schafft man es, in den Medien gut rüberzukommen?

Christian Moser: Es ist immer empfehlenswert, sich mal in den Spiegel zu schauen. Der Mensch kann sich selbst am besten beurteilen, wenn er ehrlich zu sich ist. Zudem ist es gut, jemanden zu haben, der Anleitungen gibt und fragt: "Wer bist du eigentlich?" Das Wichtigste ist nicht, eine Rolle zu spielen, sondern herauszufinden, wer man ist und was man vermitteln will. Dabei muss jeder Mensch anders sein. Das Schlimmste ist das Corporate: alle sind gleich und schauen gleich aus, alle sind uniformiert und reden uniformiert. Und dann wundern sich die Leute, dass sie keine Glaubwürdigkeit haben.

derStandard.at: Es geht also um Authentizität.

Moser: Na klar, wenn jeder gleich redet, dann brauche ich keine Menschen, dann kann ich auch Roboter durch die Welt schicken. Es ist oft so, dass Menschen im Laufe ihrer Entwicklung in Kindergarten, Schule, Uni und Firma derart verbogen werden, dass sie sich selbst nicht mehr kennen. Meine Funktion ist auch die eines Hofnarrs und Dinge zu sagen und zu sehen - jedoch ohne gehängt zu werden. In Wirklichkeit geht dieser Prozess bei Leuten, die offen sind, irrsinnig schnell. Man muss ihnen nur den Spiegel vorhalten. Wir machen das im Studio, indem wir die Kamera draufhalten und dann genau sehen, wo ihre Stärken liegen.

derStandard.at: Wer nimmt euer Coaching in Anspruch?

Moser: In erster Linie Führungspersönlichkeiten. Bei uns hat sich das Mediencoaching sehr stark in Richtung Führungskräftekommunikation entwickelt. Wir wollen die Leute auf den Auftritt auf allen beruflichen Bühnen vorbereiten. Der Medienauftritt im Fernsehen ist ja einigen wenigen vorbehalten, das ist ein ganz ein schmales Segment. Im unteren, mittleren und oberen Management muss man aber jeden Tag kommunizieren, sei es bei einem Meeting oder einer Mitarbeiterveranstaltung. Inzwischen macht das fast zwei Drittel des Geschäfts aus, dass ich Leute auf diese Bühnen, die sie täglich brauchen, vorbereite. Der Fernsehauftritt ist quasi die Kür, vorher muss man aber erst mal die Pflicht hinter sich bringen. Gerade in Zeiten der Krise.

derStandard.at: Ändert sich der Stellenwert von Kommunikation in Krisenzeiten?

Moser: Ich wollte immer die Kommunikation aus den Soft Skills rausbringen. In der Krise merken die Leute, dass Kommunikation eine beinharte Währung ist. Während einer Krise muss man, egal ob im Management oder der Politik, ständig Veränderungen verkünden, Leute überzeugen und hinter sich bringen. Eine neue Studie der Uni St. Gallen zeigt, wie überrascht und unvorbereitet CEOs von DAX-Unternehmen waren, als sie in diese Funktion gekommen sind und mehr als fünfzig Prozent des Tages nichts anderes zu tun hatten, als zu kommunizieren. Hier eine Anfrage und dort eine Anfrage, jeder will etwas wissen und plötzlich rückt der Kommunikationschef zum wichtigsten Mitarbeiter auf.

derStandard.at: Ist das eine moderne Entwicklung?

Moser: Diese Entwicklung hat sich in den letzten zehn Jahren ergeben und das Internet hat einen großen Anteil daran. Früher war es so: ich kenne Journalisten, die bringen mich in die Zeitung und stellen mich so dar, wie ich es will. Die Zeiten sind vorbei. Die Journalisten gibt es natürlich noch immer, aber es gibt auch fünf Millionen andere, die dich dauernd beobachten. Ich sage immer: Jedes Handy ist eine Waffe. Ich kann jederzeit mitfilmen, den Clip auf Youtube stellen oder twittern und so weiter. Die Zeit, wo zwischen interner und externer Kommunikation unterschieden wurde, ist vorbei. Die letzte Intimzone ist die Teamkommunikation unter vier Augen.

derStandard.at: Wie läuft mediales Führungskräfte-Coaching ab?

Moser: Wenn wir ein Projekt angehen, gibt es immer interdisziplinäre Teams, die sich zuerst einmal zusammensetzten und diskutieren, fast wie in einer Redaktionskonferenz. Mir ist wichtig, dass die Aufgabenstellung aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet wird. Am Anfang steht immer, das Problem systemisch zu verstehen. Für einen großen österreichischen Konzern machen wir zum Beispiel ein Projekt, dass sich „Die Filmcrew" nennt. Dabei lernen Manager filmisch eine Vision darzustellen, einen Film und dessen Dramaturgie zu denken, selbst zu schneiden und zu drehen. Am Ende des Jahres wird der Film dann dem Vorstand präsentiert. Inhaltlich geht es um Teambildung und das Medium Bewegtbild zu erfahren. Für einen anderen Kunden haben wir vor kurzem eine Gala im Technischen Museum inszeniert, wo Mitarbeiter in dialogischer Form auf sieben Bühnen die Geschichte des Unternehmens und ihre Tätigkeiten dargestellt haben.

derStandard.at: Gibt es einen Unterschied beim Coaching zwischen Männern und Frauen?

Moser: Frauen muss man auf die Bühne raufzerren und Männer runterstoßen. Zu mir kommen Geschäftsführerinnen, die sagen: "Ich wollte nur mal vorbei schauen und ich hoffe, es ist okay, dass ich nicht in den Medien auftreten will. Ich bin mir nicht hundertprozentig sicher, ob ich das wirklich kann." Frauen zu beraten und zu coachen, erfordert eine vollkommen andere Gesprächskultur, einen vollkommen anderen Coachingansatz. Es ist auch sehr schwierig Frauen in diesen Raum mit der Kamera (Anm. der Red.: das Aufnahmestudio) zu bekommen. Frauen halten sich, meiner Erfahrung nach, lieber im Hintergrund. Als ich Chef der ZiB3 und ZiB2 war, wollte ich immer Frauen im Studio haben. Wenn man endlich einmal eine gehabt hat, dann musste man sie auch noch ermuntern. Ich war schon am Verzweifeln. Das hat sicherlich mit Erziehung und Konventionen zu tun. Gerade am Land ist noch sehr viel Arbeit nötig, dass die Geschlechter auch im Kopf gleichgestellt sind. Das betrifft nicht nur Männer, sondern auch Frauen.

derStandard.at: Über allen Geschäftsbereichen der Media Consult thront der Begriff "Radical Communication". Was ist damit gemeint?

Moser: Unsere DNA ist im Journalismus und was können Journalisten am besten? Gute Fragen stellen und Geschichten machen. Das ist unser Job. Wir nennen es "Radical Communication", das heißt, dass wir an die Wurzel einer Person oder Organisation gehen, eine Geschichte aufbauen und auf den Punkt kommen. Nur Kommunikation, die ankommt, ist Kommunikation. Der Rest ist Schrott. Wir entwickeln mit den Menschen ihre Talente. Jeder Mensch hat Kommunikationsstärken und kommuniziert komplett anders. Ich muss mich auf den Menschen oder den Konzern einstellen und mich fragen: In welcher Kultur bewege ich mich, ist das ein amerikanisch oder ein deutsch gesteuerter Konzern? Ich muss zuerst erfühlen und systemisch verstehen und dann entwickle ich eine Strategie, um bestmöglich meine Geschichten zu erzählen, damit sie auch draußen und bei den Journalisten ankommen.

derStandard.at: Warum wechseln so viele Journalisten in die PR-Branche?

Moser: Das ist eine ökonomische Frage. Der Journalismus ist durch die Veränderungen in der Kommunikation in den letzten zehn Jahren massiv betroffen. Egal, ob das Print-, Radio-, Fernseh- oder Onlinejournalismus ist, die guten Zeiten sind vorbei. Wir eröffnen in den nächsten Monaten ein Büro in Berlin und ich treffe mich dort mit Topjournalisten, die für die „Zeit" oder die „Welt" schreiben. Das sind hochausgebildete Leute, zwei Studien, Springer Akademie, aber sie verdienen gerade so viel, dass sie irgendwie ihre Wohnung zahlen können. Natürlich wird in der PR- Branche oder in der Unternehmenskommunikation im Vergleich mehr gezahlt. Der Vorteil von Journalisten ist, dass sie gelernt haben, Geschichten zu schreiben. Das wird immer funktionieren. Welche Kanäle man dann bedient, ist eine andere Geschichte.

derStandard.at: Das klingt als wären Journalisten die besseren PR-Leute. Braucht es überhaupt noch PR?

Moser: Das kommt darauf an, was man als PR bezeichnet. Die PR der Neunziger- und Nullerjahre liegt aus meiner Sicht im Sterbebett. Man muss ganz neue Dinge entwickeln, sich der Dynamik der Marktes anpassen und immer die Frage stellen: Was kann ich liefern, damit die Leute draußen es verstehen? Nur mit den Mitteln der Neunziger Jahre die Herausforderungen in 2011 erfüllen zu wollen, kann nicht funktionieren.

derStandard.at: Was sind die Mittel der Neunziger-Jahre?

Moser: Ich greife nur eines heraus: die gute alte Presseaussendung. Eh nett, aber braucht kein Hund. Als Journalist habe das in den Neunziger-Jahren schon nicht mehr gelesen. Was macht eine Geschichte aus? Eine griffige Headline und in den ersten drei Sätzen muss stehen, was Sache ist. Ich sehe solche Presseaussendungen ganz selten. Das zweite ist, dass die Unternehmen gezwungen sind, ihre Budgets zu kürzen, auch ihre Kommunikationsbudgets. Da stellt sich die Frage: was kann ich selbst machen, wo brauche ich Hilfe? Oder wenn ich jetzt pars pro toto neben der Presseaussendung eine normale Pressekonferenz nehme: Ich lade ein, habe eigentlich keine Message, aber die Journalisten werden schon kommen. Das wird nicht funktionieren, weil es sich die Redaktionen gar nicht mehr leisten können, jemanden auf Verdacht wohin zu schicken.

derStandard.at: Welchen Einfluss hat diese Entwicklung auf Österreich?

Moser: Österreich ist keine Insel der Seligen. Man braucht sich nur die Entwicklung anschauen. Wo sind Österreichs größte PR-Agenturen von 2008 heute? Große PR- und Werbeagenturen werden sich gesundschrumpfen. Man braucht sehr flexible und dynamische Einheiten, die genau auf die Ansprüche des Kunden und der neuen Medienwelt eingehen können. Es ist ein Irrglaube, dass man mit PR-Mitteln der Vergangenheit plötzlich in Social Media einsteigen kann. Da sehe ich bei manchen schwer masochistische Züge.

derStandard.at: Versucht Media Consult auch einen Fuß in die Werbung zu bekommen?

Moser: Was ist Werbung? Ich lehne diese Kategorisierungen ab. Wir machen Kommunikation. Wenn wir bei einem Kunden draufkommen, da können wir in Richtung Fernsehwerbung gehen, dann machen wir das. Wir entwickeln derzeit für einen Kunden etwas ganz Neues. Wir versuchen authentische Geschichten zu erzählen mit Leuten, die authentisch erzählen können. So eine Form gibt es noch nicht und wenn alles gut geht, wird es im April schon im Fernsehen zu sehen sein.

derStandard.at: Wenn man es so betrachtet, ist ja alles Kommunikation.

Moser: Im Prinzip ja. Kommunikation ist alles und nichts. Ich weigere mich einfach, mich in irgendwelche Schubladen schieben zu lassen. Wir wollen progressive Dinge ausprobieren, wir möchten experimentieren, der Kreativität freien Lauf lassen. Da verstört man Kunden auch teilweise mit Vorschlägen. Man muss dann überzeugend sein und die Geschichte dazu erzählen, warum das wirkt und den Nutzen herausstreicht. Es ist unser Kerngeschäft, dass wir viele Dinge dekonstruieren. Wir fragen zuerst: Warum? Wir sind also Nein-Sager im positiven Sinn und auf keinen Fall eine verlängerte Werkbank.

derStandard.at: Gibt es einen Wunsch für 2012?

Moser: Gerade bei heiklen Krisengeschichten ist es ein Problem, dass es quasi keinen Rechtsschutz gibt. In Krisenzeiten sind die zwei wichtigsten Ansprechpartner oft der Rechtsanwalt und der Kommunikationsberater. Der Rechtsanwalt hat Schutz und kann sich einer Aussage entschlagen, wenn er vor einen parlamentarischen Untersuchungsausschuss gezerrt wird. Wir können das nicht. Hier besteht Bedarf, dass die Legislative etwas unternimmt. (Tatjana Rauth/derStandard.at/21.12.2011)

Zur Person
Christian Moser (42) hat 2004 die Agentur Media Consult gegründet. Zuvor arbeitete er dreizehn Jahre beim ORF und war zuletzt Sendungsverantwortlicher der "Zeit im Bild 2". Berufsbegleitend schloss er während dieser Zeit die Studien Kommunikations- und Politikwissenschaften sowie Medien Management ab. Moser ist Absolvent des 5. Strategischen Führungslehrgangs der Republik Österreich und lehrt an der Donau-Universität Krems und der Uni Wien.

Link
Media Consult

  • Christian Moser war vor der Gründung von Media Consult 13 Jahre beim ORF.
    foto: media consult

    Christian Moser war vor der Gründung von Media Consult 13 Jahre beim ORF.

Share if you care.